Nr. 35/2014 vom 28.08.2014

Retortenbabys aus der Retortenstadt

Seit Indien Leihmutterschaft nur noch im Auftrag verheirateter heterosexueller Paare gestattet, boomt das Geschäft in Mexiko. Am Sonnenstrand von Yucatán werden All-inclusive-Pakete angeboten.

Von Carolin Schurr, Cancún (Text) und Lika Nüssli (Illustration)

Wer früh am Morgen an den Hotels von Cancún vorbeischlendert, kann die Exzesse des Vorabends erahnen. Flaschen und Scherben überziehen den Bürgersteig, die Angestellten der Clubs säubern mit Wasserschläuchen die Bars und Bürgersteige von Urin und Erbrochenem. Cancún, das in den 1970er Jahren an der Atlantikküste der mexikanischen Halbinsel Yucatán in Beton gegossen wurde, ist für feierwütige US-AmerikanerInnen das, was Mallorca für EuropäerInnen ist: Sonne, Strand, billiger Alkohol und schneller Sex. Ein «Cancún-Baby» war lange Zeit Synonym für das Ergebnis eines allzu sorglosen Ferienspasses.

Seit knapp zwei Jahren hat das Wort eine völlig neue Bedeutung erhalten. In der Retortenstadt kommen jetzt auch die Babys aus der Retorte. Cancún ist zu einer neuen globalen Destination für Leihmutterschaftstourismus geworden. Fruchtbarkeitskliniken und Leihmutteragenturen werben mit einem All-inclusive-Paket: 49 000 US-Dollar kostet die Erfüllung des Traums vom «Cancún-Baby», zur Welt gebracht mithilfe reproduktiver Technologie und einer mexikanischen Leihmutter. Das Paket enthält die Kosten für eine Eizellenspende, eine In-vitro-Fertilisation, den Lohn für die neunmonatige Arbeit der Leihmutter, ihre medizinische Betreuung und den finalen Kaiserschnitt; genauso die Gebühren von Anwälten und Notaren und den Anteil der Agentur.

Laxe Gesetze

Die Dienste einer Leihmutter in Anspruch zu nehmen, ist für viele Paare der letzte Schritt eines langen Leidenswegs von Fehlgeburten, erfolglosen Fruchtbarkeitsbehandlungen und gescheiterten Adoptionsversuchen. Alleinstehenden und homosexuellen Männern helfen sie, sich den Traum vom eigenen Kind zu erfüllen. Gerade für Homosexuelle ist Cancún zum letzten Ort der Hoffnung geworden: Indien, wo es eine regelrechte Leihmütterindustrie gibt, erlaubt Mietmutterschaft seit 2012 nur noch für verheiratete heterosexuelle Paare. In Russland, der Ukraine und Georgien können ebenfalls nur heterosexuelle Paare legal eine Leihmutter anheuern. In Thailand hat die jetzt herrschende Militärregierung dem Leihmuttergeschäft einen Riegel vorgeschoben.

Das spanische Paar Luis und Miguel hatte stundenlang im Internet recherchiert und sich mit Wunscheltern in Foren über die besten Möglichkeiten für schwule Paare ausgetauscht. Ihren Nachnamen wollen sie nicht in der Zeitung lesen. «Thailand war der klare Favorit», erzählen sie, «aber mit der Militärregierung war uns das zu heikel.» Dann hörten sie von Mexiko und waren begeistert. Für drei Wochen sind sie ins Land gekommen und haben in einer Klinik in Cancún den Vertrag unterzeichnet. Luis hinterlässt seine Spermien, danach reisen sie über die Mayaruinen von Palenque nach Villahermosa in Tabasco, um dort die Leihmutter kennenzulernen.

Leihmutterschaft ist in Mexiko nur im Bundesstaat Tabasco erlaubt. Ein Abgeordneter hatte dort 1997 das Zivilgesetzbuch um einen entsprechenden Passus erweitert, um seiner Frau und sich selbst ein Kind mit Hilfe einer Leihmutter zu ermöglichen. «Lange waren es nur wenige Fälle», berichtet ein Arzt in Villahermosa, «mexikanische Paare mit verschiedenen Fruchtbarkeitsproblemen. Als Leihmutter diente meist die Schwester, die Cousine oder oft auch die Hausangestellte.» Auf der Geburtsurkunde stand der Name der Bestellmutter.

Agentur und Facebook

Nachdem Indien seine Gesetze verschärft hatte, nahm die Agentur Planet Hospital als Erste Mexiko ins Programm. Doch im Februar dieses Jahres ging die Firma bankrott. Über zwanzig Paare hatten geklagt: Planet Hospital hatte zwar ihr Geld genommen, aber ein «Cancún-Baby» gab es nicht. Immer wieder wurden die Wunscheltern vertröstet, bis ans Licht kam, dass die Agentur auch mehrere Kliniken in Cancún und Villahermosa betrogen hatte.

Leidtragende sind nicht nur die geprellten Wunscheltern. Ein Dutzend Leihmütter, die im Leihmutterhaus von Planet Hospital lebten, spürten die Konsequenzen am eigenen Leib. Maria, die bereits schwanger war, als Planet Hospital pleiteging, wusste bis kurz vor der Geburt nicht, wer die Eltern ihres Kindes sind. Ihren Nachnamen will sie nicht nennen. Einen Vertrag hatte sie nie unterzeichnet. Allein reiste sie von Cancún nach Villahermosa, suchte dort eine Unterkunft. Ihre Vermieterin brachte sie ins Krankenhaus, als die Fruchtblase platzte. Bei der Geburt war sie allein – ohne Unterstützung der Agentur oder der zukünftigen Eltern. Die Eltern waren zu spät von der Chefin der Leihmutteragentur benachrichtigt worden und meldeten sich erst, als das Kind schon auf der Welt war. «Für die Chefin war am Ende nur wichtig, dass die Eltern bezahlen», berichtet die Leihmutter. Leihmütter, die wussten, wer die Schwangerschaft in Auftrag gegeben hatte, haben die Wunscheltern selbst kontaktiert. Andere wechselten einfach die Agentur.

Seit vier Wochen ist Maria wieder zu Hause in Mexiko-Stadt. Die 13 000 US-Dollar, die sie mit Schwangerschaft und Geburt verdient hat, haben nicht weit gereicht. Sie musste die Krankenhausrechnungen ihres asthmakranken Sohns bezahlen. Der Traum vom eigenen Haus bleibt vorerst ein Traum. Um ihn zu verwirklichen, will sich Maria noch einmal als Leihmutter anbieten, dieses Mal ohne Agentur. Über Facebook hat sie Kontakt zu einem mexikanischen Paar aufgenommen, das eine Leihmutter sucht.

Carolin Schurr ist Branco-Weiss-Fellow am Geographischen Institut der Universität Zürich. Sie forscht derzeit über den transnationalen Markt für Leihmutterschaft in Mexiko.

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