Nr. 23/2005 vom 09.06.2005

Barcelona - du Schöne!

Der Pionier der modernen Stadtplanung machte Barcelona zum AussteigerInnen- und Tourismusparadies.

Von Andreas Hofer

Als zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts die erste Industrialisierungswelle über Europa schwappte, strömten Millionen von LandbewohnerInnen in die bereits überfüllten Quartiere der Unterschicht. Lärm, Gestank, unerträgliche hygienische Bedingungen verkürzten die Lebenserwartung der städtischen Bevölkerung auf ein so tiefes Niveau, dass die Städte für Jahrzehnte zu regelrechten Lebensvernichtungsmaschinen wurden, die nur dank dem stetigen Zustrom weiterwachsen konnten. In der schon immer sehr grossen Stadt Paris schlug Baron Haussmann im Auftrag von Napoleon III. Breschen durch die Stadt, riss die schlimmsten Quartiere ab, erschloss den Siedlungsraum neu; natürlich auch für die Staatsmacht, die im zunehmenden Chaos Überblick und Handlungsfähigkeit verloren hatte. In Berlin führten neue Strassenachsen in den märkischen Sumpf, die Stadt wuchs weiter, Achse um Achse, Block um Block, dazwischen blieb ein freigehaltenes Baufeld für eine Kirche, einen Palast oder eine Grünfläche. So sprengte fast jede europäische Stadt ihre Mauern und schuf sich in Neustädten Raum für Erweiterungen; hierzulande zum Beispiel im Zürcher Aussersihl oder im Genfer Plainpalais, Eaux-Vives oder Saconnex.

Die Wohnung als Republik

Auch in den Plänen Ildefons Cerdás für Barcelona finden sich die Prinzipien des quadratischen, durch Strassen gegliederten Blocks und der grossen Strassenachsen, welche seine Eixample (Erweiterung auf Katalanisch) mit der bestehenden Stadt und den übergeordneten geografischen Elementen verbinden; den Hügeln im Rücken, den Flüssen und der Meeresküste. Diese Avenidas heissen bis heute Parallel, Diagonal, Meridiana und Gran Via. Für die sechzig Strassen, die von den Hügeln hinunter zum Meer führten, wählte er noch prosaischere Namen, er nummerierte sie einfach durch. Die zwanzig parallel zum Meer verlaufenden Strassen benannte er mit Buchstaben. Das Feld, welches diese Strassen gleichsam aufspannen, ist fünfmal grösser als die Altstadt und füllt die Fläche vollständig aus, die aus strategischen Gründen um die Festung Barcelona freigehalten worden war. Cerdás Plan stillte den Hunger der wachsenden Stadt für Jahrzehnte. Vor einem Jahr erst schlossen die Basler Architekten Herzog und de Meuron den Diagonal mit ihrem Forum am Meer ab.

Was Cerdá grundsätzlich von seinen Zeitgenossen unterschied und ihn zum ersten Stadtplaner im heutigen Sinne macht, war die systematische und sorgfältige Herleitung seines Planes aus einer Analyse des städtischen Lebens und der Bedürfnisse der Bevölkerung. Nachdem ihn eine Erbschaft 1848 als 33-jährigen Mann finanziell unabhängig gemacht hatte, widmete er den Rest seines Lebens der städtebaulichen Forschung und Planung und als Abgeordneter in verschiedenen lokalen und nationalen Parlamenten der Politik. Ein Jahr nach dem ersten Erweiterungsprojekt für Barcelona veröffentlichte Cerdá 1856 ein Buch über die spanische Arbeiterklasse. In kurzem Abstand folgten seine «Teoría General de la Urbanización» und weitere Fassungen seines Plans, dessen Umsetzung er bis zu seinem Tod im Jahre 1876 selber überwachte.

Cerdá ging von der Wohnung aus, die er als Kleinststadt bezeichnete und entwickelte Haustypen für die unterschiedlichen sozialen Klassen. Die Dimensionen der Strassengevierte, die Breite der Strassen und die maximal zulässige Höhe der Gebäude wurden von umfangreichen, ökonomischen und technischen Analysen bestimmt. Seine Stadt war in einem sehr modernen Sinne den Netzen der Nahrungsmittelverteilung, Abfallentsorgung und der Mobilität der Menschen bestimmt. Zu einem Zeitpunkt, als die ersten Eisenbahnstrecken gebaut wurden, führte der Schienenverlauf eines erst in Cerdás Kopf vorhandenen Trams zu den einprägsamen Abschrägungen der Häuserblöcke an den Strassenkreuzungen, und er plante die Kanalisation so, dass sie nicht mit einem zukünftigen, unterirdischen Schnellbahnnetz in Konflikt kommen würde.

Die Ruhe in den Höfen

Im Gegensatz zum modernen Städtebau des zwanzigsten Jahrhunderts war Ildefons Cerdás Stadt aber durchmischt und integrativ. Häuser für die ArbeiterInnen unterschieden sich in Grösse und Ausstattung von den Häusern für die Oberschicht, wechselten aber mit diesen ab. Die Produktion und das Gewerbe fanden wie bei der mittelalterlichen Stadt in den Erdgeschossen und teilweise in den Höfen Platz. Die Lebensqualität in dieser dichten durchmischten Stadt sicherte eine Beschränkung der baulichen Ausnutzung und grosszügige Freiflächen. So sollten ursprünglich die Strassengevierte nur an zwei Seiten bebaut werden und sich somit das Grün der Pflanzen aus den Höfen über die Strassen in zusätzliche Baufelder erstrecken. Cerdá schuf eine Synthese zwischen den Qualitäten des städtischen Strassenraums und den grosszügigen Freiräumen späterer Gartenstädte.

Kurz vor seinem Tod 1876 notierte Cerdá: «Um 14.45 fuhr der Zug Richtung Valencia ab, und es scheint mir, als sei ich aus einer tiefen Stumpfheit aufgewacht, während ich die Stadt, vielleicht für immer, verliess, die Stadt, für die ich bekunden kann, mein Bestes getan zu haben. Auch wenn ich tief in meinem Herzen der Überzeugung bin, dass es mir nie gedankt werden wird.» Diesen melancholischen Ton erklärt die Erschöpfung, die wohl jeder Mensch nach einem jahrzehntelangen Einsatz für den planvollen Bau einer ganzen Stadt spüren würde. Und die Schwierigkeiten, die Prinzipien gegenüber der Administration und der Spekulation zu verteidigen, nahmen auch zu. Gerade weil sich die Eixample so erfolgreich mit der bestehenden Altstadt verknüpfte, war der ökonomische Druck schon bald gestiegen. Die Gebäudehöhen wurden vergrössert, und die Häuser wucherten in die grosszügigen Höfe. Die Eixample näherte sich in vielen Punkten der gründerzeitlichen Blockrandbebauung an. Auf der anderen Seite erwies sich die Konzeption als so robust, dass sie Veränderungen der Lebensweise, der Architektur und die Massenmotorisierung mit dem Auto, welche so viele Städte an den Rand des Kollapses gebracht haben, ohne grössere Korrekturen verkraften konnte.

Doch die grösste Qualität von Cerdás Plan ist seine Schönheit. Der Erfolg Barcelonas fusst wesentlich auf der Attraktivität des städtischen Raumes. Die Eixample ist eine der wenigen Neustädte, welche neben dem mittelalterlichen Kern bestehen kann und von der Bevölkerung mit Stolz angenommen wurde.

«Cerdá - Pionier der Stadtplanung. Visionen aus Barcelona - Ideen für Bern Nord» in: Bern Kornhausforum, 16. Juni, 18 h, Vernissage. Di-Fr 12-19 h; Sa, So 12-17. In einem zweiten Ausstellungsteil wird die Stadtentwicklung von Bern Nord präsentiert. Infos und Begleitprogramm: www.kornhausforum.ch

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch