Nr. 51/2019 vom 19.12.2019

Zarte Momente hinter Stacheldraht

Mit der Handykamera hat der afghanische Regisseur Hassan Fazili die Flucht seiner Familie nach Europa dokumentiert. Seinen Film «Midnight Traveler» stellte er kürzlich am Human Rights Film Festival in Zürich vor.

Von Nora Strassmann

Sie wollen der Welt zeigen, was ihnen und Millionen anderen widerfährt: Hassan Fazili filmt seine Familie beim Belgrader Flüchtlingslager Krnjaca. Foto: Lutfullah Bakhtari

Hassan Fazili sitzt auf einem schwarzen Ledersofa und mimt einen blinden, tauben Affen. Er sagt: «Wenn alle wegschauen, ist das für Filmemacher eine sehr interessante Situation.»

Die Situation ist folgende: Eine Familie, die in ihrer afghanischen Heimat bedroht wird, beantragt Asyl in Tadschikistan. Dass ihr Leben in Gefahr ist, kümmert dort jedoch niemanden. Nach vierzehn Monaten des Wartens wird der Antrag abgelehnt.

So erging es Fazili mit seiner eigenen Familie. Er und seine Frau Fatima Hussaini sind RegisseurInnen. In Kabul hatte er einen Film über einen Extaliban gedreht, als Antwort auf das Porträt des «Abtrünnigen» setzten die Taliban ein Kopfgeld auf Fazili aus. Er floh mit seiner Familie. Als ihr Asylgesuch in Tadschikistan abgewiesen wird, fassen die Eltern und ihre zwei Töchter einen Entschluss: Zusammen dokumentieren sie alles, was ihnen auf der Reise nach Europa widerfährt, mit der Handykamera – Gutes, Schlimmes, Banales. Wenn die Behörden nicht hinschauen wollen, dann soll dieser Film sie dazu zwingen.

Hassan Fazili

«Midnight Traveler» heisst der Film, der die Flucht von Afghanistan über die Balkanroute bis nach Ungarn zeigt. Dabei stellt sich die Erkenntnis ein, dass das Leben auch in der Ausnahmesituation Flucht in all seinen Facetten spielt. Die Fliehenden lachen und weinen, sie fürchten und sie freuen sich. Das ist denkbar weit weg von dem mitleidigen Blick, der viele Berichte über Flucht prägt und die Menschen zu passiven Opfern degradiert – darin liegt die Grösse dieses Films.

Die Kamera als Mutmacher

«Wenn mich der Mut verlassen hatte und ich nicht mehr weiterwusste, habe ich am Film gearbeitet», sagt Fazili. Auch seine ältere Tochter Nargis habe den Film als Strategie benutzt: Wenn sie deprimiert gewesen sei, habe sie gefilmt. Schliesslich hätten sie nie gewusst, ob sie am nächsten Tag noch leben würden.

Am Anfang der weiten Reise möchte Nargis im Iran unbedingt zum Meer hinunter. Sie klettert über grosse, dunkle Steine und schaut auf das Wasser. Die Gischt spritzt zu ihr hoch, macht ihre Füsse nass. Das Mädchen lacht und kreischt mit entzücktem Blick in die Kamera: «Mit diesem Wasser möchte ich duschen!»

Auf der Balkanroute sind 2015 und 2016 zahlreiche Menschen umgekommen – auch Fazili und seine Familie haben Leute getroffen, die auf der Flucht Angehörige verloren haben. Der Wille, der Welt zu zeigen, was ihnen und Millionen anderen widerfährt, gab ihnen Halt: «Als wir tagelang durch den Wald gingen und kaum Essen und Trinken hatten, erzählte ich den Kindern, wie erfolgreich unser Film sein wird.» Immer wieder hätten sie geübt, wie man sich auf der Bühne vor Publikum verbeugt.

Ein von Stacheldraht umgebener grauer Innenhof eines Flüchtlingslagers in Ungarn. Nargis steht am trostlosesten Ort, den man sich vorstellen kann, und filmt den Sonnenuntergang. Hassan filmt Nargis beim Filmen, und wir sehen sie durch seine Handykamera. Inmitten der Tristesse dieser zarte Moment.

Natürlich ist der Film keine leichte Kost. In Bulgarien wird die Familie auf offener Strasse von Rechtsnationalen attackiert. Hunderte FremdenhasserInnen skandieren vor dem Flüchtlingslager: «Ausweisung! Ohne Verfahren!» Im Zimmer ist die Verzweiflung physisch spürbar. Zahra, die jüngere Tochter, weint bitterlich und sagt: «Ich mag diesen Ort nicht mehr. Ich will nie mehr rausgehen.» Dass Kinder sich der Welt verschliessen, ist das Ärgste, was passieren kann.

Das Üben hat sich gelohnt

Warten und Langeweile spielen auf der Reise eine Hauptrolle: Warten auf einen Entscheid, Warten auf einen Platz im Camp, Warten aufs Ankommen, Warten auf das Smartphone.

Ob er sich eine Flucht ohne Handy vorstellen könnte? Hassan Fazili tut so, als ob er tot umfällt. Für alle Flüchtenden, die sie getroffen hätten, sei das Mobiltelefon essenziell: «Wir mussten unseren Handygebrauch pro Stunde regeln, damit wir uns nicht in die Haare gerieten.» Alle in der Familie rissen sich um den kleinen Bildschirm, sei es, um den Kontakt mit Bekannten zu pflegen, Trickfilme zu schauen, die Route zu planen oder am Film zu arbeiten. Drei Powerbanks und etwa sieben zusätzliche Batterien sollten sicherstellen, dass sie die Verbindung zur Aussenwelt nie verlieren. Die vollen Memory Cards schickten sie fortlaufend in die USA zu einer Bekannten, wo der Film geschnitten und fertiggestellt wurde.

Im April 2018 kam die Familie in Deutschland an. Nach langem Hin und Her haben sie kürzlich eine Aufenthaltsbewilligung erhalten. «Bis zuletzt lebten wir mit der Angst, ausgeschafft zu werden», erzählt Fazili. Als die ersten Einladungen zu Filmfestivals eingingen, konnte die Familie aufgrund des unsicheren Aufenthaltsstatus gar nicht hinfahren. Das sei hart gewesen, sagt Fazili. Er darf mittlerweile ausreisen, die anderen drei auch bald. An der Berlinale zeigte sich, dass sich das lange Üben gelohnt hatte: Endlich durfte sich die ganze Familie vor echtem Publikum verbeugen.

Und warum endet der Film in Ungarn? «Als Flüchtling kommst du nie richtig an», sagt er. Weder hier noch dort. Ein Teil bleibt immer im Land, das man hinter sich lassen muss.

«Midnight Traveler» läuft weiterhin im Kino.

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