Fussball und Kunst : Die Rundlederwelt erobert die Galerien

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Nicht nur unter Intellektuellen, auch in Künstlerkreisen wird Fussball immer populärer. Dessen Symbolik und Ästhetik inspiriert Werke aller Art.

Im Jahr 1958 feiert die bekannteste Institution der westfälischen Stadt Gelsenkirchen, der FC Schalke 04, mal wieder einen grossen Erfolg: Der Klub, gemeinhin die Königsblauen genannt, wird zum sechsten Mal Deutscher Fussballmeister, und für ein paar Tage versinkt die Stadt in Blau. Genau zu dieser Zeit entsteht in Gelsenkirchen ein avantgardistisch anmutendes Bauwerk, das ebenfalls im Zeichen der Farbe Blau steht - Ultramarinblau allerdings. Fünfhundert Quadratmeter Reliefflächen aus zu Stein gewordenen Schwämmen schuf der Pariser Künstler Yves Klein (1928-1962) an den Wänden des neuen Stadttheaters.

Haben diese blauen Welten einander beeinflusst? Welche unsichtbaren Verbindungen gibt es? Diesen Fragen spürt der Regisseur Christian Bau in seiner Dokumentation «Schuss ins Blau» nach, die derzeit in deutschen Programmkinos läuft. Im Film, der im Juni auf arte zu sehen sein wird, kommen Künstlerkollegen Kleins und Figuren aus der Fussballwelt zu Wort.

Über eher spirituelle Fragen - die Farbe Blau habe eine «spezielle Energie», die «die Menschen penetriert», sagt Kleins Witwe Rotraut - nähert sich Bau der grundsätzlichen Verbindung von Sport und Kunst. Klein war Judoka, und seine sportlichen Aktivitäten trugen viel zu seiner Aura bei. Er habe eine aussergewöhnlich «angenehme physische Gegenwart» gehabt, sagt der Maler Konrad Klapheck. Bei einer Ausstellung war Klein einmal eine Wand hoch gelaufen, hatte sogar kurz mit seinen Füssen die Decke des Raumes berührt. Der Franzose wollte natürliche Grenzen überschreiten, und wenn man ihn in diesem Film so sieht, fühlt man sich an Fussballer erinnert, die auf nicht begreifbare Weise Gegenspieler umdribbeln oder artistische Tore erzielen.

Baus neuer Film fügt sich gut in einen Diskurs, der sich in den letzten fünf Jahren langsam ausgeweitet hat. 2004 war die Beziehung zwischen Fussball und Bildender Kunst sogar Anlass für eine Veranstaltungsreihe im Rahmen des Kultur-Events «Steirischer Herbst». Die Organisatoren gingen dabei unter anderem von der Überlegung aus, dass «drei wesentliche Komponenten des Sports - Symbolik, Kreativität und Ästhetik - den Fussball in die Nähe der Kunstkategorie rücken».

Die Ästhetik der Sammelbildchen

Da in der Kunst heute «zunehmend eine Auseinandersetzung mit Alltagsaspekten» stattfinde, sei es zwangsläufig, dass der Fussball zum Thema werde, sagt Tobias Mohr. Er ist einer der wenigen Künstler im deutschsprachigen Raum, die sich in ihrer Arbeit kontinuierlich mit der Welt des Kickens auseinander setzen. Einen Eindruck davon liefert die auf seiner Website zu sehende Ausstellung «Wahre Helden», eine Ölbilderserie, in der Mohr, beeinflusst von der Ästhetik der Fussballsammelbildchen, die Protagonisten der siebziger Jahre und insbesondere die bundesdeutsche Weltmeistertruppe von 1974 verklärt - ironisch gebrochen natürlich. Bei seiner künstlerischen Arbeit mit dem Fussball lässt sich Mohr, 31, auch von bildlastigen WM- und EM-Bänden inspirieren, die, hastig fertig gestellt, kurz nach den Turnieren erscheinen und meistens einen prominenten Autorennamen auf dem Cover tragen. «Die sind furchtbar gelayoutet, aber mit dieser Ästhetik kann man sehr schön spielen», sagt er.

Andere Künstler spielen auf ähnliche Weise mit vorgefundenem Material: Michael Kerkmann hat für seinen Ende 2004 erschienenen Bildband «Arsenal» vier Jahre lang Fussballfotos aus der Tagespresse gesammelt und mit dem Kopierer bearbeitet. Keine Spielszenen, sondern Bilder des Jubels, der Verzweiflung oder von Rangeleien im Rudel, denen ein übles Foul vorausgegangen ist. Herausgerissen aus dem Berichterstattungzusammenhang und zudem stark vergrössert, entwickeln die grotesk verzerrten Gesichter und die oft sexuell oder religiös konnotierten Posen und Rituale (Männer entblössen ihre Oberkörper oder werfen sich zu mehreren aufeinander, wobei sie sich ineinander verkeilen) ein faszinierendes Eigenleben.

Der Münchener Maler Florian Süssmayr liess sich ebenfalls von vorgefundenem Material inspirieren. Die Basis für sein Projekt «Farb- und Fussballfelder» waren Spielszenen und andere Stadionbilder aus Zeitungen oder Büchern, die er während des Malens immer weiter reduziert hat. Die Ausstellung, vor drei Jahren in der Galerie Jörg Stummer in Zürich gezeigt, ist noch im Internet zu sehen. Die Werke, die schlicht «Bayern : Ajax 1973» oder «Meazza Stadion Mailand» heissen, erinnern an Landschaftsmalerei; auf das Ausgangsbild verweist jeweils nur noch wenig: hier mal ein Torgehäuse, da mal die Umrisse einer Werbefläche.

Zuweilen lässt sich fussballbezogene Kunst auch interpretieren als Reaktion auf das facettenarme Bild, das die Medien von diesem Sport zeichnen. Szenen aus den Rängen etwa sind nicht mehr als standardisierte Tapeten. Die Reichhaltigkeit der Ikonografie, die Stadien und Fans hervorbringen, wird nur bruchstückhaft vermittelt. Dem Hamburger Fotografen Oliver Görnandt ist das oft aufgefallen. Deshalb hat er ein Jahr lang am Millerntor, im Stadion des FC St. Pauli, fotografiert, um frische Blickwinkel zu zeigen: Wie sieht La Ola aus, wie eine Papierchoreografie, wenn man mittendrin ist? - Das zeigt Görnandt in seiner Wanderausstellung «Rückblick in die Gegengerade».

Mittelbar auf ein Defizit verweist auch der österreichische Starfotograf Udo Titz mit seinen Stadionbildern. Für «Anstoss», die opulente Kulturzeitschrift zur WM 2006, die bis zum Herbst nächsten Jahres insgesamt sechsmal erscheint, hat er die Spielstätten des Turniers fotografiert. Der Betrachter gewinnt hier Einblicke, die die herrschende Fussballbildsprache nicht liefert: Mal fotografierte Titz aus dunklen Stadionräumen in eine sonnendurchflutete Arena, mal lange vor einem Spiel, als auf dem Rasen nur ein Werbeobjekt zu sehen war: eine überdimensionale Limonadenflasche.

Fussball kann durchaus auch ein Bezugsrahmen für Ausstellungen sein, deren Werke gar nichts mit Sport tun zu haben. Dies hat beispielsweise Theo Altenberg bewiesen. Die Publikation «Elf zu 0. Fotographie, Video, Sprache» dokumentiert vor allem das Leben in der berüchtigten Kommune des österreichischen Aktionskünstlers Otto Muehl, die zwischen 1970 und 1990 eine herrschaftslose Lebensform, von Marxismus und freier Liebe gleichermassen inspiriert, erprobte, am Ende aber scheiterte. Der Titel bezieht sich einerseits auf einen 11:0-Sieg der Gladbacher Borussia über Schalke 04 aus dem Jahre 1967 - ein Höhepunkt im Präkunst- und Präkommunenleben des Jugendlichen Altenberg -, andererseits, sagt der Künstler, könne man ihn aber auch als «Elf zu Otto» lesen. Der Hintergrund: Altenberg, Jahrgang 1952, gehörte in Muehls Kommune zu einem zwölf Mitglieder starken Leitungsgremium, dessen elfköpfige Mehrheit sich zu lange von einer Person, nämlich Muehl, dominieren liess.

Zwei Bälle im Spiel

Einen starken gesellschaftspolitischen Bezug hat auch der Film «The Universal Square», bekannt geworden auf der Documenta 1996. Der israelische Künstler Uri Tzaig lässt hier eine Elf jüdischer Israelis gegen eine arabischer Israelis spielen - und verwirrt die Mannschaften, indem er einen zweiten Ball ins Spiel bringt und alle Gesetze, nach denen es funktioniert, ausser Kraft setzt, so dass die Akteure einen Weg finden müssen, mit der neuen Wirklichkeit umzugehen.

Der Kunsthistoriker Ludwig Seyfarth, der selbst gerade eine Ausstellung für die Hamburger Deichtorhallen vorbereitet, sagt, die Auseinandersetzung mit Fussball habe im Kunstbetrieb «in den letzten fünf Jahren zugenommen, parallel zum Populärwerden des Fussballs unter Intellektuellen». Die Frankfurter Galerie Anita Beckers, die Ende letzten Jahres unter dem Titel «Als der HSV noch Meister war - Jochen Flinzer 21 Jahre im Profifussball» Stickbilder eben jenes Künstlers ausstellte, spricht sogar von einer «sehr stark strapazierten Thematik». Das ist indes übertrieben. Zwar haben sich, von Max Beckmann über John Heartfield bis Andy Warhol und Joseph Beuys stets auch bekannte Künstler mit Fussball beschäftigt, aber nur sehr sporadisch. Fussballbezogene Ausstellungen einzelner Künstler waren bisher vor allem in Off-Galerien zu sehen. Zudem gibt es, wie Andreas Höll in dem Buch «Halbzeiten für die Ewigkeit», einer Abhandlung über die Beziehung zwischen Fussball und Kultur, zu Recht feststellt, «kein einziges Kunstwerk, das im allgemeinen Bewusstsein verankert ist.»

Absehbar ist, dass die Verbindung zwischen Fussball und Kunst bald für viele grössere Häuser im deutschsprachigen Raum ein Thema sein wird. Die kommenden Grossereignisse - 2006 die WM in Deutschland, 2008 die EM in der Schweiz und Österreich - machen es möglich. Die meiste Aufmerksamkeit dürfte der im Rahmen des offiziellen WM-Kulturprogramms umgesetzten Grossausstellung «Rundlederwelten» gelten. Diese Schau, in weiten Teilen noch vom Grosskurator Harald Szeemann zusammengestellt, der im Februar starb, wird ab 20. Oktober im Berliner Gropius-Bau gezeigt. «Rundlederwelten», nunmehr verantwortet von Dorothea Strauss, der künftigen Leiterin des Haus Konstruktiv in Zürich, scheint den weitesten Rundumschlag in Sachen Fussball und Kunst vorzuhaben. Action Painting, Art Brut, Fluxus, Punk-Pop - so lauten einige der Schlagwörter, mit denen die Kulturstiftung des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) den «kunsttheoretischen Rahmen» skizziert. Und so stilistisch vielfältig die Auseinandersetzung der Bildenden Kunst mit Fussball bisher auch gewesen ist: Diese Genrebegriffe klingen selbst für manchen Experten ziemlich überraschend.

Schweizer Fussballkunst

Das in den letzten Jahren am häufigsten aufgegriffene Werk aus dem Fussball-Kunst-Kontext ist gewiss Ingeborg Lüschers vierzehnminütiges Video «Fusion», für das sie Spieler des FC St. Gallen und der Grashoppers gegeneinander spielen liess - wobei die Kicker allerdings keine Trikots tragen, sondern Designeranzüge und Krawatten. Ein Match, in dem zudem die üblichen Foulspielregeln nicht gelten, weshalb den Akteuren am Ende ihre edlen Klamotten zerfetzt am Körper hängen. So dient der Fussball Lüscher, um Machtkämpfe in der Wirtschaft zu versinnbildlichen.

Der Schweizer Künstler mit dem stärksten Bezug zum Fussball scheint Stefan Banz zu sein. 1997 war in Berlin von ihm eine Installation einer Umkleidekabine zu sehen, inspiriert von all den Mythen, die sich um diesen Ort ranken, weil hier vermeintlich spielentscheidende Ansprachen gehalten werden. Banz nannte das Werk «Hitzfeld» - nach dem früheren Stürmer des FC Basel und Trainer von Aarau und GC, der später mit Borussia Dortmund und Bayern München die Champions League gewann. Im selben Jahr ersann Banz eine neue Form der Trikotwerbung: Eine Juniorenmannschaft des FC Luzern stattete er mit Jerseys aus, auf denen der Name eines bedeutenden Künstlers und der Titel eines ihrer Schlüsselwerke aufgedruckt war. Indem, zum Beispiel, quasi Francis Bacon zu Marcel Duchamp abspielte, «konnten sich Situationen entwickeln, welche tote Maler und Gegenwartskünstler dramatisch in Beziehung setzten», schreibt dazu Andreas Höll in «Halbzeiten für die Ewigkeit». «Es entstand ein bewegliches, imaginäres Museum.»

Kunst und Kultur wird auch bei der EM 2008 ein Thema sein. Im Rahmen des Projekts «Doppelpass» - dem unter anderem der ehemalige Leiter der Expo.02, Martin Heller, angehört - sollen Wettbewerbe und Ausstellungen realisiert werden, die sowohl die Sportgemeide wie auch Nicht-Fussballinteressierte ansprechen.



Christian Bau: «Schuss ins Blau» (Dokumentarfilm auf DVD, Deutschland 2005), Kontakt über info@diethede.de

Michael Kerkmann: «Arsenal». Verlag Revolver, Frankfurt/Main 2004. 50 Euro.

«Anstoss - Die Zeitschrift des Kunst- und Kulturprogramms zur Fifa-WM 2006», Nummer 1. Kontakt: anstoss@artevent.at

Veit Loers (Hg.): «Theo Altenberg: Elf zu 0 - Fotographie, Video, Sprache». Triton Verlag, Wien 2002. 128 Seiten, 16 Euro.

Fussball-Kunstwerke im Netz: www.who-mohr.de, www.suessmayr.de, www.tranquillum.com, www.platzwart.de