Nr. 08/2005 vom 24.02.2005

Statistischer Störfaktor?

Die Medizin blendet das Geschlecht sowohl in seiner biologischen als auch in seiner sozialen Dimension aus. Vor allem die Forschung weist gravierende Lücken auf.

Von Tonia Bischofberger

Frauen haben zwar weniger häufig einen Herzinfarkt als Männer, sterben aber eher daran als diese. Zu diesem erstaunlichen Befund sind Studien aus den USA und Deutschland gekommen. Die Gründe hinter diesen Fakten sind vielfältig: Die betroffenen Frauen haben häufig noch andere Krankheiten, beispielsweise Diabetes, leiden an fortgeschrittenen Gefässveränderungen, sind im Durchschnitt älter als die männlichen Patienten, und ihr Gesundheitszustand ist weniger gut.

Eine Studie aus Deutschland zeigt ausserdem auf, dass bei Frauen zwischen dem Auftreten von Symptomen und dem Moment, da sie ins Spital kommen, mehr Zeit vergeht als bei Männern. Der Grund: Frauen warten länger, bis sie etwas unternehmen, und auch Ärzte zögern länger, bis sie eine Frau überweisen, die Schmerzen hat, sagt die Ärztin Elisabeth Zemp vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Basel. Das wiederum hängt damit zusammen, dass Frauen oft andere Symptome aufweisen als Männer: Sie haben nicht den für einen Herzinfarkt klassischen stechenden Schmerz, sondern eher unspezifische Symptome wie Übelkeit, Unwohlsein und Beschwerden im Oberbauch. Der Herzinfarkt gilt als Männerkrankheit.

Genderblind

Hinter diesen Fakten, die seit den neunziger Jahren bekannt sind, versteckt sich die Genderblindheit der Medizin. Dass Frauen in Diagnose und Therapie meist schlechter wegkommen, meint Elisabeth Zemp, beruhe darauf, dass man annehme, dass die Forschungsergebnisse, die man an Männern findet, auch für Frauen gelten. Dieser Schluss aber ist unzulässig, denn es gibt mannigfache Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Auf der körperlichen Ebene: immunologische und hormonelle Differenzen, Grösse und Gewicht, Grösse der Blutgefässe und der Lunge, die Art, wie Wirksubstanzen aufgenommen und abgebaut werden.

Gleich ist nicht gleich

Wenn man Medikamente mit Tests an PatientInnen überprüft, möchte man möglichst wenige Störfaktoren haben, um feststellen zu können, ob das, was man als Ergebnis sieht, wirklich auf das Medikament zurückzuführen ist. Das heisst, dass man für solche Tests möglichst ähnliche Menschen auswählt, also Leute gleichen Alters, gleichen Geschlechts, gleicher Ethnie – bisher vor allem junge, gesunde Männer. Der Prozentsatz an Frauen ist relativ tief. Das gilt nicht nur für Herzinfarkt, sondern auch für Atemwegserkrankungen, Asthma und Rheumatismus. Die biomedizinische Forschung hat insofern einen grossen Nachholbedarf, als es sowohl frauen- und männerspezifische Krankheiten als auch geschlechtsspezifische Aspekte von Krankheiten gibt. Und es gibt Unterschiede zwischen Männern und Frauen im Gesundheitsverhalten und in den Lebensbedingungen, die auf die Gesundheit einwirken und die zu berücksichtigen sind.

In der Medizin wird das Gleiche oft unterschiedlich interpretiert, je nachdem, ob ein Arzt, eine Ärztin eine Frau oder einen Mann vor sich hat. Eine schweizerische Studie untersuchte Patienten mit so genannt funktionellen Bauchbeschwerden. Bei Frauen und Männern, so das Ergebnis, setzte man andere Untersuchungsmethoden ein, benannte die Beschwerden unterschiedlich und veranlasste andere Therapien. In einem kanadischen Experiment legte man ÄrztInnen identische Fallbeispiele vor. Der einen Hälfte der Ärzte sagte man, es handle sich um Frauen, der andern, es gehe um Männer. Die Diagnose fiel anders aus, je nachdem, ob die Ärzte meinten, es seien Frauen oder Männer. Auch die Medizin steht in einem gesellschaftlichen und kulturellen Kontext.

Die geschlechtergerechte Medizin gewinnt zwar an Terrain, sagt Elisabeth Zemp, aber Standard ist die Berücksichtigung des Genderaspekts noch immer nicht. Nach wie vor werden biomedizinische Studien vorwiegend an männlichen Probanden unternommen. Hinzu kommt, dass sich die Medizin in den letzten zweihundert Jahren zu einem naturwissenschaftlichen Fach entwickelt hat; sie vernachlässigt den soziokulturellen Anteil der Gesundheit. Dass heute auch die weibliche Seite von Gesundheit und Krankheit beachtet wird, hat unter anderem damit zu tun, dass mittlerweile mehr Frauen in der Forschung tätig sind und Entscheidungsbefugnisse haben.

Zaghafte Anfänge

In der Schweiz gibt es einzelne Studien zum Thema, neben der erwähnten Bauchwehstudie auch Untersuchungen zu Asthma bei Buben und Mädchen. Doch biomedizinische Studien an beiden Geschlechtern sind komplizierter und teurer. Auch die Sucht- und Aidsprävention arbeitet mit geschlechterspezifischen Ansätzen. Doch ob der Genderaspekt beachtet wird oder nicht, hängt immer noch von Einzelpersonen ab. So gibt es an Schweizer Universitäten keine medizinische Genderprofessur, und im Lehrplan des Medizinstudiums wird die Genderfrage kaum behandelt. Seit 2003 existiert das GenderHealth, eine Plattform für WissenschaftlerInnen, die sich mit geschlechterbezogenen Gesundheits- und Krankheitsfragen befassen. Im Bundesamt für Gesundheit gibt es seit 2001 die Fachstelle Gender and Health, die Lücken im Bereich Männer- und Frauengesundheit schliessen soll.

www.genderhealth.ch

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