Nr. 42/2012 vom 18.10.2012

Kultur in der alten Pferdeschmitte

In alpinen Randregionen beschränkt sich das Angebot für Musikinteressierte oft auf Kommerzschuppen und Après-Ski-Bars. Unter den Ausnahmen sticht ein spezielles Kino in Ilanz heraus.

Von Frank von Niederhäusern

Ilanz: Cinema Sil Plaz Foto: Andreas Bodmer

Eben erst hat sich der kurze Bergsommer verabschiedet. Schon ziehen Wolken zum ersten trübkalten Herbstwochenende auf. Die Gipfel bleiben versteckt, die Wiesen wirken farblos, der Rhein fliesst bleiern durch sein erstes Uferstädtchen. Es regnet in Ilanz, und hinter dem Bahnhof sind die Strassen leer. An einem solchen Abend spendet eine Minestrone Wärme für Körper und Seele. Die Suppe kocht nicht auf dem Herd der «Rheinkrone» oder des renovierten Hotels Rätia weiter oben gegen das Rathaus hin. Sie wird im «Sil Plaz» angerichtet, und dies nicht zu fad.

Ins Hinterhaus des gleichnamigen Cafés gleich unter der katholischen Kirche eilen einige wetterfeste Gestalten. Man kennt sich – Allegra! –, reicht sich die Hand und begrüsst – Hoi zääma! – auch die Crew hinter dem stählernen Bartresen. «Minestrone» blinkt es auf einem Verstärker, der bereitsteht zwischen Gitarren, Mikroständern, Schlagzeug. Die Suppe, die in Kürze angerichtet wird, soll ein musikalischer Mix werden. «Aufgestellter Sound halt», sagt Gabriel Casutt, der die Gitarrenband engagiert hat. «Der Bassist kommt aus Rueun, etwas den Rhein hinauf», erklärt er und erhofft sich von diesem Heimvorteil ein volles Haus. «Platz hätten 150 Leute», wirft Gordian Blumenthal ein. «Mit 40 aber sind wir zufrieden.»

Ein besonderer Dreh

Blumenthal ist Architekt und hat mit Büropartner Ramun Capaul die alte Pferdeschmitte im Dorfzentrum von Ilanz zur Kulturbühne umgebaut. Der Werkstattcharakter des dunklen Raums ist weitgehend erhalten geblieben. Mit Materialien wie Stein, Glas oder Stahl haben die Architekten eine kleine Bühne, WC-Anlagen und die schon legendäre Schwenkbar eingebaut. «Je nach Betrieb können wir sie um neunzig Grad drehen», sagt Capaul. Dieser Dreh unterstreicht die Multifunktionalität des «Sil Plaz», das auch Tanzbar und Kleinkunstbühne ist. Der offizielle Name ist «Cinema sil plaz», und besagtes Kino findet man im Nebenraum, wo Blumenthal und Capaul einen Kokon aus Stampflehm in den alten Baukörper gestellt haben. Dieser akustisch und atmosphärisch faszinierende Raum gewinnt Preis um Preis und zieht seit der Fertigstellung 2010 Fachleute von weither an.

Glücklicherweise auch die Leute aus Ilanz und der ganzen Surselva. Als die «Minestrone»-Musiker die Bühne betreten, hat sich der Raum gefüllt. Es sind mehr als die erhofften vierzig gekommen. Die Stimmung ist gut. Ganz vorn steht Gabriel Casutt und freut sich. Der Leiter der Ilanzer Raiffeisen-Filiale organisiert hier zehn bis zwölf Konzerte pro Saison. Seine Bank unterstützt das Projekt grosszügig.

Wenn kein Raiffeisen-Cultura-Abend ist, zieht Martina Cadonau die Fäden. Die städtische Jugendarbeiterin engagiert sich seit Jahren für Kultur in Ilanz und ist Gründungsmitglied des Vereins Sil Plaz. Sie holt Acts wie Philipp Fankhauser, Stiller Has oder die Bündner Hip-Hopper Liricas Analas auf die Bühne. Auch Avantgardeprojekte wie Fredi Studers Phall Fatale oder die Perkussionisten Lucas Niggli und Peter Conradin Zumthor waren zu Gast. «Wir bekommen bereits Anfragen von Bands», sagt sie stolz.

Das spezielle Ambiente des Ilanzer Clubs hat sich herumgesprochen. «Bei uns entscheiden die Musiker, wo sie spielen wollen: auf der Schmittebühne oder im Kino», erzählt Cadonau, und kürzlich sei Starrapperin Steff la Cheffe aus Bern angereist. «Das haben die Jugendlichen angepackt.» Einmal monatlich wird das «Sil Plaz» zum Cinema Giuven, zum Jugendkino, das Cadonau mit Jugendlichen organisiert. Regelmässig heisst es auch «Corin invit», dann lädt die bekannte Sängerin und Nachbarin Corin Curschellas befreundete MusikerInnen und Bands ein.

Das Kino als Urzelle

Rund vierzig Freiwillige betreiben das «Sil Plaz» jeweils von Donnerstag bis Samstag. Die Geschäftsleitung umfasst acht Personen. Für das Kinoprogramm ist Ramun Capaul verantwortlich. Er programmiert Studiofilme. Kürzlich Nicolas Steiners Kuh-Dok «Kampf der Königinnen», zu dem er die Bauern und Bäuerinnen des Tals eingeladen hat. Kinderfilme gibts auch regelmässig, und mit Pro Senectute arbeitet Capaul an einem Programm für SeniorInnen.

Das Kino ist die Urzelle des «Sil Plaz». «Zwanzig Jahre lang gab es Provisorien», weiss Martina Cadonau, «nun hats geklappt.» – «Ilanz ist kein Tourismusort», erklärt Cordian Blumenthal, «wir sind nicht saisonal ausgerichtet wie Flims und Laax, sondern ein normaler Ort.» Ilanz habe eine kleinstädtische Zentrumsfunktion für die rund 45 umliegenden Dörfer. «Das sind immerhin 20 000  Einwohner», sagt Blumenthal, und Capaul ergänzt: «Tagsüber ist in Ilanz viel los. Abends aber war alles ruhig – bis vor zwei Jahren.» Die Leute im Tal sind sich einig: Das «Sil Plaz» ist eine Bereicherung.

Gerade weil Kino, Bar und Kleinkunstbühne nicht kommerziell funktionieren wie in alpinen Tourismusorten, sondern als Verein, der von Stadt, Talgemeinden und lokaler Wirtschaft unterstützt wird, ist das «Sil Plaz» zur Erfolgsgeschichte geworden. Die InitiantInnen sind stolz, wissen aber auch um ihre Verantwortung. «Nun müssen wir hierbleiben und weitermachen», meint Martina Cadonau.

www.cinemasilplaz.ch

Frank von Niederhäusern ist Redaktor des «kultur-tipps» und Musikjournalist.

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