Nr. 30/2007 vom 26.07.2007

Fast wie im richtigen Leben

Bei voller Konzentration und auf höchstem Niveau mit Modellautos im Kreis fahren: Slotten erfüllt das elementare Prinzip kapitalistischer Leistungsgesellschaft. Man kann es auch Sport nennen.

Von Michael Stötzel

Vor der ersten Kurve fiel es mir wieder ein. Anbremsen bei der Einfahrt, Gas geben kurz vor dem Scheitelpunkt - oder war es kurz danach? Es ist ziemlich lange her, dass ich regelmässig Auto gefahren bin. Und besonders gut konnte ich es nie. In der zweiten Kurve flog mein Slotcar raus.

«Bremsen, Gas geben, der Rest ist Physik», sagt Rico Kanbach, der Chef des Zürcher Slotter's Paradise. Physik, das ist noch länger her. Und besonders gut war ich da auch nicht.

Aber nach der ersten, einmal unterbrochenen und dann zu Ende geschlichenen Runde auf der kleinen Rennbahn konnte ich mir eins ganz gut vorstellen: das Suchtpotenzial des Slottens. Rico würde wohl lachen, wenn ich ihn darauf anspräche. Er lacht oft. Richtig ernst erlebt ihn in seinem Laden nur, wer Slotcars als Spielzeug bezeichnet. «Das ist Motorsport», sagt er dann. Ziemlich nachdrücklich.

Angefressenen Slottern sollte man besser nicht mit Spiel und Rumblödeln kommen. Wer in ihrer Gegenwart das Wort «Carrera» fallen lässt, erntet Mitleid, bestenfalls Hohn. Wir Ignoranten haben aber zumindest eine Ahnung, um was es geht: Die Carrera-Autos aus unseren Kinderstuben, das waren Slotcars, wenn auch höchst primitive.

Ihren Namen - «Schlitzautos» - verdanken sie einem Schlitz in der Mitte der Fahrbahn. An dessen Rändern liegen die Stromschienen, über die die Autos mit Energie versorgt und spurgeführt gefahren werden. Wenn man es denn kann: Die Kunst des Slotters besteht darin, mit einem Regler auf den Sekundenbruchteil genau zu bremsen und Gas zu geben. Reagiert er nicht im richtigen Moment, stellen sich die bis zu sechzig Stundenkilometer schnellen Autos quer. Oder sie fliegen ganz aus ihrer Spur.

Fabrikmässig werden die Autos mit Magneten am Boden geliefert. Sie geben den Rennern eine derart gute Bodenhaftung, dass sogar Anfänger schnelle Runden hinlegen können. Klar, dass ambitionierte Slotter solche Hilfen ablehnen. Sie bauen sie deshalb bei neuen Wagen als erstes aus und verlassen sich ausschliesslich auf ihr Fingerspitzengefühl am Regler. Wer das mal versucht hat, ahnt, wie viel Übung es verlangt.

Der Paradiesvogel

Rico Kanbach bedient die Slotter seit zehn Jahren in seinem Laden, dem Slotter's Paradise. Er ist Mitte vierzig, und den Sportler nimmt man ihm ohne weiteres ab. Früher, erzählt er, sei er selbst Formel-3-Autos gefahren. «Aber das ist eine Frage der Kohle.» Da reichte offenbar nicht, was er als Dekorateur der Schaufenster oder Messestände gestaltete, verdiente. Sein Thema war immer Kunst rund ums Auto. Da fabrizierte oder entwarf er so ziemlich alles. Von T-Shirts über Lackierungen bis zu Felgen. Und er sammelte, was man wegtragen konnte: Reklameschilder, Pneus, halbe Autos. Irgendwann kamen Blechspielzeug und Modellautos dazu. Unglaublich schöne Exemplare stehen heute auf Regalen und in Glasschränken in seinem Laden. Wer nicht eiskalt ist, wird verstehen, wie schwer es Rico fällt, das eine oder andere Stück zu verkaufen.

Seine erste Autorennbahn hatte er in einer Brockenstube gefunden. Sie sollte eigentlich nur etwas Bewegung ins Fenster seines damaligen Ladens bringen. Zufall oder Riecher? Als er Mitte der neunziger Jahre aus dem Aargau nach Zürich zog und sich auf Slotcars verlegte, standen die kleinen Raser gerade vor einem Comeback.

Den ersten Boom hatte es Ende der sechziger Jahre gegeben. Über dreissig Rennstrecken waren damals in der Schweiz in Betrieb. Verbreitet waren schon Autos im Massstab von 1 : 32. Aber offenbar fehlte noch einiges, um sich am Regler als Rennfahrer zu fühlen. «Bei denen war das Fahrverhalten nicht korrekt», sagt Rico. Das boten eher die grösseren Autos im Massstab 1 : 24. Allerdings brauchte die Rennbahn viel mehr Platz. Und die Autos waren teuer. Das Freizeitvergnügen wurde zu aufwendig. Der Unterhalt der Bahnen rentierte nicht mehr.

Erst dank eines neuen Booms in den USA wurde das Material wieder billiger. Und besser: Die Slotcars erlebten einen «Detaillierungsschub». Mittlerweile werden von spanischen (Fly, Ninco) und italienischen Herstellern (Slot It) so feine Modelle angeboten, dass die meisten als Sammlerstücke enden. Achtzig Prozent der Slotcars, meint Rico, sehen nie eine Piste, sie landen in Vitrinen. Andererseits ist man bereits für achtzig bis hundert Franken gut dabei. Der Einstieg in eine Sucht ist ja meist kein finanzielles Problem.

Alternative Biederkeit

Vielleicht war es auch wieder Ricos Riecher, dass er sich am oberen Ende der Ankerstrasse niederliess, dort, wo der Kreis 4 ganz und gar noch nicht berüchtigt ist. Wo vielmehr im letzten Jahrzehnt eine neue urbane Mittelschicht zusammengefunden hat und ihre alternative Biederkeit pflegt. Zwischen angesagten Bars, überteuerten Modeateliers, Wein- und Käsehandlungen, Schallplattengeschäften und Galerien lockt Slotter's Paradise. Und nur auf den ersten Blick ist dessen Leuchtschild «Gentlemen, start your engine» in dieser Umgebung zu stammtischig.

Das Paradies ist ein bisschen dunkel. Dafür gibt es mittlerweile drei Bahnen, von denen die neuste, eine Bergbahn, geeignet für engere Platzverhältnisse, zwar schon befahrbar, aber nach Ricos Geschmack noch nicht fertig gebaut ist. Die grösste bietet etwa dreissig Meter Fahrstrecke. Für fünfzehn Franken in der Stunde kann sich hier jeder mit seinem Auto versuchen. Auch ganze Gruppen können sich anmelden, für die Rico dann feuchtfröhliche Feiern organisiert. Davon lebt sein Geschäft.

Nur freitagabends ist die grosse Bahn belegt. Dann trifft sich der von Rico gegründete Flying Slotters Driverclub Zürich und fährt seine Rennen. Vier Fahrer treten in vier Turns gegeneinander an, jeder muss einmal jede Spur gefahren sein. Die einzelnen Bahnen verlangen unterschiedliches Können, die äusseren mit den grösseren Kurven sind etwas einfacher. Die ganze Anlage ist über einen Computer gesteuert, der die Stromzufuhr startet oder unterbricht, die Fahrtzeit auf Tausendstelsekunden misst und mit einem akustischen Signal die jeweils schnellste Runde anzeigt. Wer seinen Wagen aus der Kurve schleudert, muss ihn selbst wieder auf seinen Slot bringen. Jeder Turn dauert normalerweise sechs Minuten. Gewonnen hat, wer die meisten Runden gefahren ist.

Da stehen sie dann nebeneinander. Schon ein spezielles Bild: vier angespannte, in sich versunkene Typen, den Regler in der Hand. Das Fingerspiel sieht man kaum, Bewegung kommt unter ihnen nur auf, wenn einer seinen Wagen aus der Bahn rasen lässt.

Echte Verhältnisse

«Von den Emotionen her steht das den grossen Rennen in nichts nach. Und wir bemühen uns auch um echte Verhältnisse», erzählt Rico. So veranstalten sie in ihrem Paradies 24-Stunden-Rennen wie in Le Mans. Manchmal haben sie wirklich schmutzige Finger vom Öl und dem Pneuabrieb. Und für veränderte Wetterbedingungen sorgt eine Nebelmaschine.

«Natürlich macht es Spass, aber es ist kein Spiel», sagt Rico an diesem Abend zum wiederholten Mal. «Hier wird nicht gespielt, sondern Sport getrieben.» Disziplin sei gefragt. «Hundertprozentige Konzentration. Wenn nur rumgeblödelt wird, ist es niveaulos und macht keinen Spass.» Ein Freund von ihm habe in Thailand eine Bahn aufgebaut und sei gescheitert. Die Leute dort hätten letztlich keinen Sinn fürs Slotten gehabt. Muss der richtige Slotter also in der Tradition der Industriegesellschaft aufgewachsen und bereit sein, auch Sinnlosigkeit diszipliniert zu verfolgen?

Slotter, sagt Rico, sind «Männer mittleren Alters mit einem Flair für Rennsport und Modellbau». Alle in seinem Club stünden beruflich gut da. Einen Börsenmakler zählt er auf, einen Webmaster, IT-Leute, einen Mechaniker für Grossmotoren. Und Frauen? «In der zehnjährigen Geschichte von Slotter's Paradise gab es genau eine Frau, die Rennen fuhr.» Frauen seien «vom Rennvirus» eben nicht so gepackt, sie hätten nicht «den Siegeswillen» und so weiter. Clubmitglied D. hat schon einige Bier intus, wahrscheinlich aber auch nüchtern ein lockeres Maul. Jetzt kann man ihm nur dankbar sein, dass er die abgedrehte Debatte nach der einfachen Frage brüsk beendet: «Wenn du eine Freundin suchst, geh lieber an die Uni.»

Achtzig Prozent der Slotter seien Bastler, zwanzig Prozent Rennfahrer, schätzt Rico. Man zeigt mit riesigem Stolz selbstgebaute oder zumindest umgebaute Autos: verrückte Kreationen, peinlich genaue Nachbildungen, aber auch irrsinnig aufgearbeitete Maschinchen mit getunten Motoren, neuen Radlagern, breiten Reifen und weiteren Tollheiten. Wie im grossen Rennsport gibt es offenbar unendlich viele Möglichkeiten, die Autos zu verändern und zu verbessern. Anders als bei den Originalen bleibt der Anteil der technischen Aufrüstung am Erfolg eines Slotcars aber begrenzt. Rico handelt zwar mit den Ausbauteilen, stellt aber trotzdem ganz zufrieden fest: «Das persönliche Feeling ist immer noch entscheidend. Und das Training.»

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