Nr. 20/2012 vom 17.05.2012

Xstrata will jetzt zum Vorbild werden

Der Schweizer Bergbaukonzern Xstrata baut in Peru eine Kupfermine mit Modellcharakter. Nicht weit entfernt von der Mine Xstrata-Tintaya und dem Ausbauprojekt Antapaccay, die für Wasserverschmutzung, Landvertreibung und Erkrankungen in der Region verantwortlich sind.

Von Knut Henkel (Text und Foto), Tintaya

Eine der ältesten Minen in Peru: Mehrere Hundert Meter tief ist in Tintaya schon abgebaut worden, seit sechs Jahren vom Schweizer Bergbaukonzern Xstrata.

Wie offene, klaffende Wunden wirken die hellen Bergflanken zwischen den grau-grünen Bergrücken, die die Landschaft rund um Tintaya Marquiri prägen. Nur ein paar Steinwürfe vom Dorf entfernt liegt der Eingang zu einer der ältesten Minen Perus. Die Mine heisst Tintaya, sie wird seit 1982 ausgebeutet. Schwere Maschinen haben sich mehrere Hundert Meter in die Tiefe gegraben, und die Abraumhalden wirken längst selbst wie mächtige Berge. «Der Wind trägt immer wieder Staubfahnen durch die Nachbarschaft», sagt Ruben Cuti Surco, ein Bewohner des Dorfes. Er ist, wie rund 500 andere Leute aus der Region, zur Konferenz anlässlich von dreissig Jahren Bergbau im Verwaltungsdistrikt Espinar gekommen, um seinen Ärger über die Betreiberfirma kundzutun.

Die heisst seit sechs Jahren Xstrata, aber es hat sich kein lokaler Vertreter des Schweizer Bergbaukonzerns eingefunden, um sich die vielfältigen Beschwerden anzuhören. Die BewohnerInnen der auf 4000 Meter über dem Meeresspiegel liegenden bettelarmen Region hatten sich viel von der riesigen Kupfermine versprochen. «Bessere Lebensbedingungen, ein Ende der Armut sowie eine bessere Ausbildung für unsere Kinder und Entwicklung für die ganze Region sollte uns der Bergbau bringen», sagt Vicente González Usca. «Aber schauen Sie, wie es hier heute aussieht!» Er deutet auf den Dorfplatz, der von kleinen Schutthalden gesäumt ist. Verlassen und ein wenig trostlos wirkt der mit Betonbogen verzierte Platz. Das gilt für das ganze kleine Dorf.

Die Mine generiert dank hoher Weltmarktpreise für Kupfer seit Jahren satte Profite. Vom Reichtum bleibt in Tintaya Marquiri jedoch nicht viel hängen. Noch nicht einmal die Strasse von der zwölf Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Espinar zur Mine ist geteert. Auch die neuere Mine, Antapaccay, einige Kilometer von der alten entfernt, hat keine Verbesserung gebracht. «Entwicklung hat es nur im Minensektor gegeben. Der macht aber nur zwanzig Prozent der lokalen Wirtschaft aus», kritisiert Oscar Mollohuanca Cruz, Bürgermeister von Espinar. «Hinzu kommt, dass viele Bauern, die ihr Land an den Konzern abgeben mussten, schlechtere Ausgleichsflächen erhalten haben.» Cruz wirft dem Konzern vor, die alarmierenden Daten zur Umweltverschmutzung rund um die alte und die neue Mine nicht ernst zu nehmen sowie keinen Dialog mit der Bevölkerung zu führen. Eine Kritik, die in der Xstrata-Zentrale in Lima von Oscar Delgado, einem der Sprecher des Unternehmens, zurückgewiesen wird. «Die Ergebnisse unserer Kontrollen zeigen, dass das Unternehmen alle Umweltvorschriften erfüllt. Zudem zahlen wir nicht nur unsere Steuern und Abgaben, sondern geben zusätzlich drei Prozent unseres Nettogewinns für die regionale Entwicklung aus.» Über 800 Projekte, etwa der Bau eines Krankenhauses, eines milchverarbeitenden Unternehmens sowie eines Ausbildungsprojekts, seien so verwirklicht worden, sagt Delgado.

Zweierlei Massstäbe?

Zudem baut Xstrata derzeit nur 150 Kilometer von Tintaya entfernt eine Kupfermine mit «Modellcharakter» auf. Las Bambas heisst die Grube, wo ab 2014 rund 400 000 Tonnen Kupfer jährlich gefördert werden sollen. Dort habe man von Beginn an mit der lokalen Bevölkerung über die Umsiedlung und den Bau des neuen Dorfs verhandelt. Das setzt neue Massstäbe, denn an den komfortablen Modellhäusern werden sich auch zukünftige Umsiedlungsprojekte orientieren müssen.

In Tintaya Marquiri und auch beim Expansionsprojekt Antapaccay, in das 1,5 Milliarden US-Dollar investiert wurden und in dem die Förderung gerade begonnen hat, scheint man von diesen Standards allerdings weit entfernt. Den Aus- und Abbau von Antapaccay hat Maximiliana Carlos täglich vor Augen. Die Frau von Mitte vierzig lebt mit ihrer Familie von der Viehwirtschaft und treibt derzeit rund zwanzig Kühe und ein Lama über ein paar Hektar Weidefläche im Flussbecken des Río Cañipia. «Früher waren es achtzig Kühe. Doch das Gras wächst nicht mehr so wie früher. Das Sickerwasser der Mine ist dafür verantwortlich», sagt Carlos.

Das Sickerwasser stammt aus der Represa de Relaves de Huinipampa, einem von Bergen eingefassten Staubecken. Dorthin werden giftige Rückstände aus der Affinerie von Tintaya gepumpt – einer Anlage, in der Metalle mit unterschiedlichen Reinheitsgraden voneinander getrennt werden. Die befindet sich ein paar Kilometer entfernt vom Dorf Huisa und dem Staubecken. Von dem hat man einen prächtigen Blick in das Tal mit dem Flussbecken des Cañipia. Doch das Becken scheint undicht, zumindest legen das kleine Rinnsale roter Brühe und der beissende Geruch nach Schwefel nahe.

Deshalb hofft Maximiliana Carlos genauso wie andere BäuerInnen aus der Region auf Entschädigung durch den Schweizer Konzern und dass dieser ihnen den Wegzug und neue Weideflächen finanziert. Doch von beidem wollen die Xstrata-Verantwortlichen nichts wissen. «Wir haben keinerlei Interesse, das Gelände zu kaufen», heisst es in einer schriftlichen Stellungnahme. «Die Rinnsale sind eine typische Folge der Regenfälle in der Region und der Geruch kann vielfältige Ursachen haben.» Dabei falle aber unter den Tisch, dass «Maximiliana Carlos und die anderen Bauern durch den Bergbau peu à peu ihre Existenz verlieren», kritisiert Victor Quipse Valleriano, Stadtrat von Espinar. Schon jetzt hätten die BäuerInnen kaum eine Chance ihre Milch zu verkaufen, weil die Gerüchte und Berichte über Umweltverschmutzungen durch die Mine in der Region nicht abreissen. Das ist ein zentraler Grund, weshalb derzeit gleich mehrere Klagen gegen den Bergbaukonzern laufen sowie eine Strafanzeige der lokalen Regierung von Espinar wegen Umweltdelikten.

Diese Klagen stützten sich wiederum auf eine Studie des peruanischen Gesundheitsministeriums vom September 2011, für die 506 BewohnerInnen der Region medizinisch untersucht wurden. «Die Studie ist eindeutig, die Kontaminierung ein Fakt in der Region», so Javier La Rosa, Anwalt des Instituto de Defensa Legal. Die Menschenrechtsorganisation verfolgt seit zehn Jahren die Konflikte rund um die Mine und begleitet derzeit eine der Klagen gegen Xstrata. Sie kritisiert auch den Umgang mit der Zivilbevölkerung. «Xstrata spielt nicht sauber. So hat der Konzern Journalisten auf der Lohnliste, die Kritiker attackieren. Das sind Praktiken, die Misstrauen schaffen», sagt der 47-jährige Anwalt. Die gleichen Methoden seien auch bei den Konflikten um die Mine Yanacocha in Cajamarca eingesetzt worden (siehe WOZ Nr. 22/08).

Minen als politische Herausforderung

Vorwürfe, die nicht zum Bild passen, das der Konzern gern von sich verbreitet. Er bezeichnet sich als «modernes Bergbauunternehmen, welches das Wohl aller sucht». Doch genau das wird in Espinar angezweifelt, denn die Studie aus dem Gesundheitsministerium belegt, dass die Blei-, Kadmium- und Quecksilberwerte in Blut und Urin der 506 untersuchten BewohnerInnen erhöht sind. Für Xstrata sind diese Ergebnisse allerdings wenig relevant: «Die Studie ist nicht im Einflussgebiet des Unternehmens erhoben wurde (…) und Blei, Arsen und Quecksilber fallen in unseren Prozessen kaum an», steht in der schriftlichen Stellungnahme des Konzerns. Doch die Studie des Gesundheitsministeriums ist nicht das einzige Indiz dafür, dass es rund um Tintaya nicht mit rechten Dingen zugeht. Im September letzten Jahres veröffentlichte die kirchliche Menschenrechtsorganisation Vicaría de Solidaridad de Sicuani (Vikariat der Solidarität von Sicuani) die Ergebnisse von Wasser- und Bodenproben, die dank der Unterstützung des deutschen Hilfswerks Misereor analysiert werden konnten. Sie wurden in direkter Umgebung der Kupfermine Tintaya genommen. Laut der Studie wiesen 29 von 50 Wasserproben und 27 von 29 Bodenproben Schwermetallkonzentrationen auf, die über den Grenzwerten lagen. Das hat zur Folge, dass die Betroffenen inzwischen besser informiert und so auch aufmerksamer für die Beeinträchtigung ihrer Lebensbedingungen durch Xstrata sind.

Ohnehin steigt die Zahl der Umweltkonflikte in Peru stetig an, wie eine nationale Ombudsstelle Anfang Mai meldete. Rund sechzig Prozent der 117 gemeldeten Fälle haben Bezug zum Bergbau, so der ehemalige Vizeumweltminister José de Echave. Er war Ende November 2011 zurückgetreten, weil der Regierung von Präsident Ollanta Humala eine Strategie fehlt, um die Konflikte rund um die Minen zu lösen. De Echave fordert mehr Kontrolle und klare Regeln und arbeitet derzeit für die Cooperación, eine nichtstaatliche Organisation, die die Gemeinden in ihrer Kritik an den Bergbaukonzernen unterstützt. Doch genau mit Regeln und Kontrolle tut sich die Regierung schwer. Nicht nur weil der Bergbau der wichtigste Wirtschaftszweig ist, sondern auch weil es dafür an Kontrollmechanismen und Institutionen fehlt. Von diesem Mangel könnte Xstrata auch zukünftig profitieren, allerdings haben die eingereichten Klagen gegen den Schweizer Konzern durchaus Gewicht.

Leitplanken für den Bergbau

Knebelverträge und fehlender Wille

Peru ist ein Bergbauland. Derzeit sind rund 25 Millionen Hektar für den Bergbau konzessioniert – rund zwanzig Prozent der Landesfläche. Darunter befinden sich auch Flächen mit touristischem Potenzial wie Baños del Inca nahe der Stadt Cajamarca oder der zentrale Platz der Stadt Espinar. Grund für diese teils absurden Auswüchse ist die Tatsache, dass das rohstoffreiche Land keinen Flächennutzungsplan hat.

Ein Wahlkampfthema der neuen Regierung von Präsident Ollanta Humala war die Erarbeitung eines solchen Plans, aber bisher sind keine Initiativen in diese Richtung erkennbar. Das liegt zum einen am Widerstand der Bergbaukonzerne, die sich von bereits konzessionierten Flächen nicht trennen wollen, aber auch an der internationalen Rechtslage. Perus Freihandelsabkommen mit den grossen Industrienationen, seien es die USA oder die Staaten der EU, schreiben die Investitionsschutzbestimmungen fest. Verändern sich diese zum Nachteil der InvestorInnen, können sie klagen.

Für ein Entwicklungsland wie Peru sind dies kontraproduktive Paragrafen, denn sie können im Extremfall verhindern, dass die Regierung etwa Umweltschutzbestimmungen verschärft oder die sozialen Rahmenbedingungen für die Bevölkerung verbessert. Allerdings wäre es in Peru schon ein enormer Fortschritt, wenn die bestehenden Gesetze eingehalten würden. Dafür fehlt es jedoch nicht nur an der institutionellen Infrastruktur, sprich an funktionierenden Kontrollorganen und den dazugehörenden Sanktionsmechanismen, sondern oftmals auch am politischen Willen.

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