Gewässerschutz: «Qualitativ gutes Wasser wird phasenweise knapp»

Nr. 7 –

Viele Pestizide und Ewigkeitschemikalien sind viel giftiger als bislang angenommen und belasten das Grundwasser noch auf Jahrzehnte hinaus, warnt Kantonschemiker Christoph Moschet.

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eine Wasseroberfläche mit Wasserpflanzen und Algen
Wo Menschen leben, landen viele Mikroverunreinigungen in Gewässern. Foto: Ursula Häne

WOZ: Herr Moschet, hohe Konzentrationen des Insektizids Deltamethrin im Luzerner Bach Wyna sorgten im Januar für Schlagzeilen. Waren Sie überrascht?

Christoph Moschet: Nein, überhaupt nicht. Deltamethrin gehört zur Stoffklasse der Pyrethroide, und diese sind für Wasserorganismen extrem giftig – bereits in Konzentrationen, die weit unter dem allgemeinen Pestizidgrenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter liegen.

Lange konnten wir solche winzigen Mengen analytisch gar nicht erfassen. Erst dank deutlich empfindlicheren neuen Messmethoden und dem Aufbau eines nationalen Monitorings nach 2016 sehen wir heute, was vorher unsichtbar war: Pyrethroide treten in landwirtschaftlich geprägten Bächen regelmässig in Konzentrationen auf, die für Gewässerorganismen höchst problematisch sind. Zur Einordnung: Schon ein einziger Tropfen Spritzbrühe kann einen Bach von einem Meter Breite und zehn Zentimetern Tiefe über mehr als einen halben Kilometer belasten. Die Wyna ist also kein Ausreisser, sondern bloss ein aktuelles Beispiel für ein weitverbreitetes Problem.

WOZ: Die revidierte Gewässerschutzverordnung, die aktuell in der Vernehmlassung ist, sieht aber nach wie vor keine Grenzwerte für Deltamethrin vor.

Christoph Moschet: Ja, das ist so. Die offizielle Begründung lautet, man habe sich mit Landwirtschaftsexperten ausgetauscht, diese Stoffe seien unverzichtbar. Aber für derart toxische Stoffe gar nicht erst Grenzwerte zu erstellen, ist der falsche Weg – und es widerspricht dem geltenden Gewässerschutzgesetz. Denn ohne Grenzwerte haben weder Bund noch Kantone überhaupt Handlungsspielraum, um die Gewässer besser zu schützen.

Wächter übers Wasser

Der Umweltwissenschaftler Christoph Moschet forschte am ETH-Wasserforschungsinstitut Eawag zum Thema Pestizidbelastung und entwickelte ein neues Analyseverfahren mit, für das er 2015 ausgezeichnet wurde.

Im Interkantonalen Labor der beiden Appenzell und Schaffhausen half Moschet, ein nationales Monitoring für hochgiftige Pyrethroide in Fliessgewässern aufzubauen. Seit Januar 2026 wacht er als Leiter des Labors sowie des Umweltamts und als Kantonschemiker der drei Kantone über Fliess-, Grund- und Trinkwasser.

 

Portraitfoto von Christoph Moschet
Foto: Juerg Fausch

WOZ: Welche Massnahmen können konkret helfen?

Christoph Moschet: In Gewässern, in denen Grenzwerte überschritten werden, sollte die Anwendung eingeschränkt werden. Wichtig wären zum Beispiel auch grössere Pufferzonen neben Landwirtschaftsflächen, damit diese Stoffe nicht in Gewässer ausgewaschen werden. In Siedlungsgebieten landen viele Mikroverunreinigungen wie etwa Medikamentenrückstände oder Industriechemikalien in Gewässern. Bis 2040 sollen etwa 140 der rund 700 Schweizer Kläranlagen mit einer zusätzlichen Reinigungsstufe aufgerüstet werden. Die Revision des Gewässerschutzgesetzes sieht vor, dass bis 2050 weitere 300 Kläranlagen aufgerüstet werden.

WOZ: Wird sich die Wasserqualität dadurch tatsächlich verbessern?

Christoph Moschet: Ja. Wo Kläranlagen bereits mit einer vierten Reinigungsstufe aufgerüstet wurden, hat sich die Wasserqualität verbessert. Medikamente wie Diclofenac, die heute über gereinigtes Abwasser in unseren Gewässern landen, werden so künftig herausgefiltert. Zumindest im Siedlungsbereich werden damit viele Probleme gelöst.

Im Bereich Landwirtschaft ist es komplexer. Der Aktionsplan Pflanzenschutz und die parlamentarische Initiative zur Pestizidreduktion haben Verbesserungsmassnahmen in Aussicht gestellt. Aber manches, das versprochen wurde, wird verzögert oder sogar wieder umgestossen. Ich erwarte vom Bund, dass er Stoffe, die national ein Problem sind, einschränkt. Und die Zulassung muss so gestaltet sein, dass wir nicht wieder ins nächste Problem schlittern.

WOZ: Wie meinen Sie das?

Christoph Moschet: Der Mensch macht immer wieder die gleichen Fehler. Neue Stoffe werden entwickelt, als Wundermittel angepriesen, und später merkt man: Sie sind viel giftiger oder weniger gut abbaubar als angenommen. Wenn man das feststellt, ist es meist zu spät. Und selbst wenn man sie verbietet, sind sie in unserer Umwelt bereits weitverbreitet. Wir kennen das zum Beispiel vom Insektizid DDT, von den früher als Bauchemikalien breit eingesetzten PCB, vom Herbizid Atrazin. Vor sieben Jahren haben wir erstmals davon gehört, dass Abbauprodukte des Fungizids Chlorothalonil das Grundwasser im Mittelland flächendeckend belasten.

Und das jüngste Problem sind die per- und polyfluorierten Alkylverbindungen, kurz PFAS: Viele dieser Ewigkeitschemikalien sind deutlich giftiger als angenommen. Und sie stellen uns vor riesige Probleme, weil sie so grossflächig verteilt sind, dass man nicht einfach alle kontaminierten Flächen sanieren kann. Deshalb: Der Gewässerschutz fängt bei der Zulassung neuer Stoffe an. Wir hätten viele Probleme nicht, wenn die Umweltverträglichkeitsprüfung früher seriös durchgeführt worden wäre.

WOZ: Wie sieht es aktuell mit der Qualität des Grundwassers aus?

Christoph Moschet: Insbesondere im Mittelland ist die Qualität des Grundwassers durch Nitrat und Abbauprodukte von Pflanzenschutzmitteln stark beeinträchtigt. Die Wirkstoffe selbst bauen sich ab, aber die Abbauprodukte sind oft sehr stabil. Chlorothalonil und verwandte Wirkstoffe wurden in den letzten fünf Jahren verboten, seither sind die Konzentrationen teilweise zurückgegangen. Bis wir eine Wirkung auf das Grundwasser sehen, dauert es länger – stark abhängig davon, wie alt das Grundwasser ist und wie viel dieser Stoffe sich über die Jahre im Boden angesammelt hat. An manchen Orten dauert es zehn bis zwanzig Jahre, bis versickertes Regenwasser in einer Grundwasserfassung landet und dort womöglich als Trinkwasser gepumpt wird.

WOZ: Und wie steht es mit Ewigkeitschemikalien wie PFAS?

Christoph Moschet: Eine grosse Schwierigkeit ist hier: PFAS ist nicht eine Chemikalie, sondern eine Gruppe von mehreren Tausend Verbindungen. Mehrere Hundert wurden kommerziell in grösseren Mengen eingesetzt, und man weiss etwa von einem Dutzend Stoffen, die inzwischen wirklich grossflächig in unserer Umwelt verteilt sind. Trifluoressigsäure (TFA) zum Beispiel ist inzwischen in praktisch allen Grundwasserfassungen der Schweiz zu finden – ausser an Orten, wo das Grundwasser mehr als dreissig, vierzig Jahre alt ist. Und anders als die meisten anderen Stoffe lässt es sich selbst mit Aktivkohle nicht entfernen. Zum Glück scheint es in den Konzentrationen, die wir heute haben, nach bisherigem Kenntnisstand für die menschliche Gesundheit nicht so problematisch.

Gefährlicher und ebenfalls stark verbreitet ist PFOS. Seit 2011 verboten, gelangt es bis heute weiter in die Umwelt – über alte Industriestandorte, Löschübungsplätze oder Deponien. Dort kann man ansetzen: den Boden grossflächig abtragen oder das Sickerwasser mit Aktivkohle behandeln. Für grossflächig belastete Gebiete, auf denen über Jahre PFAS-belasteter Klärschlamm ausgebracht wurde, gibt es aktuell keine Möglichkeiten der Sanierung.

WOZ: Trinken Sie Hahnenwasser?

Christoph Moschet: Ja, ich trinke immer Hahnenwasser. Ich wohne im Schweizer Mittelland, mir ist bewusst, was da drin sein kann.

WOZ: Machen Sie sich Sorgen, dass das künftig nicht mehr möglich sein wird?

Christoph Moschet: Sorgen machen wäre der falsche Ausdruck. Aber die Nutzungskonflikte ums Wasser werden zunehmen. Landwirtschaft, Siedlungen, Industrie – alle brauchen Wasser. Aufgrund des Klimawandels wird es in Zukunft häufiger Phasen geben, wo qualitativ gutes Wasser knapp wird. Es werden Dialog, interdisziplinäres Zusammenarbeiten und gegenseitiges Verständnis nötig sein, um Nutzungskonflikte zu entschärfen. Uns muss bewusst sein: Wasser ist nicht eine Ressource, die unendlich ist.