Nr. 25/2005 vom 23.06.2005

Der König des Boxens

Von Stefan Osterhaus

Nur wenige Bilder haben das Boxen der achtziger und neunziger Jahre geprägt. Evander Holyfield oder Oscar de la Hoya, die ihre Triumphe feierten - doch vor allem war es der Anblick eines Mannes, der erst dann in den Ring kletterte, wenn das Urteil verkündet war: Don King, ausgestattet mit der markantesten Frisur seit Johnny Rotten, ein veritabler Impresario, der über Wohl und Wehe im Boxsport bestimmt und der im Zirkel der Faustkämpfer mehr noch als Muhammad Ali jenen Titel für sich beanspruchen darf, den Alis Anhänger einst ihrem Idol verliehen: King of the world.

Die «New York Times» zählt King zu den hundert einflussreichsten AmerikanerInnen des 20. Jahrhunderts. Mitten unter Bill Gates, John F. Kennedy und Edgar G. Hoover, und man fragt sich, wie es kommen konnte, dass ein wegen Totschlags verurteilter Vorstadtkönig Einzug in diese illustre Runde fand. Der Journalist Jack Newfield ist mit dem Buch «Harte Bandagen» angetreten, den Weg des Promoters nachzuzeichnen - ein bisher hoffnungsloses Unterfangen, denn King ist ein Januskopf. So verwundert es kaum, dass Newfield sein Buch nicht als Biografie versteht, denn der Protagonist hätte ihm kaum jene Quellen offenbart, die nach Auffassung des Schreibers Kings prägenden Charakterzug illustrieren: unstillbare Raffgier, praktiziert von einem, der «sich mit höchster Brillanz dem Geschäft der Ausbeutung widmet».

Newfield musste ohne tragende Gespräche mit King auskommen. «An dem Tag, an dem ihr Buch erscheint, möchte ich eine Pressekonferenz einberufen und der ganzen Welt erklären, dass dieser verdammte weisse Junge nicht einmal den Anstand hatte, mit diesem armen Nigger zu sprechen», beschied King, als der Autor Anfang der neunziger Jahre mit seinen Recherchen begann. Ein verräterischer Satz: King hatte sich damals schon längst in der Rolle des privilegierten Diskriminierten eingerichtet.

Es ist ein Part, der ihm liegt. King profitierte weniger von seinem Genie, das Newfield ihm widerwillig attestiert, als davon, dass er in eine Zeitströmung geriet: «Er war der falsche Mann zur richtigen Zeit», schreibt Newfield. Kings Geschäft konnte nur gedeihen im Klima der späten sechziger Jahre, die geprägt waren von Aufruhr und Aufbruch unter den AfroamerikanerInnen und die in Martin Luther King, Muhammad Ali und den Stars des Motown-Labels ihre massgeblichen Figuren hatten. Das Profiboxen wurde von schwarzen Boxern dominiert, die Manager aber waren weiss. King stiess in diese Lücke. Doch Newfield versäumt es, King in diesen Kontext zu stellen. Er streift bloss die Black Muslim, deren Anhänger Ali war und die King gewähren liessen. Es war nämlich Ali, der sich für King verwendete. Er war auch der Hauptdarsteller in Kings grösstem Deal: Das «Rumble in the jungle» in Kinshasa, als Ali auf dem Weg zum Comeback George Foreman k.o. schlug, war eingebettet in ein Festival, bei dem sich die Motown-HeldInnen das Mikrofon in die Hand gaben - eine meisterhafte Inszenierung, die King drei Jahre nach seiner vorzeitigen Haftentlassung endgültig rehabilitierte.

Minutiös listet der Autor auf, mit welchen Methoden King arbeitete. Kaufmännisches Raubrittertum, das der Boxer Tim Witherspoon lakonisch kommentiert: «Dons Spezialität sind Verbrechen von Schwarz gegen Schwarz. Ich bin schwarz, und er hat mich ausgeplündert.» King nutzte stets die Unerfahrenheit jener, die den Deal mit ihm als einzige Chance begriffen. Mike Tyson ist da keine Ausnahme.

Heute ist es ein Leichtes für King, seine Boxer zu platzieren. Ihre Kämpfe sind Beiwerk, die eigentliche Inszenierung gilt ihm. Nicht die Duelle von Boxern wie John Ruiz und Lamon Brewster blieben in Erinnerung. Es ist Kings Präsenz. Dessen Erbfolge ist längst bestellt: Stiefsohn Carl ist schon vor Jahren als Promoter auf den Plan getreten - als eine blasse Blaupause des Mannes, der den austauschbaren Helden die Fäuste fernsteuert.

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