Nr. 19/2005 vom 12.05.2005

Löws Karriere

In dem Abenteuerroman «Der Judenweg» erzählt die Journalistin von jüdischen Outlaws in der frühen Neuzeit.

Von Susanne Slobodzian

«Wir sind ausgeschlossen und stehen als Bettler vor ihren Türen.» Mit dieser nüchternen Erkenntnis beschreibt der Held Daniel Löw im Roman von Ruth Weiss seine Situation als Jude der unteren Schichten im deutschen Franken unmittelbar nach dem Dreissigjährigen Krieg. Die soziale und ökonomische Lage der Juden war in Deutschland besonders prekär: Während eine mittellose und entrechtete Minderzahl von den wohnberechtigten Christen als Hausbedienstete oder Hauslehrer aufgenommen wurde, wanderte die Mehrzahl bettelnd von Ort zu Ort. Hinzu kamen Vaganten und Massen heimatloser Flüchtlinge, die aus den Pogromgebieten heranströmten. Ihnen bot sich keine Möglichkeit einer legalen Tätigkeit mehr, nur noch der Weg an den Rand der Gesellschaft.

Diebestouren nach Amsterdam

Mit «Der Judenweg» wählt Ruth Weiss einen Titel, der Leitmotiv im doppelten Sinne ist. Einerseits beschreibt er den Weg der jüdischen Heimatlosen: Auf Trampelpfaden abseits der ausgebauten Handelsstrassen und Reiserouten - den Judenwegen - sind diejenigen unterwegs, die den verhassten Leibzoll, den jeder Jude bei Grenzüberquerung zahlen musste, nicht aufbringen können. Andererseits gibt er Auskunft über die Verfasstheit der frühneuzeitlichen Gesellschaft insgesamt. Auch der junge Daniel geht den Weg gegen die Gesellschaft, die ihm das Existenzrecht abspricht, er gründet eine Räuberbande. Schon früh bekommt er die Gewalt der Mächtigen gegenüber den Rechtlosen am eigenen Leib zu spüren. Ein Ritter vergewaltigt ihn auf dem Hof der Eltern, seine Mamme stirbt auf der Flucht im Versteck der Diebesbande, die beiden Unterschlupf gewährt. Vom Tod des Vaters, den der Begleiter des Ritters aus Rache erstach, erfährt er erst später. Perfekt organisiert die Bande ihre Diebestouren bis nach Amsterdam und Antwerpen.

Ironischerweise bietet das Stehlen und Rauben einigen Mitgliedern der Chawrusse (Chawrusse leitet sich von hebräisch chawer - Gefährte, Komplize, Bandenmitglied - ab) die Möglichkeit des Aufstieges in die bürgerliche Existenz. Daniel Löw gelingt es , zur dünnen Oberschicht jener Fabrikanten aufzusteigen, die für den feudalen Hof produzieren - so genannte Hoffaktoren, die sich die Fürsten im Zeitalter des Merkantilismus hielten. Aber selbst diese privilegierte Position konnte im Konfliktfall lebensgefährlich werden. So «erbt» im Roman von Ruth Weiss der Held Daniel Löw das Amt deshalb, weil sein Vorgänger nach dem Tod des Markgrafen wegen vermeintlichen Betruges und Diebstahls verhaftet wird und die Folter während des Verhörs nicht überlebt.

Wege aus der Erniedrigung

Weiss nutzt das Genre des Abenteuerromans, um tiefliegende Wurzeln des Antisemitismus aufzudecken. Dabei gelingt es ihr nicht nur, die LeserInnen spannend zu unterhalten. In der Karriere des Daniel Löw kombiniert sie zwei typische soziale Positionen von Juden an der Schwelle zur Neuzeit: die des privilegierten Hoffaktors und die des Rechtlosen. Mit diesem Kunstgriff zeigt Weiss, wie in einer judenfeindlichen Feudalgesellschaft eine Gruppe von Deklassierten Auswege aus ihrer Erniedrigung findet. Diese Rechtlosen nehmen ihr Leben in die eigene Hand, indem sie zu Räubern werden und sich mit List und Gewalt das holen, was ihnen die Obrigkeit vorenthält. Die Figur des jüdischen Outlaws, der zur Hofaristokratie aufsteigt, ist in dieser Kombination neu, und Ruth Weiss gestaltet die 350 Jahre zurückliegenden Ereignisse gegenwartsnah, bettet das Schicksal ihrer Protagonisten in geschichtlich Nachweisbares ein: die Massaker des Kosakenführers Chelmnicki in Polen, die Wundertaten des Sabbatai Zwi aus Smyrna oder die Ausweisung der Juden aus Wien unter dem Vorwand, die Fehlgeburt der Kaiserin sei auf jüdische Hexerei zurückzuführen. Geschehen nicht im Mittelalter, sondern im Zeitalter des Rationalismus.

Ruth Weiss: «Der Judenweg». Mosse-Verlag. Berlin 2004. 191 Seiten. Fr. 23.50.
Ruth Weiss, 1924 in Fürth geboren, emigrierte mit ihrer Familie 1936 nach Südafrika und begann dort eine Karriere als Journalistin. Weil sie gegen das Apartheidsystem schrieb, musste sie das Land verlassen. Für mehrere Medien, darunter auch die WOZ, berichtete sie aus Simbabwe.

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