Essay: Wie gefangen im Innern einer Seifenblase

Nr. 3 –

Die Schweizer Schriftstellerin Tabea Steiner über ihren Aufenthalt in Sofia und ihre Flucht in uralte Gesteinsschichten, neue Anstriche und historische Anekdoten.

Diesen Artikel hören (18:38)
-15
+15
-15
/
+15
Sockel des verbliebenen Rest des sowjetischen Kriegerdenkmals in Sofia mit Pink besprühten Soldaten
Immer wieder in neue Farben getaucht – hier in Pink als Entschuldigung an Tschechien für den Angriff des bulgarischen Diktators Todor Schiwkow auf Prag 1968. Der Sockel ist der verbliebene Rest des sowjetischen Kriegerdenkmals in Sofia. Foto: Stoyan Nenov, Reuters

Als ich in Sofia ankam, schien es mir, als liege die Stadt in einem Traum; ich ging in der Sommerhitze über die breiten Gehwege und konnte problemlos die unteren Äste der Bäume berühren, welche die Strassen säumen. Dann dämmerte es, die Dunkelheit brach ein, die Stadt war kaum beleuchtet. Ich schlief bis am anderen Nachmittag.

Zwei Tage zuvor war ich in Zürich in den Nachtzug gestiegen und hatte kurz vor Budapest mitbekommen, dass die Trump-Regierung hohe Zölle über die Schweiz verhängt hatte. Im ersten Moment dachte ich mir: Das geht mich gar nichts an, ich bin ja jetzt weit weg. In Budapest wollte ich mir für die Weiterreise etwas Warmes zu essen kaufen und betrat einen kleinen Laden, aus dem ich andere mit Take-away-Geschirr hatte kommen sehen. Ich versuchte, mich der Verkäuferin zu erklären, aber wir verstanden uns nicht, und als ich meine Hände zu Hilfe nahm, schickte sie mich weg. Erst als ich im Zug ein Sandwich ass, begriff ich, dass die Frau meine Geste als Betteln verstanden haben musste. Wir fuhren in die Nacht, durch ungarische, dann rumänische Weiten, ich sah zwei Rehe und schlief ein.

Frühmorgens stieg ich in einer rumänischen Provinzstadt um, nahm eine Bahn, die auf schnurgerader Schiene direkt an die Donau hinabfuhr, vorbei an Schafen mit ihren Hirten, Ästchen schlugen gegen die Scheiben.

Kurz vor Mittag überquerten wir den mächtigen Grenzfluss, erreichten Widin, wo der Zug nach Sofia stand. Sechs Stunden lang fuhr er vorbei an winkenden Bahnhofsvorstehern, zerfallenden Dörfern, zerklüfteten Landschaften bis ins Witoschagebirge, das Sofia umgibt.

Ich war so erschöpft, dass ich mein Abenteuer zu einem abrupten Ende gekommen sah, als der Ticketautomat an der Metrostation meine Euro nicht annahm, obschon beim Geldeinwurf auch Euromünzen abgebildet waren. Ich hatte gewusst, dass in der Übergangsphase vom Lew zum Euro ein Jahr lang alle Preise in beiden Währungen angegeben und auch angenommen werden mussten, was aber nicht überall eingehalten wurde. Ich hatte auch gewusst, dass Bulgarien das einzige EU-Mitgliedsland mit kyrillischen Lettern ist, und hatte im Vorfeld versucht, ein wenig Bulgarisch zu lernen, aber nun stand ich vor diesem Automaten, der meine Münzen nicht schlucken wollte, und verstand kein einziges Wort, das auf dem Bildschirm stand. Ein junger Mann kam mir mit Lewa zu Hilfe, und als ich ihm das Geld zurückgeben wollte, sagte er, jetzt weniger freundlich: «Don’t give me Euro», und suchte das Weite.

Ich ass eine riesige, mit geriebenem weissem Käse überbackene Portion Pommes, trank zwei bulgarische IPAs und schlief, wie gesagt, bis am anderen Tag. Ein heisser Wind wehte durchs offene Fenster und blähte den Vorhang auf, Vögel schwärmten um die Baumkronen im Hinterhof, mir war im Halbschlaf, als drifteten sie ins Schlafzimmer hinein. Ich stand auf, kochte Kaffee und stellte mich auf den kleinen Balkon, blickte über die Dächer, ein wenig wie Paris, nur mit Bergen. Gezeter wurde laut, eine Elster hatte eine andere in die Dachrinne getrieben und hackte auf sie ein, die wehrlos auf dem Rücken lag. Jetzt hört doch auf, rief ich, und tatsächlich liess die eine ab, nur um die andere im freien Flug wieder anzugreifen, diesmal unterstützt von drei weiteren Elstern. Ich richtete nicht viel aus, von meinem Balkon herab, aus sicherer Distanz.

Und so würde es auch bleiben. Nicht nur, dass die Elstern mich offensichtlich besser verstanden, als es mir in den drei Monaten gelang, Bulgarisch zu lernen, sondern auch, dass mich von Anfang an ein sonderbares Gefühl einhüllte, als sähe ich alles durch einen Filter, aus einer Art Seifenblase heraus, weil mich diese Stadt, das Land und seine Menschen vom ersten Moment an für sich eingenommen hatten und ich immer irgendwo stand, schaute und staunte. Eine Weile lang konnte ich mir noch einreden, dieser Zustand liege an der Zeitverschiebung, an der Stunde, die mir irgendwo in der Nacht zwischen Ungarn und Rumänien abhandengekommen war.

Nur, ich hatte mich selbst ja dabei, konnte den Beobachterinnenposten gar nicht verlassen. Ein wenig war es wie mit dem halb blinden Spiegel, der im Zugabteil nach Sofia auf Augenhöhe gehangen hatte; jedenfalls überraschte es mich nicht im Geringsten, als ich zufällig herausfand, dass sich die Schweiz als letztes Land in Mitteleuropa der Sommerzeit angeschlossen hatte.

Aber ich wollte mich nicht mit der Schweiz, sondern mit Bulgarien auseinandersetzen und las, gleich zu Beginn, den 2020 veröffentlichten Roman «Zeitzuflucht» von Georgi Gospodinov. Mit dem Buch in der Tasche ging ich durch die Strassen, die darin beschrieben werden, setzte mich in ein Café und las, wie der Erzähler im selben Café sitzt. Und fand mich unversehens in Zürich, wo der Protagonist eine Zeitfiliale eröffnet hatte und in eine Debatte über Sterbehilfe verwickelt war, die, so fährt der Protagonist fort, gut zur Schweiz passe, im Kommunismus aber undenkbar gewesen wäre: «Es gab nicht mal Narkosen, geschweige denn Sterbehilfe. Der Tod im Kommunismus war nicht einfach nur Zimperlichkeit in Seidenlaken. Ausserdem hätte dir niemand einen Pass mit Visum ausgehändigt, damit du das Land mit einem One-Way-Ticket verlässt, ohne Garantie, dass du zurückkommst. Du gehst fort, stirbst und wirst automatisch zum Flüchtigen, weshalb man dich zum Tode verurteilt. In Abwesenheit und posthum.»

Dass ich vom Kommunismus kaum etwas begriffen hatte, wurde mir klar, als es im Herbst über Nacht kalt wurde. Die Verwaltung schrieb, ich solle alle Heizungen aufdrehen, und weil es ein paar Tage später immer noch kalt war, fragte ich nach. Keine Sorge, schrieb man mir, einfach aufgedreht lassen. Eine Engländerin, die seit ein paar Jahren in Sofia lebt, erzählte mir, dass alle Heizungen gleichzeitig angeschaltet werden und dass man, so war es ihr passiert, den ganzen Winter im Kalten sitzt, wenn die Heizungen in diesem Moment nicht offen sind.

Ja, ich kenne das, sagte eine Bekannte nur, der ich davon erzählte, sie war in Belarus aufgewachsen, und ich schwieg jetzt auch.

Und auch meine ostalgische Brille hätte ich besser abgelegt, dann hätte ich begriffen, dass die grünen Trams, die so heimelig an Basel erinnern, tatsächlich die ausrangierten Strassenbahnen aus Basel sind, und ich hätte auch nicht erzählt, dass bei der bulgarischen Eisenbahn Züge der Deutschen Bahn verkehren, und hinzugefügt, dass sie aber pünktlich sind.


Wieder zu Hause in Zürich, setzte ich mich an diesen Text, um von einem Land zu erzählen, über das kaum berichtet wird und das den wenigsten vertraut ist. Aber plötzlich war Bulgarien in den Medien, und ich setzte alle paar Tage neu an, um jene Gespräche wiederzugeben, die ich geführt hatte, in denen es um junge Menschen gegangen war, die die sozialistische Zeit zuweilen verklären würden und nicht wüssten, dass es im kommunistischen Bulgarien siebzig Arbeitslager gegeben habe; Gespräche, in denen mir Menschen anvertrauten, dass sie finden, seit 1990 sei vieles schlechter geworden, das Essen, die Strassen. Andere hatten davon gesprochen, dass sie die Sicherheit vermissen, als es Wohnungen, Arbeit, Ferien und Krankenversicherung für alle gab. Ich erfuhr, dass Bulgarien in den ersten freien Wahlen nach der Wende die Sozialist:innen gewählt hatte; dass manche ältere Menschen «Tato» als Kosenamen für den Diktator Todor Schiwkow nutzen würden, abgeleitet aus Todor und Tatko, Väterchen. Aus manchen dieser Gespräche war durchaus ein Nationalstolz herauszuhören gewesen, auf die Kontinuität dieses Landes, und hie und da war die Bemerkung gefallen, man sei froh, dass Westeuropa die Roma eher mit Rumänen als mit Bulgaren verwechsle.

Jetzt plötzlich war das Internet voller Bilder, wie Hunderttausende auf die Strassen strömen, um gegen die korrupte Regierung zu protestieren, vor allem junge Menschen. Die Arbeit an diesem Text wurde tagtäglich von der Realität überholt.

Ich flüchtete mich in Orografie, beschrieb die geografische Lage, zählte die Nachbarländer auf: Serbien, Nordmazedonien, Griechenland und die Türkei, die Donau bildet die Grenze zu Rumänien. Schilderte, dass Bulgarien am Schwarzen Meer liegt und zu über einem Drittel aus Wald besteht, wo Bären, Wölfe und Schildkröten leben, dass es einen fünfzig Millionen Jahre alten Steinwald gibt, steinzeitliche Siedlungen mit zweistöckigen Gebäuden und einer Salzmine, und natürlich die ungeheuren Goldschätze der Thraker:innen, um die sich Legenden von Grabräubern ranken. Und ich liess auch den berühmtesten Thraker nicht aus, der in den Rhodopen in die Unterwelt steigt, um seine geliebte Eurydike zurückzugewinnen: Orpheus.

Die Passstrassen aus der Zeit der Römer:innen werden bis heute genutzt, im Starbucks in Warna kann man durch einen Glasboden auf römische Brunnenstrukturen schauen, der H&M in Plowdiw gibt den Blick auf eine römische Pferderennbahn frei. Beim Bau der Metro in Sofia wurden ganze Wohngebiete mit gut erhaltenen Wasserleitungen, Öfen und Latrinen ausgegraben; in den antiken Stadtresten kann man die Metro über seinem Kopf hinwegrattern hören.

In Plowdiw wurde in den 1980er Jahren unter einer stark befahrenen Strasse eine riesige Kirche entdeckt, deren Boden mit einem atemberaubenden geometrischen Mosaik ausgelegt war. Darunter lag ein zweites Mosaik mit Hunderten verschiedenen Vögeln. Das Herzstück sind zwei Pfauen, die auf einem Krug sitzen. Um das Mosaik zu konservieren, bedeckte man es mit Sand, woraufhin es erneut in Vergessenheit geriet, und als man das Mosaik Jahre später wieder ausgrub, fehlte ein Pfau.

Man kann sich in all den Schichten, Anekdoten und historischen Finten verlieren: Georgi Dimitroffs erfolgreiche Selbstverteidigung im Reichstagsbrandprozess. Todor Schiwkows langer Arm, der bis nach London reichte, wo sein ehemaliger Freund, der Schriftsteller Georgi Markow, mit einer Regenschirmspitze ermordet wurde, weil er sich dem Regime gegenüber kritisch geäussert hatte. Oder die traditionelle Parade am 1. Mai 1986 in Sofia, an der sich die Bevölkerung beim Mausoleum von Georgi Dimitroff im Regen einfand und sich wunderte, dass sich kein einziger Offizieller auf dem Balkon zeigte. Die Regierung hatte nichts vom Reaktorunfall in Tschernobyl vom 26. April an die Öffentlichkeit durchdringen lassen.

Am Ende landete ich immer dort, wo sich all die Erzählungen überschnitten: bei der Unzufriedenheit über die korrupte Politik. Beim Unmut, dass viele kommunistische Funktionäre einfach als Sozialisten weitermachten. Dass die Bevölkerung seit 1990 von neun auf sechs Millionen geschrumpft ist, weil die Jungen das Land verlassen, dass es seit zwei Jahren verboten ist, an Schulen über Homosexualität zu sprechen, dass der oppositionelle Stadtpräsident von Warna ein halbes Jahr im Gefängnis sass, dass in den Schulbüchern zum Kommunismus sowie zum EU-Beitritt im Jahr 2007 nur eine einzige Seite zu finden ist.


In einem kurzen Zeitraffer liesse sich Bulgariens Geschichte so erzählen: Verschiedenste Völker durchzogen die Region, wurden sesshaft, und im 7. Jahrhundert bildete sich das Erste Bulgarische Reich. Das Zweite Bulgarische Reich entstand im 12. Jahrhundert aus dem Widerstand gegen das Byzantinische Reich; ab dem 14. Jahrhundert herrschte für 500 Jahre das Osmanische Reich. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der bulgarische Staat von einem Fürstentum zu einem Königreich, das bulgarische Türk:innen als Minderheit anerkannte. Lehnte sich Bulgarien 1912 noch gemeinsam mit Serbien, Griechenland und Montenegro gegen das Osmanische Reich auf, griff es 1913 die ehemaligen Partner an und verbündete sich im Ersten Weltkrieg mit Deutschland. Im Zweiten Weltkrieg war Bulgariens Rolle noch ambivalenter: Derweil der Staat mit Deutschland paktierte, setzten sich zivile und kirchliche Gruppen dafür ein, jüdische Menschen, sofern sie auf bulgarischem Territorium lebten, vor der Deportation zu schützen.

Der Kommunismus brachte sein eigenes Regime mit sich, etwa die Zwangsbulgarisierung der türkischen Minderheit, gerechtfertigt mit der Islamisierung der christlichen Bevölkerung im Osmanischen Reich. Namen mussten geändert werden, Traditionen wurden verboten, noch 1989 verliessen über 300 000 Türk:innen das Land.

In Bulgarien wurde die Wende relativ rasch herbeigeführt. Nachdem vor allem Mütter gegen die zunehmende Luftverschmutzung durch Fabriken protestiert und ihre Kinder nach Sofia gebracht hatten, wuchsen die Proteste rasch auf eine Million Demonstrierende an, die auch nicht von der Strasse wichen, als in Berlin die Mauer fiel. Nachdem er 35 Jahre an der Macht gewesen war, wurde Todor Schiwkows Rücktritt am 10. November 1989 im Fernsehen verkündet.

In dieser ganzen Zeit war einer abwesend: der letzte bulgarische Zar Simeon Borissow Sakskoburggotski, zu Deutsch Simeon von Sachsen-Coburg und Gotha. Nach dem Tod seines Vaters kam er 1943 mit sechs Jahren auf den Thron, vertreten von einem dreiköpfigen Rat. Deutschland schlug seiner Mutter vor, Hitler zu Simeons Vormund zu machen, woraufhin die Mutter mit Simeon nach Syrien flüchtete; die drei Vertreter wurden nach dem Einmarsch der sowjetischen Armee von den Kommunisten ermordet. Nach odysseischen Jahrzehnten kehrte Simeon 1996 nach Bulgarien zurück und wurde 2001 zum Premierminister gewählt. Die Koalition, die seine Partei und die bulgarischen Türk:innen mit – ausgerechnet – den Sozia­list:innen eingingen, war einer der Gründe, die 2009 zu seinem politischen Ende führten.

Nach langen Debatten und trotz Russlands Drohgebärden wurde vor zwei Jahren das riesige Denkmal für die sowjetische Armee in Sofia entfernt. Es hatte an den Einmarsch der Armee in Bulgarien im September 1944 erinnert – und war in den letzten Jahren regelmässig mit neuen Farben versehen worden: Die riesigen sowjetischen Soldaten, die eine Mutter mit ihrem Kind schützen sollen, waren mal als Superman bemalt, mal pink als Entschuldigung an Tschechien für Schiwkows Angriff auf Prag, oder blau und gelb, als Putin die Krim annektierte.

Aber die Menschen wollen mehr als einen neuen Anstrich. Sie wollen echte Veränderung, sie wollen, nach sieben Wahlen in vier Jahren, faire Neuwahlen mit Wahlmaschinen, nun, da die Regierung dem Druck der Strasse nachgegeben hat und zurückgetreten ist. Natürlich macht der Wechsel zum Euro manchen Sorge, denn obwohl vieles teurer geworden ist, steigen ihre Löhne nicht; sie haben Griechenlands Krise aus der Nähe mitbekommen. Andere sehen dem Wechsel gelassener entgegen, weil der Lew bereits an die Mark und später an den Euro gebunden war. Was sie verbindet, ist die Wut auf Oligarchen und korrupte Politiker:innen, die in öffentlichen Stadtpärken ihre Villen bauen und Staatsausgaben in die Höhe treiben, derweil sie von der Bevölkerung höhere Beiträge fordern.


Zum Ende der drei Monate erwischte mich eine Grippe, ich war zu schwach für eine mehrtägige Zugreise und buchte einen Flug. In zwei Stunden war ich zu Hause, zurück in meiner Zeit, und hatte keine Gründe mehr, mich Tagträumen hinzugeben, mich aus irgendeiner Verantwortung herauszureden. Aber ich war lange genug krank, um all die Erinnerungen tief und fest abzuspeichern:

An die weltbesten Tomaten, den Geruch gerösteter Paprika, die vielen kleinen Katzen, die viel zu vielen Hakenkreuze, die an Wände geschmiert sind, die winzigen Kirchen, die deswegen so klein sind, weil sie im Osmanischen Reich nicht höher als ein Soldat auf seinem Pferd sein durften, die alten Menschen, die in Containern nach Essen suchen, die bulgarischen Folksongs auf dem Golden Record, der Datenplatte, welche 1977 mit den Voyager-Raumsonden ins All geschickt wurde und Botschaften der Menschheit an Ausserirdische gespeichert hat.

Die Distanz machte mir noch deutlicher, dass vieles im Verborgenen lag; ich sah die zahlreichen Brachen vor mir, Lücken mitten in der Stadt, und die verhüllten Häuser, die auf ihre Renovation warten und mich daran erinnern, dass der Verpackungskünstler Christo ein Bulgare war.

Und ich erinnerte mich an meine Lieblings­bar in Sofia, wo man am offenen Fenster direkt an der Strasse sitzen kann. An der Wand hängt ein altes Radio neben der Zeile eines Songs von Gil Scott-Heron: «The Revolution will not be televised.»

Ich verfolgte die täglich anwachsenden Proteste weiter zu Hause über meinen kleinen Bildschirm, las die bulgarischen Protestschilder und verstand noch immer wenig, aber ich verstand, dass diese riesigen Menschenmengen friedlich durch die Strassen strömten, jene Strassen, über die ich auch gegangen war, über die man schon hatte gehen können, als sich das römische Recht herauszubilden begann, das bis heute eine Grundlage der Demokratie ist, und in diesem Licht betrachtet, erschien es mir als hoffnungsvolle Kraft, dass sich auf manchen dieser Gehwege in 2000 Jahren kein einziger Stein verschoben hat.

Tabea Steiner ist Schriftstellerin und Literaturvermittlerin. «Balg», ihr Debüt, wurde für den Schweizer Buchpreis nominiert. 2023 erschien ihr zweiter Roman, «Immer zwei und zwei», und 2024 ihr erster Essayband, «Heidi kann brauchen, was sie gelernt hat». Von August bis Oktober 2025 hielt sie sich im Rahmen eines Atelierstipendiums der Landis-&-Gyr-Stiftung in Sofia auf.