Fussball : Der Putsch und sein Moderator

Nr. 22 –

Der FC St. Gallen elektrisiert eine ganze Region – bis nach dem Cupsieg ein Machtkampf ausbricht.

Matthias Hüppi
«Als Präsident vermittelt Hüppi den Fans das Gefühl, dass der FC St. Gallen mehr ist als ein Sportverein, eine soziale Bewegung», sagt Klubkenner Daniel Kehl.

Als Matthias Hüppi die improvisierte Bühne betritt, ist nicht mehr ganz klar, ob es sich noch um ein feuchtfröhliches Fest handelt oder bereits um eine politische Kundgebung. So viele Menschen wie an diesem Sonntagabend standen wohl noch nie auf dem St. Galler Marktplatz. 50 000 Fans sind zusammengeströmt, um den Cupsieg des FC St. Gallen zu feiern. Sie schwenken grün-weisse Fahnen, prosten sich mit Bierdosen zu. 22 Uhr ist längst vorüber. Das Licht von Pyros, die von Ultras gezündet werden, erhellt die Szenerie. «Dieser Klub lebt von den Menschen, die ihn tragen», ruft Hüppi, der Präsident, in die begeisterte Menge. Und deklamiert mit den Fingern drei Punkte: «Ich sage euch eines: Wir müssen unabhängig sein, wir müssen nachhaltig arbeiten, und wir gehen miteinander auf diesem Weg weiter!»

Seit Wochen schien die halbe Ostschweiz auf diesen Finaltag hinzufiebern. Denn obwohl der FCSG, gegründet 1879, der älteste Fussballklub der Schweiz ist, sind seine Titel spärlich gesät. Nur zweimal wurde er Meister, 1904 und 2000. Und bloss einmal gewann er den Cup: 1969, vor mehr als fünfzig Jahren also. Zwar erreichte man den Final seither viermal, aber immer ging er verloren. Gut gespielt, aber am Ende doch gescheitert: Es passt zur Mentalität dieses Landesteils, der sich gern von der Restschweiz übersehen fühlt. Die verbreitete Grundhaltung – meist schicksalsergeben statt rebellisch – mag wiederum die Treue eines Grossteils der Bevölkerung zum FCSG erklären. Aber nicht das, was hier in den letzten Jahren passierte. Und schon gar nicht in den letzten Tagen.

Der Grund? «Dä Hüppi!»

Der FCSG sei in den letzten Jahren ein Gigant geworden, zumindest für Schweizer Verhältnisse, so drückt es Daniel Kehl am Tag vor dem Final aus. Kehl ist ein besonnener Typ, baute die Fanarbeit mit auf, war SP-Fraktionschef im Stadtparlament. Der FCSG begeisterte mit einem offensiven Spiel, die Zuschauer:innenzahlen kletterten in nicht gekannte Höhen, das neue Stadion im Niemandsland zwischen Autobahnausfahrt und Supermärkten wurde zum gesellschaftlichen Treffpunkt der Ostschweiz. Am Tag vor dem grossen Spiel will Kehl keine Prognose wagen. Er hat alle Cupfinalniederlagen live miterlitten. Er meint nur: «Wie auch immer es am Ende herauskommt, ob der FC gewinnt oder verliert: St. Gallen wird explodieren.»

Neun Extrazüge sind am frühen Sonntagmorgen im Hauptbahnhof losgefahren, Zehntausende Fans haben sich später auf einen Fanmarsch zum Berner Wankdorf begeben. Die Daheimgebliebenen versammeln sich in der St. Galler Innenstadt vor Bildschirmen auf den Plätzen, in den Beizen und Bars. Fragt man in der Menge herum, was genau der Grund für den Hype um den FCSG sei, kommt nur eine Antwort zurück: «Dä Hüppi!»

2017 hatte der Sportjournalist das Präsidium des Klubs übernommen, der sich damals in einer tiefen Krise befand. Begonnen hatte sie mit dem Bau des neuen Stadions. Trotz Landgeschenken durch die Öffentlichkeit von über 40 Millionen Franken ging die damalige AG dabei fast Konkurs. Der Multimillionär Dölf Früh stabilisierte zwar die Finanzen, verpasste aber selbst den Absprung, es folgte ein Machtwirrwarr, das Hüppi klären sollte. Und so, wie er früher als erster Fan durchs «Sportpanorama» moderierte, so moderiert er seither die Leidenschaft einer Region. Er glättete die Differenzen im Klub, tingelte zu den kleinen Fussballvereinen. Der Neffe des legendären St. Galler Bundesrats Kurt Furgler bewies dabei auch politisches Gespür. Oder wie Klubkenner Kehl meint: «Hüppi hat das Gefühl vermittelt, dass der FC St. Gallen mehr ist als ein Sportverein, eine soziale Bewegung. Auch ein Fussballklub braucht eine Idee, die grösser ist als der Erfolg.»

Cupfeier FCSG
Ist das schon eine politische Kundgebung? 50 000 Fans feiern am Sonntagabend den Cupsieg des FCSG.

Die SVP-Seilschaft

Um 14 Uhr ist es endlich so weit, das Spiel gegen den unterklassigen FC Stade Lausanne-Ouchy wird angepfiffen. Schon acht Minuten später kommt die Erlösung. Freistoss von Lukas Daschner in den Strafraum, Abstauber von Tom Gaal: 1 : 0! Konzentriert und aufsässig spielen die St. Galler weiter – bis sich in der 44. Spielminute vor den Bildschirmen in der Innenstadt Ernüchterung breitmacht: Goalie Lukas Watkowiak zieht die Notbremse, sieht die rote Karte. «Typisch St. Gallen!», heisst es von den Fans. Versagt der FC auch diesmal? Bange Momente verstreichen, bis in der 65. Minute die zweite Erlösung folgt: Penalty, verwandelt durch Captain Lukas Görtler. 3 : 0 endet das Spiel, das Fest kann beginnen – aber was sagt Hüppi denn da plötzlich von den Bildschirmen in die Stadt hinein?

Er habe ultraharte Wochen hinter sich, so der Präsident im SRF-Interview, weil es seine Aufgabe sei, Schaden vom Klub abzuwenden. «Es gibt im Moment Tendenzen, die wir in dieser Form nicht akzeptieren werden. Es ist unvorstellbar, dass in der besten Phase der Geschichte dieses Klubs nicht alle geschlossen hinter ihm stehen.» Was Hüppi damit meint, bleibt vage. Aber dass der Kommunikationsprofi einen Machtkampf öffentlich macht, wird sofort klar. Am Montagabend dann meldet das «St. Galler Tagblatt»: Die Mehrheit der bloss zehn Aktionäre, die über den Klub verfügen, hat den Verwaltungsrat weggeputscht.

Zwei der Mitglieder, die mit Hüppi den FCSG so erfolgreich machten, müssen gehen. Darauf erklärten zwei weitere aus Solidarität ihren Rücktritt. Hüppi könnte zwar noch als Präsident amten, verweigerte aber die Zusage. Bleiben darf nur der Vertreter der Hauptaktionäre, der Immobilienunternehmer Patrick Thoma. Er gehört gemeinsam mit dem Stahl- und Metallbauer Roland Gutjahr zu den Drahtziehern des Putsches. Was sie verbindet, sind die SVP, der Thurgau und das Immobiliengeschäft.

Thomas Firma hat ihren Sitz in Amriswil, Gutjahr wohnt dort. Gutjahrs Firma wiederum wird von Tochter Diana geleitet, der SVP-Nationalrätin. Für den Verwaltungsrat des FCSG vorgesehen sind neu auch Mitglieder der Partei oder enge Vertraute: Hüppis Nachfolger soll Stefan Kölliker werden, der frühere St. Galler SVP-Regierungsrat. Als Rechtsberaterin ist Martina Wüthrich angedacht, die in Weinfelden in der gleichen Kanzlei arbeitet wie der sogenannte SVP-Asylchef Pascal Schmid und der Thurgauer SVP-Ständerat Jakob Stark.

Auch im Immobilienbereich ist das Netzwerk dicht: Exregierungsrat Kölliker sitzt auch im Verwaltungsrat von Thomas Immobilienfirma. Und beide wiederum sitzen im Verwaltungsrat der Zürcher Admicasa-Holding, die mit einem Fonds für Sportbauten an öffentliches Land herankommen will – so auch mit dem Projekt eines polysportiven Zentrums in St. Gallen, in der Nähe des Stadions.

Ein Gefühl von Verrat

Eines der beiden geschassten VR-Mitglieder ist der St. Galler Mitte-Ständerat Beni Würth. «Ohne jede Rücksprache ist mir im März mitgeteilt worden, dass man mich nicht mehr zur Wiederwahl vorschlage», sagt er am Montag der WOZ. Mit einem solch unkoordinierten Vorgehen würden die Aktionäre die Stabilität bei der Entwicklung des Klubs unterminieren. «Wirtschaftlich und rechtlich mag der FCSG den Aktionären gehören – aber gesellschaftlich gehört er der Ostschweiz.» Über die Ziele der Eigentümer sei er auch nicht informiert worden, sagt Würth. «Unsere Reihenfolge lautete stets: Zuerst kommt die regionale Verankerung, dann die wirtschaftliche Stabilität, erst dann der sportliche Erfolg.» Vermutlich wollten die Aktionäre eine andere Gewichtung vornehmen.

Schon am Sonntag steht fest, dass die Begeisterung für die Idee eines möglichst breit abgestützten Klubs ungebrochen ist. «Hüppi, Hüppi, Hüppi», schallt es während der Rede. Fan Kehl, der den Match im Wankdorf verfolgt hat, bringt die Gefühlslage am Dienstag so auf den Punkt: «Im Moment des grössten Erfolgs kommt ein Element von Verrat hinein. Kölliker wird niemals Präsident.» Das Gefühl von Verrat entfaltet eine enorme Dynamik: Fans drohen mit der Kündigung ihrer Saisonabos, Sponsoren mit dem Absprung. Die Stadt- und die Kantonsregierung stellen sich hinter Hüppi. Sogar die St. Galler SVP muss klarstellen, dass keine:r ihrer Amtsträger:innen in den Machtkampf involviert sei. Es wirkt wie eine unfreiwillige Bestätigung für den Clou dieser Geschichte: In zwei ihrer Hochburgen, in St. Gallen und im Thurgau, zeigen SVP-Parteipromis wie Kölliker und ihre Zudiener:innen, dass sie aus Eigennutz am Ende zerstören, was sie zu bewahren vorgeben.

Am Mittwoch tritt Hüppi im Sitterstadion vor die Presse. Er bleibt Präsident, der bisherige VR bis auf Thoma im Amt. Gutjahr und Thoma scheiden als Aktionäre aus. Moderator Hüppi hat mit seiner Offensive nicht nur sich, sondern auch seine Idee des Klubs gerettet. Gut gespielt – und gewonnen. ●