Nr. 18/2005 vom 05.05.2005

Mit Hölderlin im Turm

In «Echsenland»and umzingelt der WOZ-Autor die Materie, sei sie historisch, idyllisch oder politisch.

Von Wolfgang Bortlik

Lyrik und Politik. Das klingt wie eine Sendung des Schweizer Fernsehens am Sonntagmorgen um sieben Uhr dreissig. Politik und Lyrik. Das tönt nach Veranstaltung im reformierten Kirchgemeindehaus Allschwil. Lürick ist schwierick und Politik ist bäh. Das sind doch beides Schimpfwörter. Das ist nicht spannend, das geht nicht zusammen. Das hatten wir doch alles schon mal. Von wegen:

Die Kinder wissen alles und
verschwören sich in Katakomben
zum gnadenlosen Treuebund.
Sie bauen tief im Untergrund
die neue Welt aus Splitterbomben.

Im Licht des steten Fortschritts stehen
die positiven Sockelbauer,
markieren temperiertes Flehen
um Einsicht, Reife und Verstehen,
das Klima werde leider rauer …

So klingt politische Lyrik von Fredi Lerch, und das ist schlichtweg grossartig! Das sind Verse! Und erst noch der im Deutschen so seltene Fünfzeiler! Und zudem rhythmisch perfekt! Samt Reim!

Haltlos hinraunen kann nämlich jeder, aber es in eine Form bringen, eine schwingende, energetische und im wirklichen Sinne des Wortes ästhetische Vermittlung finden. - Doch keine Angst, feinsinnige Lyrik-Aficionados, ihr von germanistischen Maulhelden getäuschten Anbeter des Wortes, Lerch ist nicht nur der Politrocker, er kann es auch in der freien Form. Er macht durchaus auch Naturpoesie und schreibt «schön». Lerch hat den Hyperion intus und ist mit Hölderlin im Turm bei den vor Kälte klirrenden Fahnen gesessen. Wer etwa dichtete politischer als der arme Hölderlin?

Dieses schmale Buch mit dem Titel «Echsenland» ist eine lyrische Chronik von 1990 bis 2004. Pro Jahr gibt es eines bis sieben Gedichte. Wie gesagt, es sind sehr welthaltige Verse, etwa über Wiederherstellung menschlicher Arbeitskraft in Bad Schinznach, das Folienrauchen oder die letzte Landesausstellung. In Sonetten singt Lerch von der Neuen Weltordnung und von Anthrax. Er fährt der Sozialdämmerkratie an den Karren und bedichtet den grossen Emporkömmling und Mäzen Paul Sacher ebenso wie eine Eidechse im Tessin.

wir tragen nichts als urgestein
im alternden gedärm dem ende zu
die fundamente fallen einwärts wir
kreiseln
reise
eis

Das Wort «ich», kommt das eigentlich in irgendeinem Gedicht einmal vor? Lerch weiss mit dem Pathos umzugehen, ist selten vordergründig und von einer geradezu scheuen, aber punktgenauen Ironie. Er schleicht sich mit seinen Gedichten an, umzingelt die Materie, sei sie historisch, idyllisch oder politisch. Es gehört halt doch alles zusammen. Die Welt schwingt in einem grossen Gesang, und Lerchs Stimme sollte man ganz schön laut daraus heraushören. Mein Wunsch: Bleib am Werch, Lerch!

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch