Nr. 17/2005 vom 28.04.2005

«Nicht einfach Schicksal»

Von Tonia Bischofberger

Jedes Jahr erkranken in der Schweiz 31 000 Menschen neu an Krebs; 15 000 Menschen sterben jährlich an Krebs – das ist ein Viertel aller Todesfälle. Diese Zahl könnte um ein Drittel gesenkt werden, wenn entsprechende Aktivitäten vernetzt und vorhandene Ressourcen besser eingesetzt würden: Zu diesem Schluss kommt das vor kurzem publizierte «Nationale Krebsprogramm für die Schweiz 2005-2010».

Über die gesamte Lebenszeit berechnet, liegt die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, für Frauen bei 32, für Männer gar bei 50 Prozent, wobei Frauen in erster Linie von Brust-, Darm- und Lungenkrebs, Männer vor allem von Prostata-, Lungen- und Darmkrebs betroffen sind.

Das Programm, das im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit und der Gesundheitsdirektorenkonferenz von Oncosuisse, der Dachorganisation für die Krebsbekämpfung in der Schweiz, erstellt wurde, stellt aber nicht nur zwischen den Geschlechtern Unterschiede in Bezug auf das Krebsrisiko fest. Dieses Risiko unterscheidet sich – was wenig überrascht – nach Lebensstil, aber ebenso nach Wohnregion. Und Krebs trifft sozial Benachteiligte stärker: Männer mit minimaler Schulbildung haben ein um 55 Prozent höheres Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, als Akademiker. Frauen mit minimaler Schulbildung sterben fast anderthalb Mal so oft an Gebärmutterkrebs wie Absolventinnen von Maturitäts- oder Fachschulen.

West-Ost-Gefälle

Die regionalen Unterschiede führt das Krebsprogramm auf die von Kanton zu Kanton verschiedenen Ansätze der Gesundheitspolitik zurück. Massnahmen zur Prävention und Früherkennung werden unterschiedlich gefördert, die darin investierten Geldsummen variieren ebenfalls stark. Besonders frappant sind die Unterschiede beim Brust- und Muttermundkrebs. In Genf, wo ein organisiertes Programm zu Früherkennung von Brustkrebs existiert, werden bei den 50- bis 69-jährigen Frauen über 40 Prozent der Fälle erfasst. In St. Gallen oder den beiden Appenzell gibt es keine derartigen Programme – nur etwa 25 Prozent der Fälle bei Frauen derselben Altersgruppe werden mit der (individuellen) Früherfassung von Brustkrebs erkannt. Eine frühe Diagnose aber, schreibt das Nationale Krebsprogramm ausdrücklich, verlängert bei Brustkrebs die Überlebenszeit.

Beim Muttermundkrebs besteht ein ähnliches Ost-West-Gefälle. Während in beiden Basel auf 100000 Frauen pro Jahr nur fünf neue Fälle auftreten, sind es in Genf und im Wallis sechs bis sieben, in Zürich elf, in der Nordostschweiz zwölf und in Graubünden fünfzehn. Die Gesundheitsbefragung von 2002 hat gezeigt, dass in der Altersgruppe zwischen 25 und 60 Jahren jede sechste Frau noch nie einen Muttermundabstrich hat machen lassen; umgekehrt wird ein solcher Abstrich bei vielen Frauen zu häufig vorgenommen. Heute werden für die Früherkennung von Muttermundkrebs mindestens 150 Millionen Franken ausgegeben. Würde die Überversorgung abgebaut und die Unterversorgung behoben, so würden für die maximal 520 000 benötigten Abstriche etwa 78 Millionen ausgegeben, das heisst, es liessen sich mindestens 70 Millionen Franken einsparen – bei besserem Resultat!

«Krebs ist nicht einfach Schicksal», heisst es in dem Bericht. Einflüsse aus der Umwelt und das eigene Verhalten beeinflussen das Risiko stark. Dies betrifft vor allem den Tabakkonsum, die Ernährung, das Bewegungsverhalten, den Alkoholkonsum und Belastungen durch Schadstoffe wie das radioaktive Gas Radon oder die Ultraviolettstrahlung im Sonnenlicht. Prominentestes Beispiel ist natürlich das Rauchen: Der Tabakkonsum verursacht ein Drittel aller Krebsfälle. Er ist die Hauptursache von Lungenkrebs und Krebs des Mundes, des Rachenraums, der Speiseröhre, der Bauchspeicheldrüse und der Blase.

Konzeptloser Kampf

Zu den sozial bedingten Unterschieden sagt Doris Schopper, die Hauptautorin des Krebsprogramms, tiefere soziale Schichten wiesen mehr Risikofaktoren auf, da etwa Tabakkonsum und ungesunde Ernährung hier stärker verbreitet seien. Dies sei auf schlechteren Zugang zu Information und Beratung, aber auch auf mehr Stress im Alltag sowie auf ökonomische Faktoren zurückzuführen. In Genf habe man festgestellt, dass bei einem Viertel der an Brustkrebs erkrankten Arbeiterinnen der Krebs nur zufällig entdeckt werde; 35 Prozent der Frauen in leitender beruflicher Stellung erkennten einen Tumor frühzeitig.

«Würden die Aktivitäten besser koordiniert und die vorhandenen Ressourcen besser eingesetzt, könnte die Zahl der Krebstoten in der Schweiz um ein Drittel gesenkt werden», lautet die zentrale Aussage der Publikation. Das bedeutet im Klartext: Es besteht in der Schweiz bisher kein umfassendes Konzept für den Kampf gegen Krebs. Es gibt zwar viele Institutionen, die sich engagieren, aber sie sind kaum vernetzt. Sie müssten, bei begrenzten finanziellen und personellen Ressourcen, verbessert und koordiniert, die finanziellen Mittel müssten effizienter eingesetzt werden.

Pfründenwirtschaft

Die Studie zeigt auch, dass im Krankheitsfall nicht alle Menschen gleich sind. Und es zeigt sich, dass – während Krebsbehandlungen Millionen kosten – bei der Prävention die Mittel eher gekürzt werden. Das dürfte, vermutet Doris Schopper, auch der Grund dafür sein, dass die Schweiz im Vergleich zu den europäischen Nachbarländern schlecht dasteht.

Krebs ist die zweithäufigste Todesursache in der Schweiz; an keine andere Todesursache gehen so viele Lebensjahre verloren wie an Krebs. Das Krebsprogramm sieht deshalb eine Intensivierung des Kampfs gegen Krebs in fünf Bereichen vor: Prävention, Früherkennung, Behandlung und Pflege, Epidemiologie (Erfassen und Auswerten statistischer Daten) und Forschung. Das Nationale Krebsprogramm fordert spezialisierte Krebszentren – was freilich die Pfründen einiger Spitäler berühren würde. Und schliesslich: Die Kantone sollen unter der Leitung eines neuen Zentrums für Krebsepidemiologie entsprechende Daten sammeln und analysieren; die Prävention und andere Bereiche sollen vom Bundesamt für Gesundheit und der Gesundheitsdirektorenkonferenz koordiniert werden. Krebs muss gesamtschweizerisch angegangen werden!

Das «Nationale Krebsprogramm für die Schweiz 2005-2010» kann als PDF heruntergeladen werden unter: www.swisscancer.ch

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