Nr. 16/2005 vom 21.04.2005

Der Regisseur der Realität

Es ist ein schönes Glücksgefühl, wenn man auf der Tribüne ein Rennen verfolgt und die Pferde und Reiter ihre Rolle so spielen, wie man sie sich für sie ausgedacht hat. Bekenntnisse eines langjährigen Wetters.

Von Willi Bär

Die ersten dreissig Jahre spielten Pferderennen in meinem Leben keine Rolle. Wenn überhaupt, assoziierte ich sie mit England, den USA oder Frankreich, kannte ich sie nur aus Filmen. Nachdem ich mich zuvor unter anderem über Brieftaubenzüchter und zur Jagd abgerichtete Raubvögel ausgelassen hatte, machte mir die «Tagi-Magi»-Redaktion eines Tages den Vorschlag, über Araberpferde zu schreiben. Da ich dem Thema auch nach ersten Recherchen wenig abgewinnen konnte, bot ich an, statt über Vollblutaraber über englische Vollblüter, Galopprennpferde also, zu berichten.

So stand ich in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre eines nebligen Frühlingsmorgens um halb sieben Uhr an den Rails der Dielsdorfer Rennbahn und beobachtete das erste Lot der Galopper bei ihrem täglichen Training auf der neben der Grasrennbahn angelegten Sandpiste.

Im Vergleich zu einem durchschnittlichen Freizeit- oder Springpferd schienen mir die Vollblüter gleichzeitig feingliedriger und muskulöser. Auf ihnen zumeist junge Frauen oder Mädchen, die nicht im Sattel sassen, sondern in den kurzen Bügeln standen, sich möglichst leicht machten und nach vorn über den Hals des Pferdes lehnten. Manche flüsterten den vorwärts preschenden Tieren Schmeicheleien und Liebkosungen ins Ohr, verführten sie dazu, noch etwas zu beschleunigen, bremsten sie am Schluss mit einem zärtlichen Pfeifen. Zum ersten Mal konnte ich mir vorstellen, ein Reiter zu sein, dahinzubrausen auf einem dieser archaischen Töffs, ohne Helm, in den Ohren das Rauschen des Windes und unter mir das Trommeln der Hufe. Die folgenden Sonntage besuchte ich die Rennveranstaltungen in Dielsdorf, sprach zwischendurch mit Trainern, Reitern und Zockern.

Am ersten Wochenende nach Abschluss der Rennsportreportage beschlich mich zuhause ein ungeahnter Missmut. Als sich meine Liebste nach dem Grund meiner Stimmung erkundigte, bemühte ich allerlei Erklärungen, überzeugen konnte mich keine. Irgendwann kam mir der Gedanke, nach Frauenfeld an die Rennen zu fahren. Sofort zog sich der Missmut zurück, breitete sich stattdessen ein vorfreudiges Kribbeln in mir aus.

Obwohl ein mit sechzig Stundenkilometern über die Grasbahn donnernder Rennpferdepulk auch ein sinnlich-ästhetisches Erlebnis ist, war dies nicht der Grund für meine Faszination, sondern nur eine angenehme Begleiterscheinung - was mich anzog, meine Leidenschaft weckte, war das Wetten auf die Pferde. An den als Reporter absolvierten Sonntagen hatte ich bereits ein paar Franken gesetzt, anfänglich mit der Absicht, das Gefühl des Wetters nachempfinden zu können, bald schon aus Spiellust. Hatte ich zuerst auf ein Pferd gesetzt, weil mir sein Name, seine Erscheinung oder seine Reiterin gefiel oder weil ich es bereits vom Training her kannte, wurde meine Herangehensweise schnell analytischer und systematischer.

Meine vorerst gelegentlichen, bald einmal regelmässigen Rennwochenenden begannen nun am Freitag mit dem Gang zum Kiosk, wo ich die wöchentlich erscheinende Pferderennzeitung - damals «Turf-Information», heute «swissturf» - erwarb. Zuhause machte ich mich dann an das Studium der Starterfelder. Rennen für Rennen verglich ich die letzten Resultate der Pferde, im Fachjargon «Formen» genannt, und versuchte mir so ein Bild der theoretischen Hierarchie zu machen. Waren die Pferde zuvor schon gegeneinander gelaufen, war dies relativ einfach, konnte man unterschiedliche Gewichte nach der Faustregel, wonach ein Kilo Mehrgewicht über die Distanz einer Meile einer Pferdelänge entspricht, in Abstände umrechnen. (Je nach Ausschreibung eines Rennens tragen Galopprennpferde mehr oder weniger Gewicht, das sich zusammensetzt aus dem Reiter sowie - falls nötig - Bleiplättchen, die in den Satteltaschen verstaut werden.) Schwieriger wurde es, wenn Pferde im Feld waren, die noch nie gegen die anderen angetreten waren. Dann musste man versuchen, ein vermittelndes drittes Pferd zu finden, das als Massstab dienen konnte.

War diese Arbeit getan, galt es das Resultat der Rohanalyse den konkreten Gegebenheiten entsprechend zu verfeinern. So sind die Rennbahnen der Schweiz von ihrer Linienführung her sehr unterschiedlich. Es gibt grössere und kleinere, solche mit weiten und solche mit engen Bögen. Auf manchen wird rechts herum, auf anderen links herum gerannt. Das Grasgeläuf kann fest, elastisch, weich oder gar tief sein. Rennpferde kommen mit diesen Gegebenheiten besser oder schlechter zurecht. «Sumpfhühner» leben erst so richtig auf, wenn der Boden matschig ist, andere verlieren die Lust am Galoppieren, wenn sie keinen festen Halt unter ihren Hufen haben. Es gibt Pferde, die auf Linksbahnen besser abschneiden, andere bevorzugen Rechtsbahnen. Laut einer kürzlich publizierten irischen Studie sind Stuten von Natur aus eher rechts-, Hengste eher linksorientiert.

Rennpferde haben eine Idealdistanz, die zu einem schönen Teil genetisch bestimmt ist. Auch bei ihnen gibt es Sprinter, Mittelstreckenläufer und Steher. In der punkto Rennsport kleinen Schweiz hat ein Trainer aber nicht immer die Wahl, muss er ein Pferd - etwa zur Vorbereitung für einen wichtigen Wettkampf - auch mal in einem Rennen laufen lassen, das eigentlich zu kurz oder zu lang ist.

Oft ist es auch von Nutzen, wenn man sich aufgrund der Zusammensetzung des Feldes Gedanken über den Rennverlauf, vor allem das Tempo macht. Wie bei Leichtathletinnen oder Velorennfahrern gibt es Pferde, die darauf lauern, im Schlussspurt zum Erfolg zu kommen, andere, die über eine weniger rasante Endbeschleunigung verfügen, müssen versuchen, durch ein konstant hohes Tempo die Gegner zu zermürben.

Im besten Fall führt die Beschäftigung mit den Startern eines Rennens zu einem klaren Muster über die Stärkeverhältnisse eines Feldes, zu möglichen Szenarien von Rennverläufen, die sich in Wetten umsetzen lassen. Spielte ich am Anfang die einfachen Sieg- und Platzwetten, wechselte ich bald zur Zweier- und vor allem zur Dreierwette, bei der es darauf ankommt, die ersten drei Pferde eines Rennens richtig vorauszusagen. Die zuhause entworfenen Wetten haben jedoch lediglich provisorischen Charakter. Am Renntag selber muss man bereit sein, alles noch einmal neu zu überdenken. Plötzlich ist ein Pferd, das in meinen Überlegungen eine zentrale Rolle spielte, Nichtstarter, weil es sich im Training verletzt hat. Ein anderes gefällt mir überhaupt nicht, ist im Führring ungewohnt nervig und verschwitzt. Oder das Geläuf ist bedeutend tiefer als erwartet. Die Quote eines Pferdes, von dem ich angenommen habe, dass es als Aussenseiter ins Rennen geht, weniger interessant als angenommen …

War ich in einer ersten Phase vollauf damit beschäftigt, die Aussenwelt gedanklich zu erfassen, bekam ich mit zunehmender Routine Raum, mich selber zu beobachten. Bei der Analyse «abverheiter» Wetten stellte ich bald einmal fest, dass es neben solchen, bei denen Pech oder ungünstige Ereignisse, die nicht voraussehbar waren, eine Rolle spielten, auch solche gab, die ich selbst vermurkst hatte. Unbewusst hatte ich ein Pferd, dem ich aus irgendeinem Grund den Erfolg wünschte, zu stark eingeschätzt, ein anderes, vielleicht weil mir sein Besitzer unsympathisch war, innerlich schlecht geredet oder weggedrängt. Manchmal liess ich mich auch durch vermeintlich lukrative Quoten zu einer Wette verleiten. Besonders zu Saisonbeginn besteht die Gefahr, dass ich in einem Rennen, bei dem meine Analyse kein klares Bild ergibt, aus Spiellust trotzdem wette. Ich bin ein Wetter, der sich sehr stark abstützt auf die Bilder, die Rennfilme, die ich im Kopf gespeichert habe. Wenn ich ein Pferd ein- oder mehrere Male in einem Rennen gesehen habe, habe ich ein Gefühl dafür, ob es als Bankpferd für meine Zweier- oder Dreierwetten taugt. Zu Saisonbeginn jedoch, wenn die meisten Pferde rund ein halbes Jahr nicht mehr gelaufen sind, andere frisch in die Schweiz gewechselt haben, fehlen mir die entsprechenden Bilder im Kopf und damit das emotionale Fundament für meine Wetterei. Da gilt es jeweils aufzupassen auf meine Fantasie, die immer auf dem Sprung ist, die diffusen oder leeren Stellen täuschend echt auszumalen.

Die Beschäftigung mit den oben erwähnten Phänomenen hat sich in mir niedergeschlagen. Bin ich auf dem Rennplatz in der richtigen Verfassung, einerseits gelassen, andererseits hellwach, beschleicht mich beim Formulieren einer Wette manchmal ein diffuses Gefühl, eine Art Unbehagen. Im Moment ist mir oft unklar, was dahintersteckt, doch wenn ich später der Sache nachgehe, stellt sich in der Regel heraus, dass ich drauf und dran war, einen der alten Fehler zu begehen.

Das Wetten lehrt einen - zumindest auf dem Rennplatz -, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Lässt man sich seinen Blick durch Sympathien, Antipathien, Vorurteile, fixe Vorstellungen oder Dogmen vernebeln, bekommt man das im Lauf der Zeit finanziell unweigerlich zu spüren. Dass ich mir durch die Wetterei über Jahre hinweg einen finanziellen Zustupf verdient habe, war nur möglich, weil ich nicht nur gelernt habe, die Pferde, sondern auch mich und meine Möglichkeiten einigermassen einzuschätzen. Natürlich ist es ein gutes Gefühl, wenn man nach einer erfolgreichen Wette am Schalter ein Bündel Banknoten herausgezählt bekommt, noch erhebender ist jedoch das Glücksgefühl, wenn man sich als Regisseur der Realität wähnt, wenn man auf der Tribüne ein Rennen verfolgt und die Pferde und Reiter ihre Rolle so spielen, wie man sie sich für sie ausgedacht hat.

Lokal-Bunbury
Pferderennen sind die älteste organisierte Sportart. Die klassischen Rennen von heute entstanden im 18. Jahrhundert in England während der Regierungszeit von George III. (1760-1820). 1776 wurde das St. Leger ins Leben gerufen, und am 4. Mai 1780 wurde das klassischste der klassischen Rennen, das Derby, erstmals ausgetragen. Den Namen bekam es durch einen Münzwurf. Weil sich die beiden Initiatoren des Rennens, Lord Derby und Charles Bunbury, auf keinen Namen einigen konnten, liessen sie ein Goldstück entscheiden. Da es auf die Vorderseite fiel, hiess das Rennen Derby. (Sonst wäre heute beim Aufeinandertreffen von GC und FCZ wohl vom Lokal-Bunbury die Rede.) Bunbury revanchierte sich insofern, als sein Pferd Diodem die erste Austragung des Derbys für sich entschied.

Rennsport in der Schweiz
In der Schweiz werden offizielle Pferderennen seit 1872 ausgetragen. Während mehr als hundert Jahren war der Schweizer Rennsport geprägt von Kavalleristen und Amateuren, die ihr Hobby auf Pferden ausübten, die aus dem Ausland importiert wurden. Dies änderte sich Ende der siebziger Jahre, als in der Schweiz eine eigene Vollblutzucht entstand. Gleichzeitig stieg die Anzahl der Renntage von 20 auf etwa 45 pro Jahr. Heute finden in der Schweiz fast jedes Wochenende Rennen statt - sogar im Winter, wenn die Pferde in Arosa und St. Moritz über den gefrorenen See galoppieren. Ein typischer Renntag wie derjenige in Dielsdorf am nächsten Sonntag bietet eine abwechslungsreiche Mischung aus Flach-, Hindernis- und Trabrennen. Im Normalfall werden die Renntage in der Deutschschweiz von fünf- bis achttausend ZuschauerInnen besucht, an traditionellen Terminen wie dem Oster- und dem Pfingstmontag strömen auch mal zwölftausend Leute zur Bahn.

Willi Bär ist Krimiautor und ständiger Korrespondent der Pferderennsportzeitung «swissturf».

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