Nr. 09/2007 vom 01.03.2007

Totenklagen aus dem Kosovo

Von Stefan Otto

Gedichte von Bekim Morina spiegeln Abgründe wider. Existenzielle Not zieht sich durch die Vierzeiler. Morina weiss, dass ein Körper verwundbar und ein Leben zerbrechlich ist. Der Autor kommt aus dem Kosovo und ist Albaner.

«Da schreibt sich einer Tod und Todesangst vom Leib», konstatiert Oskar Ansull im Nachwort von Morinas Gedichtband «Etwas Besseres als den Tod», der zweisprachig erschienen ist. Die Gedichte knüpfen an eine Tradition ungeschriebener Dichtung aus der vorosmanischen Zeit an. Mit ihren formelhaften Wendungen und dem regelmässigen Reim wirken die autobiografisch geprägten Verse oftmals wie Totenklagen. Morina vermeidet nationales Pathos. Ihm ist nicht daran gelegen, neuen Hass zu säen.

«Lebe!» heisst ein Gedicht, das einer hoffnungsvollen Aufforderung gleichkommt: «Lebe, verliert dein Leben auch jeglichen Sinn, / es kommt jeder noch nur einmal auf die Welt; / lebe, sitzt der Tod auch schon tief in dir drin, / du musst leben, wie schwer es dir auch fällt!» Die Zeilen wirken wie ein innerer Monolog, als spräche Morina sich selbst Lebensmut zu, um sich von Verlust und Enttäuschung abzulenken. Und doch hinterlassen selbst Gedichte wie «Lass uns trinken» oder «Letzte Nacht» eine Stimmung wie beim Leichenschmaus.

Bereits in seiner Jugend erfuhr der 34-jährige Morina Gefängnis und Folter. Als der Kosovokrieg ausgebrochen war, flüchtete er gemeinsam mit seiner Frau Bafta durch sieben Länder, ehe ihnen Ende 1998 in Deutschland Asyl gewährt wurde. Nach vier unsicheren Jahren im Exil hatte Morina das Glück, ein Stipendium in Celle zu erhalten.

Auf Lesungen trägt Morina seine Verse mit einer Vehemenz vor, die unmissverständlich ist. Resignieren würde sich anders anhören. Sein Übersetzer Oskar Ansull bildet dazu ein ungleiches Pendant: Ansull liest die Nachdichtung mit ruhiger Stimme. Er dämpft Morinas trotzigen Zorn und betont eine feine Ironie zwischen den Versen, die manchmal droht, ungehört zu bleiben, und doch wie ein zarter Anfang klingt.

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