Nr. 15/2011 vom 14.04.2011

Dezentral in die Zukunft

Die Stromkonzerne wie auch einige linke und grüne BefürworterInnen erneuerbarer Energien setzen auf Grosskraftwerke und Höchstspannungsleitungen. Dabei wäre es viel effizienter, wenn jedes Haus eine eigene Anlage hätte, schreibt Energieexperte Heini Glauser.

Von Heini Glauser

Die Drohkulisse steht: Stellen wir die AKWs ab, droht eine Stromlücke, die Versorgungssicherheit ist gefährdet, es kommt zu Blackouts. Das behaupten zumindest eine Mehrheit der bürgerlichen PolitikerInnen, die Kader der grossen Stromkonzerne und auch ExpertInnen der Hochschulen.

Ihre Lösung? Stärkere Integration in den europäischen Strommarkt, die Schweiz im Zentrum eines noch stärker durch Hochspannungsleitungen vernetzten Marktes. Und ein Ausbau der AKWs, kombiniert mit Pumpspeicherwerken. Dabei zeigen die letzten zehn Jahre europäische Strom- und Energiepolitik, dass das Hohelied auf Markt, Privatisierung, stärkere europäische Integration und Ausbau der Vernetzung die Versorgungssicherheit kaum steigern kann.

Politischer Missbrauch der Blackouts

Ausgelöst wurden die grossen Blackouts der letzten Jahre im europäischen Stromnetz zwar jeweils durch technische Probleme. Sie eskalierten aber alle wegen menschlichen Versagens der verantwortlichen Operateure: Diese schafften es nicht, innerhalb der vorhandenen Reaktionszeiten die richtigen Massnahmen zu ergreifen. Die Forderung, dass wegen dieser Blackouts die Stromnetze massiv ausgebaut werden müssen, ist ein ideologischer Schachzug. Die Projektantinnen und Betreiber neuer Grosskraftwerke könnten sich so die notwendigen Höchstspannungsleitungen, die der massiv wachsende europäische Stromhandel braucht, elegant von der Allgemeinheit finanzieren lassen. In der Schweiz profitieren davon die boomenden Pumpspeicherkraftwerke, die weder Investitionskosten des Netzausbaus noch Netzdurchleitungskosten zahlen. Auch die neuen AKWs hätten so einen wesentlichen Kostenfaktor auslagern können.

Beim letzten grossen europäischen Stromblackout im November 2006, ausgelöst in den Bremer Hafenanlagen, bewährten sich erstmals die regionalen Abkopplungsregimes, vor allem in Frankreich. Damit konnte eine Blackoutkaskade wie beim Italien-Blackout im Jahr 2003 verhindert werden. Dieses Nahezublackout zeigte die Chancen dezentraler Netz- und Produktionsstrukturen, die zwar ins Gesamtnetz integriert sind, in kritischen Fällen aber zu Inselbereichen abgekoppelt werden können. Je kleiner die Kraftwerkeinheiten, desto kleinräumiger können Versorgungsgebiete in kritischen Situationen isoliert oder abgekoppelt werden.

Grossanlagen als Klumpenrisiko

Die weltweiten Blackouterfahrungen grosser Stromversorgungsgebiete zeigen eindrücklich, wie empfindlich grosse zusammenhängende Netze in kritischen Situationen auf menschliches Versagen reagieren. Gleiches gilt bei Grosskraftwerken, wie zurzeit in Japan in aller Deutlichkeit zu beobachten ist. Klumpenrisiken durch Grossanlagen wurden in der Kraftwerk- und Netzausbaudiskussion in der Schweiz bisher viel zu wenig beachtet.

Sogar Linke, Grüne und Umweltorganisationen erliegen dem Grössenwahn im Bereich Stromversorgung: riesige Windparks in der Nordsee, massiver HGÜ-Stromleitungsausbau (Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung) quer durch Europa, Solarstrom aus Nordafrika (Desertec) und die Schweiz als Strombatterie Europas. Auch diese Strategie geht davon aus, dass unsere Stromversorgung nur mit Grossanlagen gewährleistet werden kann.

Doch Energie wird von der Natur sehr gleichmässig verteilt. Im Süden fällt zwar mehr an als im Norden, aber auch hier gibt es sie in sehr grossen Mengen. Die durchschnittliche jährliche Sonneneinstrahlung auf die Schweiz und auf Österreich entspricht beispielsweise genau dem globalen Primärenergieverbrauch von 2005. Dazu kommen als weitere grosse Energiequellen Biomasse, Erdwärme, Wind und Wasser. Alle erneuerbaren Energien können dezentral «gesammelt» und genutzt werden. Auf einem Drittel der Schweizer Dächer kann mithilfe von Solarzellen/Fotovoltaik ein Drittel des heutigen Strombedarfs produziert werden. Biomasse (heute vor allem Holz) und Geothermie bieten das grosse Potenzial zur Wärmeerzeugung.

Ungenutzte Abwärme

Wenn auf der Verbrauchsseite überall so offensiv Energieeffizienz gefördert würde wie seit 1973 bei den Gebäuden – dank klarer Energiegesetze und heute mithilfe des Gebäudeprogramms –, dann könnte der Gesamtenergiebedarf so stark gesenkt werden, dass die 2000-Watt-Gesellschaft in zwanzig bis dreissig Jahren erreicht würde. Dannzumal bräuchte es nur noch ein Drittel des heutigen Energieeinsatzes. Dies entspricht dem Energieverbrauch des Jahres 1961, einer Zeit, in der Energiesparen noch kaum ein Thema war.

Bei der Energieumwandlung gehen heute sechzig Prozent als ungenutzte Abwärme verloren. Die nicht nutzbare Abwärme der fünf AKWs entspricht heute der gesamten Heizenergie aller schweizerischen Wohnbauten. Die nicht nutzbare Abwärme aller motorisierten Fahrzeuge entspricht sogar 1,3 Mal der Heizenergie aller Wohnbauten.

Eine in der Schweiz bisher vernachlässigte Form der Stromerzeugung ist die Wärmekraftkopplung (WKK). Das ist im Prinzip eine Heizung, die auch Strom produziert. Oder, anders betrachtet, ein Kraftwerk, das auch Wärme liefert – etwa zum Heizen oder fürs Warmwasser. WKK ist in jedem Heizkeller möglich und sinnvoll. Die Abwärme entsteht dort, wo sie auch genutzt werden kann. Wenn die 50 000 Heizkessel, die jährlich ausgetauscht werden müssen, zum grösseren Teil durch WKK-Anlagen ersetzt werden würden, entstünde eine Gesamtleistung, die ein- bis zweimal jener des AKWs Mühleberg entspricht. In einer ersten Phase sind WKK-Anlagen mit Erdgasbetrieb naheliegend. In zehn bis zwanzig Jahren kann Erdgas mit einem zunehmenden Anteil von Biogas und Wasserstoff vom nicht erneuerbaren zum erneuerbaren Energieträger umgewandelt werden. Mit dezentraler WKK in den Heizkellern kann Strom für das lokale Netz oder für das private Fahrzeug erzeugt werden. Diese Stromproduktion kann den Solarstrom nachts und an regnerischen Tagen ideal ergänzen. Die Abwärme kann für Warmwasser und das Heizen verwendet werden.

Es ist höchste Zeit, die Möglichkeiten zur dezentralen Stromproduktion, vor allem Sonnenstrom und Wärmekraftkopplung, ernst zu nehmen und in Systemen zu denken. Dabei muss auch die Mobilität einbezogen werden. Dann ist der Atomausstieg möglich, und zwar gleichzeitig mit Klimaschutz, das heisst einer starken Reduktion von CO2-Emissionen.

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