Nr. 48/2008 vom 27.11.2008

Vom Dienen und Verdienen

Unter Wirtschaftskrisen leiden Frauen mehr als Männer und haben deshalb auch einige spezifische Forderungen an entsprechende Rettungsprogramme. Ein Debattenbeitrag aus feministischer Sicht.

Von Mascha Madörin

Erfahrungen aus früheren Finanzmarktkrisen zeigen, dass Frauen meist härter betroffen sind als Männer. Das kürzlich von Bundesrätin Doris Leuthard vorgeschlagene Konjunktur- und Investitionsprogramm legt die Annahme nahe, dass im Staatssekretariat für Wirtschaft kein einziger Gedanke an mögliche geschlechtsspezifische Auswirkungen der Finanzkrise verschwendet wurde. Die Frage, wen die Krise unter den heutigen Bedingungen besonders trifft, muss daher dringend gestellt werden, entsprechende Informationen müssen in die politische Debatte einfliessen und kommende Konjunktur-Ankurbelungsprogramme auf ihre geschlechtsspezifischen Auswirkung geprüft werden.

Das Ende der hohen Profitraten

In den siebziger Jahren galt eine Gewinnmarge von zehn Prozent schon als attraktiv. Heute formuliert etwa die Credit Suisse nach wie vor Finanzziele, die in verschiedenen Geschäftszweigen Margen zwischen dreissig und vierzig Prozent vor Steuerabzug vorsehen. In den letzten dreissig Jahren ist in der Schweiz eine Wirtschaft entstanden, in der eine Minderheit von Unternehmen wie Banken und Konzerne dank ihres Auslandsengagements sehr ertragreich sind, während eine Mehrheit mit vielen Arbeitsplätzen mittlere bis niedrige Erträge erzielen. Diese Entwicklung ist nicht zuletzt auf den technischen Fortschritt zurückzuführen und darauf, dass industrielle Massenprodukte im Ausland billiger herzustellen sind als in der Schweiz.

In den USA wäre das Wirtschaftswachstum in den letzten Jahren bedeutend kleiner gewesen ohne die wachsenden Umsätze in der Finanzindustrie. Das gilt auch für die Schweiz. Hier kommt hinzu, dass etwa gleich viele Gewinne im Ausland wie im Inland erwirtschaftet werden. Die Gewinnschöpfung in der Schweiz ist derzeit stärker globalisiert als in jedem andern westlichen Land. Viele der im Ausland erzielten und in die Schweiz transferierten Gewinne stammten bisher aus dem Bankengeschäft. Die Nettozuflüsse (Abflüsse also bereits abgezogen) von Gewinnen in die Schweiz beliefen sich von 2004 bis 2007 auf jährlich fast fünfzig Milliarden Franken, also etwa zehn Prozent des Bruttoinlandprodukts. Aufgrund der Finanzkrise werden sie im Jahr 2008 auf fast null sinken. Wegen der sich ankündigenden Rezession ist der ertragreiche Exportsektor ebenfalls gefährdet.

Die Hoffnung der linken und grünen Parteien auf Wirtschaftswachstum liegt nun bei Investitionen in den ökologischen Umbau. Damit würden vor allem Arbeitsplätze für Männer geschaffen. Das ist zwar nötig, aber eine solche Industrie wird niemals zum Wirtschaftsmotor werden wie die Konsumgüterindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg oder wie die Expansion der Banken und Konzerne nach 1989 im Ausland.

Wir haben Konsumgüter im Überfluss, die globale Expansion ist abgeschlossen - gegenwärtig werden die Karten neu gemischt, und wohl kaum zum Vorteil der Schweiz.

Trotzdem wird in der Schweiz weiterhin gearbeitet werden. «Massenproduktion» nimmt in der Schweiz vor allem im Bereich von persönlichen Dienstleistungen zu. Mit Abstand am meisten neue Arbeitsplätze entstanden in den letzten zwanzig Jahren im Gesundheits-, Sozial- und Erziehungswesen. Trotzdem werden noch immer viele dieser Arbeiten unbezahlt erledigt - vorwiegend von Frauen. In anderen Ländern sind sie längst Teil des Service public, in der Schweiz gibt es grossen Nachholbedarf. Deshalb benötigen wir Ankurbelungsprogramme, die dem Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen dienen, öffentliche Gelder für die Pflege und die häusliche Unterstützung von Kranken und Gebrechlichen und höhere Mittel für Bildungsangebote.

McDonaldisierung verhindern

Eine Konsequenz der oben skizzierten Arbeitsplatzstruktur ist klar: Die Pensionskassen müssen dringend auf ein AHV-ähnliches System umgebaut werden, bei dem mit den laufenden Einzahlungen die laufenden Renten bezahlt werden. Nur ein Umlagesystem erlaubt die Finanzierung der Altersvorsorge durch Erwerbsarbeit in arbeitsintensiven Dienstleistungsbereichen.

Die Versorgung der breiten Bevölkerung mit dem alltäglich Notwendigen, mit haushaltsnaher Unterstützung, mit Bildung und Gesundheitsdienstleistungen wird nur beschränkt Gewinne bringen - es sei denn, die Löhne sind sehr tief und die Leistungen für die breite Bevölkerung schlecht. Unternehmen wie McDonald’s oder Coca-Cola sind Prototypen einer solchen Entwicklung. Sie bieten extrem standardisierte Produkte an und schaffen massenhaft Arbeitsplätze für die sogenannten Working Poor. Der derzeit viel gelobte Realkapitalist Warren Buffett hat mit Investitionen in diese beiden Firmen viel Geld verdient. In den Bereichen Gesundheits- und Erziehungswesen und anderen persönlichen Dienstleistungen gibt es nur drei Möglichkeiten, markante Gewinne zu erzielen:

1. mit Privatspitälern und Eliteschulen für Reiche, die teilweise vom Staat unterstützt werden und so hohe Preise verlangen, dass sie rentabel sind;

2. durch die McDonaldisierung und Verschlechterung des Service public für alle andern - eine Entwicklung, die voll im Gange ist;

3. mit nicht existenzsichernden Löhnen, wie dies heute bereits bei haushaltsnahen Dienstleistungen üblich ist. Dass die USA in der Umsetzung dieser Variante sehr weit fortgeschritten sind, ist ein Hauptgrund für die Verschuldung der dortigen Haushalte. Um diese Entwicklung zu stoppen, muss der öffentliche Sektor gestärkt werden. Dazu sind höhere Steuereinnahmen und eine entsprechende Politik der Gewerkschaften und Angestelltenverbände nötig.

Apropos Steuern: Der Wert der unbezahlten Arbeit für das Aufziehen von Kindern und die Unterstützung von kranken und gebrechlichen Erwachsenen ist fünfzehnmal höher als die Einnahmen aus den direkten Unternehmenssteuern.

Weg mit den Robinsonaden

Grob gesagt arbeiten Männer überwiegend in Wirtschaftsbereichen mit relativ hoher Produktivität und mit hohen Gewinnerwartungen; in den andern Bereichen haben sie vorwiegend Führungspositionen inne. Frauen wenden achtzig Prozent ihrer bezahlten und unbezahlten Arbeitszeit für Tätigkeiten auf, die mit der Sorge für andere Menschen und mit der täglichen Versorgung mit notwendigen Gütern und Dienstleistungen zu tun haben - Männer deutlich weniger. Man kann also von einer Akkumulationswirtschaft der Männer und von einer Care-Ökonomie der Frauen reden.

Dies prägt auch die wirtschaftspolitische Debatte. Die bisherige links-keynesianische Diskussion ist nach wie vor eine Art Robinsonade, sie geht von einer nationalökonomischen Insel aus, ohne Globalisierung und ohne Berücksichtigung der unbezahlten Arbeit. Diese Robinsonade, die von Ökonomen seit dem 19. Jahrhundert gerne gepflegt wird, muss aufhören.

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