Biodiversität: Für Frosch und Has und Mensch
Der neue Schweizer Biodiversitätsbericht stimmt nicht gerade zuversichtlich. Aber er liefert Ideen für die Praxis.
Sechzig Hasen. So viele lebten um 1960 in vielen ländlichen Gegenden der Schweiz auf einem Quadratkilometer. Heute sind es einer bis fünf. Ein dramatischer Einbruch in weniger als einem Menschenleben.
Die Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT) hat einen neuen Bericht über den Zustand der hiesigen Biodiversität veröffentlicht. Wer ihn liest, bleibt bei solchen Details hängen. Über jedes liesse sich ein ganzes Buch schreiben. Wer erzählt die Geschichte der Hasen in diesem Land?
Ein anderes Detail: «Weiher und Teiche liefern Fische und Krebse, Löschwasser, Eis oder Wasser zum Einweichen von Hanfstauden.» Ein schöner Satz über die wirtschaftliche Bedeutung von Kleingewässern um 1900. Wer vom Weiher einen Nutzen hat, schüttet ihn nicht zu. Wie liessen sich Naturräume heute so nutzen, dass viele Leute ein Interesse an ihrer Erhaltung hätten? Ein weiterer Satz, als Leitfaden für die Zukunft: «Resilienz entsteht dort, wo natürliche Prozesse wie Abfluss- und Geschiebedynamik, Alt- und Totholz sowie Wanderbewegungen von Tieren zugelassen werden.»
Dass die Rechten die Erderwärmung leugnen, hat Tradition. Die Biodiversitätsforschung blieb lange von solchen Attacken verschont. In der Schweiz änderte sich das 2024, vor der Abstimmung über die Biodiversitätsinitiative. Die Gegner:innen argumentierten mit Falschbehauptungen, stellten den Zustand der Biodiversität positiver dar, als er ist. Man merkt, dass Erkenntnisse aus dem Abstimmungskampf in den SCNAT-Bericht eingeflossen sind. Er zeichnet die Veränderungen seit 1900 nach, denn manches wird nur über längere Zeiträume verständlich: «So entwickeln sich einzelne Aspekte der Biodiversität in der Schweiz seit 2010 zwar eindeutig positiv. Aufgrund der früheren Verluste finden diese Veränderungen aber ausgehend von einem sehr tiefen Niveau statt.» Gut sichtbar ist das bei den Vögeln: Anpassungsfähige Arten wie der Rotmilan nehmen zu, wärmeliebende wie der Bienenfresser wandern ein. Aber empfindliche Lebensraumspezialisten wie das Rebhuhn sterben aus. Mehr als ein Drittel der erfassten Arten gelten als verletzlich, gefährdet oder sind ausgestorben.
Der Bericht erklärt die grössten Bedrohungen für die Biodiversität, vom Klima über gebietsfremde invasive Arten bis zur Überdüngung. Auch Geld vom Staat richtet Schaden an: Ein eindrückliches Beispiel zeigt, dass die Zerstörung vielfältiger Landschaftsstrukturen auch heute noch subventioniert wird. Und es gibt viele schädliche Subventionen, etwa in der Verkehrs- und der Energiepolitik. Biodiversitätsprogramme werden zusammengekürzt oder nicht umgesetzt, und gute Gesetze scheitern am mangelnden Vollzug, etwa beim Gewässerschutz oder bei der Pflege von Naturschutzgebieten.
Man kann diesen Bericht als Ausdruck des Scheiterns lesen. Als ein weiteres Beispiel für die Unvereinbarkeit des kapitalistischen Wirtschaftens mit der Erhaltung der Lebensgrundlagen, für das Unvermögen der Politik. Das ist er – auch. Doch darin lassen sich Strategien finden: Biodiversitätsförderung kann erfolgreich sein, wenn sie positive Wirkungen verbindet. Wenn der Biber dem Hochwasserschutz und zugleich der Landwirtschaft hilft (siehe WOZ Nr. 24/25). Wenn der Kanton Genf «biologische Korridore» in die Raumplanung einbezieht und der Aargau Auen gestaltet, die Amphibien und Menschen dienen. Wenn der Grünraum vor der Schule das Klima kühlt und den Kindern guttut. Es könnte ein Weg aus der Resignation sein, auf regionale und zivilgesellschaftliche Strategien zu setzen, auf Naturschutzvereine, selbstorganisierte Landwirtschaftsprojekte, progressive Gemeinden. Natürlich genügt all das nicht: Die grossen Weichenstellungen finden in Finanz- und Handels-, Agrar- und Energiepolitik statt. Natürlich nehmen Bundesrat und Parlament das Thema nicht ernst genug. Trotzdem: Es gibt viel zu tun. Auch direkt vor der Haustür.