Angriffe auf den Libanon : Angst vor der endgültigen Vertreibung
Israel greift nach dem Kriegseintritt der Hisbollah-Miliz weite Teile des Libanon an. Die schiitische Bevölkerung gerät immer stärker unter Druck.
Ein eisiger Wind weht über die Aufschüttung an der Küste der libanesischen Hauptstadt. Normalerweise trifft man hier vereinzelte Jogger:innen, die an der «Beirut Waterfront» auf und ab rennen. An diesem Montagnachmittag aber ist die weite Fläche zwischen Schnellstrasse und Meer übersät mit kleinen Campingzelten.
Bei einem von ihnen, das etwas verloren auf dem ungeteerten Boden steht, sitzt ein Mann zusammen mit seinem Sohn im Auto. Er entschuldigt sich, als Staatsangestellter könne er nicht mit den Medien über die Situation reden. Dabei ist offensichtlich, dass auch er, ein Angehöriger der Armee, vertrieben worden ist. Und das erzählt viel darüber, wie komplex die politische und gesellschaftliche Lage im Libanon derzeit ist und wie aussichtslos – insbesondere für den schiitischen Bevölkerungsteil. Die Schiit:innen sind gefangen zwischen Israel, das täglich weite Teile des Libanon bombardiert, und der Hisbollah, die nicht bereit ist, ihre Waffen abzugeben. Die libanesische Armee wiederum ist zu schwach, um sich gegen die Hisbollah durchzusetzen, und der Staat hat nicht genug Mittel, um der katastrophalen humanitären Lage angemessen zu begegnen.
Eine Million Vertriebene
Zehn Tage ist es her, seit der Krieg den Libanon erreicht hat. Zwei Tage zuvor hatten die USA und Israel begonnen, Ziele im Iran zu bombardieren. Dieser antwortete mit Raketenangriffen auf andere Länder in der Region, darunter sämtliche Golfstaaten. Und im Libanon hielten die Menschen den Atem an: Würde die schiitische Hisbollah-Miliz, die wichtigste Verbündete des iranischen Regimes, in den Krieg eintreten? Würde sie es wagen, Israel anzugreifen – und damit den Libanon erneut in den Abgrund stürzen?
Zwei Tage nach Kriegsausbruch schoss die Hisbollah Raketen und Drohnen in Richtung Israel, als Antwort auf die Tötung des obersten Führers des Iran, Ali Chamenei. Kurz darauf begann Israel, Ziele im Südlibanon, in der Bekaa-Ebene und in den südlichen Vororten Beiruts zu bombardieren. In den Tagen darauf forderte Israel die Bewohner:innen von über hundert Dörfern und den südlichen Beiruter Vororten zur Evakuierung auf. Auf den Strassen Beiruts staute sich der Verkehr in Richtung Norden über Stunden. Zwischen Autos und Kleinbussen kurvten Motorräder, zahlreiche Menschen waren zu Fuss unterwegs. Der Evakuierungsaufruf löste Panik aus: Würde in der Nacht die ganze Dahieh, wie die südlichen Vororte genannt werden, ausgelöscht? Inzwischen wurden im ganzen Land über 750 000 Menschen vertrieben, 570 wurden bereits getötet.
Fatima, die ihren Nachnamen lieber für sich behält, sitzt in einem Rollstuhl auf dem Parkplatz hinter der «Waterfront». Neben ihr steht ein einzelnes Zelt, in dem ihr Sohn in der Nacht schläft. Sie und ihr Mann schlafen im Auto, das dahinter geparkt ist. Als sie zu erzählen beginnt, kommen ihr die Tränen. Die Schiitin stammt ursprünglich aus der Bekaa-Ebene, lebt aber seit zwanzig Jahren in der Dahieh. Vor elf Monaten wurde Fatima von einem Jeep angefahren und musste mehrmals operiert werden. Seit sie hierher habe fliehen müssen und ihr Mann nicht mehr arbeite, könne sie sich weder ihre Medikamente noch die Erwachsenenwindeln leisten, die zu tragen sie gezwungen ist. «Ich kann für nichts aufkommen, weder für mich selbst noch für meinen Mann oder meinen Sohn», sagt sie.
Noch viel prekärer als 2024
Die Szenen, die man in diesen Tagen an der Küste bei Beirut beobachten kann, gleichen jenen von vor anderthalb Jahren: die Zelte bei der «Waterfront», die Menschen, die mit dünnen Matratzen und Decken auf der Uferpromenade schlafen, die zahlreichen Autos, die am Strassenrand geparkt sind, weil ihre Besitzer:innen nicht wissen, wo sie sonst hinsollen. Auch die Schulen, die bereits im letzten Krieg im Herbst 2024 zu Notunterkünften umfunktioniert wurden, beherbergen jetzt wieder über 100 000 Vertriebene.
Doch während das Bild an der Oberfläche ein ähnliches ist, ist die Lage im Land tatsächlich viel prekärer, viel gefährlicher als vor anderthalb Jahren. Die humanitäre Krise hat die Spaltung der Gesellschaft weiter vertieft. Die vertriebenen Schiit:innen stossen im Rest des Landes auf Ablehnung. Sie werden mitverantwortlich gemacht für den Krieg, den die Hisbollah vom Zaun gebrochen hat.
Der Libanon ist ohnehin ein gespaltenes Land: Die Mehrheit der Bevölkerung folgt politisch jenen konfessionellen Parteien, die seit dem Ende des Bürgerkriegs 1990 das Land dominieren. Weil der Staat schwach ist, sind die Menschen verstärkt von den Parteien abhängig, die ihre Unterstützer:innen mit Vetternwirtschaft und Dienstleistungen politisch an sich binden. Die Hisbollah, neben der Amal-Bewegung die grösste schiitische Partei, weiss die Mehrheit der Schiit:innen hinter sich. Gleichzeitig sind sie es, die in diesem Krieg den höchsten Preis bezahlen.
Mohammad Hassan, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, kann viel von der gesellschaftlichen Spaltung berichten. Er ist Schiite, seine Eltern leben in der Dahieh. Er selbst ist vor Jahren in ein christliches Viertel in Beirut gezogen, wie er bei einem Treffen erzählt. Hassan engagiert sich schon lange politisch, 2015 bei den Demonstrationen gegen die Müllkrise, 2019 bei den Massenprotesten gegen die Regierung und das politische System im Land. Anders als sein Vater sieht er die Miliz schon lange kritisch.
Seit Beginn des jüngsten Krieges ist Hassan vor allem damit beschäftigt, eine Unterkunft für seine Angehörigen zu finden. Während des letzten Krieges habe er es geschafft, sowohl für seine Eltern wie auch für seine Schwester und ihren Mann eine Wohnung zu organisieren. Doch dieses Mal sei es schwieriger: Die Mieten in Beirut haben sich seit Ausbruch des Krieges verdrei- oder vervierfacht. Und viele Hausbesitzer:innen weigern sich schlichtweg, an die Vertriebenen zu vermieten.
Dahinter steckt einerseits Angst, dass sich unter diesen Mitglieder der Hisbollah befinden, die wiederum zum Ziel von Angriffen werden könnten. Und andererseits Rassismus und Ablehnung gegenüber den mehrheitlich schiitischen Vertriebenen. Bei einer Wohnung zum Beispiel, die Hassan im christlichen Teil der Stadt fand, wollte der Hausbesitzer wissen, ob seine Schwester ein Kopftuch trage.
Die Strategie funktioniert nicht
«Die Schiit:innen fühlen sich komplett isoliert», sagt Hassan. Zur gesellschaftlich explosiven Lage kommt die politische Situation. Die neue Regierung geht, anders als ihre Vorgängerinnen, hart gegen die Hisbollah vor. Bereits im August hat sie – nicht zuletzt wegen des grossen internationalen Drucks – die schrittweise Entwaffnung der Miliz angeordnet. Den Raketenbeschuss, mit dem die Hisbollah den Krieg mit Israel auslöste, verurteilte sie – und erliess ein Verbot für sämtliche militärischen Aktivitäten. Ein historischer Schritt, der deutlich macht, wie isoliert die Hisbollah im Libanon inzwischen ist.
Und dann ist da das regionale Bild: Nicht nur die Angriffe auf das iranische Regime, das sich seit seiner Machtübernahme vor über fünfzig Jahren als Schirmherr aller Schiit:innen in der Region versteht, schürt die Paranoia der Schiit:innen im Libanon. Auch der Machtwechsel in Syrien, wo mit Ahmed al-Scharaa nun ein Sunnit das Land führt, macht ihnen Angst. Nicht wenige befürchten, dass sunnitische Islamisten aus Syrien in den Libanon einfallen könnten. Dies mag zwar eine unbegründete Befürchtung sein – aber eine, die dennoch das Gefühl befördert, nirgendwo ausserhalb des eigenen Dorfes, der eigenen Gemeinschaft sicher zu sein. Wo also sollen die Vertriebenen noch hin, wenn all diese Dörfer und Stadtteile sich vor den israelischen Bomben fürchten müssen?
Israels Strategie, da sind sich Expert:innen einig, sei es, die schiitische Bevölkerung unter Druck zu setzen, damit sie sich von der Hisbollah abwende. Doch tatsächlich bewirkten die gesellschaftliche Isolation und der politische Druck der Regierung auf die Hisbollah eher das Gegenteil, ist Hassan überzeugt. Denn während die Regierung mit dem Verweis auf das Gewaltmonopol des Staates die Armee beauftragt habe, die Hisbollah zu entwaffnen, sei sie gleichzeitig nicht in der Lage, den Schiit:innen Schutz und Versorgung zu bieten – geschweige denn, dass sie Schritte unternehmen würde, um der Spaltung entgegenzuwirken. Im Gegenteil soll es Gemeinden geben, wo die Verwaltung selbst mit strengen Auflagen zu verhindern versuche, dass Vertriebene eine Wohnung mieten können.
Kein Mitleid mehr
Noch immer gibt es zahlreiche Aktivist:innen und Freiwillige, die helfen. Bei Ausbruch des Krieges fingen sie an, sich zu organisieren, etwa Essen und Matratzen für die Vertriebenen auf der Strasse zu verteilen. Eine Instagram-Seite will jene, die bereit sind, an Vertriebene zu vermieten, mit denen verknüpfen, die suchen. Es ist ein Tropfen auf den heissen Stein angesichts der humanitären Krise in einem Land, wo der Staat noch immer nur teilweise funktioniert, und in einer Zeit, in der auch die internationale Hilfe so unterfinanziert ist wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg.
Und das vergiftete Klima habe selbst vor dem zivilgesellschaftlichen Engagement nicht haltgemacht, sagt Hassan. «Aus einer Gegend in den Bergen höre ich von Aktivist:innen, die vor anderthalb Jahren noch Vertriebenen geholfen haben, dass sie jetzt gar nichts machen», sagt er. Sie hätten kein Mitleid mehr mit den fliehenden Schiit:innen, die, so formuliert es Hassan, nach dem letzten Krieg «wieder zur Hisbollah zurückgekehrt» seien. Angesichts all dessen vergleicht er das, was den Schiit:innen im Libanon droht, mit dem Schicksal der Palästinenser:innen. «Dieses Mal sorgen sich die Menschen nicht mehr nur darum, wo sie unterkommen», sagt Hassan. «Sie haben auch Angst, dass sie gar nicht mehr zurückkehren können.» Die Dörfer direkt an der Grenze wurden fast alle komplett zerstört. Und die Angst ist gross, dass das gleiche Schicksal auch weiter nördlich droht. «Deswegen verlassen viele Leute ihr Dorf nicht mehr», sagt er. Sie würden es vorziehen, im eigenen Haus zu sterben. «Sie sagen sich: Entweder verschwinden mein Haus und ich zusammen – oder wir überleben beide.»
Im Dorf seiner Schwester hätten sich eine Reihe von Bewohner:innen, die sich weigerten zu gehen, jeweils im Dorfzentrum zusammengesetzt. Vor ein paar Tagen traf ein israelischer Angriff das Dorf. Mehrere Menschen wurden getötet.