Nr. 48/2016 vom 01.12.2016

Das pulsierende Herz des «A-Bulletins»

Von Ueli Wildberger

Lustig, bodenständig und schräg, echt, direkt und integer, fürsorglich, generös und herzlich – so wird Lisbeth Bieri in der Todesanzeige charakterisiert. Zusammen mit ihrem Lebenspartner Georg Pankow gestaltete sie jahrzehntelang in ihrem Büro an der Zürcher Rolandstrasse die Anzeigenseiten der inzwischen 777 (!) Nummern des «A-Bulletins».

Die Zeitschrift und das kleine mit Büchern und Zeitungen vollgestopfte Büro waren und sind eine Institution: das pulsierende Herz eines Netzwerks von über 8000 AbonnentInnen in der ganzen Schweiz, sei es auf der Alp, in Sozialwerken, auf Biohöfen oder in politisch engagierten NGOs. Viele von ihnen platzieren ihre Inserate im «A-Bulletin» und sind darüber miteinander vernetzt. Fast immer sass Lisbeth, wenn ich in ihr Büro kam, am Computer. Mit ihrem launigen «Oh, nicht schon wieder Üli!!» lud sie mich zu einem Kaffee in der kleinen Küche ein. Dort plauderten wir und tauschten unsere Meinungen über aktuelle politische Ereignisse aus. Immer wieder engagierte sich Lisbeth selber in gewaltfreien Aktionen: Eines unserer ersten intensiven gemeinsamen Erlebnisse war der zweiwöchige Hungerstreik, den wir 1980 zu fünft nach der AKW-Katastrophe in Harrisburg (USA) durchzogen – für ein Umdenken zwei Wochen nach der ersten, hauchdünn abgelehnten AKW-Abstimmung in der Schweiz! Ein weiterer Höhepunkt war 1981 der Menschenteppich in Winterthur, wo wir während einer ganzen Woche mit jeweils etwa fünfzig Menschen liegend den Eingang einer internationalen Waffenmesse blockierten. Und noch diesen Juni nahm Lisbeth an der grossen Anti-AKW-Kundgebung des Menschenstroms beim Amphitheater Windisch teil und war begeistert von der Idee der beiden römischen Legionäre, die dort schon 2000 Jahre Atommüllfässer «bewachten».

Lisbeth war ein Mensch, der es wagte, offen und ungeschminkt seine Meinung zu sagen. Sie war zugleich ehrlich und konziliant und bemühte sich um Verständigung. Auch als ihr ihre Gesundheit schon zu schaffen machte, behielt sie stets ihre gute Laune und ihren Humor. Mit ihrem praktischen Sinn holte sie uns immer wieder auf den Boden der Realität zurück. Und zur Abwechslung erholte sie sich mit ihrer Schwester Beatrice beim Gärtnern und Blumenaufbinden in ihrem Schrebergarten. Mit ihrer etwas knarrenden Stimme und ihrem herzhaften Lachen bleibt sie uns in lebendiger Erinnerung.

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