Nordmazedonien : Flaggen, Feuerwerk und Zitronen

Nr.  37 –

Die Regierung Nordmazedoniens feiert dreissig Jahre Unabhängigkeit mit Prunk und Parade – nicht zuletzt, um die schwelenden Identitätsfragen des Landes zu übertünchen. Zu Besuch bei denjenigen, die die Festlichkeiten boykottieren.

AlbanerInnen, SerbInnen, Roma und Romnija tanzen in der Nationaltracht und werden von der versammelten Regierung begeistert beklatscht. Trommeln und Blaskapellen sind vor dem Parlamentsgebäude in Nordmazedoniens Hauptstadt Skopje aufgezogen. Mit Applaus begrüssen etwa eintausend Gäste die Sportlerinnen, die Bergarbeiter, die Feuerwehrleute, die Polizisten und Soldatinnen, die in einer Parade durch die Strassen ziehen.

Nordmazedonien feiert seine Unabhängigkeit in diesem Jahr gross, denn sie jährt sich zum 30. Mal: Am 8. September 1991 hatte sich die damalige sozialistische Republik in einem Referendum als dritte Teilrepublik Jugoslawiens für unabhängig erklärt.

Der erste Staat, der Mazedonien damals anerkannte, war das Nachbarland Bulgarien. Heute aber schmerzen Identitätsfragen den jungen Balkanstaat. Denn ausgerechnet Bulgarien verlangt von Nordmazedonien, anzuerkennen, dass die mazedonische Sprache eigentlich ein bulgarischer Dialekt sei und die mazedonische Identität im Kern auf der bulgarischen beruhe. Nachdem also der langjährige Namensstreit zwischen Griechenland und Nordmazedonien 2019 beigelegt worden ist, blockiert nun Bulgarien die EU-Beitrittsverhandlungen des Landes.

«Ein Schlag ins Gesicht»

Die 35-jährige Barkeeperin Ana Matasheva schaut sich die Jubiläumsparade in der Innenstadt nicht an: «Das ist eine Party für das Regierungsviertel und ein Schlag ins Gesicht der Menschen, die in Armut leben», sagt sie. «Anstatt Menschen für sich auf der Strasse tanzen zu lassen, sollten die Politiker lieber ihr Raubgut zurückgeben», fordert Matasheva und spielt damit auf die weitverbreitete Korruption im Land an. Statt an den Feierlichkeiten des Unabhängigkeitstages teilzunehmen, schneidet sie kistenweise Zitronen, denn für ihre Smoothies und Cocktails benötigt sie etwa sechs Liter frisch gepressten Zitrussaft. Die Bar, in der Matasheva arbeitet, liegt nicht weit vom Zentrum entfernt; sie ist etwas versteckt in einem der Hinterhöfe, aber abends stets gut besucht.

In Skopje geboren, zog Ana Matasheva nach ihrem Abitur in die bulgarische Hauptstadt Sofia, wo sie an der Kunstakademie Textildesign studierte. Anschliessend kehrte sie nach Hause zurück, doch anscheinend brauchten die mazedonischen Unternehmen keine Textildesignerin. Zumindest fand Matasheva keinen passenden Job. Von Skopje aus begann sie für bulgarische Textilfabriken in Sofia und Plowdiw zu arbeiten. Schnell war ihr klar, dass sie das Land verlassen möchte.

Also beantragte sie einen bulgarischen Pass. Die Staatsbürgerschaft eines EU-Mitgliedstaats sollte ihr nicht nur neue Türen auf dem europäischen Arbeitsmarkt öffnen, Matasheva wollte gleich ganz aus Europa auswandern – nach Kanada für einen Neuanfang. Im Antrag für die Staatsbürgerschaft musste sie demnach angeben, dass sie Bulgarin sei. Ist sie also eine? «Ich habe keine bulgarischen Blutsverwandten. Aber mein Vater wurde von einem Bulgaren adoptiert», erzählt sie. Auf dieser Grundlage wollte sie die Chance nutzen und sich einbürgern lassen.

Viele MazedonierInnen sind mazedonisch-bulgarische DoppelbürgerInnen. Die meisten beantragen aus materiellen Erwägungen die bulgarische Staatsangehörigkeit – für die Aussicht auf eine Arbeit im Ausland. Belegbare Zahlen und Statistiken dazu fehlen jedoch. Derzeit führt die mazedonische Regierung bis Ende September eine Volkszählung durch. Doch auch Bulgarien will die Volkszählung zur Stimmungsmache und als politisches Druckmittel nutzen: Denjenigen, die sich bei der Volkszählung nicht als BulgarInnen deklarieren, werde die bulgarische Staatsbürgerschaft entzogen, liess die Regierung in Sofia verlauten.

An Ana Matashevas Tür hat bislang noch niemand geklopft, doch für sie steht ohnehin fest: «Ich bin Mazedonierin.» Seit vier Jahren wartet sie inzwischen auf ihren bulgarischen Pass, den Kampf darum hat sie innerlich bereits aufgegeben. Sie ist mittlerweile zufrieden mit ihrem Job an der Bar und glücklich mit ihrem neuen Freund in Skopje. Aber sie ist enttäuscht von der Politik und vom korrupten Alltag im Land.

«Ich habe die Hoffnung verloren, dass es in unserer Gesellschaft Widerstand geben könnte», sagt sie. Früher war das anders: 2016 war auch Matasheva auf die Strasse gegangen, als während der «bunten Revolution» Tausende DemonstrantInnen die Regierungsgebäude mit Farbbeuteln bewarfen. Aus Protest gegen Korruption und Wahlfälschungen. Sie setzten damit dem autoritären Regime von Nikola Gruevski ein Ende.

«Nun haben wir eine andere Mafia in der Regierung, und die flirtet mit der EU», sagt Matasheva und holt eine weitere Zitronenkiste. Sie verzieht ihr Gesicht, aber nicht wegen des sauren Dufts der Zitrusfrucht, sondern aus Ärger über die korrupten Machenschaften, die die Regierung fördere. Im Korruptionsindex 2020 von Transparency International belegt Nordmazedonien Platz 111 von insgesamt 180 Staaten. «Nur schon, um für seine Töchter im Kindergarten einen Platz zu bekommen, musste mein Bruder seine Kontakte anrufen», sagt sie, «umsonst gibt es in diesem Land nichts. Für alles muss man Beziehungen haben.» Ob die Zukunftsperspektive des Landes als EU-Mitglied aber wirklich besser wäre, da ist Matasheva pessimistisch.

«Das ist nicht unser Fest»

Seit 2005 ist Nordmazedonien ein EU-Beitrittskandidat, und seit vergangenem Jahr ist das Land Nato-Mitglied. Die Mitgliedschaft sei der stärkste Garant für den Schutz der territorialen Integrität und der Souveränität der Republik, sagt Regierungschef Zoran Zaev am Rande der Jubiläumsparade. Seit 2017 regiert der Sozialdemokrat das Land mit einem eindeutig proeuropäischen Kurs – aber die von den Nachbarländern geschürten Debatten um Sprache und Kultur versperren dem Balkanstaat eine europäische Perspektive.

Und auch innerhalb des Landes entbrennen immer wieder identitätsbedingte Konflikte. Rund ein Viertel der Bevölkerung im Zwei-Millionen-EinwohnerInnen-Land gehört zur albanischen Minderheit. Diese bilden «einen eigenen Staat im Staat», behaupten manche MazedonierInnen. «Wir wurden unterdrückt», verteidigen derweil albanische Kreise die Verwicklung in blutige Auseinandersetzungen während der nuller Jahre. Den fünfmonatigen bewaffneten Konflikt zwischen der Regierung und den albanischen Milizen hatte im August 2001 ein Friedensabkommen beendet. Heute werden die Rechte der albanischen Minderheit von der Verfassung garantiert. 2019 wurde Albanisch zur zweiten Amtssprache erhoben, damit ist eine jahrzehntelange Forderung erfüllt. Doch im Alltag sind die beiden Bevölkerungsgruppen nach wie vor oft distanziert – auch räumlich.

Die Steinbrücke über dem Fluss Vardar, der Skopje teilt, führt in eine andere Welt. Weit weg von der Jubiläumsparade, von den bronzenen Statuen mazedonischer Revolutionäre und Partisanen. Auch weit entfernt von Ana Matashevas Bar. Hier liegt das Atelier von Sabit Abdullah. Der 52-Jährige gilt in der albanischen Community als einer der besten Schneider. In diesem Teil von Skopje ragen die Minarette hoch hinauf in den Himmel. Kleine schmale Strassen führen in das albanische Viertel hinein. Menschen sitzen in den Shishabars rund um den türkischen Hamam. Frauen mit Kopftuch suchen in den Läden nach den schönsten und besten Stoffen. Hier scheint sich fast niemand an Nordmazedoniens Tag der Unabhängigkeit zu erfreuen.

«Es gibt nichts zu feiern», sagt Abdullah. Als er mit dem Schneidern und Bügeln begonnen hat, war er zwölf Jahre alt. «Seit vierzig Jahren arbeite ich in meinem eigenen Schweiss», sagt er. Doch der finanzielle Erfolg bleibe aus, weil er Steuern zahle. «Wirklich Geld verdient man nur in der Schattenwirtschaft», sagt er.

Ein bulliger junger Mann, Ende zwanzig, betritt das Atelier und legt seine Jeans auf den Arbeitstisch. Abdullah nimmt das lange Massband, das um seinen Hals hängt, in die Hand. Die Beine der neuen Hose müssen gekürzt werden, möglichst schnell. Vielleicht zum Feiertag? Der junge Mann schaut skeptisch. «Das ist nicht unser Fest», sagt er, «damit haben wir nichts zu tun.» Mehr reden will er nicht. Er legt die Hand aufs Herz, als Zeichen des Danks, und verlässt die alte Schneiderei rasch.

Abdullah macht sich, ohne eine einzige Sekunde zu verlieren, an die Arbeit. Drei Euro wird er für seine Leistung verlangen. Monatlich verdient er zwischen 300 und 450 Euro – etwa das Durchschnittsgehalt in Nordmazedonien. «Zum Glück arbeiten auch meine älteren Söhne, sonst hätten wir unsere Familie nicht ernähren können», sagt er, schneidet das Hosenende ab und legt das Kleidungsstück unter die dicke Nadel seiner Nähmaschine.

Abdullah ist in Skopje geboren und hat drei Kinder grossgezogen. Doch oft fragt er sich, ob Nordmazedonien wirklich seine Heimat ist. «Mein Herz schlägt nicht für dieses Land», sagt er. Seine Haare sind schwarz, die Augen blau, sein leichter Bart grau. Er hat Falten im Gesicht und seine Hände zittern, wenn sie nichts zu tun haben. War es in Jugoslawien besser? Nein, weil er die Religionsfreiheit im unabhängigen Nordmazedonien geniesse. «Doch das Land zerstört sich selber», sagt er. Die Zukunft seiner Kinder sieht er in einem Grossalbanien, wenn die albanisch bewohnten Gebiete mit dem Staat Albanien vereinigt würden. «Wenn Allah das gerecht findet, wird es auch passieren», sagt er.

«Die Politiker klauen die Fabriken»

Nach Gerechtigkeit suchen derweil auch die rappenden Zwillingsbrüder Zharko und Darko Maslarkovski. Als das mazedonische Parlament am 11. Januar 2019 auf Druck von Griechenland die Namensänderung in «Nordmazedonien» beschloss, gingen die Brüder ganz alleine vor das Parlament und schrien minutenlang «Makedonija!». Nun sind sie angeklagt – wegen «Erregung öffentlichen Ärgernisses». Auch sie boykottieren den heutigen Feiertag.

Zharko Maslarkovski wartet am späten Abend mit seinen beiden Töchtern und dem Hund auf einem Kinderspielplatz, Darko Maslarkovski holt Bier. Beide tragen T-Shirt, kurze Hosen und Badelatschen. Auf dem Balkon eines Wohnhauses im Bahnhofsviertel hängt die einzige strahlende Sonne des Viertels, die Nationalflagge Nordmazedoniens. Das ist der Balkon von Zharko Maslarkovski. Gegenüber wohnt Darko. Die Brüder machen alles zusammen – leben, singen und kämpfen. Seit 25 Jahren tritt das Duo unter dem Namen Puka Kozmetika in der Hip-Hop-Szene auf und rappt über soziale Gerechtigkeit. Sie sind frisch in die Linkspartei eingetreten, weil «die Freiheit Mazedoniens nach dem Zerfall Jugoslawiens verloren ging, als der Sozialismus in den Kapitalismus überging», sagt Darko Maslarkovski. Sein Bruder Zharko klopft auf die Bierdose, bevor er sie öffnet und zu rappen beginnt: «Die Politiker klauen die Fabriken, die Arbeiter sehen, dass die Politiker sie beklauen, sie fangen an, die Maschinen und die Werkzeuge zu klauen, dann kommt die Putzfrau und sieht das alles – und dann klaut sie das Toilettenpapier.»

Ana Matasheva, Barkeeperin: «Nun haben wir eine andere Mafia in der Regierung, und die flirtet mit der EU.»

Zur Spaltung innerhalb der Gesellschaft sagt Zharko Maslarkovski, der seinen rotblonden Bart wachsen lässt, seit das Land vor zwei Jahren den Namen in Nordmazedonien änderte: «Der ärmste Albaner ist ein besserer Freund als der reiche Mazedonier, der nur auf sich schaut.» Man hört es knallen und böllern. Als ein Feurwerk den Nachthimmel erleuchtet, schreit Zharko spontan aus voller Kehle: «Ma-ke-do-ni-ja!»