Nr. 04/2015 vom 22.01.2015

Sia, Shia und der Käfig des Ruhms

Von Florian KellerMail an Autor:in

Letztes Jahr war sie die atemberaubendste Leerstelle im Popzirkus: Sia, das blonde Phantom, das in «Chandelier» das Glücksversprechen des Rausches besang. Zerbrechlicher Bombast, immer hauchdünn dem Abgrund entlang. Jetzt hat die «singende Perücke» ein Video zu «Elastic Heart» gemacht, wieder ohne Sia selbst, dafür mit dem Hollywoodstar Shia LaBeouf, der hier wie ein bärtiges Tier durch einen riesigen Käfig streunt. Er stösst darin auf Maddie Ziegler, den Kinderstar, der im Video zu «Chandelier» wie eine manisch-depressive Aufziehpuppe durch eine gammlige Wohnung tanzte, als Alter Ego der Sängerin. Zwischen Mann und Mädchen entspinnt sich nun ein Nahkampf der Geschlechter: zärtliche Gewalt, getanzt hinter Gittern.

Und weil beide, LaBeouf (28) und Ziegler (12), eng anliegende hautfarbene Trikots tragen, hat sich in den USA bereits die moralische Empörung der Selbstgerechten daran entzündet: eine Anleitung zur Pädophilie? Ein verkappter Kinderporno gar? Sie habe angesichts des Videos fast kotzen müssen, gab eine besonders besorgte Mutter zu bedenken, die in der TV-Show «Dance Moms» ihre Tochter in aller Öffentlichkeit zu einem kleinen Tanzstar drillt. Protest kommt also ausgerechnet aus jener obszönen Ecke des Realityfernsehens, wo der Celebritykult in eine Form von medialer Kinderprostitution überführt wird. Und wo, nebenbei gesagt, auch Maddie Ziegler zum Produkt geschliffen wurde.

Und Sia, der Popstar, der lieber inkognito bleibt? Die traut sich jetzt auch wieder vor die Leute, aber ihr Spiel mit der Unsichtbarkeit droht dabei ins Lächerliche zu kippen: Ihren Gastauftritt jüngst in der TV-Show «Saturday Night Live» absolvierte sie mit einem seltsamen schwarzen Blendschutz vor dem Gesicht. Es sah irgendwie hohl aus, und der traurig geschminkte Mime, der während «Chandelier» neben ihr stand und die Worte in Gebärdensprache übersetzte, machte die Sache auch nicht besser. Den Song selber, diese übersteuerte Euphorieschleuder, gab sie dabei als Klavierballade samt Streicher. Mutation geglückt, Maskerade weniger.

Nachtrag zum Artikel «Pop: Die singende Perücke mit der Quecksilberstimme» in WOZ Nr. 27/2014.

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