Nr. 19/2005 vom 12.05.2005

Andiner Zorn trifft Schweizer Investitionen

Der Schweizer Konzern will Berge versetzen und in den peruanischen Anden Kupfer abbauen. Nicht alle in der Region Apurímac sind davon begeistert.

Von Rolf Schröder, Las Bambas

Die peruanische Öffentlichkeit war begeistert. 60 Millionen Franken hatte die Regierung als Mindestsumme für den Verkauf der Rechte am Kupferabbau im Gebiet von Las Bambas angesetzt, und sie bekam das Dreifache. Die Schweizer Xstrata-Gruppe, die für 180 Millionen Franken den Zuschlag erhielt, bringt nun moderne Minentechnologie und ausländisches Know-how ins Hochland der peruanischen Anden. Die Kupfervorräte sind so gross, dass sich die peruanischen Minenexporte durch den Abbau in Las Bambas voraussichtlich um dreissig Prozent erhöhen werden.

Dennoch gab es Proteste, als Präsident Alejandro Toledo im letzten Oktober anlässlich der Vertragsunterzeichnung in Las Bambas erschien. Etwa achthundert Bauern und Bäuerinnen demonstrierten aus Sorge um ihre Zukunft. Sie wurden von einer eigens herangeschafften Polizeistaffel unter Einsatz von Tränengas vertrieben. Selbst um die bereits angezahlten 135 Millionen Franken des Zuger Konzerns wird gestritten. Präsident Toledo liess nur die Hälfte davon ins betroffene Gebiet überweisen. Die Region Apurímac, zu der Las Bambas gehört, will jedoch das ganze Geld. Deshalb wurde dort im März ein 48-stündiger Generalstreik ausgerufen. Weitere Streiks wurden angedroht.

Blockaden in Apurímac

Von der alten Inkastadt Cusco braucht man vier Stunden, um mit dem Bus Abancay, die Hauptstadt Apurímacs, zu erreichen. Durch den Streik und die Strassenblockaden ruht der Busbetrieb im März für 48 Stunden. Selbst Sammeltaxis fahren nur bis zur Grenze der Region Apurímac. Seit Tagesanbruch ist kein Auto mehr aus Abancay durchgekommen. Wartende Reisende hoffen, dass sich die Blockaden mit Einbruch der Dunkelheit auflösen. Viele von ihnen klettern auf die leere Ladefläche eines Lkw, der am späten Nachmittag nach Abancay startet. Die völlig verlassene Strasse windet sich auf einen über 4000 Meter hohen Pass. Als die Autoscheinwerfer ins Tal leuchten, kommt Zuversicht auf. Die Mitreisenden müssen immer wieder abgesägte Eukalyptusbäume, Felsbrocken und Scherben von der Fahrbahn räumen. Auf einmal ist die Strasse mit brennenden Reifen blockiert. Ein Dutzend dunkler, in Ponchos gehüllter Gestalten schürt das Feuer. Sie verlangen umgerechnet anderthalb Franken Wegegeld.

Abancay selbst wirkt während des Streiks wie ausgestorben. Geschäfte, Banken oder Restaurants sind geschlossen. Die wenigen Taxifahrer suchen nach Fahrgästen. Gegen zehn Uhr morgens ziehen Männer vom Streikkomitee durch die Strassen. Sie warnen Ladenbesitzer, die ihre Rollläden vorsichtig hochgezogen haben, vor einer Öffnung der Verkaufsräume. Nachmittags sind endgültig alle Häuser verriegelt und verrammelt. Mehrere tausend Menschen marschieren jetzt durch die Stadt. «Toledo, gib das Geld von Las Bambas zurück!», skandieren sie - in Anspielung auf den von der Zentralregierung in Lima einbehaltenen Teil des Xstrata-Geldes. An der Kundgebung auf der Plaza hält ein Bauernvertreter aus Las Bambas eine leidenschaftliche Rede. Flüsse, Felder, Pflanzen und Tiere seien das Einzige, wovon die Menschen der Region lebten. Das alles sei bedroht, wenn die Mine erst einmal ihren Betrieb aufgenommen habe.

Von Abancay bis Challhuahuacho

Lucio Lantarrón ist Vorsitzender der Front für die Interessen Apurímacs und einer der Organisatoren des Protests. Auch er ist davon überzeugt, dass der Bevölkerung Apurímacs der gesamte Verkaufserlös von Las Bambas zusteht. 78 Prozent leben in der Provinz unterhalb der Armutsgrenze, fast die Hälfte aller EinwohnerInnen in extremer Armut. Doch die Regierung im fernen Lima kann über ein Treuhandkomitee unter Vorsitz von ProInversión, einer staatlichen Agentur zur Förderung privater Investitionen, sogar über die Verwendung der für die Region bestimmten Xstrata-Millionen bestimmen. «Die haben doch von unseren Problemen keine Ahnung!», erregt sich Lantarrón. «Sie wollten zwei riesige Radioantennen kaufen und Dörfer mit Computern versorgen, in denen die Leute weder lesen noch schreiben können.» Die Protestbewegung will, dass die Präsidentin der Region Apurímac zusammen mit VertreterInnen nichtstaatlicher Organisationen die Gelder verwaltet.

Lantarrón meint auch, dass die achtzehn Gemeinden, unter deren Land das abbaubare Kupfer liegt, regelrecht betrogen werden. Die Bauern seien zwar Eigentümer des Bodens, dem Staat gehören aber nach peruanischem Recht die Bodenschätze. Das Gesetz sieht nach Verkauf der Rechte zum Abbau von Bodenschätzen lediglich «eine angemessene Entschädigung» für die Grundbesitzer vor. Im konkreten Fall muss Xstrata über deren Höhe mit den betroffenen Gemeinden verhandeln. Aber so weit ist es derzeit noch nicht. Im März begann Xstrata in Las Bambas, in der Nähe des 3600 Meter hoch gelegenen Städtchens Challhuahuacho, mit den ersten Probebohrungen. Binnen der nächsten sechs Jahre will der Konzern entscheiden, ob und wo er das Kupfer abbauen wird. Das eigentliche Minengebiet liegt dreizehn Busstunden von Abancay entfernt.

Spitzenverdiener und Korruption

Schätzungsweise ein Drittel der Reisenden in den Bussen von Cusco nach Challhuahuacho suchen Arbeit bei Xstrata: Ingenieure, Bergbauspezialisten, einfache Arbeiter. Dabei beschäftigt die Firma aus Zug in Peru vor Ort zurzeit nur 180 Arbeitskräfte und stellt dabei bevorzugt Einheimische ein. Der Lohn von 200 Franken monatlich, den Xstrata den Hilfsarbeitern bei den Probebohrungen anbietet, ist in Challhuahuacho ein Spitzeneinkommen. Für einen Arbeitstag zahlt man hier sonst zwei Franken pro Tag plus Essen. Die Menschen leben von der Landwirtschaft: Sie bauen Quinoa an, ein Getreide, das schon die Inkas kultivierten, und vor allem Kartoffeln. Einige besitzen ein paar Kühe oder Schafe. Die Analphabetenrate liegt bei über fünfzig Prozent, ein Fünftel der Kinder geht nicht zur Schule. Die meisten Einheimischen können sich nicht auf Spanisch verständigen. Sie sprechen Quechua, die Sprache der Inkas.

Sonntags ist Markt in Challhuahuacho. Die Bauern und Bäuerinnen aus der Gegend sind an diesem Tag festlich gekleidet. Sie tragen Filzhüte mit farbigen Bändchen über der Krempe, bestickte Hemden und Blusen mit bunten Knöpfen. Die meisten von ihnen bieten nicht viel mehr als Kartoffeln zum Verkauf an. Damit nehmen sie vielleicht zehn Franken ein, das muss für eine Woche reichen. Alles, was rund um Challhuahuacho Rang und Namen hat, trifft sich auf dem Markt. Doch nur wenige wollen über die Mine reden. Zum Beispiel, dass sie eine Belastung der Umwelt fürchten. Oder dass sie auf Arbeitsplätze hoffen. Die Menschen sind misstrauisch gegenüber Fremden. Das mag an den Traumata des peruanischen Bürgerkriegs liegen, in dessen Verlauf sowohl die maoistische Guerilla Leuchtender Pfad als auch die Armee in dieser Gegend viele Menschen tötete.

Victor Limaypuma ist Vizepräsident des örtlichen Bauernverbandes und deutlich auskunftsfreudiger. Sein Verband werde den Bau der Mine ablehnen, erklärt er ausführlich, wenn Xstrata nicht mit den Bauern direkt verhandle. Bisher hätten ProInversión und der Schweizer Konzern Verträge mit zumeist korrupten Bürgermeistern abgeschlossen, ohne Absprache mit den Gemeindemitgliedern. Das sind Vorwürfe, die auch der aus Apurímac stammende Kongressabgeordnete Michael Martínez erhebt. Martínez behauptet, ProInversión habe sich die Zustimmung zum Minenprojekt von örtlichen Bürgermeistern durch die Schenkung von Geländewagen oder Computern erkauft.

Ausbildungskurse und Prostitution

Zenobio Maldonado, Bürgermeister von Challhuahuacho, ist einer der Korruptionsverdächtigen. Vielleicht spricht er deshalb während eines Rundgangs über den sonntäglichen Markt auffällig viel von Harmonie. Maldonado möchte zwischen Gemeinden vermitteln, die wegen der Mine zerstritten sind. Sein Ort, der erst vor fünf Jahren einen Stromanschluss erhielt, verändert sich rapide. Etwa 400 der 1500 EinwohnerInnen Challhuahuachos sind erst im letzten halben Jahr zugezogen. Restaurants entstehen, ebenso Pensionen und neue Läden. Technische Schulen bieten Ausbildungskurse für Arbeiten in den Minen an.

Während die meisten Neuankömmlinge den Beginn der Probebohrungen begrüssen, drückt Carmen Silva, Vorsitzende einer örtlichen Frauenorganisation, aus, was die alteingesessene Bevölkerung im Ort fühlt. Sie sieht grossartige Entwicklungschancen für die Gegend und bedauert zugleich, dass es mit der Ruhe im beschaulichen Challhuahuacho bald vorbei sei. Silva fürchtet die Ansiedlung von Prostituierten, wenn mit Beginn der Bergbautätigkeit die prognostizierten 6000 neuen Arbeitsplätze entstehen.

Boom in unruhigen Zeiten

Nach einem einstündigen Fussmarsch erreicht man von Challhuahuacho das Minengebiet. In einem Tal, das vor kurzem noch als Weidegebiet diente, stehen jetzt die nagelneuen Unterkünfte für Arbeiter und Ingenieure, daneben erstreckt sich ein Fussballplatz. Das Gelände ist umgepflügt und verschlammt. Eine Armada schwerer Lastwagen mit Bohrgerät fährt hier auf und ab und rammt etwa 300 Meter tiefe Löcher in die Erde. In unmittelbarer Nähe liegt am Hang ein malerisches Dorf. Demnächst wird sich Xstrata innerhalb des 33 000 Hektar grossen Minengebietes einen anderen Ort für die Probebohrungen vornehmen. Eine neue Strasse wird schon gebaut. Insgesamt plant der Zuger Konzern in diesem Jahr Probebohrungen in einem Umfang von 50 000 Metern. Man will dafür etwa sechzehn Millionen Franken investieren - das sind sogar mehr als im Vertrag mit der peruanischen Regierung vorgesehen.

Sollte es zum Kupferabbau kommen, wird mit Investitionen Xstratas in Höhe von drei Milliarden Franken gerechnet. In Las Bambas werden zudem Vorkommen von Gold, Silber und Zink vermutet. Die Gewinnaussichten sind gut: Der Kupferpreis ist vor allem aufgrund der steigenden Nachfrage aus China im letzten Jahr um fünfzig Prozent gestiegen. Hinzu kommt, dass die Steuern in Peru sehr niedrig sind (vgl. Kasten). Die Branche boomt, die Bergbauexporte aus Peru haben sich allein 2004 um 44 Prozent erhöht. Andererseits sind viele AnwohnerInnen in den peruanischen Minenstandorten nicht mehr bereit, die schweren Umweltbelastungen widerspruchslos hinzunehmen (siehe WOZ Nr. 40/04).

In den vergangenen Wochen kam es zu heftigen Protesten gegen den Goldabbau in den Minen Barrick und Antamina, in der so genannten peruanischen Schweiz, einem beliebten Trekkinggebiet um die Stadt Huaráz. Dutzende Demonstranten wurden verletzt, hunderte festgenommen. Am Ende war Barrick bereit, über Sonderabgaben an die Region zu verhandeln. Im Andenstädtchen Cajamarca verzichtete die Firma Yanacocha in der gleichnamigen grössten Goldmine Lateinamerikas im letzten Jahr nach Streiks und Blockaden darauf, den Abbau des Edelmetalls auf einen Berg auszudehnen, der Trinkwasservorräte beherbergt. Und im nordperuanischen Tambogrande scheiterte der kanadische Manhattan-Konzern bereits in der Planungsphase. Er wollte in einem fruchtbaren Tal mit Mango- und Zitrusplantagen eine Goldmine errichten. Die Bevölkerung setzte sich nach jahrelangen heftigen Auseinandersetzungen in einem Volksentscheid durch. Über neunzig Prozent lehnten den Bau der Mine ab.

Der Kongressabgeordnete Michael Martínez prognostiziert auch für Xstrata weitere Schwierigkeiten. Obwohl keine Firma mehr bot als die Schweizer, ist für Martínez der Preis von 180 Millionen Franken für die Rechte am Abbau viel zu niedrig: «Dafür kann man in der Gegend gerade eine Strasse von achtzig Kilometer Länge bauen», sagt er. Zum Vergleich: Die Kupferförderung in Las Bambas wird nach Schätzungen von ProInversión das peruanische Bruttoinlandsprodukt jährlich um ein Prozent erhöhen. Indes plant Xstrata laut eigenen Angaben, ein Prozent der Gewinne vor Steuern in den anliegenden Gemeinden zu investieren. Damit solle die lokale Wirtschaft gestärkt, das Bildungswesen gefördert und die Infrastruktur ausgebaut werden.

Ob das reicht, wird sich zeigen. Denn Xstrata braucht - wie es Martínez formuliert - Verständnis und Einfühlungsvermögen beim Umgang mit den Gemeinden. Und genau das hätten die peruanische Regierung und ProInversión bisher vermissen lassen, auch wenn ProInversión inzwischen ebenfalls Bildungs- und Gesundheitsprojekte unterstützt. Vor Ort aktive Organisationen wie die Nationale Koordinationsstelle der von Minenaktivitäten betroffenen Gemeinden (Conacami) fordern nach dem Muster von Tambogrande bereits einen Volksentscheid.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.

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