Nr. 24/2005 vom 16.06.2005

Komm, tisch auf, Genosse!

Sie bieten Kultur, Begegnungsorte und - entgegen manchen Vorurteilen - nicht nur eine preisgünstige, sondern auch eine gute Küche. Ein Gastroführer durch achtzehn Genossenschaftsbeizen der Deutschschweiz.

Von Benjamin Shuler

Seit über dreissig Jahren wird in der Schweiz genossenschaftlich gewirtet. In dieser Zeit ist eine reichhaltige Flora an kollektiv geführten Beizen gewachsen. Wobei es Regionen gibt, in denen die selbstverwalteten Lokale besser gedeihen als in anderen. Fruchtbaren Humus findet man offensichtlich im Oberthurgau mit drei kollektiven Kneipen oder im Kanton Bern mit deren vier. Das wahre Mekka der Genossenschaftsszene aber ist die Kleinstadt Solothurn, wo vier Gastrobetriebe genossenschaftlich geführt werden, darunter das älteste sowie die bekanntesten und spektakulärsten Konzepte. Als genossenschaftliche Sahelzone entpuppt sich hingegen unter anderem die Innerschweiz.

Ist die Geschichte der Genossenschaftsbeizen in der Schweiz eine Geschichte des Erfolgs? Ja und nein. Einerseits sind die Utopien der Pionierzeit - kollektiv zusammenleben und -arbeiten, die Gesellschaft durch Gastronomie und Kultur verändern -, wie andere Gesellschaftsentwürfe aus jener Zeit auch, an der Realität zerschellt (siehe WOZ Nr. 48/03). Andererseits sind über die ganze Schweiz verteilt Oasen einer gastlichen Gegenkultur entstanden, in denen anders gegessen, getrunken, gefeiert, gespielt wird. Durch den öffentlichen Charakter eines Gastrobetriebes wurde und wird der Öffentlichkeit ausserdem am lebenden Exemplar demonstriert, dass kollektives Arbeiten funktionieren kann, ohne ins permanente Chaos oder logistische Desaster abzugleiten. Teilweise nahmen die Genossenschaftsbeizen sogar eine Vorreiterrolle für die gesamte Gastronomie ein, zum Beispiel beim lockeren und gleichberechtigten Umgang zwischen Gast und Service oder bei der kreativen Gestaltung des Interieurs.

In vielem hat sich die bürgerliche Gastronomie der genossenschaftlichen angenähert. Doch das Umgekehrte gilt auch: Während einige Beizen seit Jahrzehnten eisern an den Grundsätzen des klassischen Kollektivs festhalten, haben andere Lokale, die offiziell noch immer unter dem Label «Genossenschaft» laufen, längst hierarchische Strukturen - anfänglich noch unter der ironischen Bezeichnung «Häuptlinge», in der Zwischenzeit pragmatisch als «Geschäftsleitung».

Das alltägliche Arbeiten im Kollektiv mit den schwerfälligen Entscheidungswegen, den Löhnen von nicht viel mehr als symbolischem Wert und den ewigen Diskussionen während der «grossen Sitzung» am einzig «freien» Tag wurde einigen schlicht zu anstrengend.

Das klassische Kollektiv in der Gastronomie als Auslaufmodell? Nein. Lokale wie das «Hirschi» in Basel, der «Ziegel» in Zürich oder das «Kreuz» in Solothurn beweisen seit Jahrzehnten, dass es doch geht. Niemand hat behauptet, dass genossenschaftliches Arbeiten leicht oder einfach ist. Aber gerade für das Gastgewerbe mit seinen explizit personenbezogenen Strukturen und der extrem hohen Fluktuation kann eine langfristige Motivierung und Bindung von MitarbeiterInnen durch ein Kollektiv sowohl gesellschaftspolitisch als auch unternehmerisch Sinn haben.

Auch abgesehen von den internen Strukturen findet man auf einer Reise durch die Deutschschweizer Genossenschaftsbeizenlandschaft grosse Unterschiede: Vom traditionellen Landgasthof in Sommeri über die autonome Kampfknelle in Bern oder das Gourmetlokal in Solothurn bis hin zur trendy Bar in Chur wird die ganze gastronomische Palette abgedeckt. Bei allen Unterschieden findet der Gast aber auch Gemeinsamkeiten, die auf fast alle Lokale zutreffen: ein reichhaltiges Kulturprogramm mit Konzerten, Lesungen, Kleinkunst und vielem mehr, ein nettes Angebot an Zeitungen, Zeitschriften, Brett- und Kartenspielen und - das mag Aussenstehende überraschen - eine gute Küche.

Die Zeiten, in denen die Genossenschaftsrestaurants eine «schiefe Ebene des Genusses» («SonntagsBlick») darstellten, sind längst passé, wenn dieses Image nicht sogar immer schon eine Abwehrreaktion der bürgerlichen Gastlichkeit gewesen war. Während in den letzten zwei Jahrzehnten in der bürgerlichen Gastronomie die Convenience-Küche ihren Triumphzug angetreten hat, wird in den meisten genossenschaftlichen Küchen mit frischen, lokalen und biologischen Produkten gearbeitet. Natürlich werken in den meisten Genossenschaftsbeizen nach wie vor Amateure am heissen Herd - aber wenn der ausgebildete Koch den Food im Steamer revitalisiert, während die Quereinsteigerin mit erstklassigen Produkten das Menü liebevoll von Hand zubereitet, wird dieser Unterschied hinfällig. Setzt man dann noch die Qualität der Grundprodukte ins Verhältnis mit dem Preis, gehören die Genossenschaftsbeizen zweifellos zu den preiswertesten Lokalen der Schweiz. Achtzehn von ihnen hat die WOZ besucht.

«Kreuz», Solothurn

1973 wurde das «Kreuz» zum Kollektiv. Damit ist das Lokal in der Solothurner Altstadt die älteste Genossenschaftsbeiz der Schweiz. Und die legendärste. Zahlreiche Geschichten und Anekdoten ranken sich um das auf den ersten Blick unauffällige Beizli im Schatten des imposanten Landhauses. Von den rund 400 Kollektivos, die in den vergangenen gut dreissig Jahren hier gewirkt und gewerkt haben, haben es einige auch später nicht zu einem anständigen Beruf gebracht: So standen neben anderen Peter Bichsel und Chris von Rohr am heissen Herd des «Kreuzes». Beide sind heute «no öppe» hier im heimeligen, mit Holz verkleideten Lokal. Bichsel mit einem Zweierli Roten, von Rohr mit einer Frau. In der Beiz mit dem alteidgenössischen Helvetia-Kreuz an der Fassade wurde die GSoA, die Gruppe Schweiz ohne Armee, gegründet. Auch die Solothurner Film- und Literaturtage haben hier ihren Ursprung. Und überhaupt: Wie in fast allen Schweizer Genossenschaftsbeizen wird auch im «Kreuz» viel Kultur serviert. Der Verein Kreuzkultur veranstaltet Kleinkunst, Konzerte, Theater und die legendären Discos.

Natürlich ist das «Kreuz» von 2005 nicht mehr das von 1973. Längst sind nicht mehr alle MitarbeiterInnen automatisch GenossenschafterInnen. Und: «Gründer und Gäste der ersten selbstverwalteten Beiz im Land tragen die Haare mittlerweile etwas kürzer als auch schon», wie das Internetportal www.seelandjura.ch beobachtet hat. Mittlerweile gibt es im «Kreuz» sogar eine Geschäftsführung. Immerhin eine weibliche. Möglich, dass die «Kreuz»-TrägerInnen ihre linken Positionen nicht mehr primär über interne Strukturen, sondern über externe Wirkung definieren. So bietet das durchweg rollstuhlgängige «Kreuz» geschützte Arbeits- und Erfahrungsplätze für behinderte und erwerbslose Jugendliche an. In den letzten Jahren wurden ausserdem zwei Dépendancen des «Kreuzes» eröffnet - wenige Meter nebenan die szenig-schlichte Cafébar Landhaus und in der warmen Jahreszeit die Sommerbeiz an der Aare. Und das «Kreuz» ist auch ein Hotel: Auf zwei Stockwerken bietet es zwölf grosszügige, einfache Zimmer.

Kreuz, Kreuzgasse 4, Solothurn. Tel.: 032 622 20 20. www.kreuz-solothurn.ch

«Baseltor», Solothurn

Die Genossenschaft des «Baseltors» wurde 1978 von einem Fahnenflüchtigen des «Kreuz»-Kollektivs gegründet. Zuerst wirtete man im Restaurant Löwen, 1992 zügelte die Genossenschaft ins «Baseltor». Heute ist das Lokal wohl die Genossenschaftsbeiz, in der man am besten isst. «Modernisierte Cucina della Nonna» nennt Chefköchin Pia Camponovo ihre knospenzertifizierte Küche. Eines der vielen kulinarischen Highlights: das Poulet mit Rohschinken. Und so ist das «Baseltor» auch das einzige genossenschaftlich geführte Restaurant, das im Gourmetführer «Gault Millau» erwähnt wird. Ganz geheuer ist den Testern das vorwiegend von Frauen geführte Genossenschaftsrestaurant aber nach wie vor nicht, und so faseln sie in ihren Bewertungen nach wie vor von «Körnlipickern», «Matriarchat» und «Quotenmann». Die klassische Genossenschaft ist im «Baseltor» längst Geschichte, das Restaurant wird innerhalb der Genossenschaft als Aktiengesellschaft und hierarchisch geführt. Auch sonst wird man im «Baseltor» den Eindruck nicht los, dass die genossenschaftlichen und linksalternativen Wurzeln etwas verloren gegangen sind.

Das Lokal im Patrizierhaus aus dem 17. Jahrhundert wirkt nicht nur von aussen bürgerlich, auch das Interieur im Parterre mit den schlichten Holztischen und dem Steinboden und das Ambiente mit einem eher konservativen, gut situierten Publikum wirken konventionell. Das allerdings auf unbestritten hohem Niveau. Und das Restaurant im ersten Stock mit den weiss gekalkten Wänden und ebensolcher Decke oder im Sommer das lauschige Gärtli sind wahre Bijoux. Ausserdem gibt das «Baseltor» mit seinen Gästezimmern laut der Architekturzeitschrift «Hochparterre» «Antwort darauf, was es in einem Stadthotel braucht: engagierte Wirte. Nicht übermässig Platz im Zimmer und Bad. Wenige, einfache Möbel genügen. Ein gutes Restaurant samt Bar ist viel mehr wert als ein Riesenzimmer mit Minibar.»

Baseltor, Hauptgasse 79, Solothurn. Tel.: 032 622 34 22. www.baseltor.ch

«SolHeure», Solothurn

«Die coolste Bar der Schweiz» und «ein architektonischer Leckerbissen» - vor zwei Jahren euphorisierte das neue «SolHeure» die WOZ. Und die Begeisterung ist ungebrochen. Der Schwesterbetrieb der Genossenschaftsbeiz «Baseltor» ist ein Ereignis. Das ehemalige Schlachthaus direkt an der Aare wurde vollständig ausgeweidet, sodass sich dem Gast ein hoher, grosser Raum mit meterhohen Fenstern öffnet. Eine Kathedrale der Gastlichkeit. Die ArchitektInnen Guido Kummer und Yasmin Grego haben die historische Bausubstanz mit unverputzten Wänden und dunklen Holzbalken mit modernen Elementen zurückhaltend und stilvoll ergänzt. Im Zentrum des Konzeptes steht die achtzehn Meter lange Bar, umgeben von einer grosszügig angelegten Lounge-Landschaft mit viel Raum, Licht und Transparenz. Über dem Raum schwebt als Galerie ein schwarzer Kubus, in dem die Toiletten und Büroräumlichkeiten untergebracht sind. Das Highlight im Sommer: die Terrasse direkt am Wasser. Das «SolHeure» versteht sich als Bar, Café und Restaurant in einem. Nebst dem grosszügigen Getränkeangebot (Highlights: Sirup vom Sirupier de Berne und die gespritzten Weine à la «SolHeure») stehen auch kleinfeine Snacks, Tapas und einfache asiatische Gerichte auf der Karte. Auffallend die angenehm durchmischte Gästestruktur. So cool kann Genossenschaft sein.

SolHeure, Ritterquai 10, Solothurn. Tel.: 032 625 54 34. Montag Ruhetag. www.solheure.ch

«Kreuz», Nidau

Mitten im historischen Zentrum des Städtchens Nidau bei Biel liegt ein heimeliges Beizli. Trotz der Passantenlage verirren sich nur wenige Einheimische oder TouristInnen in das Lokal. Die Genossenschaftsbeiz «Kreuz» hat sich ihren alternativen Charakter über all die Jahre bewahrt. 1982 wurde die Beiz von sieben jungen BernerInnen als selbstverwalteter Betrieb gegründet. Seitdem hat das «Kreuz» eine klassische Genossenschaftsbeizentwicklung durchgemacht, mit vielen Personalwechseln, vielen Richtungsänderungen, aber einer Kernidee, die stets überlebt hat. Der grösste Umbruch kam 1996: Abschied von der Selbstverwaltung und - man bekreuzige sich - Coca-Cola auf der Getränkekarte.

Heute wirtet ein Team mit Christina Kocher, Karin Weiss und Sandro Horat im Lokal mit der historischen Fassade. Im Winter im urchigen Stübli, dominiert von viel dunklem Holz, im Sommer im luftigen Saal. Die Qualität der Bilder an den Wänden und des Kaffees in der Tasse mag manchmal etwas zweifelhaft sein, aber seine wahre Bedeutung hat das Restaurant Kreuz gemeinsam mit dem Trägerverein Ono sowieso als Kulturveranstalterin mit Ausstrahlung weit über Nidau hinaus.

Kreuz Nidau, Hauptstrasse 33, Nidau. Tel.: 032 331 93 03. Mittwoch Ruhetag. www.kreuz-nidau.ch

«Lorraine», Bern

Die Brasserie «Lorraine» im gleichnamigen Berner Stadtteil war jahrzehntelang eine klassische Quartierbeiz, in der die BüezerInnen tagtäglich ihr Feierabendbier getrunken haben. «Tages Arbeit, Abends Gäste», steht noch heute über dem Eingang. Die meisten Lokale dieser Couleur sind in den letzten Jahren sanft entschlafen, die «Brass» hat überlebt, als Genossenschaftsbeiz.

Das proletarische Erbe mit dem holzlastigen Interieur und dem schnörkellos ehrlichen Angebot auf der Karte wurde erhalten. Ansonsten eine Genossenschaftsbeiz, wie man es sich vorstellt: Der Service kommuniziert nonverbal seine Abneigung gegen jegliche kapitalistische Anbiederung gegenüber dem Gast, aus den Boxen hämmert Punk, StudentInnen der Geisteswissenschaften verbringen ihren Nachmittag Schach spielend und lokales Bier trinkend, ungezählte Schiefertafeln und Plakate werben für einen Flohmi, Konzerte und Demos. Im Sommer das Gleiche im hübschen Garten.

Aus geschlechtlichen Gründen leider nicht getestet werden konnte die Frauenbeiz: Jeden zweiten Montagabend heisst es «Ladys only», und zwar sowohl im Lokal als auch in der Küche.

Brasserie Lorraine, Quartiergasse 17, Bern. Tel.: 031 332 39 29.

«Sous le Pont», Bern

Das «Sous le Pont», die Beiz des autonomen Kultur- und Begegnungszentrums Reitschule, hat «mit Schweizer Beizengemütlichkeit wenig zu tun», stellte die «Weltwoche» einst fest. Und tatsächlich, wenn man unter den feindseligen Blicken der Babypunks auf dem Vorplatz endlich den Eingang gefunden hat, geht der Kampf um einen Sitzplatz los. Das «Sous le Pont» ist radikal, laut und meistens überfüllt. Zwar ist die Stimmung toleranter als auch schon, aber noch immer hört man Storys von Gästen, die beschimpft wurden, weil sie ein Lacoste-Shirt trugen. Doch in der autonomen Kampfzone findet der Gast auch lukullische Highlights. Nebst dem einfachen, günstigen und dennoch überwiegend biologischen Foodangebot (probieren: das legendäre Schnitzelbrot) überrascht das Lokal mit einem reichhaltigen, lokalen Getränkesortiment: zwölf Sirupsorten vom Berner Sirupier, mehr als ein Dutzend Teesorten vom Berner Teelädeli Länggasse und eine vergleichbare Vielfalt an Bieren und Spirituosen. Dazu harter Sound, je später, desto lauter, mit etwas Glück sogar live oder als Disco. Jeden ersten Donnerstag im Monat die Solibeiz unter dem Motto «Solidarität geht durch den Magen»: Der Tagesgewinn bis 1000 Franken wird an ein politisches oder soziales Projekt gespendet, nicht um aktuelle Not zu lindern («dafür gibt es die Glückskette»), sondern um grundlegend Strukturen und ungerechte Verhältnisse zu verändern. Wer eine Beiz sucht, in der linke Gegenkultur konsequent gelebt wird, ist hier richtig.

Sous le Pont, Reitschule, Bern. Tel.: 031 306 69 55. Montag Ruhetag. www.reitschule.ch

«Café Zähringer», Zürich

Seit 1981 bietet das «Café Zähringer» im Niederdorf rund 25 Menschen einen eigenverantwortlichen Arbeitsplatz. Auch die Produkte sind «herrschaftsfrei», wie die Homepage deklariert. Will heissen: so weit wie möglich bio und von Kleinbetrieben. Das Ambiente in der Gaststube ist locker und gemütlich, das Publikum dank der Passanten- und Touristenlage gemischter als in vergleichbaren Beizen. Früher musste man oft (zu) lange auf eine Bestellung warten, wahrscheinlich weil sich die Kollektivos dem kapitalistischen Zeitdiktat nicht beugen wollten. In der Zwischenzeit wurde das Problem mittels Selbstbedienung elegant gelöst. Auch im Angebot: wechselnde Kunstausstellungen und politische Veranstaltungen.

Café Zähringer, Zähringerplatz 11, Zürich. Tel.: 044 252 05 00. www.cafe-zaehringer.ch

«Ziegel oh Lac», Zürich

Ja, das ist noch eine Genossenschaftsbeiz, wie man sie sich vorstellt! In der Beiz der Roten Fabrik herrscht das Kollektiv in Reinkultur mit gleichem Lohn und gleicher Mitbestimmung für alle MitarbeiterInnen. Grünpflanzen kämpfen tapfer gegen das spröde Industrie-Ambiente an, durch grosse Fenster blickt man auf den je nach Jahreszeit melancholisch schwappenden oder zum Baden ladenden See. Und im Sommer gibts an demselbigen natürlich eine Terrasse. Die ehemalige Industriehalle ist aufgeteilt in einen Trink-, Spiel-, Rauch- und Essbereich, und wer als Gast diese Regeln verletzt, kann die Mitarbeitenden durchaus auch mal reaktionär erleben. Überhaupt, die Bedienung am Buffet - nicht immer, aber auch nicht selten reichlich unfreundlich und schnodderig. Aber eben, man ist ja schliesslich in Zürich. Die Gäste kommen auch so, der «Ziegel» ist meistens voll bis übervoll. Das führt teilweise zu langen Schlangen - aber das sei ja ein typisches Bild für den real existierenden Sozialismus, wie ein User auf www.myzuri.ch kommentiert.

Ziegel oh Lac, Seestrasse 395, Zürich. Tel.: 044 481 62 42. www.rotefabrik.ch

«Widder», Winterthur

Durch den dunklen Raum streifen Hunde und wabern süssliche Düfte, das Publikum im und vor dem Lokal ist jung und gibt sich radikal. Die «Kifferhöhle ‹Widder›» ist ein irritierender Stachel in der kleinkrämerischen Behaglichkeit der Winterthurer Altstadt. Und vielleicht auch deshalb immer wieder Attacken von Rechtsextremen ausgesetzt. Doch das Lokal ist mehr als eine Frontlinie im Kampf der politischen Kulturen. Was man auf den ersten Blick kaum vermuten würde: Hier kann man auch - je nachdem, wer gerade in den Töpfen rührt - gut bis ausgezeichnet essen.

Widder, Metzggasse 9, Winterthur. Tel.: 052 213 72 98.

«Werkstatt», Chur

Seit Dezember 1999 findet man in einer ehemaligen Kupferschmiede mitten in der Churer Altstadt die einzige Genossenschaftsbeiz Graubündens. Meterhohe ockerfarbene Wände, eine Holzgalerie, stützende Holzbalken, eine grosse Fensterfront; ein reizvoller Mix aus nostalgischem Industriecharme und stilvoller Schlichtheit - die Kulturbar «Werkstatt» ist ein gastronomisch-architektonisches Bijou, wie man sie mittlerweile fast häufiger in kleineren Städten findet als in den grossen urbanen Zentren.

Als Bar ohne eigentliches Foodangebot überzeugt die «Werkstatt» mit einer grosszügigen und erlesenen Getränkeauswahl jenseits des in Bars üblichen unterschwelligen Zwangs zum Alkoholkonsum: So findet man in der «Werkstatt» nebst dem klassischen Sortiment auch eine grosse Auswahl an Tees. Ebenfalls sehr zu empfehlen: der leckere und durchaus stimulierende Hanfmost. Ausserdem jeden Sonntag von 9 bis 14 Uhr ein Frühstücksbuffet à discrétion. Regelmässig zu Gast ist Gisula Tscharner mit ihrer «WildeWeiberBar» und ihren selbstgemachten Feld-, Wald- und Wiesenschnäpsen. Ergänzt wird das lukullische Angebot durch eine Auswahl an Brett- und Kartenspielen, Zeitungen und Zeitschriften (einziger Makel: keine WOZ!) und eine kleine Bibliothek. Und natürlich durch das Kulturangebot, den eigentlichen Sinn, Zweck und das Ziel der Genossenschaft: Konzerte, Lesungen, Tanzpartys, Ausstellungen, politische Veranstaltungen, Montagskino. Ein besonderer Clou: An einer CD-Station kann man bereits mal in den nächsten Konzert-Act reinhören. Egal ob für eine lauschige Partie Schach in Begleitung einer Kanne Tee an einem verregneten Sonntagnachmittag oder für eine rauschende Konzertnacht: Die «Werkstatt» ist die alternative Oase einer ganzen Region.

Werkstatt, Untere Gasse 9, Chur. Tel.: 081 252 20 20. Jeweils am Abend geöffnet. www.werkstattchur.ch

«Schwarzer Engel», St. Gallen

Fast als platze man in eine fremde Stube - wer den «Schwarzen Engel» als Nichtinsider betritt, wird von den Stammgästen und Kollektivos erst mal neugierig bis misstrauisch beäugt. Bedient wird man dann durchaus freundlich, wenn auch mit ostschweizerischer Zurückhaltung gegenüber dem Fremden und mit immer noch staunendem Blick. Nicht weiter verwunderlich, wird das Lokal trotz Passantenlage in der St. Galler Altstadt fast nur von einem engen Zirkel von Eingeweihten frequentiert. Hier hat sich eine Clique von jungen Menschen eine zweite Stube geschaffen. Eine durchaus gemütliche übrigens. Schlichte Tische und Stühle, kleinfeine Bar, Leseecke mit Sofa, üppige Zeitschriftenauswahl, manchmal Livemusik. Die Küche wie beim Hippiemami, mit viel Liebe gekocht, gesund und vollkörnig.

Schwarzer Engel, Engelgasse 22, St. Gallen. Tel.: 071 223 35 75.

«Linde», Heiden

Die zweitjüngste Schweizer Genossenschaftsbeiz hat turbulente Zeiten hinter sich. Im November 2003 euphorisch von vier Frauen als Kulturbeiz und -hotel gegründet, ist nach den ersten eineinhalb Betriebsjahren die Begeisterung verflogen. Verlust von 54 000 Franken, Abgang von drei der vier Gründerinnen, Kündigung von rund zwei Dritteln der Mitarbeitenden, und zu allem Überdruss brannte auch noch ein Geschäftsführer durch und «hinterliess einen grösseren finanziellen Schaden», wie das «St. Galler Tagblatt» berichtet. Trotzdem, die «Linde» steht noch, und sie wird weiterhin genossenschaftlich geführt. Mitten im Biedermeierdorf Heiden findet man das traditionelle Appenzeller Gasthaus mit viel Holz und einem Sprutz Moderne in Form von wechselnder Kunst an den Wänden. Von «anders essen» allerdings schmeckt man hier nicht mehr viel, in ihrem Spagat zwischen linker Gegenkultur und den konservativen Bedürfnissen der DorfbewohnerInnen setzt die «Linde» auf Schnipo und Rösti mit Bratwurst. Wegen der Kulinarik muss man also nicht nach Heiden reisen. Aber vielleicht wegen der Kultur im wunderschönen Arvensaal. Hier werden Kleinkunst, Lesungen und Konzerte zelebriert. Hoffentlich noch lange.

Linde, Poststrasse 11, Heiden. Tel.: 071 891 14 14. www.lindeheiden.ch

«Lion», Bischofszell

Im vergangenen Sommer wurde das Hotel Le Lion in Bischofszell aus seinem fast hundertjährigen Dornröschenschlaf geküsst. Das Restaurant im gleichen Haus sollte eigenständig geführt werden. Und schon war der Pionier der Thurgauer Genossenschaftsbeizenszene zur Stelle. Nach dem «Löwen» in Sommeri und dem «Frohsinn» in Weinfelden hat Walter Dahinden nun in Bischofszell die dritte selbstverwaltete Beiz eröffnet. In der Gaststube allerdings ist von linker Gegenkultur wenig zu spüren und sehen: Konventionelles Interieur, bunt gemischtes bürgerliches Publikum - abgesehen von der Bioküche unterscheidet sich das «Lion» hier durch nichts von hunderten anderer kleinstädtischer Bistros. Ein Besuch lohnt sich trotzdem: wegen des Innenhofs mit mediterranem Charme und vor allem wegen des historischen Gewölbekellers mit offenem Cheminée, wo auch regelmässig Konzerte stattfinden.

Lion, Grubplatz 2, Bischofszell. Tel.: 071 422 80 20. www.lion-bischofszell.ch

«Frohsinn», Weinfelden

Ein bisschen sieht das «Frohsinn» aus wie das Häuslein einer freundlichen Hexe: verspielt und verschachtelt, hell und freundlich, frohsinnig halt. Zufall, dass das Lokal von Frauen geschmissen wird? Highlights der putzigen Architektur mit den drei Stockwerken und dem dominierenden hellen Holz: der lauschige Garten und die rauchfreie Galerie direkt unter dem Dachgiebel. Das sonnige Ambiente überträgt sich auch auf den Service. Oder umgekehrt. Noch sympathischer wird das Lokal durch sein kinderfreundliches Angebot: Kinderkarte, Spiele und Kinderbücher, Sandkasten. Auch volljährige Kinder kommen auf ihre Kosten: durch ein hübsches Angebot an Brett- und Kartenspielen, beim 1.-August-Spielabend, «Frohsinn» -Grümpel- oder Frauen-Jass-Turniere. Und natürlich wird auch hier Kultur zelebriert: Konzerte, Lesungen, Openair-Filmnächte, Ausstellungen, multikulturelle Anlässe. Seit 1988 wird der Frohsinn von einer Genossenschaft geführt, die seit dem Umbau Anfang der Neunziger auch die Liegenschaft besitzt. Seit 2003 mit einer hervorragenden Knospenküche.

Frohsinn, Wilerstrasse 12, Weinfelden. Tel.: 071 622 30 40. Sonntag Ruhetag. www.frohsinn-weinfelden.ch

«Löwen», Sommeri

Es ist nicht ganz einfach, Sommeri mit dem öffentlichen Verkehr zu erreichen. Am einfachsten fährt man mit dem Zug bis Amriswil und geht die restliche Strecke zu Fuss. Eine hübsche Wegstrecke führt über Hefenhofen hin zum idyllischen Thurgauer Dörfli. Der halbstündige Spaziergang lohnt sich: Der «Löwen» präsentiert sich als stattlicher und prächtiger Landgasthof mit einem lauschigen Vorgarten und wohltuend schlichtem Interieur. Das Publikum ist bunt gemischt, das kulinarische Angebot auch: von Konventionellem wie Spaghetti carbonara bis hin zu klassisch Alternativem wie Couscous oder Borschtsch. Rund die Hälfte der Gerichte ist vegetarisch, vor zwei Jahren wurde die Küche (übrigens als erste im Kanton Thurgau) knospenzertifiziert. Der «Löwen» ist der brüllende Beweis, dass man auch mit klassischen Genossenschaftsstrukturen Gastronomie auf hohem Niveau betreiben kann: Hier bestimmen alle fest angestellten Mitarbeitenden gleichberechtigt mit, alle arbeiten sowohl in der Küche als auch im Service. Der von der Beiz finanziell unabhängige Verein Löwenarena organisiert im buchenhölzernen Löwensaal kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte, Lesungen, Theater. 2003 wurde das Vierteljahrhundert Engagement belohnt: Es gab den Thurgauer Kulturpreis.

Löwen, Hauptstrasse 23, Sommeri. Tel.: 071 411 30 40. Montag und Dienstag geschlossen. www.loewen-sommeri.ch, www.loewenarena.ch

«Zum Eichenen Fass», Schaffhausen

Das «Eichene Fass» macht eigentlich nichts anderes als andere Genossenschaftsbeizen auch. Nur besser und konsequenter. Die Nahrungsmittel wenn immer möglich frisch, naturnah und artgerecht aus der Region sowie claro, Fair Trade und Max Havelaar; die Patisserie aus der hauseigenen Bäckerei; das Essen mit viel Sorgfalt und erstklassigen Zutaten gekocht; die Bühne als Plattform für den ersten Auftritt von KünstlerInnen und Kulturschaffenden; Konzerte, Theater, Lesungen, Kunstausstellungen, Kinoabende, Feste, Computerpartys, Sonntagsbrunchs und vieles mehr. Die Lage in einem idyllischen Innenhof in der Altstadt, dicke, weiss gekalkte Wände, rustikales Holz und grosse Fenster mit Blick auf den Innenhof generieren ein freundliches, helles und lockeres Bistroambiente. Und: In keiner anderen Genossenschaftsbeiz war der Service so herzlich und herzhaft wie hier.

Zum Eichenen Fass, Webergasse 13, Schaffhausen. Tel.: 052 625 46 10. Sonntag Ruhetag. www.fassbeiz.ch

«Hirscheneck», Basel

Das «Hirschi» ist eine Genossenschaftsbeiz wie aus dem Bilderbuch. Seit einem Vierteljahrhundert ist es erklärtes Ziel, die Welt zu verändern. An der Hauswand kündet die rotschwarze Fahne von Anarchie und Sozialismus, siebzehn Kollektivos arbeiten ohne Hierarchie und fast ohne Geld. Die Stimmung im schlicht gehaltenen Lokal mit dem Barbereich für die Insider und dem «Säli» für die übrigen Gäste variiert je nach Tageszeit: Während am Nachmittag ein gemischtes Publikum entspannt parlierend oder lesend die Zeit verstreichen lässt, wird es vor allem an den Wochenenden am Abend parallel zu den legendären Punkrockkonzerten unten im Keller laut und verraucht. Der Service entpuppt sich als Wundertüte, da sich die Kollektivos vorgenommen haben, sich nicht zu verstellen, auch wenn sie mies drauf sind. Glücklicherweise für alle Beteiligten sind sie meistens doch recht gut gelaunt. Weniger Schwankungen unterworfen ist die Küche: Unter dem Motto «Für die Gäste nur das Bäste» werden saisonale und biolokale Zutaten kreativ und mit viel Idealismus und Sorgfalt gekocht.

Hirscheneck, Lindenberg 23, Basel. Tel.: 061 692 73 33. www.hirscheneck.ch

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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