Nr. 20/2005 vom 19.05.2005

Helfen ja – aber nicht so!

Die ehemalige WOZ-Redaktorin Lotta Suter hat unter dem Titel «In aller Welt zu Hause» die umfassende Biografie des Theologen, Agrarhistorikers, Entwicklungsexperten, Literaturvermittlers, Journalisten und Geschichtenerzählers Al Imfeld geschrieben. Ein Auszug.

Von Lotta Suter

«Nichts kommt Menschen so teuer zu stehen wie das, was ihnen geschenkt wird – selbst das Leben oder auch die Liebe. Seit 1960 erfahre ich das in allen Schattierungen in den zwei Bereichen Mission und Entwicklungshilfe. Hätten beide nie begonnen! Doch was dann? Ich habe mich nie definitiv entschieden. Wenn du begreifst, was mir helfen einst bedeutet hat und was es heute bedeutet, dann hast du meine Lebensgeschichte, die sich stets um diese mysteriösen Worte Hilfe und Helfen bewegte.»

Dieser Ausschnitt aus einem langen Brief von Al Imfeld ist ein wichtiger Hinweis für die Biografin, hilfreich und doch wieder nicht, denn er verstrickt uns noch tiefer ins Labyrinth. Hilfe ist so eng mit Al Imfelds eigener Geschichte verbunden und dann auch wieder mit der Geschichte der Welt, der verschiedenen Welten. Hilfe wandelt sich mit der Zeitgeschichte, mit der Entkolonialisierung und mit den globalen Neuorientierungen erst nach dem Zweiten Weltkrieg und dann nach dem Ende des Kalten Krieges. Und sie führt doch immer wieder zur individuellen Lebensgeschichte zurück, zu den Bächen des Napf, von wo Al Imfeld zu den Wasserfällen Afrikas aufbrach, eine nicht bloss magische, sondern auch sehr reale Verwandtschaft und Verbindung. […]

Als Al Imfeld in Rhodesien/Simbabwe 1967 seinen ersten Entwicklungshilfeeinsatz vor Ort antritt, hat er bereits einige Erfahrung mit Hilfeleisten und Hilfeannehmen hinter sich. Auf der Roth hatte Mutter Imfeld ihre Kinder stets dazu angehalten, einander nach Kräften zu unterstützen; jedes habe seine Stärken und seine Schwächen, darum solle man einander aushelfen. Wie wirksam, aber auch wie belastend eine solche Solidarität – «Einer für alle, alle für einen» – sein kann, erfuhr der älteste Sohn der «unterentwickelten» Bauerngrossfamilie am eigenen Leib; nur dank der finanziellen Einschränkungen der Familie, der kollektierten Gaben der Nachbarn und der Subvention durch die Kirche konnte er ein Studium ergreifen, aber alle, die gaben, erwarteten auch etwas von ihm. Grossvater Imfeld seinerseits glaubte vor allem an die göttliche Hilfe; über ihren Tod hinaus half er den armen Seelen auf ihrem Weg in den Himmel mit dem Zelebrieren von Messen, dem Rosenkranz und weiteren Gebeten. Vater Imfeld fürchtete jede Hilfe von aussen – ausser Nachbarschaftshilfe, die er sehr pflegte; da konnte man geben und nehmen. Hilfe von aussen jedoch sah er als eine Schuld, die nie zurückgezahlt werden konnte. In der Priesterausbildung wurde wiederum die Hilfe durchs Gebet betont, doch Al Imfeld kamen leise Zweifel: Ihm fehlte der Bezug zu denen, für die er betete. Und wo war das Geben und Nehmen, das doch zu jeder Hilfe gehört? Überhaupt: Wenn alles in Gottes Hand war, warum liess Gott dann «Heiden» zu? «Absurd», meinte der Immenseer Theologiestudent, «es kam mir ab und zu vor, als ob dieser himmlische Gott willkürlich Wild im Naturpark der Religionen aussetzte – anscheinend beliebte es ihm, zu jagen.»

Al Imfelds Hilfebegriff kam ins Gären. In New York angelangt, überraschten ihn die grosse Anzahl der Schwarzen und der harte Kampf, den sie um ihre Rechte führen mussten. Was war das für ein «göttliches System», in dessen Namen der Kardinal vor Ort, Francis Spellmann, Rassismus und Ungerechtigkeit duldete? Doch Hilfe von Weissen wurde von den amerikanischen Schwarzen nicht ohne weiteres angenommen, sie war auch verdächtig. Für kurze Zeit liess sich Al Imfeld von den Drittwelteinsätzen des Peace Corps der Kennedy-Regierung blenden, das auch für die Schweizer Entwicklungshilfe Vorbildfunktion hatte und junge Menschen begeisterte, die mit viel Idealismus den Armen dieser Welt helfen wollten. Bald merkte er jedoch, dass Peace ein Begriff des Kalten Krieges geworden war. Man half, um gegenüber dem Osten, gegenüber dem Kommunismus an Stärke zu gewinnen – und die Gegenseite widerspiegelte die Dynamik. Es entstand ein Wettbewerb der Hilfe, der in die Korruption und die Verschuldung führte. Und das hatte langfristige, heute noch nicht überwundene Folgen.

In Immensee hatte Al Imfeld von diesen Zusammenhängen nicht viel gehört. «Missionare helfen religiös und mischen sich nicht in die Politik, wurde uns gelehrt und eingehämmert. Die Vorgesetzten sahen nicht, dass wir in einem kolonialisierten Gebiet missionieren würden und dass nicht einfach der Teufel hinter allem stand.» Als Al Imfeld schliesslich im Bistum Gwelo ankam, hatte er jedoch nicht bloss die lange traditionelle Ausbildung zum Missionar durchlaufen, sondern auch andere, politische Erfahrungen gemacht. Er war neben Martin Luther King marschiert und hatte in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung Vorträge über Afrikas Weg in die Unabhängigkeit gehalten. […] In Vietnam hatte er die sinnlose Gewalt eines kolonialistischen Krieges erlebt, die Freund und Feind, das Andere und das Eigene gleichermassen zerstörte. Seine Asien- und Indienreise machte ihn nicht nur mit der aktuellen Arbeit von Missionaren, sondern auch von säkularen Hilfswerken wie USAID bekannt, die von ausgesprochen hegemonialen Interessen dominiert waren.

Hilfe war auf der Welt nötig, davon war Al Imfeld nach seinem Augenschein auf verschiedenen Kontinenten immer noch überzeugt, aber welche Hilfe? «Aus den Köpfen muss dieser entweder politische oder religiöse 'Kolonialismus' oder Paternalismus oder das Bringen des lieben Gottes», sagte Al Imfeld damals und wiederholt es noch heute. Immer wieder habe er in seiner Reflexion bei Mutter, Vater und Grossvater angesetzt, die ihn folgende vier Punkte gelehrt hätten:

1. Helfen kannst du nur, wenn du irgendwo angeschlossen bist und die Hilfeempfangenden es auch sind.

2. Man kann nicht jedem helfen, und nicht jede und jeder kann in allem helfen.

3. Es gibt auch eine gefährliche Hilfe; Hilfe als eine Falle.

4. Hilfe ist etwas sehr Kompliziertes. Wenn ein Mensch dieses Orchester beherrscht, trägt er oder sie in seinem/ihrem Bereich etwas Gutes in diese Welt hinein.

Bei seiner Ankunft in Afrika hatte Al Imfeld also aufgrund seiner eigenen Lebenserfahrung mit dem Konzept der nachholenden Entwicklung, welche die staatliche und private Hilfeszene in der Schweiz in den sechziger Jahren noch beherrschte, bereits weitgehend abgeschlossen. Zu vertraut war ihm von Immensee her die ethnozentrische oder evolutionistische Vorstellung, dass die «unterentwickelten» Länder mit ein wenig Ressourcen- und Wissenstransfer schon bald den hohen Lebensstandard des Westens erreichen könnten. Diese Art Entwicklungshilfe, entstanden in der idealistischen Aufbruchstimmung der Nachkriegsjahre, war eigentlich nichts anderes als eine säkularisierte Form der Missionstätigkeit. Er selber kam mit «fortgeschritteneren» Ideen nach Rhodesien/Simbabwe: «Ich kam nach Afrika und sah, dass die Kolonialherren keine ökonomisch haltbare Infrastruktur hinterlassen hatten. Afrika musste sich entwickeln; das hiess, an der Basis und aus sich selbst neu anfangen, nicht einfach kopieren, nicht grössenwahnsinnig werden. Ich dachte ans Kleine, ans Langsame, ans Bescheidene.»

Mit diesem Ansatz einer eigenständigen, eigenwertigen Entwicklung stiess Al Imfeld nicht überall auf Gegenliebe. Den Bischöfen und der weissen Minderheitsregierung in Rhodesien war der antikolonialistische Ansatz zu rebellisch; in Malawi und Kenia waren es dann vorab die schwarzen Professoren und in Tansania die schwarzen Studenten, die sich gegen die Konzentration auf «das Afrikanische» wehrten. Ihnen kam es so vor, als ob dieser Weisse ihnen westliches Wissen und westliche Kultur und damit den Zugang zu Ansehen und Reichtum aus purer Böswilligkeit vorenthalten wolle. […]

Al Imfeld selbst erlebt seine Rolle als An- und Querdenker bis heute als sehr ambivalent – und anstrengend. Am einen Tag berichtet er in einer Mail begeistert über die Diskussion an einer Schule oder in einem Betrieb: wie lebendig der Abend war, wie gross das Interesse. In der nächsten Mitteilung klagt er, man sehe ihn bloss als negativ, niederreissend. Nach einer Sitzung mit Helvetas Anfang Februar 2005 etwa klagt er, er fühle sich unwohl, unverstanden und zerhackt. «Ich war stets für Entwicklungshilfe», schreibt er, «aber immer anders, als sie verlief.» Al Imfeld möchte nicht Hilfe, sondern ein System, das funktioniert. «Ich wünschte mir zum Beispiel auch in Entwicklungsländern eine Krankenkasse und nicht Hilfe an Krankenprojekte, ein faires Schulsystem und nicht Schulhausprojekte.» Aber die Hilfswerke hätten die Politik immer gescheut. Und dann die Zersplitterung der Organisationen: Rund 160 Entwicklungsgruppen hätten um 1974 in Burkina Faso gearbeitet, ohne Koordination, ohne Gesamtkonzept. Statt Denken in Vernetzung gebe es bloss das Kreisen um ein Einzelprojekt. Keine prozessualen Vorgänge fänden statt, schon wegen der Abrechnung müssten es an Jahre oder gar Jahreszeiten gebundene Projekte sein. Helfen ja – aber nicht so, bilanziert Al Imfeld.

«Ich kann nur Unruhe stiften und vielleicht zum Denken anregen. Doch, ich habe mich stets in all den Entwicklungshilfekommissionen bemüht, dass mehr Würde und mehr Respekt hineinflossen. Und so kam ich mehr und mehr zur Kultur und habe in NGO Kultur, Kunst, Literatur und Musik hineingebracht. Bevor wir eine Schule bauen, sollten wir wissen, wozu und mit welchen Werten im Hintergrund. Ein Schulhaus darf nicht einfach billig und rasch mit ein paar selbst gebrannten Ziegelsteinen und etwas Wellblech gebaut werden. In jedes Schulhaus gehören Bilder, Malereien, ein Gestell mit einigen Büchern. Ich bin nicht für Minimalismus, sondern sogar für etwas Luxus und Verschwendung, in westlichen Kulturbegriffen ausgedrückt, gehört unbedingt etwas Weihnacht und Fasnacht zum Alltag dazu.»

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