Nr. 16/2005 vom 21.04.2005

Die Görres-Krise

In Lukas Hartmanns neuem Roman steigert sich eine Jugendbande in den Wahn, Hitler auf der Spur zu sein.

Von Fredi Lerch

Hinter den Bäumen hervor treten drei Halbwüchsige. Christian ruft: «Keine falsche Bewegung!», Otto richtet die Pistole auf sie, und Simon Wegmüller, der Erzähler, sagt: «Machet gschyder, was mr nech befäle.» Sie dirigieren die alte deutsche Frau, die seit einiger Zeit im Emmentaler Dörfchen Tannwiler bei der ebenfalls deutschen Witwe des Landarztes lebt, vom Waldweg in eine Mulde. Dort findet das Verhör statt. Emma Görres gesteht, ein Mann zu sein. Die Jugendlichen wollen aber das Geständnis, dass er Adolf Hitler sei, der 1945 überlebt habe und sich jetzt, 1967, verkleidet als Frau, hier versteckt. Als es dem Transvestiten zu viel wird und er die kleinen Fanatiker als «widerliches Geschmeiss» beschimpft, schlagen sie zu. Görres stirbt drei Tage später an einer Gehirnblutung: ein Unfalltod nach unglücklichem Sturz im winterlichen Wald. Die Tat bleibt ungesühnt.

Auf dem Vorsatzblatt seines neuen Romans «Die Deutsche im Dorf» bedankt sich der Autor Lukas Hartmann beim «Leser, der mir die halbe Geschichte eines Nachts am Telefon erzählte» - welche Hälfte er so vernommen hat, ob der Leser aus seinem Leben oder aus der Fantasie erzählte und welche Hälfte er dazuerfunden hat, bleibt offen.

Hartmann installiert mit Wegmüller als Icherzähler einen Berufsmusiker, der das Leben des spätbarocken Kleinmeisters Christoph Nichelmann (1717-1762) erforscht. In Nichelmanns Geburtsort im Brandenburgischen stösst er bei Archivrecherchen auf den ledigen Namen von Nichelmanns Grossmutter: Görres. Wegmüller wird von seiner Vergangenheit eingeholt und beginnt, angetrieben vom Bedürfnis, mehr über jenen Görres zu erfahren, für dessen Tod er sich mitverantwortlich fühlt, schreibend seine Erinnerungen zu befragen.

Der Romancier Hartmann bleibt seiner Erzählmethode treu. Aus seinen Rechercheergebnissen formt er Puzzlesteine, die er als Versatzstücke von Realität in seine Fiktion einpasst. Stärker als in den beiden letzten Romanen mit historisch verbürgten Protagonistinnen (Carmen Mory in «Die Frau im Pelz», 1999, und Vivienne von Wattenwyl in «Die Tochter des Jägers», 2002) rückt aber diesmal das psychologische Interesse ins Zentrum der Darstellung: Die Fragen, die der Roman aufwirft, sind nicht zuletzt jene, die Anfang 2001 nach dem Mord in Unterseen im Milieu von rechtsextremen Jugendlichen auch in der Öffentlichkeit gestellt worden sind: Wie entsteht ein solcher Teufelskreis weltabgewandter Fanatisierung? Und was braucht es, damit solcher Wahn in Aggression umschlägt?

Für Hartmanns Zugang zu diesen Fragen ist es unerheblich, ob Jugendliche wie in Unterseen «faschistisch» oder wie in seinem Plot «antifaschistisch» motiviert sind. Seine These: Die Fanatisierung entsteht nicht wegen eines bestimmten ideologischen Überbaus, sondern aus der sektiererischen Gruppendynamik einer pubertären Geheimbündlerei, die zusammen mit einer abstrus selektiven Weltsicht zur Tat führt.

Ins Zentrum der Vorgeschichte dieser Tat stellt Hartmann den Umstand, dass Wegmüllers Vater, der Dorfschullehrer, mit seiner Klasse nach Bern fährt, um mit ihnen einen Dokumentarfilm über «Aufstieg und Fall des Diktators und Massenmörders Hitler» anzuschauen. Dieser Film wird zum Katalysator der irrationalen Handlung, denn nun ist den Jugendlichen klar, dass die Deutsche im Dorf gleich aussieht, «wie Hitler heute aussehen würde». Diese Behauptung stellt Christian auf, den der Erzähler immer deutlicher zum Anführer der Gruppe macht. Der erzählende Schöngeist überwindet seine Görres-Krise nicht zuletzt, indem er sich vom Mittäter zum Opfer von Christian umdeutet.

Die erzählerische Ausgestaltung seines Plots gelingt Hartmann nicht durchwegs überzeugend. Zu einfach - wie in einem Jugendbuch - sind die wirkenden Grundkräfte gezeichnet. Zwar wird dem Erzähler mit einer «mongoloiden Schwester», einer depressiven Mutter und einem moralisch rigiden Vater, der im Schulhaus mit der jungen Kollegin rummacht, ein belastendes Milieu zugeordnet, und die Nichelmann-Görres-Recherche auf der Gegenwartsebene suggeriert zusätzliche Komplexität. Diese dient aber zu sehr der Tarnung eines psychologisierenden Thesentexts und zu wenig einer romanesken Erzählwelt.

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