15.04.2004

Wem gehört die Stadt?

Vokabeln wie Stadtmarketing und Standortförderung prägen den neoliberalen Stadtdiskurs. Welche Alternativen gibt es zur Ökonomisierung der Städte? Und was macht eine Stadt lebenswert?

Von Edith Krebs

Gut siebzig Prozent der Schweizer Bevölkerung leben in Städten respektive in stadtähnlichen Gebilden, sofern die Agglomerationsgürtel um die traditionellen Kernstädte dazu gezählt werden. Trotzdem kann hierzulande von Metropolen – trotz entsprechenden Träumen gewisser Stadtpräsidenten – keine Rede sein. Zu kleinräumig präsentiert sich die Schweiz mit ihrer politischen Strukturierung in die weitgehend autonomen Einheiten von Gemeinden, Kantonen und Bund. Und trotzdem sind metropolitane Prozesse, allen voran die Ökonomisierung der Städte, inzwischen auch bei uns angekommen und bewirken tief reichende Veränderungen sowohl im Erscheinungsbild der Stadt als auch in unseren Vorstellungen von Urbanität. «Stadtland Schweiz» heisst die passende Formel, die unlängst in der gleichnamigen Publikation des wirtschaftsfreundlichen Thinktanks Avenir Suisse ausführlich thematisiert worden ist. Die «drei grossen Metropolitanräume Zürich, Genf/Lausanne und Basel mit ihren entsprechenden Einzugsgebieten und Subzentren» seien zu den prägenden Faktoren des Landes geworden, steht dort im Vorwort zu lesen. Und: «Die ökonomische Entwicklung kümmert sich nicht mehr um politische Grenzen.» Diese scheinbar nüchterne Feststellung widerspricht nicht nur der Lebensrealität vieler EinwohnerInnen dieses Landes, die sich nach wie vor mit ihrem näheren Umfeld – der Stadt, dem Quartier, der Nachbarschaft – identifizieren, sondern suggeriert, dass es sich bei dieser Entwicklung sozusagen um ein Naturgesetz handelt, dem nichts entgegenzusetzen sei. Zwar ist es eine Tatsache, dass der Stadtdiskurs zunehmend von wirtschaftlich gefärbten Vokabeln wie Stadtmarketing und Standortförderung geprägt wird. Gleichzeitig beweist der Bevölkerungsanstieg in den Städten (die Stadt Zürich hat mit deutlich über 360000 EinwohnerInnen im Jahr 2002 eine Grösse, wie sie letztmals Anfang der achtziger Jahre erreicht wurde), dass nach der ausgeprägten Stadtflucht der letzten beiden Jahrzehnte die Stadt als Wohnort wieder attraktiver wird. Eine Stadtentwicklung, die allein wirtschaftlichen Grundsätzen folgt, könnte dazu führen, dass sich diese Tendenz wieder umkehrt.

Eine Stadt für alle

Welche Stadt ist attraktiv? Und für wen? Es dürfte klar sein, dass die einzelnen Bevölkerungsgruppen auf diese Fragen völlig unterschiedliche Wünsche und Forderungen formulierten – würden sie überhaupt gefragt. Während für die einen der Faktor Sicherheit weit oben auf der Liste stände, wünschten sich andere mehr Freiräume und weniger Überwachung der öffentlichen Räume. Auf jeden Fall sind Kriterien wie politische und ökonomische Stabilität, Sicherheit, medizinische Versorgung etc., die Schweizer Städte in den internationalen Städteratings (erhoben unter global tätigen Firmen und ihren Angestellten) regelmässig in die obersten Ränge befördern, nur für einen Teil der Bevölkerung zentral. Mehr Grünräume, weniger Strassenverkehr, dafür ein gut ausgebautes öffentliches Verkehrsnetz, ein breites Kulturangebot, günstiger Wohnraum – auf diese Palette könnte sich wohl eine Mehrheit einigen. Tatsächlich zeichnet sich eine lebendige Stadt ja gerade dadurch aus, dass sie ganz unterschiedliche Bedürfnisse zu befriedigen vermag. Während die einen ihren wöchentlichen Marktbesuch, ein Bad im See oder einen Bummel durch die Innenstadt als das Nonplusultra ihres Stadtlebens bezeichnen würden, messen andere die Qualität ihrer Stadt eher an der Dichte von Bars und Clubs sowie trendigen Einkaufsmöglichkeiten. Doch nicht alle StädterInnen begnügen sich mit solch netten Aktivitäten. Für die neoliberale Sauberstadt stellen auffälligere Praktiken, zum Beispiel von sozial Randständigen oder politisch Bewegten, eine ständige Bedrohung dar. Ansammlungen von Alkoholikern und Drogensüchtigen auf öffentlichen Plätzen sind unerwünscht und werden mittels Gesetzen und verstärkten Kontrollen kriminalisiert oder zumindest verdrängt. In den weitgehend zu Konsumräumen umgeformten Innenstädten greifen diese so genannten «Normalisierungsmassnahmen», teilweise ausgeübt durch private Sicherheitskräfte, besser als in den Aussenquartieren. Die Phänomene des Städtischen, einst ausschliesslich eine Qualität der Kernstädte, verflüchtigen sich, sie sind beweglich geworden: Punktuell und temporär – und darin vielleicht nicht zufällig an Guerillastrategien erinnernd – konzentrieren sie sich in einzelnen Stadtteilen und an der Peripherie.

«Mit dem Begriff 'Urbanität' verbinden viele Stadtbewohner das Bild einer lebhaften Soziabilität im öffentlichen Raum und in besonderem Masse auf den städtischen Plätzen (...) Diese potenzielle Mischung von städtischen Nutzungen und von verschiedenen Nutzergruppen wird von vielen Stadtforschern als wesentlicher Aspekt der Urbanität erachtet», schreibt Marcus Zepf in seinem Aufsatz «Urbanität und öffentlicher Raum» in der Raumentwicklungs-Zeitschrift «DISP» (Nr. 141 2/2000). Kein Wunder also, dass dieser «magische Begriff» (Zepf), der ganz unterschiedliche Assoziationen auszulösen vermag, ganz schnell auch bei Stadtmarketingfachleuchten und Immobilienfirmen angekommen ist. «Coole Lofts für urbane Leute», so inseriert inzwischen sogar die Migros-Pensionskasse eine Grossraumwohnung im bisher verschmähten Zürcher Stadtteil Seebach. «Urbanität ist ein Wort, das gegenwärtig in bunten Farben schillert: Urbanität begründet Architekturen, legitimiert Planungen, beschreibt aktuelle Lebensweisen, und selbst im internationalen Städtewettbewerb wird sie als unentbehrliche Grösse betrachtet. Ihre Erwähnung entkräftet Zweifel, bricht Widerstände und setzt Visionen frei», schreibt Angelus Eisinger in einer eben bei Orell Füssli erschienenen Publikation mit dem Titel «Stadtidentität» und plädiert gerade deshalb dafür, «das Konzept der Urbanität durch den Ansatz der Nachhaltigkeit zu ersetzen.»

Doch wie könnte eine nachhaltige Stadtplanung aussehen? Oder wird hier nur ein Schlagwort durch ein anderes ersetzt? Entschieden wirbt die Fachstelle für Stadtentwicklung der Stadt Zürich mit dem Begriff der Nachhaltigkeit: «Die Fachstelle für Stadtentwicklung (...) erarbeitet interdisziplinär eine fachlich fundierte, auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Stadtentwicklungspolitik und bezieht bei ihrer Arbeit soziale, wirtschaftliche und ökologische Sichtweisen ein (...) Mit verschiedenen Projekten und kooperativen Verfahren trägt die Fachstelle zur Umsetzung einer nachhaltigen Stadt- und Quartierentwicklung bei.» Und bringt mit dieser Selbstbeschreibung gleich ein weiteres Zauberwort ins Stadtentwicklungsspiel ein, dasjenige des «kooperativen Verfahrens».

Lusches Pokerspiel

Tatsächlich wurden solche Fachstellen just in jenem Moment gegründet (in Zürich im Jahr 1997), als der politische Handlungsspielraum der Behörden in Sachen Stadtplanung immer enger wurde. An ihre Stelle sind Grossinvestoren getreten, die auf den frei werdenden städtischen Industriearealen neue Grossprojekte zu planen begannen. Zwar hätten sie auf diesem PrivateigentümerInnen gehörenden Boden – im Rahmen der geltenden Bau- und Zonenordnung selbstverständlich - tun und lassen können, wie es ihnen beliebte. Doch der seit Anfang der neunziger Jahre serbelnde Immobilienmarkt sowie die Einsicht, dass neue Nutzungen auch zusätzliche Infrastrukturaufgaben für die Stadt bedeuteten, führten dazu, dass die Bereitschaft zu Verhandlungen zunahm. Eingeübt wurde das kooperative Verfahren in der Stadt Zürich am Beispiel Zürich West – der Modellfall für die Umnutzung eines städtischen Quartiers – in einer ersten Phase geradezu vorbildlich demokratisch mit dem so genannten Stadtforum, in dem neben Behörden und GrundeigentümerInnen auch VertreterInnen der Wissenschaft, der Wirtschaft und der Bevölkerung Einsitz hatten. Zurückblickend macht sich allerdings Ernüchterung breit: Von den vielfältigen kulturellen Zwischennutzungen ist nur ein kleiner Teil übrig geblieben. Dafür haben Musicstars & Co. in die Eventhallen Einzug gehalten. Noch heute stehen in Zürich West zehntausende von Quadratmetern Büroflächen frei, doch lieber verzichten die Immobilienfirmen ganz auf Mieteinnahmen, als dass sie eine andere, weniger profitable Nutzung in Betracht ziehen würden. Nur in den Wochenendnächten boomt das Quartier, wenn tausende Jugendlicher aus der Agglo und den benachbarten Kantonen in die längst kommerzialisierten Clubs einfallen. Spätestens bei der Planung des vom Stadtpräsidenten gehypten, neuen Fussballstadions Hardturm (der Bau wurde von der Stadtzürcher Bevölkerung mit grosser Mehrheit bewilligt) wurde den letzten OptimistInnen klar, dass die lokale Anwohnerschaft keine Stimme hat. Ihre Einwände gegen die überdimensionierte Mantelnutzung des neuen Stadions, die mit Sicherheit mehr Privatverkehr im ohnehin vom Verkehrsinfarkt bedrohten Stadtteil verursachen wird, wurden von den Behörden und einem Grossteil der Medien schlicht als Querulantentum abqualifiziert: Zwar wird die Bevölkerung in einer ersten Phase eingeladen und angehört, ihre Forderungen werden aber im weiteren Planungsverlauf unter den Tisch gewischt. Das so genannte «öffentliche Interesse» zieht im luschen Pokerspiel regelmässig den schwarzen Peter. Monopoly wäre für diese pseudodemokratische Farce der angemessenere Titel. Wenn Investoren und Behörden, von wirtschaftlichen Interessen geleitet, am gleichen Strick ziehen, dann wird auch die häufig angeführte Lebensqualität zur Worthülse. Wo, darf man sich fragen, ist hier die viel beschworene Nachhaltigkeit geblieben?

Strassenplanung ist Stadtplanung

Nicht alles ist planbar

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