Nr. 03/2005 vom 20.01.2005

Regieren ohne Widerstand

In den postum herausgegebenen Vorlesungen ist ein neuer Foucault zu entdecken. Was taugt sein Konzept der «Gouvernementalität» für die Machtanalyse in Zeiten der Deregulierung?

Von Katrin Meyer

Am Tag nach seiner Wiederwahl sagte der US-amerikanische Präsident George Bush: «I earned political capital in the campaign and now I intend to spend it», er habe während seiner Kampagne politisches Kapital bekommen, jetzt wolle er es ausgeben. Diese Formulierung nimmt auf, was Neoliberale wie der Ökonom Gary Becker seit den siebziger Jahren fordern: alle gesellschaftlichen Phänomene, von der Kriminalität über die Kindererziehung bis zum Selbstverhältnis des Individuums, in der Logik der Ökonomie zu begreifen. Dass der Präsident der Vereinigten Staaten seine Regierungstätigkeit, das heisst sein politisches Mandat, in die Sprache der Kapitalisierung fasst, ist also neoliberaler Regierungsstil. Wie lässt sich dieser kritisch analysieren?

Das Problem liegt darin, dass die Erklärung des Neoliberalismus und des Liberalismus oft ahistorische und universelle Beschreibungskategorien voraussetzt, die in Tat und Wahrheit bereits das Produkt (liberaler) Geschichte sind. Die Konzepte des Politischen und Ökonomischen sind dafür die besten Beispiele. Sie können den Liberalismus nicht erklären, da sie selber erklärungsbedürftig sind.

Michel Foucaults Antwort auf dieses Problem ist das Konzept der «Gouvernementalität». Sie bildet das Thema seiner Vorlesungen aus den Jahren 1978 und 1979, die kürzlich zeitgleich auf Französisch und Deutsch erschienen sind.

Christliche Seelenlenkung

Foucault nennt «Gouvernementalität» jene «Machttechnik», die im 16. Jahrhundert einsetzt und aus der Frage erwächst, wie die Untertanen eines Staates richtig zu führen und zu lenken seien. Die Idee der staatlichen Regierung als «Führung» ist inspiriert vom christlichen Gedanken der Seelenlenkung; der Fürst, heisst es in zahlreichen Schriften über die «Regierungskunst», soll sein Land wie ein Pastor oder Hirte regieren und sich um das Wohl eines jeden seiner Schäfchen kümmern. Foucault beschreibt, wie sich daraus über einen Zeitraum von vierhundert Jahren das Konzept einer «liberalen Regierung» herausgebildet hat. Angetrieben durch externe Widerstände und interne Konflikte, mit denen die «Gouvernementalität» produktiv umzugehen versucht, statt sie gewaltsam zu unterdrücken, formiert sich ein Regierungsstil der «Selbstbegrenzung». Er ist das Merkmal des klassischen Liberalismus und des Neoliberalismus des 20. Jahrhunderts. Bei dieser Minimierung der Regierung handelt es sich - das ist die Pointe - um eine Rationalisierung.

In Foucaults Vorlesungen gibt es, wie so oft bei ihm, kein klares Gut und Schlecht. Ob es auch eine «sozialistische Gouvernementalität» geben könnte und ob das überhaupt wünschenswert wäre, lässt Foucault letztlich offen. Die erste Aufgabe des kritischen Intellektuellen, so scheint es, liegt nicht im Erfinden, sondern im präzisen Erkennen der Gegenwart. Der Begriff der Gouvernementalität ist eine Neuschöpfung Foucaults. Das Konzept wird seit den neunziger Jahren vor allem im angelsächsischen und deutschen Sprachraum lebhaft diskutiert; es erscheint vielen SoziologInnen und politischen TheoretikerInnen als geeignete Analysekategorie, um verschiedene Phänomene der Moderne zu erklären, allen voran die «Ökonomisierung des Sozialen».

Betont wird dabei, dass sich das gelenkte Subjekt in der Moderne selber lenke, das heisst, die soziale Regulierung und Führung «freiwillig» wiederhole und an sich selber vollziehe. Das gouvernementale Prinzip der «Selbstregulierung der Regierten» bietet sich somit als eine machtkritische Gegenfigur zum liberalen Begriff der Freiheit an. Es erlaubt zu beschreiben, wie im Unternehmensmanagement, in Bürgeraktivitäten, im Gesundheitswesen oder in der Freizeitindustrie das Mittel der Selbstregierung als Machttechnik eingesetzt wird.

Freiwillige Unterwerfung

Da es sich dabei um Formen der Rationalisierung handelt, drängt sich der Vergleich von Foucaults Gouvernementalitätskonzept mit Max Webers Rationalisierungsthese auf («Wirtschaft und Gesellschaft», 1922). Allerdings liegt für Foucault der Akzent der Gouvernementalität eindeutig bei staatlichen Regierungstechniken. «Gouvernementalité», so wendet der Herausgeber der Vorlesungsbände, Michel Sennelart, gegen bisherige Lesarten ein, sollte nicht mit «Regierungsmentalität» übersetzt werden, da es sich aus «gouvernemental» (und nicht aus «gouverner» und «mentalité») ableitet. Gouvernementalisierung beschreibt nicht die «Mentalisierung», sondern die «Etatisierung von Machtverhältnissen», wie Foucault sagt. Der moderne Staat, heisst es in den Vorlesungen, verdankt sich einem «Ensemble von Vorgängen», durch die er in die «reflektierte Praxis der Leute» eintritt und das «Feld einer aktiven, konzertierten, reflektierten Praxis» bildet.

Welcher Art sind diese Vorgänge, die den Staat als eine «konzertierte Praxis» schaffen? Foucault zieht verschiedene Linien; die wichtigste ist wohl jene der «Naturalisierung». Sie bedeutet, Dinge und Menschen so zu regieren, wie es «natürlich» zu ihnen passt, wobei das «Natürliche» nicht der Ausgangspunkt, sondern das Produkt der Regierung ist. In diesem Sinn formieren sich ab dem 18. Jahrhundert zwei «natürliche» Bezugsgrössen staatlicher Regierung: die Bevölkerung und der Homo oeconomicus. Die «Bevölkerung» entsteht mit der Statistik. Deren Aufgabe (ursprünglich bedeutet sie «Kenntnis des Staates») ist es, das «Leben» der Bevölkerung, das heisst ihr durchschnittliches Verhalten, ihre Geburts- und Sterblichkeitsraten, ihre Epidemien und Krankheiten, zu erfassen und durch «biopolitische Sicherheitsdispositive» kontrollierbar zu machen. Bevölkerung ist also nicht dasselbe wie Volk; dieses ist ein juristischer Begriff aus der Vertragstheorie, jene hat ein natürliches «Verhalten» und bietet der Regierung ein neues Betätigungsfeld mit eigenen Inhalten und Rechtfertigungen.

Auch der Homo oeconomicus, das so genannte Wirtschaftssubjekt, entsteht in der Moderne als ein Produkt gouvernementaler Aktivitäten. Er ist das Modell eines Individuums, das seine Interessen rational optimieren will. Anders als der Untertan, der in einem Gehorsamsverhältnis zum staatlichen Souverän steht, soll der Homo oeconomicus seine Interessen nicht unterdrücken, sondern im Gegenteil frei entfalten können. Die Wahrung individueller Interessen wird zur Hauptaufgabe der liberalen und neoliberalen Regierung. Das bedeutet, dass sich das Politische an der Rationalität des Homo oeconomicus orientiert und daraus seine Rechtfertigung zieht. Am Beispiel der deutschen Politik nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt Foucault, wie die neoliberale Wirtschaftsfreiheit den neu zu schaffenden deutschen Staat legitimierte. Der «ökonomische» Wille zur Bereicherung galt als ein «politisches» Zeichen der «Zustimmung der Individuen zum Staat».

Naturalistische Begriffe

Die Gouvernementalität eröffnet eine neue Perspektive auf Regierungshandeln, dank der die liberale Trennung von Politik und Ökonomie und von Staat und Gesellschaft nicht als selbstverständlich vorausgesetzt und unreflektiert wiederholt wird. Gouvernementales Regieren besteht nicht nur darin, das Verhältnis zwischen dem Staat und den Individuen zu regulieren und private Freiräume zu verteidigen (so lautet es im liberalen Selbstverständnis). Viel entscheidender ist, dass die Gouvernementalität überhaupt festlegt, was öffentlich und privat heissen soll, indem sie den Unterschied zwischen «natürlichen» Gesetzmässigkeiten (der Bevölkerung, der Wirtschaft, der individuellen Bedürfnisse) und «politischen» Eingriffen (rechtliche Einschränkungen und Sanktionen vorab) etabliert. Die «Natürlichkeit» von Prozessen ist also ein Effekt von Regierungstechniken, die sich dadurch unsichtbar machen. Die Naturalität der Begriffe verdeckt ihre Politisierung. Diese Erkenntnis kann heute, wo Gegenwartsanalysen unbekümmert auf universelle Begriffe wie Religion oder Freiheit zurückgreifen, nicht genug betont werden.

Was bedeutet dies für das Verständnis aktueller Phänomene, etwa des Krieges gegen den Terror oder die Globalisierung? Öffnen diese der Gouvernementalität neue Aktionsfelder, oder stösst sie dort an ihre Grenzen? George Bush steht in der Linie neoliberaler Gouvernementalität. Und doch ist Bush (und nicht nur er) gleichzeitig Präsident eines souveränen Nationalstaates und denkt in den Kategorien von Krieg und Ausnahmezustand. Er regiert nicht nur gouvernemental in der Logik neoliberaler Ökonomie, sondern auch ganz traditional durch Gesetz und Schwert. Bush investiert nicht nur in Kriege, sondern befiehlt diese auch. Damit folgt er einer Tradition souveräner staatlicher Herrschaft, die bei Foucault bis zu den mittelalterlichen, vorgouvernementalen «Gerechtigkeitsstaaten» zurückreicht.

Diese Tradition wird, wie Foucault betont, durch die Gouvernementalität nicht völlig überwunden, sondern sie existiert auch in der Moderne weiter und provoziert eine verwirrende Gleichzeitigkeit von souveränen und gouvernementalen Staatskonzepten. Deren Verhältnis zueinander müsste, über Foucault hinaus, eingehender geklärt werden. Ist der autoritäre Staat, in dem mit dem «Schwert» regiert wird, tatsächlich bloss ein Relikt aus der Vergangenheit? Oder ist er eng mit der Gouvernementalität verbunden, gar ein Teil von ihr oder ihr Produkt?

Wenn es zu den gouvernementalen Taktiken gehört, wie Foucault schreibt, zu definieren, was in den Zuständigkeitsbereich des Staates falle und was nicht, und wenn der Staat also nur dank der Gouvernementalität bis heute überleben konnte, muss dann nicht ein Zusammenhang bestehen zwischen der neoliberalen Rationalisierung eines Staatswesens und seiner souveränen Gewaltpolitik? Foucault macht solche Fragen denkbar, lässt sie aber offen.

Michel Foucault
Dem französischen Philosophen und Historiker Michel Foucault (1926-1984), neben Jacques Lacan, Jacques Derrida, Louis Althusser und Roland Barthes der wichtigste Vertreter des Poststrukturalismus, widerfährt mit der kontinuierlichen postumen Veröffentlichung weiterer Schriften eine eigentliche Renaissance. Beim Merve-Verlag erscheint dieses Jahr «Sprache und Literatur»; bei Suhrkamp erscheinen «Dits et Ecrits: Band IV, 1980-1988» (mit Gesamtregister); «Die Heterotopien - Der utopische Körper», zwei Radiovorträge; «Analytik der Macht», ausgewählt und mit einem Nachwort von Thomas Lemke; sowie «Theorie der Macht».

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