Wirtschaft zum Glück : «Ich bin stolz, dass es im Moment so gut funktioniert»

Nr. 45 -

Es gibt Besseres, als sich beim unvermeidlichen Geldverdienen fremdbestimmt herumkommandieren zu lassen, sagt die Vernunft. Doch der heutige Berufsalltag gibt den allermeisten dazu keine Gelegenheit. GenossenschaftsbeizerInnen versuchen, in ihrem Alltag vernünftig zu bleiben.

Heute hat der Gasthof «Löwen» im thurgauischen Sommeri Ruhetag. Am Tisch in der hellen Gaststube sitzen eine Sozialpädagogin, ein Filmproduzent, eine ehemalige Studentin der Religionswissenschaft und ein Keramiker: Karin Sauter (51) arbeitet seit 23 Jahren im «Löwen» in Küche, Beiz und Kulturgruppe. Res Balzli (59) war Mitgründer, zeitweise Mitarbeiter und ist bis heute Mitbesitzer der Genossenschaft «Kreuz» in Nidau bei Biel. Corinne Nüscheler (29) und Michel Siegfried (25) arbeiten im Beizenkollektiv der Brasserie Lorraine in Bern – sie seit viereinhalb Jahren in Service und Personalgruppe, er seit zwei Jahren in Service und Kulturgruppe.

Für einen Erfahrungsaustausch ist dieser Landgasthof der richtige Ort: Als der «Löwen» im Januar 1978 als Genossenschaftsbeiz eröffnet wurde, gab es daneben bloss das «Kreuz» in Solothurn (seit 1973) und das «Rössli» in Stäfa (1976). Ebenfalls 1978 öffneten das «Fass» in Schaffhausen, das «Rössli» in Mogelsberg und das «Hirscheneck» in Basel. Um 1980 schienen selbstverwaltete Genossenschaften zur gesellschaftsverändernden Bewegung heranzuwachsen – auch viele neue Beizen entstanden. Neben dem «Widder» in Luzern oder dem «Zähringer» in Zürich zum Beispiel die Brasserie Lorraine in Bern und das «Kreuz» in Nidau.

Die Geschichte von der Gründung

«Wir wollten damals die Welt verändern», beginnt Res Balzli, «wir waren der Meinung, gegen die Machtstrukturen und die Ausbeutung der herrschenden Wirtschaft Widerstand leisten und rebellieren zu müssen. Darum keine Chefs, sondern Lohngleichheit und Basisdemokratie.» Er erinnert sich, man habe in der ersten Zeit Stammgäste wegen frauenfeindlicher Sprüche zurechtgewiesen. Karin Sauter erzählt, dass man «die Falschen» demonstrativ unfreundlich bedient habe, wenn sie sich in die Gaststube verirrt hätten. Und in der Brasserie Lorraine, in Bern kurz «Brass» genannt, sind zwar heute alle – ohne Konsumationszwang – willkommen, so Corinne Nüscheler, «bloss sollen sie wenn möglich nicht gerade eine Uniform tragen».

So haben die drei Beizen damals gestartet:

  • Der «Löwen» wird – von St. Gallen über Rorschach bis Konstanz – schnell zum regionalen Treffpunkt der alternativen Subkultur.
  • Die «Brass» wird, mitten im Berner Lorraine-Quartier, nach der polizeilichen Schliessung des damaligen Autonomen Jugendzentrums Reithalle im April 1982 zu einem zentralen Treffpunkt der damaligen Jugendbewegung.
  • Die KollektivistInnen in Nidau dagegen werden zuerst einmal mit der Tatsache konfrontiert, dass am Rand der traditionsreichen Arbeiterstadt Biel niemand auf sie gewartet hat. Res Balzli: «Nach der ersten Neugierde blieben die Leute weg. Vor allem am Samstagabend war tote Hose.»

Man tut im «Kreuz» deshalb das, was damals viele Genossenschaftsbeizen tun, um Publikum anzuziehen: Man gründet einen von der Genossenschaft unabhängigen Verein, der den Beizensaal mit kulturellen Anlässen bespielt. Die Kombination von alternativem Beizen- und Kulturbetrieb wird landauf, landab zum Erfolgsrezept: Sie stabilisiert die Projekte nicht nur finanziell, sondern ermöglicht den Kollektiven auch, über das Projekt hinaus politisch-kulturell in Erscheinung zu treten.

Die Sache mit dem Chef

Es gibt kaum einen selbstverwalteten Betrieb, dessen Gründung nicht mit Idealen wie «Alle machen alles» oder «Basisdemokratische Diskussion bis zum Konsensentscheid» befeuert worden wäre. Und keinen gibt es, in dem die Praxis die Ideale nicht schnell aufs Praktikable heruntergeschliffen hätte. «Alle machen alles» stand gegen die Arbeitseffizienz und -qualität, der Vollversammlungskonsens gegen die Handlungsfähigkeit bei arbeitsteiligen Produktionsabläufen.

Das Kollektiv des «Löwens» ist bis heute klein genug, um die Bereiche von Küche und Service durchlässig zu halten. Karin Sauter wechselt nach Bedarf die Funktion und schätzt das. In der «Brass» dagegen arbeiten die dreizehn KollektivistInnen entweder in der Küche oder im Service (zusätzlich in einer der Arbeitsgruppen Kultur, Büro, Personal oder Unterhalt). Auch im «Kreuz» sei man, so Res Balzli, nach der ersten «Alle machen alles»-Euphorie schnell zur arbeitsteiligen Organisation übergegangen.

Was die Machtverhältnisse betrifft, gebe es sicher, so Karin Sauter, «informelle, nicht ausgesprochene Hierarchien». Sie entstünden mit der Zeit wegen des Erfahrungswissens und der angeeigneten Kompetenz der Altgedienten: «Wer schon länger dabei ist, sagt den Neulingen, wie es laufen muss, damit der gewünschte Standard erreicht und gehalten werden kann.» In der «Brass» spielen auch informelle Hierarchien zurzeit eine kleine Rolle, weil das Team sehr jung ist.

Den weitesten Weg hat man in Nidau gemacht. Lebten zuerst alle sieben GenossenschafterInnen unter einem Dach und praktizierten Basisdemokratie in Arbeit und Zusammenleben geradezu rigide, so scheiterte der Betrieb später trotz oder gerade wegen einer formellen Geschäftsleitung (vgl. «Zurzeit geschlossen»).

Und der Konsens? Obschon an den regelmässigen Sitzungen mit dem ewigen Thema der Arbeitspläne wenn nötig abgestimmt wird, hat man den Konsens immer im Auge. Im «Löwen» wendet man deswegen, so Karin Sauter, manchmal einen «Minderheitenschutz» an: «Geht es um das Herzblut einer Minderheit, kommt es vor, dass die Mehrheit das Geschäft durchwinkt, obschon sie die Minderheit überstimmen könnte – dem Konsens zuliebe.» Balzli erinnert sich, dass im «Kreuz» trotz «Überdruss bis zur Sitzungsphobie» abzustimmen lange verpönt gewesen und grundsätzlich der Konsens angestrebt worden sei: «Die Suche nach dem Konsens macht Entscheidungsprozesse zwar schwerfällig, aber dauerhaft, denn eine überstimmte Minderheit neigt dazu, das Thema später wieder aufzugreifen.» Am Tisch ist man sich einig, dass Abstimmen kurzfristig einfacher, aber – Basisdemokratie vorausgesetzt – oft nicht nachhaltig ist.

Das Problem mit dem Lohn

In allen drei Kollektiven hat man in der Gründungszeit einen Stundenlohn von 6 bis 7 Franken ausbezahlt. Der Erfahrungsaustausch zeigt, dass sich das Lohnniveau über die dreissig Jahre ungefähr parallel entwickelt und der Stundenlohn stets etwa dem Preis eines Mittagsmenüs entsprochen hat.

Während die «Brass» Lohngleichheit mit freiwilliger Betriebskinderzulage anwendet, praktiziert man im «Löwen» ein Stundenlohnsystem mit Dienstalterszulagen. Während «Brass» und «Löwen» bis heute Stundenlöhne bezahlen, führte man im «Kreuz» früh ein Monatslohnsystem mit kompensierbaren Überstunden ein. In allen drei Projekten hat man die Trinkgelder seit je in einen Pool gegeben und brüderlich respektive schwesterlich aufgeteilt.

Teilzeitarbeit ist die Regel. In der «Brass» gilt, dass pro Monat mindestens 90 Arbeitsstunden geleistet werden. Der Einheitslohn entspricht mit netto 19 Franken pro Stunde plus einem Gratisessen pro Schicht ungefähr dem Minimallohn des Landesgesamtarbeitsvertrags im Gastgewerbe. Im «Löwen» verdient man 20 bis 25 Franken; für das Essen (à discrétion) wird pro Arbeitsstunde 1.80 Franken abgezogen.

Finanziell wirklich hart wurde es in den Genossenschaftsbeizen immer dann, wenn sich trotz Minimallöhnen ein Defizit abzeichnete: Im «Kreuz» senkte das Kollektiv in der ersten Baisse den Stundenlohn von 7 auf 6 Franken; im «Löwen» glich man mehrmals rote Zahlen mit «Negativgrati» aus. Karin Sauter: «Lag Ende Jahr ein Defizit vor, mussten pro geleistete Arbeitsstunde zum Beispiel 50 Rappen an die Genossenschaft zurückbezahlt werden.»

Die Frage nach der Zukunft

Was motiviert heute, in einer Genossenschaftsbeiz zu arbeiten? Corinne Nüscheler: «Mir ist die Vielseitigkeit der Arbeit wichtig, die ich hier mache. Je mehr ich den Überblick kriege, desto spannender wird sie. Am schönsten ist es, wenn alle am gleichen Strick ziehen und mit gemeinsamer Anstrengung etwas Spezielles gelingt.» Für Karin Sauter sind die «umweltfreundlichen, saisonal produzierten Lebensmittel» die eine Motivation. Die andere sei die Möglichkeit, «selbstverwaltet, mit einer Gruppe etwas zu erschaffen»: «Das ist es, was ich will.»

Die Motivationen, in einem selbstverwalteten Betrieb zu arbeiten, sind nicht viel anders als vor dreissig Jahren. Verändert jedoch hat sich die Perspektive: Heute ist der gesellschaftliche Aufbruch der selbstverwalteten Produktions- und Dienstleistungsbetriebe bloss noch ein zeitgeschichtliches Kuriosum. Res bedauert, dass Genossenschaftsbeizen vermutlich «ein Auslaufmodell» seien: «Wie sich das kapitalistische Wirtschaften über Jahrhunderte entwickelt hat, müsste auch das alternative Wirtschaften mehr Zeit bekommen, um sich zu entwickeln.»

Für Karin ist die damalige Bewegung auch an der mangelnden Vernetzung gescheitert: «Im schwierigen Alltag hat jede Genossenschaft für sich gewurstelt und langsam die Kontakte verloren.» Dazu komme heute das Desinteresse der jungen Generation. Ihre frustrierenden Erfahrungen bei der Suche nach einem neuen Koch fasst sie so zusammen: «Heute dominieren Karriereträume und individuelle Perspektiven. Da ist es schwierig, wenn man nicht nur eine Arbeitskraft, sondern zusätzlich einen Genossenschafter sucht. Was machen wir, wenn die Jungen den Sinn des genossenschaftlichen Engagements nicht mehr einsehen?»

Aber Corinne Nüscheler sagt: «Ich bin stolz, dass es die Brasserie Lorraine dreissig Jahre lang gibt und dass sie im Moment so gut funktioniert.» Und Michel Siegfried: «Sicher geht es heute weniger darum, die Welt zu verändern, als darum, eine andere Form des Wirtschaftens weiterzuführen und Tag für Tag zu zeigen: Es gibt andere Wege, um wirtschaftlich zu funktionieren.»

Die beiden Jungen erzählen, dass zurzeit Bemühungen laufen, Genossenschaftsbeizen besser zu vernetzen. Zusammen mit «Zähringer» (Zürich), «Sous le Pont» (Bern), «Schwarzer Engel» (St. Gallen), «Widder» (Winterthur) und «Hirscheneck» (Basel) hat die «Brass» an mehreren Treffen teilgenommen: «Einerseits geht es um den Erfahrungsaustausch, wir haben ja alle ähnliche Probleme und müssen nicht dauernd das Rad neu erfinden, andererseits könnte vermehrte Zusammenarbeit längerfristig zu gemeinsamem Einkauf oder zu gemeinsamen Lösungen bei den Sozialversicherungen führen.» Für 2012 ist der Austausch von MitarbeiterInnen geplant.

An diesem Nachmittag im «Löwen» Sommeri hat Corinne Nüscheler das letzte Wort: «Es ist nicht das erste Mal, dass ich Ältere aus der Selbstverwaltungsszene skeptisch reden und nostalgisch von früher erzählen höre. Aber für mich zählt, dass es auch heute funktionieren kann.»

Der deutsche Verein Kunst des Scheiterns e.V. 
führt Interviews mit Menschen, die in Kollektiven arbeiten oder gearbeitet haben. Die Ergebnisse werden auf kds.grupponet.org ausgewertet.