Nr. 06/2013 vom 07.02.2013

«Die teuren Medikamente werden gezielt gefördert»

Wir verstehen immer besser, wie Tumore entstehen und was Krebs ist, sagt der Tessiner Onkologe Franco Cavalli. Und doch droht die Welt den Kampf gegen die Krankheit zu verlieren.

Von Franziska Meister (Interview) und Didier Ruef (Foto)

«Es braucht global effiziente und finanzierbare Gesundheitsstrukturen»: Franco Cavalli im Onkologischen Institut in Bellinzona.

WOZ: Herr Cavalli, im Manifest, das Sie am Montag in Tageszeitungen weltweit veröffentlicht haben, schlagen Sie Alarm: Die Krebserkrankungen nehmen zu – bis ins Jahr 2030 werden weltweit womöglich dreissig Millionen Menschen Krebs haben. Und die Sterberate steigt. Was sind die Ursachen?
Franco Cavalli: Das liegt vor allem daran, dass Krebs nicht mehr primär ein Problem der reichen Gesellschaften ist, sondern immer mehr zu einem Problem der armen Länder wird. Dort summieren sich zwei verschiedene Arten von Tumoren: einerseits die typischen Armutstumore – dazu zählen Gebärmutterhalskrebs, Leberkrebs, Speiseröhrenkrebs, Magenkrebs. Andererseits steigen jene Krebsarten, die mit der westlichen Lebensart verbunden sind: Brustkrebs, Lungenkrebs, Darmkrebs, Prostatatumoren.

Was verstehen Sie unter «Armutskrebs»?
Magenkrebs zum Beispiel ist eine in den Entwicklungsländern sehr häufige Krebserkrankung, weil die Menschen dort oft gezwungen sind, verdorbene Lebensmittel noch zu essen oder solche, die mit chemischen Mitteln haltbarer gemacht worden sind. Bei uns kam Magenkrebs früher ebenfalls oft vor, seit dem Aufkommen des Kühlschranks aber nimmt seine Häufigkeit stark ab.

Gebärmutterhalskrebs ist doch auch bei uns ein grosses Thema.
Diese Tumorart hat unterschiedliche Ursachen, hängt aber in erster Linie mit hygienischen Verhältnissen zusammen – und zwar sowohl allgemein als auch insbesondere mit der Hygiene von Männern. Bei uns geht Gebärmutterhalskrebs deutlich zurück, seit sich die hygienischen Verhältnisse zu bessern begonnen haben und die Armut verringert werden konnte. Und die Heilungsrate der verbleibenden Fälle liegt bei 90 bis 95 Prozent. In den Entwicklungsländern hingegen bleibt Gebärmutterhalskrebs die häufigste Tumorart, und die Heilungsrate beträgt nur 30 bis 35 Prozent.

Gegen Gebärmutterhalskrebs gibt es einen Impfstoff. In der Schweiz führt man eine grosse Kampagne, um alle Mädchen und künftig sogar die Buben zu impfen. Kommt dieser Impfstoff in Entwicklungsländern nicht zum Einsatz?
Bei uns kann man sich über die Notwendigkeit der Impfung streiten – sie könnte sogar eine falsche Sicherheit vermitteln. Denn der Impfstoff wirkt nicht gegen alle Papillomavirusstämme, die Gebärmutterhalskrebs verursachen. In den Entwicklungsländern hingegen würde die Impfung tatsächlich einen grossen Fortschritt bedeuten. Doch der Impfstoff ist immer noch viel zu teuer. Bei uns kostete er zu Beginn rund 600 Franken pro Person. Wie soll sich eine Regierung in Ländern, wo die jährlichen Gesundheitsausgaben pro Kopf zwischen 25 und 30 Franken liegen, einen solchen Impfstoff leisten können?

Eigentlich versprach der Impfstoffhersteller Sanofi Pasteur bei der Einführung, den Impfstoff in Entwicklungsländern viel günstiger abzugeben – ist das nicht passiert?
Nein, es ist sogar so, dass der Preis für die sogenannte HPV-Impfung in vielen Entwicklungsländern höher ist als bei uns in der Schweiz, weil sich die Hersteller sagen: Wo so wenig gekauft wird, lohnt sich ein Vertrieb doch gar nicht. Von einer ethischen Verantwortung seitens der Pharmaindustrie gegenüber der Dritten Welt kann man definitiv nicht sprechen.

Die Pharmakonzerne verhindern also aktiv eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung in Entwicklungsländern?
Sicher – ich würde sogar sagen: immer mehr. Das war an unserm Kongress in Lugano Ende Oktober ein grosses Thema (vgl. «World Oncology Forum» im Anschluss an diesen Text). Im Manifest, das daraus hervorgegangen ist, steht deshalb, dass wir nicht nur neuere und wirksamere, sondern auch finanzierbare Behandlungen brauchen. So wie die Pharmaindustrie heute arbeitet, werden die Preise für neue Krebsmedikamente auch für uns in der Schweiz immer weniger tragbar. Die letzten Medikamente, die auf den Markt gekommen sind, kosten zum Teil über 150 000  Franken pro Jahr und Patient. Dass dieses System auch volkswirtschaftlich nicht mehr tragbar ist, darauf hat auch der US-Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stieglitz hingewiesen.

Was werfen Sie der Pharmaindustrie konkret vor?
Statt kostengünstiger Medikamente zu produzieren, entwickelt sich die Pharma sogar in die entgegengesetzte Richtung. In der Krebsbehandlung kommt es aktuell immer mehr zu einer Verknappung der Generika, und die Pharma nimmt bewusst ältere, gut wirksame Medikamente vom Markt – um so ganz gezielt ihre teuren Medikamente zu fördern. Mit dieser Strategie ist die Pharma mitverantwortlich für die steigenden Zahlen von Krebstoten in Entwicklungsländern.

Ein happiger Vorwurf – da erstaunt es doch, dass das Manifest die Pharmaindustrie mit keinem Wort erwähnt.
In gewissen Punkten ist das Manifest etwas gar diplomatisch verfasst. Aber wir wollten mit einer Stimme sprechen. Am Kongress letzten Herbst waren nicht nur Onkologen eingeladen, sondern auch Fachleute aus den verschiedensten Bereichen: aus der Forschung, aus Kliniken, aus Patientenorganisationen, Nichtregierungsorganisationen – auch Pharmavertreter nahmen teil. Die Medikamentenpreise gehörten zu den umstrittensten und am heissesten diskutierten Themen. Ich persönlich wäre gern im Manifest etwas expliziter geworden.

Inwiefern?
Man hätte fordern können, dass sich die Pharma nicht primär von den Wirtschaftsinteressen der Grossaktionäre und Manager leiten lässt, dass Patente abgeschafft werden, dass Krebsforschung vermehrt vom Staat finanziert werden muss.

Steckt die Krebsforschung in der Sackgasse?
Der Tenor unserer Diskussionen am Kongress war: Betrachtet man die rein biologische Forschung, dann haben wir in den vergangenen zehn Jahren mehr über die Biologie von Tumoren gelernt als in all den Jahren zuvor. Wenn es also darum geht, das Phänomen Krebs zu verstehen, dann sind wir auf gutem Weg, den Kampf zu gewinnen. Aber man sollte endlich damit aufhören, von einem Krieg gegen Krebs zu sprechen – nicht nur, weil das die US-amerikanische Mode ist, immer vom Krieg zu sprechen, sondern auch, weil man einen Krieg nur gewinnen oder verlieren kann. Die Antwort im Fall von Krebs muss viel nuancierter ausfallen. Sie könnte lauten: Wir sind forschungs- und erkenntnismässig auf dem richtigen Weg, aber die Art, wie wir diese Ergebnisse dann in die Praxis umsetzen, ist nicht die richtige. Und deswegen besteht die Gefahr, dass wir den Kampf, den wir wissenschaftlich gesprochen gewinnen könnten, global auf der sozialen und politischen Ebene zu verlieren drohen.

Deshalb das Manifest «Halten wir den Krebs jetzt auf!» – an wen richtet es sich?
In erster Linie richtet es sich an die politischen Entscheidungsträger. Deshalb haben wir das Manifest auch in einigen der wichtigsten Tageszeitungen weltweit veröffentlicht: um so auch über die Öffentlichkeit Druck aufzubauen. Der Hauptgrund, weshalb auf globaler Ebene so wenig unternommen wird, um die steigenden Krebsraten in den Griff zu bekommen, liegt in der Weigerung der G8- und der G20-Staaten. Die sprechen jedes Jahr über Aids, Tuberkulose oder Malaria – obwohl diese Krankheiten zusammengezählt viel weniger Menschen töten als Krebs. Wir haben immer wieder versucht, auf verschiedenen Wegen zu ihnen durchzudringen, um den Kampf gegen Krebs auf ihre Agenda zu setzen. Bislang ohne Erfolg.

Woran liegt das?
Man wird das Krebsproblem global nicht anpacken können, ohne effiziente und finanzierbare Gesundheitsstrukturen zu schaffen – das gilt auch für die Prävention und Früherfassung von Krebs. Doch das ist politisch höchst umstritten.

Planen Sie mit der Veröffentlichung des Manifests auch konkrete politische Interventionen?
Wir werden erneut versuchen, uns in den G8- und den G20-Staaten Gehör zu verschaffen. Dabei spielen die andern Kongressteilnehmer eine wichtige Rolle: indem sie das Manifest in ihrem eigenen Land veröffentlichen und ihre Beziehungen zu politischen Kreisen einsetzen. Luiz Santini etwa, der Direktor des nationalen Krebsinstituts in Brasilien, ist ein persönlicher Freund des ehemaligen Präsidenten Lula. Über diesen Draht zu Lula werden wir versuchen, auf die G20-Staaten Einfluss zu nehmen. Ein wichtiger Tagungsteilnehmer hätte auch der chinesische Gesundheitsminister Chen Zhu sein sollen, der im letzten Moment absagen musste. Er ist ebenfalls Onkologe und ausserdem der einzige Minister im chinesischen Kabinett, der nicht der KP angehört. Chen Zhu ist gesundheitspolitisch sehr aktiv. Ihm ist zu verdanken, dass jetzt verschiedene Bereiche des chinesischen Gesundheitssystems wieder verstaatlicht werden.

Ist die Verstaatlichung des Gesundheitswesens der richtige Weg, um Krebs in Entwicklungsländern effektiver bekämpfen zu können?
Unbedingt. China hatte vor der Wende in Richtung einer sozialistischen Marktwirtschaft ein sehr egalitäres Gesundheitssystem. Es stellte eine relativ gute Basisversorgung der Bevölkerung sicher. Nach der Wende wurde das stark zurückgedrängt und immer ungleicher. Als ich vor zwölf Jahren zum ersten Mal am Kongress der chinesischen Onkologen teilnahm, sagten mir die Ärzte, sie würden nur Millionäre behandeln. Denn nur die könnten die Behandlung bezahlen. Da verstand ich auch, weshalb die pharmazeutische Ausstellung, die den Kongress begleitete, die grösste war, die ich je ausserhalb der USA gesehen habe. Das war für beide Seiten ein Gewinn – die Pharma verkaufte ihre teuren Medikamente, und die chinesischen Onkologen verdienten mit diesen teuren Mitteln viel Geld.

Und dennoch betrachten Sie China als Vorbild?
Auch in medizinischen Fachzeitschriften wie dem «Lancet» ist man sich zunehmend einig, dass der chinesische Weg der Rückkehr zur allgemeinen Grundversicherung und der sukzessiven Neuverstaatlichung im Gesundheitswesen, wie ihn Chen Zhu jetzt initiiert hat, für Entwicklungsländer ein Vorbild sein könnte. Die Grundversicherung ist auch für die Weltgesundheitsorganisation zurzeit ein zentrales Schlagwort. Ohne medizinische Grundversicherung ist es nicht möglich, die Gesundheitsprobleme auf globaler Ebene anzupacken und zu verbessern.

Wo würden Sie ganz persönlich ansetzen, um das Blatt zu wenden und den Kampf gegen Krebs zu gewinnen?
Ganz klar: Man muss Armut und Patente abschaffen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch