Nr. 10/2015 vom 05.03.2015

Schwanger, wenn es fürs Geschäft passt

«Mein Bauch gehört mir» – wer das heute als Frau behauptet, blendet aus, wie sehr sich die Verhältnisse mit den Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin kompliziert haben. Dem weiblichen Ei droht eine Vergesellschaftung.

Von Ulrike Baureithel (Text) Und Corinna Staffe Jud (Illustration)

Es könnte ein heisser politischer Sommer werden in der Schweiz. Am 14. Juni ist das Volk aufgerufen, über eine Verfassungsänderung zur Fortpflanzungsmedizin abzustimmen, konkret über die Zulässigkeit der vorgeburtlichen Selektion von Embryonen im Reagenzglas (Präimplantationsdiagnostik, kurz PID). Wird die Verfassungsvorlage angenommen, tritt auch das vom Parlament verabschiedete entsprechende Gesetz in Kraft.

Brisant ist dies auch deshalb, weil das Parlament die ursprüngliche Vorlage erheblich erweitert hat: Statt die PID nur Paaren zu erlauben, deren Nachwuchs von einer schweren erblichen Krankheit betroffen sein könnte, würde das nun vorliegende Gesetz darauf hinauslaufen, das Chromosomen-Screening auf alle in der Retorte gezeugten Kinder anzuwenden. Falls die Schweizer Bevölkerung der Verfassungsänderung zustimmt, haben die Evangelische Volkspartei (EVP), aber auch Behindertenorganisationen und der Basler Appell gegen Gentechnologie (neu: Biorespect) bereits ein Referendum gegen das verabschiedete Gesetz angekündigt.

Dass gleichzeitig ein vorgeburtlicher Test auf den Markt gekommen ist, der ohne grösseren Eingriff erlaubt, das Geschlecht eines Embryos frühzeitig zu erkennen, ist ein weiterer Anlass, um gegen die Ausweitung von pränatalen Untersuchungen zu intervenieren. Ein Schwangerschaftsabbruch aufgrund des Geschlechts ist in der Schweiz zwar verboten, aber ist das Geschlecht einmal festgestellt, lässt sich in der Praxis kaum überprüfen, welche Gründe wirklich zu einem Abbruch führen. Um das Missbrauchsrisiko einzudämmen, könnten immerhin Labors dazu verpflichtet werden, das Geschlecht des Embryos nicht bekannt zu geben.

Wie weit dürfen die reproduktiven Rechte Einzelner gehen in einer Gesellschaft, die individuelle Entscheidungsfreiheit zu ihrem Credo erhoben hat? Im Herbst vergangenen Jahres sorgte ein in Europa absurd anmutender Vorstoss aus den USA für Furore. Die Unternehmen Apple und Facebook offerierten ihren Mitarbeiterinnen im Rahmen eines familienpolitischen Gesamtpakets, zu dem auch Babyprämien oder der Zuschuss zur Geschlechtsumwandlung gehören, für das Einfrieren ihrer Eizellen aufzukommen.

Umgerechnet rund 8500 Franken lassen es sich die Firmen kosten, gut ausgebildete Frauen bei der Stange zu halten und ihnen zu ermöglichen, unbeschwert von Kindern ihrer Karriere nachzugehen. Die Verwirklichung des Kinderwunschs wird auf diese Weise auf später verschoben, so etwa in die Enddreissiger, wenn MitarbeiterInnen gerade im IT-Bereich ohnehin zum «alten Eisen» gehören. Werden Eltern, die früher für eine Aussteuer oder eine Ausbildungsversicherung vorgesorgt haben, künftig also möglicherweise auf die Idee verfallen, ihren Töchtern zur Volljährigkeit ein «egg freezing» zu schenken?

Gebildete Frauen im Fokus

In Europa ist die finanzielle Hemmschwelle niedriger als in den USA: In Deutschland kosten das Einfrieren und die Lagerung von Eizellen zwischen 2100 und 3200 Franken, die bislang einzige Anbieterin in der Schweiz, eine österreichische Privatklinik in Niederuzwil, nimmt dafür 3000 Franken. Sie kam in die Schlagzeilen, nachdem der Kanton St. Gallen beim Verwaltungsgericht die Rechtmässigkeit dieser Fortpflanzungsmethode hatte überprüfen lassen. Die Verwaltungsrichter urteilten Ende 2013 zugunsten der Klinik: Aus ethischer Sicht gebe es keine Gründe für ein Verbot.

Schweizer Frauen, die spät schwanger werden wollen, können ihre Eizellen also auch weiterhin bis zu fünf Jahre einfrieren, bevor sie einen Versuch unternehmen, damit schwanger zu werden. Mittlerweile haben nicht nur Kliniken und Biobanken diesen Markt entdeckt, sondern auch Onlinekreditvermittler: Das Berliner Start-up Lendico gewährt Kundinnen von Seracell, einem Spezialisten für Social Freezing in Rostock, auf seiner Website eine «einfache und unbürokratische Finanzierungsmöglichkeit».

Social Freezing, dieser etwas missverständliche Begriff, der auf private und nicht medizinische Beweggründe für das Einfrieren von Eizellen verweist, birgt offenbar ein Freiheitsversprechen, das sich insbesondere an gut ausgebildete, selbstständige Frauen richtet. Unter der Prämisse der Selbstbestimmung wird das gesamte bioethische Feld aufgerollt – von der PID über das Einfrieren von Eizellen bis hin zur Eizellenspende und zur Leihmutterschaft.

Weshalb, so lautet die immer wieder gestellte Frage, sollte die Familienplanung nur auf Verhütungsmittel und auf die Abtreibung beschränkt bleiben, wenn es Verfahren gibt, sich den Kinderwunsch zu einem biografisch günstigen Zeitpunkt zu erfüllen? Insbesondere der Vergleich zur Antibabypille, durch die Frauen ihrem «sozialen Schicksal» entgangen seien, wird von BefürworterInnen des Social Freezing immer wieder aufgerufen.

Doch einmal davon abgesehen, dass die Pille keineswegs ein nebenwirkungsfreies Verhütungsmittel ist und ernsthafte und langfristige medizinische Probleme mit sich bringen kann, ist das Schlucken einer Tablette nicht vergleichbar mit der Prozedur, die notwendig ist, um Eizellen einzufrieren. Die betroffenen Frauen müssen sich einer wiederholten und belastenden Hormonstimulation unterziehen, die möglicherweise mehrmalige Eientnahme findet unter Narkose statt, und wenn sich eine Frau schliesslich entschliesst, schwanger zu werden, ist dies nur durch künstliche Befruchtung möglich.

Der Eingriff in den Körper ist also ungleich rabiater. Vor allem aber setzt er Dritte voraus, die den Prozess steuern und begleiten, was in nichts vergleichbar ist mit dem Entschluss einer Frau oder eines Paars, jetzt eben schnell mal die Pille abzusetzen. Das Einfrieren von Eizellen beschleunigt also in unabsehbarer Weise die Technisierung von Schwangerschaft, die Hervorbringung «anderer Umstände», die bis vor kurzem noch in den intimen Entscheidungsraum von Individuen gehörte und nun SpezialistInnen überantwortet wird. Die Expertise darüber, wann wofür der richtige Zeitpunkt ist, welche medizinischen Vorkehrungen getroffen werden müssen, ob das «Material» erfolgversprechend ist und was sich im Reagenzglas ausbildet, liegt ausserhalb des verfügbaren Wissens der unmittelbar Betroffenen. Selbstbestimmung? Eine Schimäre.

Die technologische Kanalisierung der Schwangerschaft rückt indessen wieder einmal auch das sogenannte Nature-nurture-Verhältnis in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung: Wie «natürlich» ist die menschliche Reproduktion heutzutage überhaupt noch, und wie viel technischen Eingriff verträgt sie? Ist Social Freezing, wie Sarah Diehl, Autorin des Buchs «Die Uhr, die nicht tickt», meint, nicht einfach eine von vielen Massnahmen, Karriere und Kind zu vereinbaren, die ohnehin alle der «Logik der kapitalistischen Verwertung» folgen? Und, umgekehrt, ist die Kritik daran nicht eher der Angst vor zu viel weiblicher Unabhängigkeit geschuldet als dem Bedürfnis, Frauen zu schützen?

Wo bleibt die Selbstbestimmung?

Tatsächlich werden gegen das Social Freezing oft Argumente ins Spiel gebracht, die biologistisch anmuten. Etwa wenn es um die «Natürlichkeit» des sexuellen Vorgangs geht oder der «evolutionäre Vorteil» der Grosselternschaft hervorgehoben wird. Oder wenn die «Verschwendung neurobiologischer Ressourcen» beklagt wird, wenn Frauen nicht frühzeitig Mütter und dadurch stressresistenter und weniger ängstlich würden.

Es ist, als würden sich die alten Gräben der neuen Frauenbewegung noch einmal auftun: Hier die möglichst (gebärmutter)freie autonome Frau, die ungehindert ihrer Karriere nachgehen kann, dort die gefeierte weibliche Gebärfähigkeit als Refugium der Freiheit, die sich den Zwängen der Leistungsgesellschaft entzieht. Nur bringen solche dichotomischen Frontstellungen überhaupt nicht weiter.

Der Kampf um reproduktive Rechte war und ist immer noch ein Kardinalthema auf der internationalen Frauenagenda. Aber nach den grossen Weltfrauenkonferenzen ist auch Ernüchterung eingetreten. Weibliche Selbstbestimmung gibt es nicht im luftleeren Raum, sie ist immer in vielfältige globale Machtkonstellationen eingebunden: Ein Teil der Frauen soll Kinder bekommen, ein anderer lieber nicht.

Diejenigen, von denen man Kinder erwartet, werden genötigt, dafür zu sorgen, dass sie gleichzeitig für den Arbeitsmarkt verfügbar bleiben und ausserdem die Qualität des Nachwuchses stimmt, mithilfe von PID etwa oder anderen pränatalen Abklärungsmethoden. Den anderen werden ganz «altruistisch» Verhütungsmittel zur Verfügung gestellt, oder sie werden gar zwangssterilisiert, damit sie die globale Bevölkerungsbilanz nicht belasten.

Ausserdem steht die internationale Frauenbewegung immer noch relativ unvorbereitet vor der Frage, wie mit den als «Eigentum», «Spende» oder «Dienstleistung» gehandelten Körperstoffen beziehungsweise reproduktiven Dienstleistungen umgegangen werden soll. Gehören die Eizellen – so wie früher «mein Bauch» – mir? Warum sollte ich sie nicht einer anderen Frau überlassen oder gar verkaufen? Und wenn wir uns für die Verrechtlichung von Prostitution einsetzen, warum dann nicht für ordentliche Arbeitsbedingungen von Leihmüttern? Sind Verbote oder die Regelung der Verhältnisse auf dem Repro-Markt der richtige Weg?

Natürliche Wünsche?

Im Fall von Social Freezing wird aber auch noch eine andere vernachlässigte Facette weiblicher Bedürfnislagen deutlich. Seitdem ein nicht weiter hinterfragter «Kinderwunsch» den Diskurs dominiert und «Kinderwunschpraxen» boomen, wird eine Subjektivität angesprochen, die den AnbieterInnen von reproduktionstechnologischen Dienstleistungen den Vorwand liefert, ungeachtet ethischer Einwände ihr Geschäftsmodell auszuweiten. Doch sind die weiblichen Wünsche einfach nur «natürlich», oder reagieren Frauen nicht auch auf Erwartungen und Erfordernisse ihres sozialen Umfelds und passen sich diesen an?

Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass die Frauen meiner Generation, die in den siebziger Jahren politisch sozialisiert wurden, einen solchen «Kinderwunsch» ständig vor sich hertrugen, eher waren sie allmonatlich von der Angst gepeinigt, schwanger zu sein. Das Leben mit Kindern, insbesondere als Alleinerziehende, war auch damals kompliziert. Und wir hatten noch eine ziemlich genaue Vorstellung davon, dass Kinder in einer kinderfreundlichen Gesellschaft aufwachsen sollen. Für die haben wir gekämpft. Und nicht für die Anpassung unserer Schwangerschaft an die Verhältnisse.

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