Nr. 09/2005 vom 03.03.2005

Yumma! Aneee!

Filme von Hans Stürm und Beatrice Michel in Zürcher Kinos.

Von Christoph Bühler

Die Kinder im Hof schreien: Mamma! Mami! Ama! Anya! Daeee! Aneee! Yumma! Und: S(ch)eisse. Ihre Spielplätze sind die Ruinen alter Ökonomiegebäude, die in den siebziger Jahren zu einem Spiel- und Begegnungsort umfunktioniert worden sind. Die Torbogen, Gewölbe und Treppen bilden eine Arena für einen Mikrokosmos, der die äussere Welt spiegelt. Wir sind im Klingenhof, einem Innenhof im Zürcher Kreis 5, gleich hinter den Gleisen des Hauptbahnhofs gelegen, umgeben von fünfstöckigen Häusern und bewohnt von Menschen verschiedener Nationen und Kulturen.

Schachspiel im Hof

Nachdem sie gerade ein halbes Jahr im Iran einen Film gedreht, im Nordirak, in Ostanatolien und in den Ländern Europas gelebt und gearbeitet hatten, zogen auch die FilmemacherInnen Beatrice Michel und Hans Stürm Anfang der neunziger Jahre nach Zürich, in den Klingenhof. Aus Aufnahmen, die Beatrice Michel «aus Spass» vom Lebensgefährten Hans Stürm beim Schachspielen im Hof machte, entstand die Idee zu «Klingenhof». «Warum nicht vor der eigenen Haustür einen Film drehen? Geschichten festhalten, Gesichter und Schicksale … frei nach Claudio Magris: «Jeder Ort kann Mittelpunkt der Erde sein.»

Die ProtagonistInnen im Dokumentarfilm von Beatrice Michel sind die BewohnerInnen der Häuser, die sich um den Klingenhof reihen: Türkinnen, Iraner, Irakerinnen, Kroaten, Afrikanerinnen, Italiener und Bernerinnen, Kreis 5 halt. Der Innenhof ist ein gemeinsamer Ort - ein Treffpunkt der AnwohnerInnen. So beobachten die FilmemacherInnen das Leben ihrer MitbewohnerInnen und geben den Gesichtern Namen und Geschichten. Unweigerlich stellt sich die Frage nach Herkunft, Heimatlosigkeit, Fremdsein unter Fremden, und es entstehen Gemeinsamkeiten und Freundschaften. Die Filmarbeit zu «Klingenhof» wurde überschattet durch den frühen Tod des Gefährten, Mitautors und Kameramanns Hans Stürm im Sommer 2002. Beatrice Michel sah sich gezwungen, sich dieser Wendung auch im Film zu stellen. Von da an, meint sie, sei «der Film noch persönlicher geworden». Don Waltér aus Ruanda, Protagonist und Bewohner des Klingenhofs, meinte damals zu Michel: «In Afrika besteht die Kunst des Überlebens im Geschichtenerzählen. Mach weiter.» Beatrice Michel machte weiter. Und «Klingenhof» feierte an den diesjährigen Solothurner Filmtagen mit Erfolg Premiere.

Streik in der Klavierfabrik

Anlässlich der Kinoaufführung dieses letzten, bei seinem Tod noch unvollendeten Films präsentiert das Zürcher Filmpodium erstmals einen Rückblick auf das Werk von Hans Stürm. Seit Ende der sechziger Jahre gehörte der 1942 in Bischofszell im Thurgau geborene Stürm als Filmautor und Kameramann zu den prägenden Köpfen des «neuen» Schweizer Films. Nach einem Philosophiestudium in Freiburg zog er nach Paris, wo er an der Filmhochschule IDHEC 1967 mit dem Diplom als Kameramann abschloss. Aus dieser Begegnung mit der Grossstadt legte er den Grundstein zu seiner Karriere: Der Kurzfilm «Metro» von 1968 wurde heimlich in der Pariser U-Bahn gedreht und war als erster Teil einer Grossstadttrilogie gedacht, die er mit dem in deutschen Städten und in Zürich gedrehten «Zur Wohnungsfrage» von 1972 fortsetzte. Sein Erfolg setzte mit dem mit minimalsten Mitteln im Sommer 1974 entstandenen «Ein Streik ist keine Sonntagsschule» ein. Selbst der Autor war überrascht, als das eigenwillig poetische Dokument des Arbeiterstreiks in einer Bieler Klavierfabrik an den Kurzfilmtagen Oberhausen den Grossen Preis und weitere Auszeichnungen gewann.

Gemeinschaftsarbeit war Stürms Credo. 1975 war er bei der Gründung des Filmkollektivs Zürich dabei und trug zusammen mit Urs Graf, Richard Dindo und anderen zur Anerkennung und zum internationalen Ruf des Deutschschweizer Dokumentarfilms bei. Seine Arbeiten entstanden immer im Team, und von den achtziger Jahren an in ständiger Zusammenarbeit mit seiner Lebenspartnerin Beatrice Michel. Nicht nur deshalb sind die Ergebnisse auch so persönlich. «Gossliwil» (1981-1985), ein fünfteiliges Porträt über das Leben der Bauern und Bäuerinnen, ihr Verhältnis zur Arbeit und Welt, war während zweier Jahre auch das Zuhause der beiden; subjektive Eindrücke, die den Film, aber auch deren MacherInnen zu prägen vermochten.

Retrospektive Hans Stürm in: ZÜRICH Filmpodium, ab Do, 3. März. Infos: www.filmpodium.ch. «Klingenhof» in: ZÜRICH RiffRaff, ab 10. März. Infos: www.filmcoopi.ch

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