Nr. 07/2015 vom 12.02.2015

Die roten Banner und die Trikolore

Nach den Attentaten von Paris ist in Frankreich der «republikanische Pakt» beschworen worden. Doch dieser sei nur ein Feigenblatt für den räuberischen Kapitalismus, meint der Philosoph Alain Badiou und fordert dagegen die wirkliche Form der Humanität: den wahren Kommunismus.

Von Alain Badiou

Heutzutage ist die Welt vollkommen vom globalen Kapitalismus umstellt, der internationalen Oligarchie unterworfen, die ihn regiert, und der monetären Abstraktion als einziger universell anerkannter Form hörig. In diesem Kontext hat sich ein mittelmässiger intellektueller Konformismus etabliert, eine Resignation, zugleich jammernd und selbstzufrieden, die die Abwesenheit jeder Zukunft begleitet, wenn diese nicht die Wiederholung des Vorhandenen darstellt.

Wir sehen auch, wie angesichts der Vermischung eines korrumpierten Kapitalismus mit einem mörderischen Gangstertum eine manische Antwort auftaucht, subjektiv vom Todestrieb gesteuert, die sich gegen die verschiedensten Identitäten richtet. Diese Antwort löst ihrerseits Antiidentitäten aus, die anmassend identitär sind (das heisst auf angeblich ursprüngliche, unverrückbare Gruppenidentitäten setzen). Angesichts des Antagonismus von «Abendland», der Heimat des herrschenden zivilisierten Kapitalismus, und «Islamismus», der sich auf einen blutigen Terrorismus bezieht, erscheinen auf der einen Seite mörderische, bewaffnete Banden oder hoch aufgerüstete Individuen, die ihre Fahnen schwingen, um dem Leichnam irgendeines Gottes Gefolgschaft zu verschaffen. Auf der anderen Seite werden im Namen der Menschenrechte und der Demokratie barbarische internationale Militärexpeditionen geführt, die ganze Staaten zerstören (Jugoslawien, Irak, Libyen, Afghanistan, Sudan, Kongo, Mali, Zentralafrika …) und Tausende von Opfern fordern, ohne mehr zu erreichen, als dass mit den korruptesten Banditen ein prekärer Frieden über Brunnen, Bergwerke, Nahrungsmittel und jene Enklaven ausgehandelt wird, in denen die Multis florieren.

Es ist eine Verfälschung, diese Kriege und ihre kriminellen Auswirkungen als zentralen Widerspruch der gegenwärtigen Welt darzustellen. Die Armeen und Polizeien des «Kriegs gegen den Terrorismus», die bewaffneten Banden, die sich auf einen tödlichen Islamismus berufen, und alle Staaten gehören heute der gleichen Welt an, einem räuberischen Kapitalismus.

Verschiedene pathologische Identitäten fühlen sich allen anderen überlegen, streiten sich in dieser vereinheitlichten Welt heftig um die Überbleibsel lokaler Herrschaft. Man findet in der gleichen Welt, in der die Interessen der Handelnden überall die gleichen sind, die liberale Version des Abendlands, die autoritäre und nationale Version Chinas oder Russlands unter Wladimir Putin, die theokratische Version der Arabischen Emirate, die faschistoide Version der bewaffneten Banden … Die Bevölkerungen werden überall aufgefordert, uneingeschränkt jene Version zu verteidigen, die die lokalen Mächte stützen.

Das wird so weitergehen, solange der wahre Universalismus – wenn die Menschheit ihr eigenes Geschick in die Hand nimmt und sich so die Idee des Kommunismus historisch-politisch neu und entscheidend verkörpert – seine Macht auf dem globalen Terrain nicht entfalten kann, es ihm also nicht gelingt, die Unterjochung der Staaten durch die Oligarchie der Besitzenden und deren Bediensteten, die monetäre Abstraktion und schliesslich die Identitäten und Gegenidentitäten, die den menschlichen Geist verwüsten und den Tod anrufen, aufzuheben.

Gegen «Charlie Hebdo»

Der linken Revolte der Achtundsechziger entsprungen, ist die Zeitschrift «Charlie Hebdo», wie zahlreiche Intellektuelle, PolitikerInnen, «neue Philosophen», machtlose Ökonominnen und diverse Unterhalter, eine zugleich ironische und fieberhafte Verteidigerin der Demokratie geworden, der Republik, des Laizismus, der Meinungsfreiheit, des freien Unternehmertums, befreiter Sexualität, des freiheitlichen Staats, kurzum: der herrschenden politischen und moralischen Ordnung.

Seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts wird allerdings ein neuer Feind im Innern konstruiert: «der Muslim». Diese Konstruktion hat sich im Gleichschritt mit der Etablierung verschiedener erbärmlicher Gesetze vollzogen, von der Einschränkung der Meinungsfreiheit über die pedantische Kontrolle von Kleidern und Verbote hinsichtlich der Geschichtsschreibung bis hin zu neuen Befugnissen für die Polizei. Diese Konstruktion hat sich zudem mit dem unaufhaltsamen Aufstieg des Front National, der seit dem Algerienkrieg freizügig und offen einen kolonialen Rassismus praktiziert, in einer Art Konkurrenz von «links» vollzogen. Was auch immer die unterschiedlichen Gründe sein mögen, Tatsache ist, dass sowohl «der Muslim» zu Zeiten Mohammeds wie auch der heutige das schlechte Objekt der Begierde von «Charlie Hebdo» geworden ist. Den Muslim mit Sarkasmus zu überhäufen und über seine Gestalt zu lachen, ist der Geschäftszweck dieses schmierigen «humoristischen» Magazins geworden, so wie man sich vor knapp einem Jahrhundert mit dem Namen «Bécassine» über die armen Bauernmädchen (die damals Christinnen waren) lustig machte, die aus der Bretagne nach Paris gekommen waren, um die Hintern der Bürgerkinder abzuwischen.

Die französische Identität

In diesem Krieg der Identitäten versucht Frankreich, sich durch ein Totem eigener Erfindung hervorzuheben: die «demokratische und laizistische Republik» oder den «republikanischen Pakt». Diesem Totem huldigt die etablierte parlamentarische Ordnung in Frankreich – zumindest seit ihrem Gründungsakt 1871, als 20 000 ArbeiterInnen der Commune in den Strassen von Paris durch Adolphe Thiers, Jules Ferry, Jules Favre und andere Grössen der «republikanischen» Linken abgeschlachtet wurden. Dieser «republikanische Pakt», um den sich viele Exlinke, auch «Charlie Hebdo», geschart haben, hat immer den Verdacht gehegt, dass sich schreckliche Dinge in den Vorstädten, in den Fabriken der Peripherie, in den schummrigen Bistros der Banlieues vollziehen. Die Republik hat immer starke Polizeibataillone an diese Orte geschickt und unter unzähligen Vorwänden die Gefängnisse mit jungen, anrüchigen, schlecht ausgebildeten Männern, die in den Banlieues leben, gefüllt. Die Republik hat auch die Massaker und neuen Formen der Sklaverei vervielfacht, die zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Kolonialreich nötig waren.

Eine beträchtliche Anzahl der Jungen, die unsere Banlieues bevölkern, haben proletarische Eltern afrikanischer Herkunft oder sind selbst aus Afrika gekommen, um zu überleben. Sie gehören deshalb, folgerichtig, oft der islamischen Religion an. Kurzum, sie sind zugleich Proletarier und Kolonisierte – zwei Gründe, ihnen zu misstrauen und mit repressiven Massnahmen zu begegnen.

Nehmen wir an, Sie seien ein junger Schwarzer oder ein Junge mit arabischem Aussehen oder auch eine junge Frau, die – schlichtweg, um sich gegen das Verbot aufzulehnen – entschieden hat, die Haare zu bedecken. Es besteht eine sieben- bis achtmal grössere Wahrscheinlichkeit, dass Sie durch die demokratische Polizei auf den Strassen angehalten und aufs Polizeirevier gebracht werden, als wenn Sie wie ein Franzose aussehen, das heisst die Gesichtszüge von jemandem haben, der vermutlich weder proletarisch ist noch aus den Kolonien stammt. Und auch nicht Muslim ist.

«Charlie Hebdo» bellt also in gewissem Sinn mit polizeilichem Gebaren in jenem «amüsanten» Stil von Witzchen mit sexuellem Beigeschmack. Das ist nichts Neues. Betrachten wir nur die Obszönitäten Voltaires gegenüber Jeanne d’Arc: Seine «Jungfrau von Orleans» (1752) ist «Charlie Hebdo» durchaus angemessen. Dieses schmierige Gedicht gegen eine Heldin, die bewunderungswürdig christlich ist, erlaubt uns zu sagen, dass die wahren und starken Aufklärer des kritischen Denkens nicht durch diesen Voltaire aus der Gosse vertreten werden.

Es verdeutlicht die Weisheit von Robespierre, als er all jene verurteilte, die die antireligiöse Gewalt zum Herzen der Revolution machen wollten und damit lediglich erreichten, dass viele Menschen ihre Gefolgschaft aufkündigten und der Bürgerkrieg ausbrach. Denn daran scheidet sich die demokratische französische Meinung: Entweder steht man, bewusst oder unbewusst, auf der Seite des immer progressiven und wirklich demokratischen Rousseau oder auf der Seite des Geschäftemachers und Spitzbuben, des reichen, skeptischen Spekulanten und Lüstlings, der wie ein böser Geist in Voltaire sass, der übrigens gelegentlich auch wirkliche Kämpfe austrug.

Das faschistische Verbrechen

Und die drei jungen Franzosen, die die Polizei so schnell getötet hat? Die drei jungen Männer haben ein Verbrechen verübt, das man meines Erachtens als Verbrechen faschistischen Typs charakterisieren muss. Ein solches faschistisches Verbrechen hat drei Merkmale.

Zuerst einmal ist es gezielt und keine blinde Tat, denn die Motivation ist eine ideologische, und zwar eine faschistische, das heisst, das Verbrechen bezieht sich strikt auf Merkmale der Identität: national, rassisch, ethnisch, der Kleidung, religiös … Im vorliegenden Fall sind die Mörder antisemitisch. Öfter zielt das faschistische Verbrechen auf Publizisten, auf Journalistinnen, auf Intellektuelle oder Schriftsteller, die die Mörder als RepräsentantInnen der Gegenseite betrachten. Im vorliegenden Fall also «Charlie Hebdo».

Zweitens ist das faschistische Verbrechen extrem gewalttätig, spektakulär, weil es die Idee einer absoluten und kalten Entschiedenheit aufzwingen möchte, die im Selbstmordattentat auch die Möglichkeit des Tods der Mörder einschliesst. Das ist der Aspekt «Es lebe der Tod!», die nihilistische Haltung dieser Aktionen.

Drittens hat dieses Verbrechen durch seine gewaltige Grösse, seinen Überraschungseffekt, sein jede Norm sprengendes Mass einen Effekt des Terrors erzielt. Damit hat es aufseiten des Staats und der öffentlichen Meinung unkontrollierte Reaktionen, die sich ganz auf eine rachsüchtige Gegenidentität beziehen, hervorgerufen, die in den Augen der Verbrecher und ihrer Auftraggeber nachträglich symmetrisch das blutige Attentat rechtfertigen. Und genau dies ist geschehen. In diesem Sinn hat das faschistische Verbrechen eine Art Sieg errungen.

Der Staat und die Meinung

Von Anfang an hat sich der Staat des faschistischen Verbrechens in einer masslosen und höchst gefährlichen Art bedient, weil er in das Register des weltweiten Kriegs die Identität eingeschrieben hat. Dem «fanatischen Muslim» hat man schamlos den guten demokratischen Franzosen gegenübergestellt.

Die Verwirrung erreichte ihren Höhepunkt, als der Staat geradezu autoritär zur Demonstration aufrief. Es fehlte nur noch, dass Premierminister Manuel Valls in Betracht gezogen hätte, die Abwesenden einzusperren. Und die Menschen, nachdem sie ihren identitären Gehorsam unter dem Banner der Trikolore gezeigt hatten, zu ermahnen, sich daheim zu verkriechen oder ihre ReservistInnenuniformen hervorzuholen und dem Signalhorn in Syrien zu folgen.

Sprechen wir also von der Meinungsäusserungsfreiheit. Während der ersten Tage dieser Geschehnisse war es praktisch unmöglich, auf das, was geschehen war, anders zu reagieren, als in den Jubelchor über unsere Freiheiten und unsere Republik einzustimmen, die Korrumpierung unserer Identität durch die jungen islamistischen ProletarierInnen und die so schrecklich verschleierten jungen Frauen zu verfluchen und sich männlich auf den Krieg gegen den Terrorismus vorzubereiten. Man hörte sogar den folgenden Ruf, bewundernswert in seiner ausdrucksvollen Freizügigkeit: «Wir sind alle Polizisten.»

Es versteht sich, dass das Gesetz unseres Lands in Wahrheit dem Einheitsdenken und der furchtsamen Unterwerfung entspricht. Aber besteht insbesondere die Freiheit – jene des Denkens, der Meinungsäusserung und der Aktion inbegriffen, ja die des Lebens schlechthin – wirklich darin, Hilfskräfte der Polizei zu werden für die Treibjagd auf eine Handvoll als Faschisten Klassifizierter, die umfassende Denunziation bärtiger oder verschleierter Verdächtiger voranzutreiben und die düsteren Banlieues andauernd zu verdächtigen, jene Erbschaften der Vorstädte, wo man andernfalls ein Gemetzel wie dasjenige an der Commune von 1871 veranstaltet? Oder besteht die zentrale Aufgabe der Emanzipation, der öffentlichen Freiheit, nicht darin, möglichst gemeinsam mit den jungen ProletarierInnen der Banlieues zu handeln, möglichst gemeinsam mit jungen Frauen zu handeln, ob verschleiert oder nicht, was keine Rolle spielt im Rahmen einer neuen Politik, die sich an keine Identität richtet («ProletarierInnen haben kein Vaterland») und die egalitäre Form einer Humanität vorbereitet, die sich ihrer wahren Bestimmung bemächtigt? Einer Politik, die rational in Betracht zieht, dass unsere unerbittlichen Herren, die reichen Herrscher unseres Schicksals, endlich verabschiedet werden?

Es gibt in Frankreich seit längerem zwei Demonstrationsformen: jene unter der roten Fahne und jene unter der Trikolore. Glauben Sie mir: Ohne die kleinen faschistischen Banden identitären und mörderischen Typs zu verharmlosen – ob sie sich auf sektiererische Formen des Islam, auf die nationale Identität oder auf die Überlegenheit des Abendlands berufen: Wirksam sind nicht die von unseren führenden Köpfen herbeibefohlenen und ausgenützten Trikoloren. Sondern es sind die anderen Banner, die roten, die man wieder hervorholen sollte.

Erweiterte und bearbeitete Fassung eines 
am 27. Januar 2015 in der Zeitung «Le Monde» erschienenen Beitrags. Aus dem Französischen von Stefan Howald.

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