Nr. 12/2020 vom 19.03.2020

«Es geht dieser Poesie nicht um Politik, sondern um politisch befeuerte Poesie»

Der Dichter Friedrich Hölderlin hat eine grosse und wechselhafte Rezeptionsgeschichte hinter sich. Am 20. März jährt sich sein Geburtstag zum 250. Mal. Warum er auch heute noch bewegt.

Von Stefan Howald

Für ihn war Poesie eine Form einer möglichen Wiedervereinigung der zerspaltenen Welt: Friedrich Hölderlin auf einem Gemälde von Franz Carl Hiemer, 1792. Bild: Schiller-Nationalmuseum, AKG-Images

Der Jakobiner und der vor der repressiven Gesellschaft in den Wahnsinn Geflüchtete: Das waren zwei Bilder, mit denen Friedrich Hölderlin (1770–1843) nach 1968 einer konservativen Lesart entrissen werden sollte. Die Provokationen waren notwendig und wirken bis heute nach.

Doch so einfach macht es einem Hölderlin nicht. Sein Leben und sein Werk sind von Widersprüchen und Brüchen durchzogen. Es ist alles bitterer. Und schöner.

Ja, der ehemalige Stiftszögling, der sich dem verordneten Pfarramt zu entziehen suchte, begrüsste anfänglich die Französische Revolution, nahm 1799 und erneut 1804 Anteil an einem Umsturzversuch im Fürstentum Württemberg. Doch Politik blieb für ihn eingebettet in eine grössere «Revolution aller Gesinnungsarten und Vorstellungen», und gegen die als Entfremdung erlebte Zerspaltung der Weltzustände sollte vor allem die Poesie helfen.

Ja, sein Zusammenbruch und seine «Rasereien» im Herbst 1806, dann sein Rückzug für 36 Jahre ins Turmzimmer zu Tübingen bei Schreinermeister Zimmer und sein Verstummen hatten gesellschaftliche Auslöser. Dennoch sind schwere psychotische Störungen nicht abzustreiten.


Zugestanden, Hölderlins Texte sind nicht gerade eingängig. Das liegt zuerst an ihrer Flughöhe. Sie sind heroisch und elegisch. Durchaus zeitgemäss: Friedrich Gottlieb Klopstock hatte den Weg gebahnt, und auch Friedrich Schiller bedichtete «Die Götter Griechenlands». Aber nur Hölderlin war darin so konsequent, was seine damalige öffentliche Wirkung behinderte – von heute zu schweigen.

Das Heroische wie das Elegische drängen zum breiten Fliessen. Die Gedichte strömen, greifen weit aus. «Der Rhein» folgt dem Flusslauf und dem Lauf der Zeitalter in 221 Verszeilen, und «Archipelagus» überfliegt die antik-christliche Geschichte in 294 Langzeilen. Die sind häufig parataktisch gebaut, aneinanderreihend, verbunden durch ein «aber» oder ein «nemlich», das zwar ein Neues bezeichnet, doch keine Absetzung, sondern die Freiheit lässt, die Beziehung zwischen den Teilen selber genauer zu bestimmen.

Dabei ist Hölderlins Denken bildhaft. Es ist ebenso erkenntnistheoretisch unterlegt wie tief empfunden. Sein Ausgangspunkt: Die Welt wird als zerrissen erlebt. Daran leidet Hölderlin intellektuell, emotional, existenziell. Mit aller Kraft will er die Wunde Welt heilen, das Getrennte versöhnen. Der Vereinigungswunsch kann sich in verschiedener Form äussern. Im Briefroman «Hyperion» (1797) wird das als vierfacher Bildungsversuch erzählt. Vereinigung mit der Natur, in der Liebe, in der Politik, mit der Antike. Für Hölderlin ist das Griechenland der antiken Götter, in dem das Göttliche sich noch im Alltag präsentiert, mahnende Erinnerung für die eigene Zeit. Das klingt uns heute fremd. Hölderlin nahm es als Verpflichtung ernst, ohne Illusionen einer kurzfristigen, konkreten Umsetzung. Darunter liegt freilich eine weitere Bedeutungsschicht: die idealische Gemeinschaft der Gleichgesinnten – was man als menschliche Solidarität benennen könnte.


Obwohl Texte von ihm zu Lebzeiten nur selten veröffentlicht wurden, bildete sich noch während der «Turmzeit» in Tübingen um den «armen Holterling» ein romantischer Kult, der Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Entdeckung unbekannter Handschriften einen Aufschwung erlebte. Die Kritik an der entfremdeten Gesellschaft und der Rückbezug auf die vormoderne Welt Griechenlands ermöglichten konservative Lesarten. Für Martin Heidegger wurde Hölderlin zum Zeugen der verderblichen Seinsvergessenheit der Moderne. Die 1936 lancierte grosse historisch-kritische Stuttgarter Hölderlin-Ausgabe liess sich zu Beginn von den Nazis vereinnahmen, galt aber nach 1945 als philologisch vorbildlich, und der Dichter wurde wieder als überzeitlicher Seher verehrt. Heidegger seinerseits konnte den Rekurs auf Hölderlin als kritische Distanzierung vom Nazismus, dem er sich bis 1934 angeschlossen hatte, verkaufen.

Der Widerspruch dagegen kam zuerst aus Frankreich. Pierre Bertaux spürte schon Anfang der sechziger Jahre Hölderlins Verhältnis zur Französischen Revolution nach, und 1965 schrieb Robert Minder kritisch über «Hölderlin und die Deutschen». Bertaux wie Minder waren im antifaschistischen Widerstand aktiv gewesen; der Aussöhnung im französisch-deutschen Verhältnis widmeten sie sich in dezidiert demokratischer Perspektive. So wurde Hölderlin als Republikaner und Jakobiner rekonstruiert. 1971 zeigte Peter Weiss im Theater einen von der Gesellschaft geknechteten Hölderlin, und ein Jahr später liess der DDR-Autor Gerhard Wolf im historischen Sittenbild «Der arme Hölderlin» auch sachte Kritik an der DDR durchscheinen.

Dann lancierte der Autodidakt D. E. Sattler 1975 im Verlag Roter Stern eine neue «Frankfurter Ausgabe». Die knallgrünen Bände im Hochformat wollten einen politischen Dichter dokumentieren. Die Ausgabe setzte die Handschriften typografisch so um, dass sich der Arbeitsprozess der zahlreichen Umarbeitungen nachvollziehen liess. Hölderlin neben einer Studie des späteren RAF-Mitglieds Jan-Carl Raspe im selben Verlag – die deutsche Geisteswissenschaft war in Aufruhr. Die neue Editionstechnik lenkte den Blick zudem auf die späten Aufzeichnungen, die bislang als wirre Kritzeleien gegolten hatten, und betonte das Fliessende der Texte, die Grenzen zu sprengen versprachen.

Pierre Bertaux seinerseits legte 1978 eine grosse Studie vor, der er eine These voranstellte: «Hölderlin war nicht geisteskrank.» In der Folge argumentierte er mit viel Material und um etliches differenzierter, dass der psychiatrische Befund in vielem fragwürdig sei und Hölderlin gewisse Zustände auch simuliert haben könnte, um sich politischer Zurichtung zu entziehen.

So war man, mit Foucault, beim Verhältnis von Wahnsinn und Gesellschaft angelangt. Peter Weiss hatte als schreckliches Bild inszeniert, wie man dem Geschundenen eine Ledermaske aufzwang. Die lässt sich mittlerweile durchaus als gelinder Fortschritt in der jungen Geschichte der Psychiatrie lesen: Statt herkömmlicher Prügelstrafen und «Therapien» im eiskalten Wasser sollte die Maske den Patienten, im eigenen Interesse, vor den bedrängenden Umweltreizen abschotten.

Der Hölderlin-Verlag Roter Stern legte sich 1979 einen wunderschönen Namen aus späten Notizen von Hölderlin zu: Stroemfeld. Doch vor zwei Jahren ist Stroemfeld bankrott gegangen (siehe WOZ Nr. 37/2018); seither warten ein paar Hundert Exemplare der zwanzigbändigen Gesamtausgabe in einem Lagerhaus auf einen neuen Verlag, der sie weiter vertreibt.


Zwei neuere Bücher liegen zum Hölderlin-Gedenkjahr vor: eine Biografie von Rüdiger Safranski und eine essayistische Studie von Karl-Heinz Ott. Beide arbeiten sich noch mehr oder weniger intensiv an den provokativen Thesen von 1968 ab.

Rüdiger Safranski, einst ein radikaler Maoist, hat sich seit dreissig Jahren als gediegener Biograf deutscher Geistesheroen wie Goethe, Schiller, Nietzsche und Schopenhauer einen Namen gemacht. Seine Hölderlin-Biografie ist philosophiegeschichtlich erhellend, in den literarischen Interpretationen anschaulich, und sie räumt dem Politischen, wenn auch zuweilen widerstrebend, einigen Platz ein. Karl-Heinz Ott umkreist seinen Gegenstand, der eher die Hölderlin-Rezeption ist, in essayistischen Fragmenten. Er bemerkt nicht unzutreffend, dass der Heroenkult von Hölderlin zuweilen etwas hohl tönt. Und er macht ein paar hübsche Anmerkungen über Hölderlins verhimmeltes Frauenbild. Aber langsam bestätigt sich der Verdacht, dass Ott Hölderlin nicht wirklich mag. Als Mensch hätte sich der zusammenreissen können und nicht immer den anderen, der Mutter, der unverständigen Öffentlichkeit, der versagenden Gesellschaft die Schuld für die eigene desolate Situation zuschieben sollen. Hätte er sich bloss wie seine Studienkollegen Hegel und Schelling um eine Karriere bemüht! Unter Generalverdacht geraten auch die Werke. Zwar propagiert Ott, man solle Hölderlins Dichtung mit «weltanschaulichem Gegrabsche» verschonen und für sich selbst sprechen lassen. Gerade das allerdings tut er nicht, sondern er gebraucht Versatzstücke daraus, um seine krude Interpretation einer angeblich undifferenzierten Apodiktik von Hölderlin zu illustrieren. Zusehends wird sein Buch zur konservativen Abrechnung mit allem, was dem heutigen Leben nicht ganz so einverständig gegenübersteht.

Ja, das Bild vom edlen Simulanten Hölderlin ist nicht aufrechtzuerhalten, obwohl einige Gedichte von ihm aus der Turmzeit einen hübsch ironischen Witz zeigen. Die Bedeutung der politischen Antriebe für Hölderlin aber ist nicht zu leugnen. Die Gemeinschaft der freien Geister war ein Bewegungszentrum seines Lebens und Werks.


Beim Lesen von Hölderlin gerät man in wechselnde Zustände. Zuerst einmal wirkt er (oder wirkt auch nicht) übermächtig aufs Gemüt: diese Empfindung, dieser Sog, diese Bilder! Dann finden sich mehr oder weniger plausible Bezugspunkte für die Gedankenbilder, mehr oder weniger die eigene Lage betreffende (wobei man nicht alles verstehen muss); und nach diesem Durchgang durch die reflektierende Interpretation wird man wieder auf den erweiterten Eindruck zurückgeworfen. Das hat Hölderlin im frühen Denkverbund mit Hegel und Schelling «intellektuelle Anschauung» genannt. Man mag den Prozess als dialektisch bezeichnen oder auch als Erziehung zur Schönheit.

«Die Völker schwiegen, schlummerten, da sahe / Das Schiksaal, dass sie nicht entschliefen und es kam / Der unerbittliche, der furchtbare Sohn / Der Natur, der alte Geist der Unruh» beginnt ein unvollendetes Gedicht von 1797. Gemeint ist damit die Französische Revolution, gemeint ist sogar Napoleon, da er die europäischen Feudalreiche zum Einsturz brachte. Doch der Gedanke zielt geschichtsphilosophisch weiter. Die Unruhe ist notwendig, ist unerbittlich, aber auch – dialektisch gedacht – furchtbar. Da hat Hölderlin die konkrete Enttäuschung durch den Terrorismus der Französischen Revolution schon hinter sich, doch seine Hoffnung bleibt die Republik der Gleichgesinnten und Gleichberechtigten. Wobei die Auflehnung den schlummernden Völkern von aussen, durchs Schicksal, gebracht werden muss.

Im nicht vollendeten Drama «Empedokles» heisst es ein Jahr später: «Dies ist die Zeit der Könige nicht mehr (…) Schämt euch / dass ihr noch einen König wollt (…) Euch ist nicht / zu helfen, wenn ihr selber Euch nicht helft.» Das ist wiederum unmittelbar politisch. Hölderlin plante das Stück ursprünglich als Festspiel für eine künftige deutsche Republik. Und so tönt das Echo darauf: «(...) es würde kein Kenntlicher kommen, den leeren Platz zu füllen, sie müssten selber mächtig werden dieses einzigen Griffs, dieser weit ausholenden und schwingenden Bewegung, mit der sie den furchtbaren Druck, der auf ihnen lastete, endlich hinwegfegen könnten.» So endet «Die Ästhetik des Widerstands» (1982) von Peter Weiss. Nicht auf Hilfe von aussen, von jenseits, von oben hoffen, sondern sich selber helfen: Notwendig ist Selbstermächtigung. Eine gemeinsame freilich. Doch geht es – gegen gängige Missverständnisse – dieser Poesie nicht um Politik, sondern um politisch befeuerte Poesie. Diese ist eine weitere Form einer möglichen Wiedervereinigung der zerspaltenen Welt und zugleich das mögliche Mittel dazu. «Was bleibet aber, stiften die Dichter» endet «Andenken» von 1803, und das mag wie ein idealistischer Kalenderspruch klingen, wird aber von Hölderlin präzise aus einer elegischen Bewegung heraus entwickelt.


Die schönsten Gedichte stammen zumeist aus der Blütezeit Hölderlins von 1798 bis 1804, sie haben die Abstraktion früherer Texte überwunden, sind durch den erhabenen Ton hindurch konkret verankert. Dazu gehören «Heidelberg» (1798/1801), «Der Gang aufs Land» (1801), «Brod und Wein» (1801/1802), «Patmos» (1802/1803), «Andenken» (1803) und «Hälfte des Lebens» (1804).

«Komm! Ins Offene, Freund!» beginnt «Der Gang aufs Land». Noch so ein Spruch beinahe wie für ein T-Shirt. Aber er bleibt ein bewegender Satz. Er hat einen konkreten Anlass: Der Freund wird zu einer Wanderung in die Landschaft eingeladen. Er hat eine politische Bedeutung: die Befreiung von feudalen Zwängen. Und er hat eine existenzielle Tiefe: das freie, solidarische Leben.

«Brod und Wein» setzt im kleinstädtischen Alltag ein: «Rings um ruhet die Stadt; still wird die erleuchtete Gasse.» In diesem ruhigen Strömen erhebt sich leise die Erinnerung an die Jugendzeit und die Frage, wo heute noch «göttliches Feuer» zu finden sei: Worauf das Gedicht anhebt zu einem Besuch im griechischen Isthmus, zum Weingott Dionysos, dem sich jener zuletzt gekommene Genius, Jesus, hinzugesellt, der mit dem Brot die Frucht der Erde gebracht hat. «Aber Freund! wir kommen zu spät», denn die Götter leben längst in einer anderen Welt und «nicht immer vermag ein schwaches Gefäss sie zu fassen», und die bange Frage, «wozu Dichter in dürftiger Zeit», kann kaum mit einer Vision beglückender Vereinigung beantwortet werden.

Die «Hälfte des Lebens» ist eines der letzten grossen Gedichte Hölderlins, 1804 in jener Krise geschrieben, die wenig später zur Internierung, oder zum Rückzug, in den Turm bei Tübingen führte.

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir!, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Die erste Hälfte lässt sich genau lokalisieren: ein vertrauter Ort voller Leben. Und in glücklicher Erinnerung werden mit den «Küssen» und dem «heilignüchternen Wasser» Liebe und Natur evoziert, und mit den «holden Schwänen» als emblematischem Bild die Schönheit der Poesie. Zwischen den Strophen fällt die Welt auseinander. Verschwunden ist die offene Weite fliessenden Wassers, des Neckars, oder die andernorts beschworene strömende Kraft des Rheins und der Garonne. Im Winter ist selbst die lebensspendende Kraft des vertrauten Tagesablaufs verloren. Die Mauern, die Häuser, sind − sprachlos − von Menschen entleert und entbehren − kalt − der Herdfeuer, ja des Lebens. In den Wetterfahnen zum Schluss schwingt (auch) die Trikolore mit, doch «klirrt» sie bloss noch im Wind, der, wie die Mauern, den Hoffnungen nicht mehr antwortet und selbst der poetischen Arbeit die sprachlichen Mittel und die Kraft entzieht.

Dieser Trostlosigkeit aber setzt sich, erregend, die Schönheit des Gedichts selbst entgegen.

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