Nr. 44/2016 vom 03.11.2016

Fünf Blumen und viel Respekt

Er war der Antikulturmanager, ein herzensgutes Schlachtross und ein aufbrausender Paradiesvogel: Bädu Anliker, der in seinem Café Mokka in Thun die Welt ins Kaff holte. Abschied von einem grossen Mann.

Von Daniel Ryser

Der Zeremonienmeister: Bädu Anliker posiert 1989 für ein Fotoessay zum «Thema Mensch und Kleidung». Foto: Christian Helmle

Den Job als Bademeister verlor er, als er während einer Rede von Bundesrat Willi Ritschard auf dem Thuner Dorfplatz ein selbstgebasteltes AKW in die Luft sprengte. Ritschard flüchtete, Bädu Anliker wurde verhaftet. Mit 29 Jahren startete der gelernte Maurer das Café Mokka an der Allmendstrasse, umgeben von Militärkasernen. Soldaten gab er nur begrenzt Zutritt, «weil ich», wie er sagte, «nicht gewillt bin, meinen Hype-Club der Schweizer Armee als Kifferstübli zur Verfügung zu stellen».

«Er rieb sich an Thun, diesem ‹Schiiskaff›, wie er es nannte, dabei hat er Thun selten verlassen», sagt Bernhard, der ältere Bruder von Bädu alias MC Anliker. «Das war in seinem Leben zentral: in Thun bleiben, sich an Thun reiben. Diese Hassliebe konnte eine unglaubliche Energie freisetzen.» Mit dem «Mokka» holte er die Welt ins Kaff und schuf einen Ort ohne Kleinstadtmief, vor dem man ja auch in Städten nicht gefeit ist. «Mein Ziel war immer: einen Laden machen, wo die Leute nicht gucken, wenn du zur Tür reinkommst», sagte Bädu Anliker vor zehn Jahren zur WOZ.

Aufgewachsen war er in Dürrenast bei Thun. Der Vater Zugführer, die Mutter Hausfrau, Bädu das zweitjüngste von sechs Kindern. Man wohnte in einer Vierzimmerwohnung, die Kinder nannten es «Käfighaltung». Beat, wie er richtig hiess, war schon als Kind der grösste, der lauteste, überbordend, so wie später in seinem mit blinkendem Kitsch vollgestopften «Mokka»-Universum. Deshalb auch «Bädu». Den Spitznamen hatten ihm seine Geschwister als Kind gegeben. Bädu, Dialekt für «Fetzen».

Nicht nur wegen seiner geschminkten Augen, seiner 120 Kilogramm, der Hip-Hop-Hoodies, der farbigen Anzüge, der Goldketten, des mit Gel frisierten langen Haars, der Sonnenbrillen wurde Anliker seinem selbsternannten Titel gerecht: MC, Master of Ceremony, Zeremonienmeister Anliker. «Das ist Showbusiness», sagt er einmal. «Da kannst du nicht in Birkenstock daherkommen.» Er veranstaltete 160 Shows pro Jahr, Livemusik, von Ween bis zu Spartenprogramm, stellte sich ans Lichtpult und bekochte die Bands. Zur WOZ sagte er: «Wenn die Band nach der Show in den Backstagebereich kommt, dann muss dort alles stimmen. Und das Essen muss auf dem Tisch stehen. Damit meine ich keine Sandwichs. Die Künstler sind für einen Abend meine Angestellten, gleichzeitig sind sie meine Gäste. Zu beiden muss man schauen. Als MC sorge ich für den Gesamtrahmen – da noch ein wenig teuren Koriander, hier noch ein, zwei Safranfäden. Ich mache Booking, Grafik, Buchhaltung, Lichttechnik, Tontechnik.»

Gegen Packeis, gegen Softeis

Trotzdem gab es dauernd Zoff: mit Musikern (das «Mokka» war ein Ort, an dem nicht nur Arschlochgäste, sondern auch Arschlochmusiker vor die Tür gestellt wurden), mit Gästen, aber auch mit dem Personal. Einerseits zahlte Anliker gute Löhne, war loyal, andererseits konnte jemand seinen ganzen Zorn abbekommen, wenn der cholerische Clubdiktator in einer Vase nur vier frische Blumen entdeckte, dabei wisse doch jeder Volldepp, dass da fünf hineingehörten. Und er fuhr vor allem dann aus der Haut, wenn er sich nicht respektiert fühlte, wenn er glaubte, dass da wieder welche im Club auflaufen, die im kapitalistischen Softeis ersaufen. Er hatte in den Achtzigern das Thuner Packeis durchbrochen, jetzt wollte er mehr bieten und erwarten als Wodka-Red-Bull. Auf dem Boden vor dem Club stand «Respect».

Vor einem Hip-Hop-Konzert zum Beispiel spielte MC Anliker einmal zwei Stunden lang das Stück «Kaklakariada» der anarchistischen österreichischen Volksmusikband Attwenger in Endlosschlaufe – ohrenbetäubend laut. Er freute sich darüber, die coolen Kids mit querer Musik zu verwirren – ein Gruss von der Neugier, die ihn immer begleitete. Eine Zeit lang hatte er einen Handystörsender im Club installiert, weil er das Rumgetippe als Respektlosigkeit gegenüber den Bands empfand.

Der Berner Schriftsteller Jürg Halter sagt: «Manchmal kommst du in einen Club, und die Kulturmanagerin sagt zu dir: ‹Ach, Sie wollten Catering? Das haben Sie uns gar nicht gesagt.› Gastfreundschaft kannst du nicht studieren. Bädu war der Inbegriff von Gastfreundschaft. Er war der Antikulturmanager. Ein Antiopportunist.»

«Respektlosigkeit oder Undankbarkeit haben ihn wirklich getroffen», sagt Rapper Baze, sein Neffe. «All die Male etwa, wenn er von Gästen wegen seines Aussehens oder seiner Lebensart angemacht wurde – das ist nicht an ihm abgeprallt. Das haben die Leute vielleicht unterschätzt: Er reflektierte sich.» Bädu, der Fetzen, der austeilte wie ein Schwergewichtsweltmeister, konnte laut seinem Bruder Bernhard «allerhöchstens einstecken wie ein Amateur».

Ein Gesicht, keine Uniform

Im «Mokka» weigerte er sich, professionelle Securitys anzuheuern. Er leistete damit selbst aufreibende Präventionsarbeit, indem er Stressmacher persönlich konfrontierte, dem Laden ein Gesicht gab, keine Uniform. Als vor drei Jahren in seinem Club ein Gast einen anderen niederstach, traf ihn das zutiefst. Als ich ihn nach dem Vorfall anrief, war er ausnahmsweise um Worte verlegen, so sehr widerte ihn das Geschehene an.

Manchmal hat er Leuten, die sich bei ihm ständig die Kante gaben, einen Job angeboten: «Du und ich müssen irgendwie klarkommen.» Die Polizei zu rufen, widersprach seinem gesellschaftlichen Selbstverständnis, Dinge untereinander zu regeln. Seine Mittel waren dabei eher unkonventionell. Schlägern nahm er den Ausweis ab, kopierte ihn, bastelte Flyer, die er rund um das «Mokka» verteilte: «Achtung gefährlicher Mitbürger! Dieser junge Mann aus Spiez treibt sich des Öfteren in Thun herum und ist dabei alles andere als angenehm … Er ist aggressiv, menschenverachtend und dadurch für seine Mitbürger sehr gefährlich! Wir wünschen ihm Ebola, Syphilis und einen leeren Handy-Akku!!!!»

Die Dealer, die sich irgendwann um sein Haus herum eingenistet hatten, vertrieben er und seine Mitarbeiter mit Präsenz. Einem Sprayer, der regelmässig den Club volltaggte und ihm ein klärendes Gespräch verweigerte, versprühte er den Wohnblock, das Treppenhaus, die Wohnungstür. Es war seine Art, Respekt einzufordern – gewaltfrei, aber auch mit Härte. Meist kam die Botschaft an.

Bloss nicht ins Museum

MC Anliker hat Bands nach Thun geholt, für die es keinen Platz gab im 40 000-Seelen-Alpenkaff (die Behörden nennen es «Stadt der Alpen», Anliker mit seinem giftig-präzisen Humor nannte es «Stadt der Alten»). Für dieses dreissigjährige Engagement wollten sie ihm nun, am 1. November, den Thunpreis geben, mit einer Laudatio von seinem alten Freund Sven Regener. Das hat ihn gefreut. «Er wurde lange angefeindet für seine Einmischungen», sagt sein Bruder Bernhard. «Aber er hat sich durchgesetzt, hat seine Positionen, seinen Raum auch gegen massiven Widerstand behauptet. Irgendwann hat man angefangen, ihn als Paradiesvogel zu begreifen, als der eine, der uns die Leviten liest. Er wurde quasi zu einer Art Trophäe, auch wenn man das, was er sagte, gar nicht hören wollte.» So kann man den Tod – eine Woche vor der Preisverleihung – auch als Verweigerung lesen: Seine Mission bestand darin, sich mit dem politischen Establishment und den Bürokraten zu reiben. Ein Platz im Museum war nie vorgesehen.

Wie er starb – das Herz! – überrascht nicht, nur schon wegen seiner aberwitzigen Telefontiraden. Wenn man mit ihm telefonierte, hielt man das Handy am besten weit weg vom Ohr. Stiller Has haben einen dieser Ausbrüche auf dem Anrufbeantworter festgehalten und auf das Stück «All Has» gepackt. Aber dass er so jung starb, mit 59, das kam völlig unerwartet. In Berlin verneigte sich der Rapper Prinz Pi auf Twitter. In Hamburg starrte Schorsch Kamerun, der mit den Goldenen Zitronen schon auf der ersten Tour in Thun haltgemacht hatte, betrübt in seinen Nachmittagstee. In der Schweiz postete Greis, Musik sei scheisse ohne MC Anliker, in Anlehnung an dessen Clubslogans: «Musik ist scheisse.» Oder: «Woodstock war scheisse.»

Und hier, in Freak City, wo wir sehr froh darüber waren, zu wissen, dass es irgendwo da oben in den Berner Bergen einen gab wie ihn, der sich mit seinen ganzen 120 Kilogramm dafür einsetzte, dass wir in diesem Land immer einen echten Raum voller Respekt und Offenheit und Livemusik haben würden, egal wie schlecht sich die Dinge noch wendeten, gingen in den Wohnungen die Lichter aus, und die Stereoanlagen spielten Attwenger in Endlosschlaufe, als wir hörten, dass MC Anliker gestorben war.

Die öffentliche Trauerfeier für Bädu Anliker findet am 10. November 2016 um 14 Uhr in der Stadtkirche Thun statt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch