Nr. 33/2017 vom 17.08.2017

Und ewig grüsst die Schweinebucht

Können die aktuellen atomaren Drohgebärden des nordkoreanischen Regimes und der USA mit der Kubakrise im Oktober 1962 verglichen werden?

Von Markus Spörndli

Key West, Florida, im Herbst 1962: Schaulustige beobachten die Aufstellung von Boden-Luft-Raketen. Foto: Underwood Archives / Getty

Der Kalte Krieg kommt immer mal wieder zurück. Zuweilen droht er gar aufzutauen und unangenehm heiss zu werden. Wie gerade jetzt zwischen den USA und Nordkorea.

Dass es im Norden der Koreanischen Halbinsel überhaupt noch ein stalinistisches Regime gibt, das sich zunehmend dank Atomwaffen an der Macht hält, ist ein Kollateraleffekt aus dem Anfangsjahrzehnt des Kalten Kriegs – zurückzuführen letztlich auf die damalige bedenkenlose militärische Intervention der USA, die schätzungsweise vier Millionen KoreanerInnen das Leben kostete. Anfang der sechziger Jahre folgte dann die gefährlichste Phase des Kalten Kriegs: die Zuspitzung des atomaren Wettrüstens zwischen den USA und der Sowjetunion, mit der Kubakrise als Höhepunkt. Die Situation hätte leicht zu einem Dritten Weltkrieg führen können.

Rührender Slogan

Manche vergleichen die Krise um Nordkorea mit der Kubakrise vom Oktober 1962, nicht zuletzt ein Berater von Donald Trump. «Während der Kubakrise standen wir hinter JFK», sagte Sebastian Gorka dem TV-Sender Fox News – und meinte den damaligen US-Präsidenten John F. Kennedy. «Das hier ist analog zur Kubakrise. Wir müssen zusammenkommen.» Damit legte Gorka offen, was sich Trump offensichtlich von der aussenpolitischen Krise erhofft: das Überspielen der multiplen innenpolitischen Krisen, des eklatanten Regierungschaos.

«We need to come together»: Den rührenden Slogan bezog Militärberater Gorka wohl nicht nur auf die US-Bevölkerung, sondern insbesondere auch auf die beiden sich offen bekämpfenden ideologischen Lager innerhalb der Regierung. Das rechtsextreme Lager, dem auch Gorka angehört, will den Konflikt über die «Fire and fury»- und «Locked and loaded»-Sprüche des Präsidenten hinaus befeuern, während das konservative Lager (etwa Aussenminister Rex Tillerson) den Oberbefehlshaber in gemässigtere Bahnen zu lenken versucht.

Obwohl die Nordkoreakrise weniger Zerstörungspotenzial in sich trägt als die Kubakrise, taugt die Analogie durchaus, um die möglichen Folgen verschiedener Verhandlungs- und Kommunikationsstrategien abzuschätzen. Rückblickend wird die Kubakrise gern als Strategiespiel verklärt, bei dem die Hauptkontrahenten stets die Kontrolle behielten und so die Welt vor der nuklearen Auslöschung bewahrten. Die Realität war jedoch um einiges chaotischer – besonders, was die Rolle des demokratischen US-Präsidenten Kennedy betrifft, der damals ebenfalls aus der Schwäche seiner Regierung heraus agierte.

Bei seinem Amtsantritt im Januar 1961 war der junge Kennedy ein ziemlich aggressiver Kalter Krieger. Nicht anders als sein republikanischer Vorgänger, Exgeneral Dwight D. Eisenhower, ignorierte er sowjetische Vorschläge, das gegenseitige Wettrüsten zu stoppen. Und er versuchte mit allen Mitteln, die sozialistische Revolution in Kuba umzukehren. Mit Sanktionen und einer versuchten Okkupation trieb die US-Regierung Kuba in die Arme der Sowjetunion, die dem kubanischen Regierungschef Fidel Castro wirtschaftliche und militärische Unterstützung zusicherte.

Die erfolglose Invasion in der Schweinebucht vom April 1961, die der Auslandsgeheimdienst CIA noch unter Eisenhower verdeckt mit ExilkubanerInnen geplant hatte, war für Kennedy eine politische Demütigung. So versuchte er, fortan noch mehr Stärke zu demonstrieren, was das Eskalationspotenzial der Kubakrise entscheidend erhöhte. Als Kennedy durch die Geheimdienste mitbekam, dass die Sowjetunion tatsächlich schon Atomraketen auf der Karibikinsel installiert hatte, versuchte er gar nicht erst, in vertraulichen Gesprächen und Verhandlungen eine diplomatische Lösung zu finden. Ähnlich wie heute Trump gefiel sich der eitle und gekränkte Kennedy vor fast 55 Jahren darin, den Gegner mit im TV geäusserten Drohungen zum Rückzug aufzufordern.

Das war der Anfang der dreizehntägigen Krise, in deren Verlauf nicht nur der sowjetische Ministerpräsident Nikita Sergejewitsch Chruschtschow einen kühlen Kopf behielt. Auch Kennedy erkannte schliesslich den Ernst der Lage. Er hatte gerade ein Buch der Historikerin Barbara Tuchman gelesen. Darin legte sie dar, wie Jahrzehnte zuvor eine Reihe von Staatsmännern den Ersten Weltkrieg losgetreten hatten, ohne dies wirklich zu wollen.

Beunruhigende Abstriche

So war auch 1962 klar: Niemand will einen Atomkrieg. Es ging darum, glaubwürdig mit einer totalen Eskalation zu drohen, um ein bestimmtes Verhandlungsergebnis zu erreichen. Nur Wahnsinnige würden tatsächlich einen Erstschlag ausführen und so die Zerstörung des eigenen Landes, die Auslöschung der eigenen Bevölkerung in Kauf nehmen. Chruschtschow soll während der Krise seinen eskalationsfreudigen kubanischen Genossen Fidel Castro belehrt haben: «Wir kämpfen nicht gegen den Imperialismus, um zu sterben.» Und der damalige US-Verteidigungsminister Robert McNamara sagte Jahre nach der Krise, die US-Führung habe nicht einmal darüber diskutiert gehabt, ob sie im Fall eines limitierten sowjetischen Angriffs einen Nuklearkrieg losgetreten hätte. Der Historiker Len Scott kommt deshalb zum Schluss, die Kubakrise habe nie eine Eskalationsstufe erreicht, bei der ein Nuklearkrieg ernsthaft in Betracht gezogen worden wäre.

Eigentlich gilt das auch heute noch: Niemand mit auch nur minimalstem Verantwortungsgefühl kann eine nukleare Eskalation wollen – allerdings mit ein paar beunruhigenden Abstrichen. Erstens sind die beiden beteiligten Regierungen in Pjöngjang und Washington stark von Führerkult und Machtkämpfen geprägt; das steigert die Wahrscheinlichkeit, dass Elemente der Irrationalität – oder des Wahnsinns – Entscheidungen beeinflussen könnten. Zweitens sind die Verhältnisse im aktuellen Konflikt höchst asymmetrisch; die nukleare Supermacht USA (rund 2700 einsatzbereite Sprengköpfe) steht einer kleinen isolierten Diktatur gegenüber, die vielleicht eine Handvoll Atomsprengköpfe auf ihre Mittelstreckenraketen montiert hat.

Das Wissen, dass die nordkoreanischen Raketen wohl abgefangen werden könnten, bevor sie die US-Bevölkerung treffen würden, könnte Trump an einem schlechten Tag dazu verleiten, die wahrscheinlichen Folgen eines Erstschlags in Kauf zu nehmen: den Tod von Millionen AsiatInnen, die Zerstörung weiter Teile der Koreanischen Halbinsel.

Man muss also hoffen, dass Trump und sein Gegenspieler Kim Jong Un in nächster Zeit nicht allzu schlechte Tage erwischen, sich mit dem besonneneren Teil ihres Beraterstabs umgeben – und dass sie vor allem ernsthaft beginnen zu verhandeln. Die dreizehn Tage der Kubakrise waren im Grunde eine monumentale Verhandlung zwischen Parteien ohne bestehendes gegenseitiges Vertrauen – unter massivem Zeitdruck und mit der Aussicht, dass ein Fehler einen neuen Weltkrieg zur Folge haben könnte.

Auf beiden Seiten analysierten Arbeitsgruppen mit spieltheoretischen Modellen die Lage, mögliche nächste Schritte der Gegenseite und praktikable Lösungen. Derweil waren die beiden Supermächte über offizielle und inoffizielle Kanäle dauernd im Gespräch. Und auf der US-Seite war es letztlich Kennedy, der die militaristischen Lösungsvorschläge seines Beraterteams in den Wind schlug. Am Ende lautete der Kompromiss: Die Sowjetunion zieht die Raketen wieder aus Kuba ab, die USA respektieren Kubas Souveränität und – das wurde damals noch geheim gehalten – entfernen ihre Atomwaffen aus der Türkei.

Im Gespräch bleiben

Wer weiss, vielleicht hat auch Trump Arbeitsgruppen gebildet und tauscht sich im Hintergrund längst mit allen möglichen Seiten aus, um eine Lösung zu finden. Wahrscheinlich ist das aber nicht. Wenn Kim meint: «Ein Dialog ist mit so einem Typen nicht möglich», muss das nicht viel bedeuten. Wenn aber die Führungen Südkoreas und Deutschlands den US-Präsidenten in öffentlichen Erklärungen bitten, etwas mehr Zurückhaltung zu wahren und zu bedenken, was auf dem Spiel steht, bedeutet das wohl schon, dass selbst traditionelle und von der Krise direkt betroffene Alliierte keinen direkten Draht zu Trump haben – und wenig Vertrauen in seine diplomatischen Fähigkeiten.

Sie wissen, dass bei atomaren Konflikten fatale Fehler unterlaufen können. In den dreizehn Tagen der Kubakrise gab es – trotz der hochprofessionellen Verhandlungs- und Kommunikationsstrategien beider Parteien – etliche Vorfälle, die eine atomare Konfrontation hätten auslösen können. Etwa als ein sowjetischer U-Boot-Kapitän beinahe ein US-Schiff mit einem nuklearen Torpedo abschoss. Oder als ein US-Pilot unbeabsichtigterweise in russischen Luftraum eindrang und höchsten Alarm auslöste. Oder das technische Risiko, dass seitens der USA einer von Hunderten atomaren Sprengköpfen, die in unmittelbarer Abschussbereitschaft waren, versehentlich hätte losgehen können.

Die Nordkoreakrise ist noch lange nicht so heiss. Verglichen mit den bangen Tagen im Oktober 1962 gibt es noch viel Zeit und Spielraum, das Regime mit vernünftigem Druck und Verhandlungen zur Räson zu bringen. Dass China als dessen (halbherziger) Alliierter und Haupthandelspartner die vom Uno-Sicherheitsrat beschlossenen Sanktionen am Montag umzusetzen begann, ist bemerkenswert. Das Land scheint sich der Position des am direktesten betroffenen US-Alliierten Südkorea anzunähern, zum Teil auch derjenigen Japans.

Sie alle versuchen, den Konflikt so weit wie möglich zu demilitarisieren und auf die Verhandlungsebene zu bringen. Dass Pjöngjang ein Abkommen akzeptieren könnte, das die Einstellung seines militärischen Nuklearprogramms beinhaltet, bewies es in den neunziger Jahren. Dann kam US-Präsident George W. Bush, zählte Nordkorea zur «Achse des Bösen» und suspendierte das Abkommen. In der Folge ist Nordkorea zu einer kleinen Atommacht geworden, die den Kalten Krieg wieder aufwärmen kann.

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