Nr. 32/2013 vom 08.08.2013

Der tote Frauenkörper vor dem königlichen Pferd

Von Stefan Howald

Kaum ist zu erkennen, was passiert. Pferde bei einem Flachrennen in einer Kurve, eine Bewegung hinter der Publikumsabschrankung, und dann liegen zwei menschliche Körper sowie ein Pferd am Boden. ZuschauerInnen strömen auf die Bahn, während die übrigen Pferde aus dem Bild galoppieren.

Dokumentiert ist der Vorfall in einer Nachrichtenschau vom 4. Juni 1913 über das Epsom Derby, ein englisches Pferderennen. Die 41-jährige Emily Davison hatte sich, so hiess es, aus politischem Protest vor das Pferd von König George V. geworfen und erlag vier Tage später ihren Verletzungen. Davison war eine der Suffragetten, die ab 1903 für das Frauenstimmrecht in Britannien kämpften. Und sie kämpften einfallsreich wie kaum eine soziale Bewegung zuvor. Ihre drei Farben – violett, grün, weiss – setzten sie konsequent ein, auf Schärpen, Geschirr, Bridgekarten. Mit Umzügen, gemieteten Omnibussen, mit spektakulären öffentlichen Verhaftungen bedienten sie sich performativer Formen, wie heute Occupy oder Pussy Riot.

Davison wurde eine Märtyrerin der Bewegung. Am 14. Juni wurde sie in einer grossen Prozession zu Grabe getragen, der Sarg gehüllt in die drei symbolischen Farben, von Tausenden von Anhängerinnen begleitet, ganz in Weiss gekleidet, mit weissen Lilien und Bannern mit Aufschriften wie «Freiheit oder Tod».

Gegner rückten den «Selbstmord» von Davison in die Nähe «weiblicher Hysterie». Nun ist, zum 100. Jahrestag, der damalige Film nochmals analysiert worden, er erzählt eine etwas andere Geschichte. Davison versuchte offenbar, eine Rosette in den Suffragettenfarben ans Zaumzeug des königlichen Pferds zu heften. Dafür hatte sie zuvor geübt – ein äusserst gefährliches Unterfangen, wie sich zeigen sollte.

Davison, die jahrelang als Journalistin arbeitete, gehörte zum radikalen Flügel der Bewegung. Ihre politische Fantasie hatte sie schon bei anderen Gelegenheiten bewiesen. Am Abend der Volkszählung von 1911 versteckte sie sich in der Krypta des Palace of Westminster, um nachher auf ihrem Umfrageformular festhalten zu können, sie habe, als erste Frau, im Parlament Einsitz genommen. Mehrfach wurde sie verhaftet und während Hungerstreiks 49-mal zwangsernährt.

Bei der Aufbahrung war nochmals, wie auf der Pferderennbahn, ihr Körper öffentlich zur Schau gestellt. Eine Frau, nicht als Täterin, sondern als Opfer. Das Frauenstimmrecht wurde 1918 eingeführt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch