Geopolitik: Unruhige Zeiten im Polarkreis
Lange galt die Arktis als Ort der Kooperation jenseits der Blocklogik. Doch das ist Geschichte, der hohe Norden ist jetzt ein umkämpfter Raum. Ein Besuch auf der «Arctic Frontiers»-Konferenz in Norwegen.
Die Rentiere werden verschont. Beim Empfang der indigenen Völker Skandinaviens gibt es ein spanisches Tapasbuffet. Sandra Márjá West trägt das blaue, Gákti genannte Kleid der Sámi mit bunten Borten. Sie ist das Oberhaupt des samischen Parlaments. An diesem Montagabend Anfang Februar haben die Sámi ins nordnorwegische Kunstmuseum geladen, einen neobarocken Bau in der Innenstadt von Tromsø.
West steht im Foyer auf einer kleinen Bühne und begrüsst die Anwesenden. Diese mögen die Gastfreundschaft geniessen, sagt sie, auch wenn sich die Welt dieser Tage «anfühlt wie ein angsteinflössender Ort». Zu «unseren Freunden in Kalaallit Nunaat», wie Grönland in der dortigen Landessprache heisst, sagt sie: «Wir hören euch, wir sehen euch, wir unterstützen euch.» Denn einmal mehr sei das Selbstbestimmungsrecht der Indigenen des hohen Nordens in Gefahr. Es drohe, so sehen es die Menschen an diesem Abend hier, eine neue Kolonisierung.
Direkt spürbar ist all das in Tromsø, der Stadt mit der grössten samischen Bevölkerung, nicht. Hier ist gerade Hauptsaison, die beste Zeit des Jahres, um die Nordlichter zu bewundern. So ist die Stadt voller Tourist:innen. Doch auch Hunderte von Politikerinnen und Wissenschaftlern sind Anfang Woche in die nördlichste Grossstadt der Welt gepilgert, um auf der «Arctic Frontiers»-Konferenz darüber zu diskutieren, wie es angesichts des Klimawandels und der zunehmenden Aggressivität der Grossmächte in der Polarregion weitergehen soll.
In der ersten Reihe vor der Bühne im Kunstmuseum sitzt Mary Simon, eine von Assistenten umringte, schwer bewachte ältere Dame. Sie ist die Generalgouverneurin von Kanada, die dortige Commonwealth-Vertreterin des Königs von England. Simon wurde vom damaligen kanadischen Premierminister Justin Trudeau als erste Vertreterin der indigenen Inuit in das höchste Amt des Staates eingesetzt.
Aufgewachsen ist Simon in Nunavik, einer arktischen Region im Nordosten Kanadas. Als Kind, erzählt sie während ihrer Rede am folgenden Tag, «bin ich Hundeschlitten und Kanu gefahren, meine Familie hat sich von Lachs und gesammelten Beeren ernährt». Manchmal habe die Grossmutter im Radio Lieder aus Grönland empfangen. «Das sind unsere Verwandten», habe die Oma dann gesagt. «Wir sind ein Volk, und wir teilen das Los der Kolonisierung.»
Die Arktis im Fokus
Eine neue Allianz
Dass jemand wie Simon heute in Kanada ein solches Amt bekleiden kann, bestärkt hier viele in der Auffassung, mit dem nordamerikanischen Land eine neue Allianz liberaler Demokratien aufbauen zu können. Die Rede, die der kanadische Regierungschef Mark Carney kürzlich am Weltwirtschaftsforum in Davos gehalten hat, hallt hier in Tromsø deutlich nach. Eine neue Achse der «Mittelmächte» als Schutzgemeinschaft gegen die enthemmten Supermächte – über diese Perspektive wird hier diskutiert.
Tromsø ist der Sitz des Arktischen Rates, den die Kanadierin Simon 1996 mitgegründet hat. Das Forum aus acht Arktisanrainern galt lange als Symbol für das, was in Tromsø immer wieder als «arktischer Exzeptionalismus» beschrieben wird: der Umstand, dass der Kalte Krieg nördlich des Polarkreises nicht so durchgeschlagen hatte wie anderswo. Entrückt von der übrigen Welt, herrschte hier lange ein vergleichsweise kooperatives Verhältnis zwischen den USA, der UdSSR und den weiteren Anrainerstaaten. Gern erinnert man an den Eisbärenschutzvertrag von 1973. Und auch nach 1990, das wird hier immer wieder betont, sei die Zusammenarbeit rund um den Nordpol ein «Leuchtfeuer» internationaler Kooperation geblieben.
Doch das ist passé. Seit Russlands Vollinvasion in die Ukraine 2022 ist die Zusammenarbeit mit dem Kreml im Arktischen Rat ausgesetzt. Die verbleibenden westlichen Staaten verfolgen Wladimir Putins Expansionsbestrebungen im Eismeer mit wachsender Sorge. Gefolgert haben sie daraus bislang vor allem die Notwendigkeit, die Nato in der Polarregion zu stärken. Doch seit Donald Trumps aggressivem Griff nach Grönland in den vergangenen Wochen ist völlig unklar, wie es weitergehen soll.
«Die Arktis ist heiss», sagt Norwegens Aussenminister Espen Barth Eide am Dienstagmorgen. Die Region heizt sich derzeit vier Mal so schnell auf wie der Rest der Erde. In dieser Woche ist es in Tromsø, 350 Kilometer nördlich des Polarkreises, fünf Grad wärmer als in Berlin. Die in der Arktis schmelzenden Eismassen dürften in den kommenden Jahrzehnten weltweit Hunderte Millionen Menschen aus küstennahen Siedlungsgebieten vertreiben. Gleichzeitig könnten sich enorme Möglichkeiten für Handel, Rohstoffabbau und Landwirtschaft eröffnen. Völlig unklar bleibt jedoch, welche Konsequenzen ein sich abschwächender Golfstrom hätte.
Doch natürlich meint der Minister Eide seinen Satz auch im übertragenen Sinn. Denn nicht nur die USA, auch China und vor allem Russland machen sich militärisch in der Arktis breit.
Hybride Attacken aus Moskau
Der grüne deutsche Exvizekanzler Robert Habeck arbeitet seit dem Ende der deutschen Ampelkoalition im Februar 2025 am Dänischen Institut für Internationale Beziehungen in Kopenhagen. An einem Panel in Tromsø weist er darauf hin, wie sehr die Rhetorik der russischen Regierung zur Arktis der Weise gleiche, mit der sie früher über die Ukraine gesprochen habe. «Das Gerede von einer ‹roten Arktis›, Bilder russischer Flaggen am Nordpol, die Vorstellung, dass dies eine natürliche Region für den besonders harten russischen Menschen ist, und der historische Bezug auf die Arktisexpeditionen, die der Zar Peter der Grosse anstiess» – genau so habe Russland seinen Überfall auf die Ukraine propagandistisch vorbereitet, sagt Habeck. «Und wir alle haben das übersehen.»
Ihn treibe die Sorge um, dass die zunehmenden provokativen Umtriebe russischer Schiffe im Eismeer über kurz oder lang zu einem Zwischenfall führen könnten, den Putin zum Anlass für eine Eskalation nehmen könnte. «Dann kann schnell auch Norwegen oder Polen hineingezogen werden – und dann gehen wir dunklen Zeiten entgegen.»
Neben Habeck steht Gunhild Hoogensen Gjørv auf der Bühne. Die Professorin unterrichtet Geopolitik an der Arktischen Universität in Tromsø. «Nach der Annexion der Krim 2014 haben viele gedacht: Wenn wir in der Arktis nett zu Russland sind, geht es vielleicht irgendwie», sagt Gjørv. Heute aber werde die Polarregion «bombardiert» mit hybriden Attacken, hinter denen wohl der Kreml steht. «Elektronische Sabotage, Spionage, Hacking, Spoofing, Rekrutierung von Informanten, verschwundene Unterseekabel, die russische Schattenflotte – alles da.»
2024 legte eine Arbeitsgruppe unter Gjørvs Leitung einen detaillierten Bericht über die russischen Nadelstiche im Norden Norwegens vor: alles Handlungen «unterhalb militärischer Gewalt». Das Ziel sei vor allem die «zivile Sphäre», sagt sie, um Misstrauen in der Gesellschaft zu säen. «Wenn das gelingt, dann werden hybride Aktivitäten zu einer Gefahr, denn dann zersetzen sie unsere Gesellschaft.»
Wie weit Russland zu gehen bereit ist, hat Gjørv am eigenen Leib erfahren. Der russische Agent Michail Mikuschin, der 2021, getarnt als brasilianischer Gastwissenschaftler, an die Universität Tromsø gekommen war, suchte gezielt den Kontakt zu ihr, wie sie an der Konferenz erzählt – mutmasslich, um ihre Forschung auszuspionieren. Nach seiner Verhaftung wurde Mikuschin 2024 in Ankara gemeinsam mit sieben weiteren russischen Häftlingen vom Westen gegen sechzehn westliche Gefangene Putins ausgetauscht.
Wie andere hält Gjørv es für denkbar, dass Moskau es auf Spitzbergen abgesehen hat. «Die Insel gehört zu Norwegen. Punkt. Aber Russland verbreitet die Behauptung, dass der Spitzbergen-Vertrag von 1920 auch anders interpretiert werden könnte.» Klar sei, dass es steten Druck und Kampagnen gebe, um Einfluss auf die lokale Bevölkerung zu nehmen. «Die Menschen sollen offener gegenüber Russland werden.»
«Es wird nie mehr sein wie vorher»
Das will hier kaum jemand. Aber wie soll das Verhältnis zu den USA aussehen? «Wer nicht mit am Tisch sitzt, der landet auf dem Teller» lautet der wenig subtile Titel des erwähnten Panels, das der Frage nachgeht, wie sich die EU in dieser neuen, aufgeheizten Welt positionieren soll. Es zeigt sich, wie sehr die Idee einer Allianz der liberalen Mittelmächte, die der kanadische Regierungschef Mark Carney am Wef umriss, einen Nerv getroffen hat.
Immer wieder heisst es, Island, die Schweiz und Norwegen sollten der EU beitreten. «In Schweden und Finnland war die militärische Neutralität auch eine Frage der Identität, und trotzdem sind sie der Nato beigetreten», sagt Habeck. Denn es sei den Norweger:innen kaum zu vermitteln – Sorgen um Gasvorkommen und Fischereirechte hin oder her –, dass nahezu alle EU-Entscheide Norwegen beträfen, ohne dass das Land daran mitwirken könne. Das gelte auch für die Schweiz. Die künftige Konfliktlinie werde zwischen liberalen und autokratischen Staaten verlaufen. «Auch wenn in den USA wieder ein Demokrat Präsident wird», so Habeck, «wird es nie mehr sein wie vorher.» Die wenigen verbleibenden Demokratien auf der Welt seien nun einmal dazu verdammt, den Karren aus dem Dreck zu ziehen.
Das sieht auch Aaja Chemnitz Arnatsiaq Larsen so. «Die USA sind heute die grösste Gefahr, nicht Russland und China», sagt die grönländische Parlamentsabgeordnete der linken Partei Inuit Ataqatigiit im dänischen Folketing. Die Aggression gegen Grönland müsse auch andere Länder beunruhigen. «Unsere Sicherheit ist eure Sicherheit.»
Ihre Partei hatte sich einst für die Unabhängigkeit Grönlands von Dänemark eingesetzt. Davon ist keine Rede mehr. «Haben wir Herausforderungen und Dinge mit Dänemark zu klären? Ja.» Aber auch in einer Ehe lasse man sich nicht gleich scheiden, nur weil es mal kompliziert werde. «Wir sind in dieser Situation mit Kopenhagen vollkommen vereint, und wir schätzen die Hilfe der Europäer und der nordischen Länder.»