Nr. 43/2019 vom 24.10.2019

Ein Leben als Kanonenfutter

Das Stück «Hundert Jahre weinen oder hundert Jahre Bomben werfen» erschüttert langsam, aber nachhaltig. Die Konstruktion einer tödlichen Variante von Männlichkeit wird hier an dunklen Kapiteln der Schweizer Geschichte durchexerziert.

Von Caroline Baur

Der Verdingbub, der in die Fremdenlegion ging: Jonas Götzinger als Reto (liegend). Foto: Kim Culetto

«10 000 Motorräder und 10 000 Männer verschwanden in der Schweiz, doch man sorgte sich nur um die Motorräder», sagt der Legionär Bernd (Malte Homfeldt). Es ist einer der vielen Sätze, die sich einbrennen in der pointiert gespielten Uraufführung von «Hundert Jahre weinen oder hundert Jahre Bomben werfen» am Theater Basel. Die Rede ist von jenen Verdingbuben, die das Land Mitte der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre verliessen und sich der französischen Fremdenlegion anschlossen, um den algerischen Befreiungskrieg niederzuschlagen. Ihnen trauerte niemand nach.

Ein alter Mann, tot oder krank, rollt auf einer Liege in die Szene, ein Pfleger stützt sich auf ihm ab und telefoniert. Hier wird einer bis zuletzt nicht geachtet, scheint uns das Bild zu sagen. Unter dem Laken rutscht ein junger, vor Angst zitternder Körper hervor. Der Protagonist Reto, beklemmend gespielt von Jonas Götzinger, richtet seine Geschichte an einen fiktiven Untersuchungsrichter im Publikum. Die Figur lehnt sich an die Biografie von René Schüpbach an. Dieser wurde als Kind verdingt und entschied sich – noch minderjährig –, der Legion beizutreten.

Opfer-Täter-Spannung

Die AutorInnen Darja Stocker und Mohamedali Ltaief führen uns in eine Männerwelt militärischer Kameradschaft, in der einstige Opfer zu Tätern werden. «Sorge dafür, dass ich immer ein Mensch bin, der fragt», rollt zu Beginn der Aufführung über eine LED-Anzeigetafel. Das Zitat des französischen Philosophen Frantz Fanon geistert durch das Stück, als sei Fanon der ethische Richter über die Legionäre genauso wie über das Publikum. Und es stellt sich erstmals die Frage, warum uns die Innenperspektive eines Söldners, der freiwillig in den Krieg zieht und zum Feind konstruierte Menschen ermordet, interessieren muss – auch wenn das Phänomen nichts an Aktualität verloren hat, denkt man beispielsweise an IS-Kämpfer.

Psychologisch nachzuempfinden, wie entwürdigte Männer nur durch gewaltvolles Märtyrertum Selbstwert erfahren können, scheint zurzeit fast schon ein eigenes Genre: Auch der Blockbuster «Joker» oder – etwas weniger heftig – der Schweizer Kinofilm «Der Büezer» haben diesen sozialdokumentarischen Anstrich. Müssen wir gegenüber Tätern empathisch sein? Oder verstellt Empathie den Blick auf strukturelle Gewalt?

Doch Empathie zu schaffen, ist für die AutorInnen von «Hundert Jahre weinen oder hundert Jahre Bomben werfen» zweitrangig. Endlos wird auf Reto herumgehackt. Weil er sein Bett nässt, ein Lügner sei, weil er nichts richtig macht, obwohl er nur verzweifelt um die Liebe seiner Stiefmutter und seiner Mutter kämpft. Später verbringt Reto Tage in Dunkelhaft, verurteilt wegen einer Lappalie. Es passiert diesem Kind zu viel Grausames, als dass man noch mitfühlen könnte – fast zu viel, um das Geschehen nicht als völlig überspitzt wahrzunehmen.

Was Reto im Stück widerfährt, entspricht jedoch realen Erfahrungen in Tausenden ähnlichen Fällen. Diese Schicksale umgeben uns, aber in sie hineinversetzen können wir uns kaum – und diesem Unbehagen entkommt man im Theatersessel nicht. So entwickelt man als Zuschauerin Verständnis für diesen Fremden und seine Handlungen – einfach indem man seiner Geschichte zuhört.

Mit Rollator in der Eingangshalle

Nach einer Stunde tritt Reto aus einem Quasimonolog über seine Kindheit aus und wird Teil einer freundschaftlichen, aber gewaltvoll autoritären Gruppe von «gottvergessenen Söhnen». Die sozialen Interaktionen unter den Kameraden, das gemeinsame Scherzen und Leiden, ermöglichen dem Publikum, mitten im Geschehen empathisch zu sein. Die Sprache des Stückes wird reicher, als ob sie mit Reto aus der Isolation auftaut.

Kalt läuft es einem über den Rücken, als der Todestrieb aus dem charmanten Legionär Michel (Julius Schröder) herausplatzt: Das Schönste, was er sich vorstellen könne, sei, von seinen Kameraden erschossen zu werden. Kamerad Joseph (David Michael Werner) hinterfragt zunehmend den Krieg, die Foltermethoden und die konstruierten Begebenheiten: Wer ist genau der Feind? Die Legionärsidentität bröckelt, der sogenannte Feind wird fast zum Freund, bevor Reto ihn auf Befehl erschiesst. In Europa wird der Krieg moralisch nicht mehr getragen, der Truppenabzug wird verordnet. Noch einmal wird alles, woraus das Leben dieser Männer besteht, komplett entwertet. Gegen Ende saugt ein Schlund im Boden, der durch das Stück hindurch mal als Symbol für ein Gefängnis, mal als Lagerfeuer oder als Brunnen fungiert, das orange Bühnenbild in sich auf. Als ob nun jegliche Identität dieser Männer endgültig vom Erdboden verschluckt würde.

René Schüpbach selbst steht nach dem Stück mit Rollator in der Eingangshalle und verkauft seine Biografie. Er findet die Inszenierung über sein Leben gelungen. Ohne die offene Aufarbeitung seiner persönlichen Geschichte gäbe es dieses Stück nicht.

Die beiden AutorInnen, der Regisseur Franz-Xaver Mayr und das starke Ensemble meistern die schwierige Aufgabe, lebendige Figuren zu schaffen und gleichzeitig die Strukturen, denen sie unterliegen, zu offenbaren. Maskulinistische Narrative zerbröseln: Niemand muss Bomben werfen, weinen müssten alle.

«Hundert Jahre weinen oder hundert Jahre Bomben werfen» ist zurzeit am Theater Basel zu sehen.

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