Kamm & Kamm : Hochdosiert wie Psychopharmaka

Nr.  21 –

Der Bildhauer Peter Kamm und sein Bruder Thomas stellen in St. Gallen «Das nackte Leben» und das «Patientenhaus» aus.

Ausstellungen von Peter Kamm sind Gemeinschaftsprojekte. In die Installation seines «Archivs» im Kunsthaus Zug 2002 zum Beispiel integrierte er Beiträge von zwanzig Personen aus seinem Umfeld. Im Sommer 2003 zeigte er in der Galerie Seestrasse 96 in Berlingen Zeichnungen und Skulpturen zusammen mit den zoologischen Präparaten des Schlangenspezialisten Nok Helfenberger. Das Knüpfen eines Beziehungsnetzes ist für ihn unabdingbare Voraussetzung für seine künstlerische Arbeit. Denn Kamm ist ein Bildhauer, der hartnäckig auf der zeitgenössischen Relevanz der Steinskulptur insistiert. Dies scheint nur über die konsequente Distanzierung von der Selbstbezogenheit der so traditionsbelasteten Steinbildhauerei möglich zu sein. Sein Referenzsystem baute er sich denn auch logischerweise ausserhalb des begrenzten Bezugsrahmens seines «Berufes» auf.

Die gemeinsame Ausstellung von Peter Kamm und seinem Bruder Thomas im ehemaligen Frauenkloster St. Katharinen in St. Gallen belegt die Offenheit und Funktionsweise dieses Kunstnetzes exemplarisch. Der seit vielen Jahren als Psychiatriepfleger in der Klinik Königsfelden arbeitende Thomas Kamm platziert mitten im ehemaligen Refektorium von St. Katharinen ein Raummöbel aus Sperrholz. Es beherbergt eine kleine Bibliothek mit Standardliteratur zur Hirnforschung, zur klinischen Psychologie, zur Theorie von Psychotherapie und Psychiatrie sowie zur Psychoanalyse (vor allem Lacan, Foucault, C. G. Jung, Fromm) ebenso wie Schriften des Sozialistischen Patientenkollektivs Heidelberg und grundlegende Manifestationen der Antipsychiatrie von David Cooper und Franco Basaglia. Neben gezeichneten Psychiaterwitzen und Tafeln für den Rorschach-Test befindet sich ein verglastes Wandschränkchen mit all den Neuroleptika, Antidepressiva, Tranquilizern und Antiepileptika, die in den Akutstationen der psychiatrischen Kliniken eingesetzt werden. Was wie die Installation eines Konzeptkünstlers daherkommt, ist die spröd verknappte Visualisierung des tabubehafteten Bereichs psychischer Krankheit und der sie behandelnden Institutionen, also des vermeintlich schlechthin «Anderen» und doch so ungemütlich Nahen. Dieses stille, nach innen gerichtete «Insert» wirkt nicht zuletzt wegen seiner unbequemen Miniaturisierung und handwerklich akkuraten Machart inhaltlich hochdosiert wie die Psychopharmaka in ihren bieder-sachlich gestalteten Schächtelchen.

Peter Kamm schlägt eine ganz andere Tonart an. Seine zwei riesigen Zeichnungen an der Stirn- und Längswand wirken wie ein Antidot gegen alle Versuche zur Sedierung. Eine in preussischblauer Kreide gezeichnete, achteinhalb Meter lange, raumhohe rhizomartige Wucherung («spring-spring durch die Wand») tritt so ungehemmt deklamatorisch auf wie der von ihm in blutrote Flammenschrift aus Krapplack umgesetzte Text von Marcel Elsener und Kaspar Surber, dessen letzter Satz trotzig drohend verkündet: «Notfalls verfügen wir über Tentakel, wie sie diese Welt noch nie gesehen hat.» Mit der jugendlich anmutenden Heftigkeit und Direktheit geht Kamm wie in allen seinen Ausstellungen ein hohes Risiko ein. Dabei gestattet er sich keine Naivitäten. Die Behauptung «Wir verschwinden nie», die von ihm in hellen Sandstein gemeisselt im Kreuzgang steht, entspringt nicht rührender Unerfahrenheit. Im Gegenteil, die krude Ästhetik und die unverblümten Aussagen des Kamm’schen «Punk» treffen, da sie auf einem breiten und sicheren Fundament an künstlerischer Erfahrung ruhen.

Die Beiträge von Peter und Thomas Kamm reflektieren ihre spezifischen biografischen Hintergründe. Sie beziehen sich nicht illustrierend oder kommentierend aufeinander, didaktische Effekte sind nicht beabsichtigt. Gemeinsame Bezugsgrösse ist die Sprache. Die auf zwei grosse Transparente mit Schablonen gesprayten Wortlisten von Thomas Kamm im idyllischen Innenhof stammen aus Büchern über Psychiatrie. «Patientenhaus», der Titel seines Beitrags, ist auch der Titel seiner kleinen Publikation, in der Fotos aus dem leer geräumten Patientenhaus in Königsfelden mit einzelnen dieser Wörter kombiniert werden.

Peter Kamms Teil ist mit «Das nackte Leben» überschrieben. Der Titel geht zurück auf seine Schriftzeichnung «Homo sacer» von 2004, die ihrerseits den Titel eines Buches des italienischen Philosophen Giorgio Agamben zitiert. Im unterschwelligen Hinweis auf die beunruhigende Figur des auf seinen Körper, das nackte Leben reduzierten, rechtlos einem Souverän ausgelieferten «Homo sacer», wie ihn das archaische römische Recht kannte und der von Agamben als Leitmetapher der Moderne eingesetzt wird, mögen die beiden autonomen Ausstellungsteile eine gemeinsame Resonanz besitzen.

Das Netz der textlichen Bezüge in dieser Ausstellung ist jedenfalls engmaschig und weitläufig. Zu ihm gehört die von Marcel Elsener und Kaspar Surber gelieferte Vorlage für die grosse Schriftzeichnung Kamms ebenso wie die die Ausstellung begleitenden Texte von Ursula Badrutt-Schoch, Giovanni Carmine und René Scheu, der seinerseits Pier Aldo Rovattis Büchlein «Der Wahnsinn in wenigen Worten» ins Deutsche übersetzt hat, in dem der Trennung zwischen Wahnsinn und Normalität mit philosophischer Skepsis begegnet wird. Womit wir wieder bei der Ausstellung wären.

Ausstellung: Peter Kamm - Thomas Kamm, «Das nackte Leben - Patientenhaus». Noch bis zum 19. Juni im St. Katharinen, St. Gallen.

Dazu erschienen: Thomas Kamm: «Patientenhaus». Possible Press. Berlin 2005.