Nr. 20/2005 vom 19.05.2005

Norwegischer Klassenkampf mit Staatsknete

Von Reinhard Wolff

Die NorwegerInnen gehören zu den eifrigsten ZeitungsleserInnen der Welt, und die Presselandschaft ist mit rund 180 Titeln für gerade mal viereinhalb Millionen EinwohnerInnen erstaunlich vielfältig. Ein Geheimnis heisst staatliche Presseförderung. Dank ihr hat auch ein «Fossil» überlebt, die linke Tageszeitung «Klassekampen». Wie der Name ahnen lässt - hin und wieder hat es Debatten gegeben, ob man ihn nicht ändern sollte, um potenzielle LeserInnen nicht abzuschrecken -, wurde die Zeitung 1969 als politisches Kampfblatt gegründet, als Parteiorgan der maoistischen Arbeidernes Kommunistparti/ marxist-leninistene (AKP). Die hat wie «Klassekampen» in Norwegen überlebt und ist vor allem in der Kommunalpolitik der Hauptstadt und in den Gewerkschaften ein aktiver Faktor. Sie hält auch weiterhin einen zwanzigprozentigen Anteil am Aktienkapital der Verlagsaktiengesellschaft «Klassekampen». Mehr als marginalen Einfluss auf Personalentscheidungen hat sie aber nicht mehr. Denn der Rest des Aktienkapitals und damit des Stimmrechts liegt entweder bei den MitarbeiterInnen oder, wie Chefredaktor Bjørgulv Braanen es formuliert, «bei unabhängigen Eigentümern».

Die aber dürften kaum in der Hoffnung auf Dividenden in «Klassekampen» investiert haben. Der leichte Gewinn, den man 2003 machte, wurde zum Abbau von Schulden verwendet, der leichte Verlust 2004 hat diese wieder etwas anwachsen lassen. Das Schuldenniveau ist nicht bedenklich. Braucht die Belegschaft frisches Kapital, gibt sie neue Aktien heraus. Die letzte existenzbedrohende Krise mit über einer Million Franken Kapitalbedarf durchstand sie 1999. 35 festangestellte MitarbeiterInnen produzieren eines der lesenswertesten norwegischen Blätter. Die Auflage pendelt werktags um 8000 und am Wochenende um 12 000 Exemplare; Kiosk- und Abo-Preis bewegen sich im üblichen Rahmen (rund zwei Euro pro Exemplar). Die Löhne liegen etwas unter dem Niveau in der Hauptstadt, aber hier ging es zuletzt aufwärts.

Die staatliche Presseförderung macht vierzig Prozent des Budgets aus, fünf Prozent kommen aus dem Anzeigenerlös, den Rest tragen die Abonnenten und Käuferinnen der Zeitung. Die Belegschaft blickt optimistisch in die Zukunft. Die norwegische Presse wurde in den letzten Jahren stark gebeutelt, der Einbruch am Anzeigenmarkt traf aber hauptsächlich die grossen Blätter, deren Auflagen zudem sinken (minus drei Prozent im letzten Jahr). Nach oben entwickelt sich die Auflage - wenn auch minimal - nur bei einer der neun Hauptstadt-Tageszeitungen, bei «Klassekampen». Deren Auflagenplus wird nur noch von der linksliberalen Wochenzeitung «Morgenbladet» übertroffen, die auch die norwegische Ausgabe von «Le Monde diplomatique» herausgibt.

Diese Entwicklung hat einerseits politische Gründe: Die norwegische Bevölkerung tendiert nach Jahren christdemokratisch-konservativer Dominanz nach links. Andererseits haben beide Blätter ihr redaktionelles Angebot ausgeweitet und profiliert. So beschäftigt sich «Klassekampen» mit dem Thema Geschlechterbalance. Obwohl es in der Belegschaft schon länger etwa genauso viele Redaktorinnen wie Redaktoren gibt, hat das Kollektiv im November letzten Jahres das Ziel festgeschrieben, dass künftig mindestens vierzig Prozent aller Beiträge von Frauen geschrieben sein müssen. «Wir wollen auf unsere Weise für Frauen attraktiv sein», sagt Bjørgulv Braanen - und nicht, wie die Konkurrenz, durch Lifestyle- oder Ratgeberjournalismus. Da wolle und könne man mit den anderen nicht mithalten. Braanen: «Wir setzen auf fundierte Nachrichten, gute politische Verankerung und eine analytisch-kritische Grundhaltung.» Mittlerweile erreicht «Klassekampen» mehr Leserinnen (51,7 Prozent) als Leser. Keine schlechte Zahl für die ehemals marxistisch-leninistische Arbeiterzeitung.

Dies ist der fünfte Beitrag unserer Serie «Linke Medien in Europa». Bisher erschienen Texte zu Frankreich (WOZ Nr. 16/05) www.woz.ch/artikel/inhalt/2005/nr16/Wirtschaft/11706.html, Österreich (17/05) www.woz.ch/artikel/2005/nr17/international/11734.html, Dänemark (18/05) www.woz.ch/artikel/2005/nr18/wirtschaft/11773.html und der Türkei (19/05) www.woz.ch/artikel/2005/nr19/kultur/11791.html.

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