Literatur : Schock im Nationaltheater

Nr. 17 –

«Du musst deinen Körper, deinen Verstand und ja, auch das, deine Libido in dieses Haus einbauen.» So spricht die Intendantin des serbischen Nationaltheaters zu Dina, die sie als Schauspieldirektorin anstellen will. Die Anfrage kommt überraschend für die dreissigjährige Dramaturgin, die gerade mit einer komplizierten Liebesgeschichte beschäftigt ist: Sie war bisher in der freien Theaterszene unterwegs und hat nie ein grösseres Haus geleitet. Abzusagen ist keine Option. Also landet sie in diesem geschichtsträchtigen Haus in Belgrad mit 637 Angestellten, starrer Hierarchie, genau definierten Funktionen und null Spielraum für eine Schauspielchefin.

«Nationaltheater» lautet der Titel des soeben erschienenen Romans der serbischen Dramaturgin und Theaterautorin Tanja Šljivar. Sie war selbst Schauspielchefin am Belgrader Nationaltheater. Doch ihr Buch ist keine Autobiografie. Vielmehr ist es eine fiktionalisierte, witzige und immer wieder ins Absurde kippende Abrechnung mit einem Betrieb, der so oder so ähnlich an vielen Orten stehen könnte. Sie habe einen Schock erlitten, als sie ans Nationaltheater gekommen sei, sagte Šljivar an einer Lesung Mitte April in Bern, weil sie keine Ahnung gehabt habe, was alles für Aufgaben hinter einer einzelnen Aufführung stünden.

Sie erzählt nun Geschichten dieser ins Haus eingemauerten Menschen, die keine Namen tragen, sondern nur mit ihrer Funktion bezeichnet werden: Da gibt es den Sicherheitschef, der auch für die Überwachung der Angestellten zuständig ist. Es gibt die Staatsschauspielerin, die viel mehr verdient als alle anderen, es gibt die Ankleiderin oder den ehemaligen Schauspieldirektor, dessen Schatten ständig durch die Räumlichkeiten huscht. Während die Schauspielchefin das Theater zu einem «Ort des Dialogs» machen will, tauchen alte Geschichten über das Haus auf, Mails von Besucher:innen werden abgedruckt –und die unterschiedlichsten Vorstellungen, was dieses Nationaltheater sein soll, werden erkennbar.

Dass es Dina nicht lange aushalten wird, ahnt man gleich zu Beginn. Auch Šljivar ist nicht lange geblieben. Doch was sie mit ihrem ersten Roman aus dieser kurzen Zeit herausgeholt hat, ist grossartig. ●

Buchcover von «Nationaltheater»
▶ Tanja Šljivar: «Nationaltheater». Roman. Aus dem Serbokroatischen von Maša Dabić. Suhrkamp Verlag. Berlin 2026. 236 Seiten.