Nr. 11/2009 vom 12.03.2009

Ein Cerebralgelähmter in paradoxer Konstellation

Jürg Acklins neuer Roman erzählt und reflektiert die von Widersprüchen geprägte Beziehung zwischen einem behinderten und einem nichtbehinderten Bruder.

Von Christian Mürner

Behinderung begreift man heute als soziales Phänomen. Nicht die Situation eines individuellen Schicksals steht mehr im Vordergrund, sondern die interaktive Verwicklung von Erwartung und Emanzipation.

Romanen und Erzählungen wird mehr als wissenschaftlichen Texten die Fähigkeit zugesprochen, sensibel auf thematische und sprachliche Veränderungen reagieren zu können. Trifft man also in der sogenannt «schönen Literatur» auf präzise, lebendige Schilderung behinderter Figuren?

Vor zwanzig Jahren konnte noch behauptet werden, dass AutorInnen ihre behinderten ProtagonistInnen benutzten, um die Normalität zu kritisieren. Dass sie also ihre Figuren von einer Aussenposition aus beurteilten. Das gilt kaum mehr. Die behinderten Figuren sind gewissermassen erwachsen geworden und reden für und von sich selbst.

Bedrohlicher Konflikt

Dieser Übergang von literarischer Fürsorge zum eigenständigen Figurenbild lässt sich mit dem neuen Roman des Zürcher Autors Jürg Acklin charakterisieren. In «Vertrauen ist gut» nimmt der Icherzähler vermeintlich jegliche Kritik vorweg und beginnt mit den Sätzen: «Hoffentlich werde ich nicht falsch verstanden. Ich schreibe nicht, um jemanden anzuklagen, vor allem nicht meinen Bruder, ich lebe gut bei ihm und seiner Frau, auch wenn ich im Rollstuhl sitze.» Die Behinderung scheint die Ausnutzung der Abhängigkeit zu beinhalten. Doch der Icherzähler ist beliebt. Man erzählt von ihm sogar, dass er «nichts von einem Behinderten habe», und er selbst fügt hinzu: «Ich weiss nicht, ob das stimmt, aber ich höre es natürlich gern.»

Der Icherzähler tippt die Manuskripte seines nicht behinderten Bruders ab. Er glaubt einen bedrohlichen Konflikt seines Bruders mit dessen Frau festzustellen. Er fühlt sich verpflichtet, die sich anbahnende Eskalation möglichst zu verhindern. Der Verlauf des Manuskripts scheint ihn in seinen Annahmen zu bestätigen. Dabei werden zwei Fragen miteinander verknüpft. Zum einen: Was ist, angesichts eines Manuskripts, Literatur und was Realität? Zum anderen der Umgang mit der Behinderung, dem Überempfindlichkeiten und Ängste zugeschrieben werden.

Der Icherzähler ist behindert von Geburt an, «ein Cerebralgelähmter», wie es literarisch ungewöhnlich, aber typisch schweizerisch heisst. Im deutschen Sprachraum wäre von einem «Spastiker» die Rede. Dass er nicht geistig behindert ist, wird betont, auch wenn er auf einem Foto «immer besonders behindert aussehe, irgendwie auch geistig angeschlagen». Der Icherzähler sagt von seinem nicht behinderten Bruder: «Er möchte, dass ich ein normales Leben führen kann. Dafür tut er alles für mich. Manchmal denke ich, dass er meine Behinderung viel schlechter aushält als ich selbst, weil ich ja nie etwas anderes gekannt habe.»

Der nicht behinderte Bruder ist einige Jahre älter und hat den Icherzähler auch stets vor dem Spott der MitschülerInnen bewahrt und verhindert, dass er in ein Behindertenheim eingewiesen wurde. Aber diesem Umsorgen schreibt der Icherzähler indirekt seine komplizierte, zögernde Haltung gegenüber anderen, auch gegenüber seiner blinden Bekannten, einer Simultanübersetzerin, zu. Seine Mutter sagte ihm allerdings, dass die anderen kein Mitleid, sondern Respekt haben sollen vor ihm, und dies erklärt er zu seinem «Programm» - für sich allein, denn mit anderen Behinderten will er nichts zu tun haben.

«Neulich meinte ich, mein Bruder habe mich einen Krüppel genannt. Es ist ein fürchterliches Wort. Er hat es natürlich gar nicht gebraucht. Aber er geht neuerdings härter mit mir um, ich glaube, er meint es wirklich ernst, er will mich seit einiger Zeit unbedingt dahin bringen, dass ich für mein Leben selbst Verantwortung übernehme.»

Dass der Icherzähler seinem nicht behinderten Bruder zugesteht, dass er «richtig» liegt, verstärkt das Paradox zwischen erzwungener und frei gewählter Autonomie zusätzlich, doch gleichzeitig entspricht diese Spannung der literarisch entfachten Dramaturgie. «Jetzt weiss ich auch, wo sich die Pistole befindet. Ich werde mich mit ihr auseinandersetzen, mit ihr vertraut machen, ich werde selbstständig sein, so wie mein Bruder es von mir erwartet.» Diese Pistole spielt im Roman des Romans, das heisst im Manuskript, das der Icherzähler abtippt, eine (un)gewisse Rolle und gehört zum Finale von Acklins Buch.

Kontrolle ist besser

Der Umschlag von Acklins Roman zeigt von hinten einen Rollstuhlfahrer, unten vor einer riesigen Treppe stehend. Das ist viel zu konventionell und nicht zeitgemäss für diesen Roman. Es wäre hier eine Visualisierung angebracht gewesen, die den Zwiespalt von Fähigkeiten und Erwartungen, von Selbstverwirklichungen und Unvereinbarkeiten veranschaulicht. Der Buchtitel, «Vertrauen ist gut», den man in Gedanken gleich ergänzt zu dem in der Regel Lenin zugeschriebenen Zitat «Kontrolle ist besser», verdeutlicht viel genauer die raffiniert erzählend-reflexive Form des Romans.

Jürg Acklin hat in einem Gespräch die autobiografischen Züge seines Romans beglaubigt. Damit identifiziert er sich mit dem Icherzähler und provoziert etwas, wovor man LeserInnen gewöhnlich warnt: Autor und Icherzähler zusammenzuwerfen. In diesem Fall wird der autobiografische Bezug aber gerade gebrochen. Als Autor versuchte Acklin, sich in seinen eigenen behinderten Bruder hineinzuversetzen, der wiederum befürchtete, dass der Roman vielleicht ein reales Misstrauen zum Ausdruck bringen könnte. Aber in eben diesen paradoxen Konstellationen liegt die literarische Originalität.

Die volle Verantwortung

Die Standarddefinition von Behinderung als Abweichung von der Norm, die wie selbstredend auf der Unterscheidung behindert/nichtbehindert beruht, demonstriert Acklin blendend an den beiden Brüdern. Es ist an sich nichts Besonderes, dass der nichtbehinderte sich um den behinderten Bruder kümmert. Wenn er allerdings ausgerechnet die Selbstständigkeit propagiert und forciert, ja geradezu verordnet, wird er zum Drahtzieher der Erwartungen, nicht der möglichen Emanzipation. Die absurde Angst des behinderten Bruders vor dem Verlust der Abhängigkeit findet hier ihre Begründung. Doch trotzig bemerkt er: «Eines Tages werde ich die volle Verantwortung für mein Leben übernehmen, lieber Bruder!»

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