Nr. 34/2015 vom 20.08.2015

Der Mythos ums winzige Teilchen im Strassennetz

Wie gefährlich ist der Gotthard? Würde eine zweite Röhre den Strassentunnel sicherer machen? Gegenargumente auf einer Wanderung auf den sagenumwobenen Pass.

Von Bettina Dyttrich

«Ohne zweite Röhre kriegen wir noch mehr Verkehr! Spinner seid ihr!» Schon zehn Minuten nach dem Start, am Ausgang des Urner Dorfs Hospental, wird die Wandergruppe beschimpft. Ein Mann im properen hellblauen Hemd zetert und marschiert wieder davon, ohne sich auf eine Diskussion einzulassen. Etwa siebzig Leute sind am 8. August dem Aufruf des Vereins Alpeninitiative gefolgt und ziehen mit Steinbockfahnen und Transparenten vom Urserental auf den Gotthard – gegen die zweite Gotthardstrassenröhre, über die im Februar 2016 abgestimmt wird.

Der Verkehr steht kurz still, als sie den Kreisel überqueren, ungeduldig knurren die Töffmotoren. Dann fliesst die Schlange aus Töffs, Autos und Wohnmobilen wieder weiter, Richtung Gotthard und Richtung Norden. Manche hupen. Es ist nicht klar, ob das positiv gemeint ist.

Genau wie der Mann in Hospental argumentiert am nächsten Tag auch mein Gastgeber in Andermatt: Die zweite Röhre sei nötig, um die Gotthardstrasse zu entlasten. Damit es hier oben etwas ruhiger werde, weil nur noch jene kämen, die wirklich den Gotthard sehen, nicht bloss dem Stau ausweichen wollten. Auch die BefürworterInnen glauben also nicht an das Versprechen von Bundesrätin Doris Leuthard, es gebe mit der zweiten Röhre keinen Kapazitätsausbau – im Gegenteil: Weil sie auf mehr Kapazität hoffen, sind sie dafür.

Die Idee für die politische Wanderung am Tag des traditionellen «Feuers in den Alpen» gegen den Transitverkehr hatte Ueli Wildberger. Ein Mann wie ein freundlicher Bär, seit vierzig Jahren für Frieden und Umweltschutz engagiert. Inspiriert hat ihn der zwischen 2010 und 2012 dreimal organisierte «Menschenstrom gegen Atom» mit bis zu 20 000 TeilnehmerInnen. Auch die Gotthardwanderung hätte ein Menschenstrom werden sollen. Für tausend Leute wollte Wildberger auf dem Pass grosse Zelte aufstellen. «Aber die Alpeninitiative war noch mit dem Referendum gegen die zweite Röhre beschäftigt», sagt er, «die Zeit zum Organisieren und Mobilisieren wurde zu knapp.»

Als Autofahren noch neu war

Ende Juli veröffentlichte der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) seinen Tunneltest, der den BefürworterInnen der zweiten Röhre Munition liefert: Der Gotthard schloss zwar mit der Gesamtnote «gut» ab, aber doch schlechter als vierzehn der zwanzig anderen getesteten Tunnel. «Grösstes Manko» sei, dass er nur eine Röhre habe.

Thomas Bolli, Leiter Kommunikation der Alpeninitiative, relativiert: «Die ADAC-Studie ist sehr günstig für uns. Sie wurde von den Medien nur falsch verstanden.» Um sie richtig einzuordnen, müsse man die Auswahl beachten: «Der ADAC hat beispielsweise neue, zwei Kilometer lange Tunnel nach den gleichen Kriterien getestet wie den Gotthard. Da ist es sehr erfreulich, dass ein 35 Jahre alter, siebzehn Kilometer langer Tunnel das Prädikat ‹gut› bekommt.» Ausserdem sei der Gotthard der einzige Schweizer Tunnel im Rating. «Es gibt Tunnel an der Axenstrasse am Vierwaldstättersee, die viel gefährlicher sind, Tunnel mit Gegenverkehr an der San-Bernardino-Route ohne Sicherheitsstollen, Tunnel mit viel höherer Frequenz – durch den Gubrist fahren täglich 100 000 Fahrzeuge, durch den Gotthard nur 17 000.»

Nach den Spitzkehren des alten Saumpfades über Hospental wird der Weg flacher, führt an Rindern vorbei über den malerischen Blumenhüttenboden. Die WanderInnen schlagen ein zügiges Tempo an. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass der Verein Alpeninitiative auch Wanderferien anbietet: Wandern hält die Leute fit für Abstimmungskämpfe. Eine Baslerin, «Parteisoldatin der Grünen», berichtet vom Unterschriftensammeln gegen die zweite Röhre: «Es ging super, die Leute kamen und unterschrieben, man musste gar nicht argumentieren. Ganz anders als beim Asylgesetzreferendum, das war der Horror …»

Auch die grüne Kopräsidentin Regula Rytz wandert mit. «Unter dem Vorwand der Frankenstärke hat der Bundesrat die Schwerverkehrsabgabe nicht erhöht – und das ein halbes Jahr vor der Klimakonferenz in Paris!» Die Preise für den öffentlichen Verkehr wolle er dagegen weiter erhöhen: «Das macht die Spiesse noch ungleicher.»

Beim Luftschacht des Strassentunnels, einem fünfzehn Meter hohen Betonpilz, posiert die Wandergruppe für Fotos. Beim Brüggloch gabelt sich die Strasse, rechts die alte, gepflästerte, links die neue mit den Lawinengalerien. Betonarchitektur, die über die Launen des Hochgebirges hinwegtäuscht. Der letzte Abschnitt bis zum Pass hat etwas von einem Alpengarten: Weidenröschen stehen wie gepflanzt am Bach, in feuchten Mulden blüht flauschiges Wollgras, die Felsen haben weiche, vom Eis geschliffene Formen. Das Gotthard-Hospiz ist dagegen eine Enttäuschung: Autos, Bratwurst-, Alpkäse- und Stofftierstände, altmodisch, stehen geblieben in der Zeit, als Autofahren neu und aufregend war.

Mehrverkehr – mehr Gefahr

Der Gotthardstrassentunnel ist ein winziges Teilchen im Schweizer Strassennetz. Doch der Mythos, der an diesem Pass und seinen Tunneln hängt, scheint vielen das Denken zu vernebeln. Dagegen helfen ein paar einfache Rechnungen. Zum Beispiel jene, die die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) 2012 veröffentlichte: Wenn der Verkehr auf der Gotthardstrecke mit einer zweiten Röhre um nur drei Prozent zunähme, würde das den «Sicherheitsgewinn der Zweiröhrigkeit» wieder zunichtemachen – es gäbe zwar weniger Unfälle im Tunnel, aber mehr auf der ganzen Strecke. Und: Im Gotthardstrassentunnel verunfallten seit 1999 im Durchschnitt 9 Menschen im Jahr, auf allen Schweizer Strassen zusammen waren es jedes Jahr 25 000.

Der Fokus müsse vom Gotthard weg, sagt auch Thomas Bolli. «300 Menschen sterben jedes Jahr auf der Strasse, vor allem Kinder und Betagte. Wenn man zwei Milliarden statt in die zweite Röhre in Unterführungen, Fussgängerstreifenbeleuchtungen und Verkehrsberuhigung bei Kindergärten und Altersheimen investieren würde, könnte man viel mehr Menschenleben retten.»

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