Nr. 11/2018 vom 15.03.2018

Eine zehnprozentige Chance der Vernichtung

Wenn der Einsatz von Atomwaffen zur Abschreckung erwogen wird, nimmt ein für Katastrophen resistentes Denken unzählige Tote in Kauf. Das neue Buch des ehemaligen Whistleblowers Daniel Ellsberg hat erschreckende Aktualität.

Von Stefan Howald

Er war der berühmteste Whistleblower, bevor der Begriff weitherum bekannt wurde. 1971 übergab Daniel Ellsberg US-Medien geheime Dokumente über den schmutzigen Krieg der USA in Vietnam. Die «Pentagon Papers» enthüllten, wie die Öffentlichkeit systematisch belogen worden war. Sie verstärkten nicht nur die Proteste gegen den US-Kriegseinsatz, sondern waren auch Initialzündung zum Sturz von Präsident Richard Nixon und trugen zur Verkürzung des Vietnamkriegs bei.

Ellsbergs ursprüngliche Kritik an der US-Aussenpolitik galt dabei nicht der Verstrickung in Vietnam, sondern der atomaren Aufrüstung in den fünfziger und sechziger Jahren. Dies dokumentiert ein kürzlich veröffentlichter Rechenschaftsbericht des 86-Jährigen: «The Doomsday Machine». Darin belegt er zwei Dinge: erstens, mit welch erschreckend hohen Wahrscheinlichkeiten ein möglicher Atomkrieg in Kauf genommen wurde; zweitens, wie führende Militärs politische Entscheidungsmechanismen zu umgehen suchten.

General Jack D. Ripper

Ellsberg wirkte als US-Offizier, Fellow in Harvard und ab 1959 als brillanter Analytiker bei der Rand Corporation. Diese führte für den Chef des strategischen Luftwaffenkommandos, General Curtis LeMay, Studien zum möglichen Einsatz von Atombomben durch. LeMay hatte im Zweiten Weltkrieg gegen die faschistischen Mächte Deutschland und Japan die Flächenbombardierung von Städten befehligt, etwa den Abwurf von Napalmbomben über Tokio. Im Kalten Krieg übertrug der glühende Antikommunist seine Einsatzdoktrin bruchlos auf den neuen Feind, die Sowjetunion. Laut einem bei Rand erarbeiteten Plan für einen Präventivschlag sollte Moskau mit achtzig Atombomben vernichtet und jede sowjetische Stadt mit mehr als 25 000 EinwohnerInnen atomar angegriffen werden – und chinesische Städte gleich mit, um keinen neuen Rivalen aufkommen zu lassen.

Bis 1961 wurden diese Pläne selbst vor der US-Regierung geheim gehalten. Ellsberg gelang es, in zähen Auseinandersetzungen die politischen Instanzen einzubeziehen. Nach dem Amtsantritt von John F. Kennedy propagierte insbesondere Verteidigungsminister Robert McNamara das Konzept einer «flexiblen Reaktion» anstelle eines atomaren Präventivschlags. LeMay brachte es danach glücklicherweise nur noch als Vorbild für den kriegsgeilen General Jack D. Ripper in Stanley Kubricks Film «Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben» (1964) zu Ruhm.

Aber auch die gemässigtere Politik schloss den Einsatz von Atomwaffen nicht aus. Wie nah die Welt während der Kubakrise 1962 am Abgrund stand: Dazu liefert Ellsberg neue Details aus dem Innern der Macht. Besonders im Fokus stehen Einschätzungen, mit welcher Wahrscheinlichkeit die eingeschlagene Konfrontationsstrategie zu verheerenden Gegenmassnahmen hätte führen können. Ellsberg selbst und andere Berater veranschlagten die Risiken eines Atomkriegs auf ein Tausendstel – was ihn höchst beunruhigte. Der Krisenstab allerdings glaubte, es bestehe ein Risiko von mindestens zehn Prozent, dass der sowjetische Generalsekretär Nikita Chruschtschow das US-Ultimatum mit einer Eskalation beantworten würde. Dabei war allen klar, dass die sowjetischen Raketen auf Kuba keine militärische Gefahr für die USA darstellten, sondern dass es um Symbolpolitik ging. Umgekehrt wusste man nicht, ob sowjetische Kommandanten auf Kuba taktische Atomwaffen auch in eigenem Ermessen einsetzen könnten. Dennoch war man bereit, mit einem zehnprozentigen Risiko Dutzende Millionen von Toten in Kauf zu nehmen.

Die Macht über den roten Knopf

In dieser Bereitschaft zeigt sich eine «Apokalypse-Blindheit», wie sie der Philosoph Günter Anders in «Die Antiquiertheit des Menschen» bereits 1956 beschrieben hat: die Unfähigkeit, oder Unwilligkeit, sich die Folgen der eigenen Taten vorzustellen. Gerade in der Atomtechnologie werden Herstellung, Produkt und Folgen arbeitsteilig auseinandergerissen und so voneinander getrennt, dass die apokalyptischen Gefahren versachlicht und von der eigenen Empathie weggerückt werden.

Und jetzt sitzt im Weissen Haus einer ganz nahe am roten Knopf, der diese Apokalypse-Blindheit wie kaum ein Zweiter zeigt. Schon vor seiner Wahl hatte Donald Trump eine Verzehnfachung der US-Atomwaffen gefordert. Seither hat er zahlreiche ehemalige und aktive Militärs in die Regierung gehievt. Diese Machtkonzentration militärischen Denkens ist gefährlich. In der «New York Review of Books», dem liberalen Gewissen der USA, läuft gegenwärtig eine Diskussion darüber, wer über den atomaren Einsatz befehlen kann und wer sich einem entsprechenden Befehl des Präsidenten widersetzen dürfe. Unglücklich die Zeit, die solche HeldInnen nötig hat.

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