Nr. 28/2005 vom 14.07.2005

Säe, Bauer, säe!

Ende November kommt die Gentech-Moratoriums-Initiative zur Abstimmung. Vorderhand kämpfen einzelne Bauern und Bäuerinnen für die Gentech-Freiheit des eigenen Bodens. Zum Beispiel Maria Salzmann und Kaspar Herrmann im bernischen Wohlen.

Von Fredi Lerch

Wäre nicht die Überlandleitung, die vom Atomkraftwerk Mühleberg herauf einige Meter am Hof vorbeiführt, die Bützematt wäre eine Gotthelf-Idylle: Die leicht abfallenden Felder werden von einem Wald begrenzt, und der Weiler Möriswil – einer von vielen der Gemeinde Wohlen – liegt nordwärts verdeckt von einem Hügel. Ab und zu wirft die junge Bäuerin einen Blick auf den Vorplatz, wo ein zweijähriger Knirps herumtollt, und jetzt kommt der junge Bauer mit zwei Tassen Kaffee aus der Küche.

Hier leben Maria Salzmann und Kaspar Herrmann mit Florian. Der Knospe-Betrieb gehört zum Verein Bio Frienisbärg und umfasst knapp dreizehn Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche, dazu drei Hektaren Mischwald. Produziert wird Dinkel und Hafer, Sonnenblumenöl, Eier, Poulet-, Kalb- und Lammfleisch. In der Hofstatt stehen Hochstammobstbäume, das Land wird möglichst extensiv bewirtschaftet. Ein Rucksackbauernbetrieb des 21. Jahrhunderts: Sie arbeitet in Bern als kaufmännische Angestellte Teilzeit in einer Liegenschaftenverwaltung, er in Thun in einem Umweltbüro. Die sauber geschichteten, groben Holzbretter ums Haus weisen in die Zukunft: Herrmann ist nicht nur ein studierter, sondern auch ein leidenschaftlicher Hölziger, später einmal möchte er sich mit Schreinerarbeiten einen Nebenverdienst aufbauen.

Wie überzeugt man Bauern?

Maria Salzmann und Kaspar Herrmann sind Mitglieder der Lokalen Agenda 21 Wohlen. Weil sie wussten, dass sich in den Nachbarländern längst ganze Regionen und Provinzen zu Gentech-freien Zonen erklärt haben, schlugen sie als Direktbetroffene in dieser Gruppe vor, den Versuch zu wagen, Wohlen zur Gentech-freien Gemeinde zu machen. Die Idee der Aktion gentechfreie Gemeinden stammt aus dem Umfeld der Gentechfrei-Initiative: Eine politische Gemeinde darf sich dann Gentech-frei nennen, wenn jede Bäuerin, jeder Bauer auf dem Gemeindegebiet eine vorgedruckte Verpflichtung unterzeichnet hat, bis und mit 2010 «keine gentechnisch veränderten Pflanzen oder Tiere einzusetzen» und nur «gentechnikfreies Saatgut» zu verwenden. In Wohlen bedeutet das, dass 111 Bauern und Bäuerinnen unterschreiben müssen und zusätzlich 24 aus anderen Gemeinden, die einzelne Felder auf Wohlener Boden bewirtschaften.

In der Agenda-21-Gruppe wurde die Idee für gut befunden. Herrmann organisierte bei der Gemeinde einen vollständigen Adressensatz aller landwirtschaftlichen Betriebe und verschickte einen Rundbrief an die «Lieben Bäuerinnen und Bauern der Gemeinde Wohlen». Darin warb er mit drei Argumenten für das Unterzeichnen der «Erklärung zur Gentechfreiheit»:

1. Die meisten KonsumentInnen wollen keinen Gen-Food. Mit der Gentechnik verlieren Landwirte ein starkes Verkaufsargument.

2. Wegen der Kleinräumigkeit der Betriebe und Parzellen vertragen sich Gentech- und Gentech-freie Landwirtschaft in der Schweiz von vorneherein nicht. Durch Pollenflug bestünde die Gefahr, dass die Gentech-freien Parzellen mit Gentech-Pflanzen verunreinigt würden.

3. Die Risiken der Gentechnik in der Landwirtschaft (das heisst: im Nahrungs- und Futterkreislauf, im Boden und im Wasser) sind zum heutigen Zeitpunkt nicht abschätzbar.

Dem Brief lag eine Einladung bei zu einer Informationsveranstaltung am 2. Juni mit Herbert Karch, dem Kampagnenleiter der Gentechfrei-Initiative, und Fritz Rothen, dem Geschäftsführer von IP-Suisse.

Kaspar Herrmann ist 32 und ein merkwürdiger Mann: Er hat muskulöse Arme wie ein Bauer und eine Art, sich auszudrücken wie ein Akademiker. Tatsächlich ist auf diesem Hof die Frau die gelernte Bäuerin, der Mann ist als Landwirt Autodidakt. Gelernt hat der ehemalige Rudolf-Steiner-Schüler Forstwart bei der Burgergemeinde Bern. Danach holte er in Freiburg das Gymnasium nach. Anschliessend ging er nach Zürich an die ETH und studierte Forstingenieur. Nach dem Studium, als er als Assistent für Forstpolitik arbeitete, wurde ihm klar, dass der wissenschaftliche Betrieb nicht seine Welt war: «Die Arbeit war mir zu theoretisch, zu praxisfremd.» Als er in dieser Zeit Maria Salzmann kennen lernte und sie ihm anbot, gemeinsam die Bützematt zu bewirtschaften, war die Sache für ihn klar. Seit 2001 lebt er hier.

Hallo Nachbar

Aber zurück zum Informationsabend. Der 2. Juni war ein hochsommerlicher Tag, die Wohlener Bauern und Bäuerinnen waren am Heuen. Am Abend kamen knapp dreissig Leute ins Uettliger Reberhaus, davon gut zwanzig LandwirtInnen. «Von der Zahl der Anwesenden war ich ein bisschen enttäuscht», sagt Herrmann. Aber die Diskussion sei interessant gewesen. Es habe Bedenken gegeben, worauf man sich denn da einlasse. Die Antwort war klar: Mit der «Erklärung» unterzeichnet man einen zivilrechtlichen, jeweils auf Ablauf des Kalenderjahrs kündbaren Vertrag. Und wie man denn die Gentech-Freiheit an der Gemeindegrenze garantieren wolle? Die Aktion habe zum heutigen Zeitpunkt nicht nur einen realen, sondern vor allem auch einen symbolischen politischen Aspekt: «Eine grosse Gemeinde wie Wohlen könnte hier ein Signal setzen», sagt Herrmann. Der Grundtenor sei schliesslich gewesen, dass die Aktion eine gute Sache sei. Aber mehr als zwei, drei Bauern unterschrieben an jenem Abend nicht. Die anderen wollten es sich überlegen.

Ein Bedenken seiner Kollegen hat Herrmann erst mit der Zeit begriffen. In der «Erklärung zur Gentechfreiheit» steht auch, der Unterzeichnende verpflichte sich, «die benachbarten Betriebe einzuladen», die Erklärung mit zu unterzeichnen. Einzuladen? Klar: In diesem Zusammenhang mag das heissen: zu bitten, zu ermuntern, zu überzeugen, allenfalls aufzufordern. Aber man kann auch herauslesen, dass der Nachbar plötzlich am eigenen Tisch sitzen könnte. Und das möchten dann doch nicht alle – auch wenn sie noch so gentech-frei arbeiten.

Trotzdem sind unterdessen rund dreissig unterschriebene «Erklärungen» beieinander. Rechnet man alle Bio- und IP-Bauern und -Bäuerinnen dazu, die sich über ihre Labelzugehörigkeit sowieso zur Gentech-Freiheit verpflichten, aber bisher aus irgendwelchen Gründen noch nicht unterschrieben haben, kann Herrmann bisher mit dem Einverständnis von rund zwei Dritteln der Bauern rechnen. Zurzeit arbeitet er an einem zweiten Rundbrief, in dem er über den Stand informieren, gewisse Bedenken ausräumen und noch einmal zur Unterschrift «ermuntern» will. Er rechnet damit, dass man schliesslich auf einzelne Höfe wird gehen müssen, um Überzeugungsarbeit zu leisten. Auch in Wohlen sind nicht alle Bauern Grüne, und einige suchen ihr Glück nach wie vor in intensiveren Anbaumethoden, nicht in Qualität und Nachhaltigkeit.

Tue guet stüüre!

«Übrigens», sagt Herrmann, «hat am Infoabend jemand argumentiert, wenn sich die Bauern schon festlegen, dann solle es auch eine zweite Erklärung geben, in der sich die Konsumenten zur Konsumation von Gentech-freien Produkten verpflichten.» In diesem Sinn, fügt er bei, hätten die Konsumenten und Konsumentinnen sehr wohl auch ihre Verantwortung zu übernehmen.

Jetzt tuckert ein Sportflugzeug über die dicken Kabel der Überlandleitung. Auf dem Vorplatz startet Florian mit dem Dreirad auf dem leicht abschüssigen Fahrweg zur Erkundungsfahrt Richtung Wald. «Tue de guet stüüre!», ruft ihm der Vater nach. Dann sagt er: «Als Bauer hast du schon sehr viele Möglichkeiten, Neues zu entwickeln und auszuprobieren. Das gefällt mir.»

Der Kampf gegen die LobbyistInnen

Wer gegen die Gentech-Lobby ins Feld zieht, bekommt es auf politischer und publizistischer Ebene schnell mit Strateginnen und Polemikern zu tun – zum Beispiel mit Johannes Randegger und Beda Stadler.

Auf dem politischen Parkett hatte der Gentech-Lobbyist Johannes Randegger, ein Stadtbasler Freisinniger, seinen Auftritt am 14. Juni: In der nationalrätlichen Debatte zur Gentechfrei-Initiative stellte er einen Rückweisungsantrag. Der Bundesrat solle einen indirekten Gegenvorschlag zur Initiative mit folgendem Inhalt ausarbeiten: Der Bund gewährleistet, «dass gentechnisch veränderte und nichtveränderte Produktionen, namentlich in der Land- und Forstwirtschaft, nebeneinander betrieben werden können».

Randeggers Antrag war vor allem eine Finte, um Zeit zu gewinnen. Denn das fünfjährige Gentech-Moratorium für die schweizerische Landwirtschaft – für Randegger «ein schlechtes Signal für den auf Dynamik angewiesenen schweizerischen Innovationsstandort» – könnte mehrheitsfähig sein. 2003 waren für die Initiative in rekordverdächtig kurzer Zeit 121 000 Unterschriften gesammelt worden. Der Ständerat hatte die Initiative zwar in der Frühjahrssession 2005 mit 32 zu 7 Stimmen abgelehnt, aber Randegger wusste, dass es im Nationalrat knapp werden würde. Sein Antrag wurde schliesslich mit 83 zu 96 Stimmen abgelehnt, die Initiative ebenfalls, allerdings nur mit dem Zufallsmehr von 91 zu 88 Stimmen bei zwei Enthaltungen. Seit Ende Juni ist nun auch klar, dass die Initiative bereits am 27. November 2005 zur Abstimmung kommen wird.

Für Herbert Karch, den Kampagnenleiter der Gentechfrei-Initiative, ist klar: Hätte Randegger mit seinem Antrag den Abstimmungstermin der Initiative um zwei Jahre hinauszögern können, hätten die InitiantInnen sofort die bisher auf Sparflamme angelaufene Aktion gentechfreie Gemeinde forciert.

Jetzt ist die Situation anders: Das nationale Moratorium kann nun bereits am 27. November realisiert werden. «Deshalb», sagt Herbert Karch, «braucht es jetzt alle Kräfte für den Abstimmungskampf.» Trotzdem unterstützt er weiterhin Versuche wie jenen in Wohlen: «Die Diskussion um Gentech-freie Gemeinden ist eine wichtige Möglichkeit zur Mobilisierung und zur politischen Bewusstseinsbildung.» Gentech-frei aufgrund der Labelzugehörigkeit sind zurzeit 42 Gemeinden, in 16 von diesen Gemeinden haben alle LandwirtInnen die «Erklärung zur Gentechfreiheit» unterschrieben, nämlich: Rébévelier BE, Egolzwil, Meggen, Wauwil (alle LU), Rohr bei Olten SO, Chavannes-le-Veyron, Cuarnens, Dizy, Grens, L’Isle, Marchissy, Mauraz und St-George (alle VD) sowie Geschinen, Isérables und Riederalp (alle VS).

Auch auf der publizistischen Ebene sind die Gentech-freien Gemeinden Streitsache. So ist Kaspar Herrmann als Initiant der gentech-freien Gemeinde Wohlen letzthin ins Visier des Berner Medizinprofessors Beda Stadler geraten. Stadler ist einer der unappetitlichsten Zyniker der Deutschschweizer Publizistik. In einer Kolumne in der «Berner Zeitung» meinte er, Herrmanns Initiative mache Wohlen zum «interessanten Ausflugziel»: «Endlich hätten wir direkt vor den Toren Berns ein neues Ballenberg.» Originell wird Stadler allerdings, wenn er fordert, zukünftig die Gentech-Pflanzen vor «Biopollen» zu schützen, denn «die Gentech-freie Zone mit ihrem veralteten Saatgut» bedrohe die anderen Bauern: «Vielleicht sollte man auch auf dem Märit einen Sicherheitsabstand einführen, sodass das Wohlener Biogemüse nicht das andere Gemüse verunreinigen kann.»