Nr. 32/2005 vom 11.08.2005

Ein gigantisches Kinderzimmer

Man kann die Invasion bunt bemalter Teddybären im Zürcher Stadtraum einfach nur ärgerlich finden. Oder die Aktion zum Anlass nehmen, über die Festivalisierung des öffentlichen Raums nachzudenken.

Von Sønke Gau und Katharina Schlieben

Das Thema «öffentlicher Raum» ist seit längerem ein Dauerbrenner. Es findet seinen Ausdruck sowohl in Fachpublikationen wie in politischen Diskussionen und kommunalen Handlungsansätzen. Dabei birgt der multifunktionale Charakter öffentlicher Räume seit je Bereicherungspotenziale und Nutzungskonflikte zugleich. Zwar kann man davon ausgehen, dass es sich bei dem verbreiteten Verständnis von öffentlichem Raum als Ort einer demokratischen Meinungsbildung um einen romantisierenden bürgerlichen Mythos handelt - der Stadtraum war schon immer von Interessen durchdrungen und hat Ausschlussmechanismen generiert. Durch die zunehmende Kommerzialisierung und Privatisierung des städtischen Raumes erweist sich diese Vorstellung endgültig als Phantasma.

Stadtraum als Bühne

Öffentlicher Raum lässt sich vor diesem Hintergrund weniger als eine allen frei zugängliche Begegnungsstätte unterschiedlichster gleichberechtigter Personengruppen verstehen, als vielmehr als ein Ort der (Re-)Produktion von Machtverhältnissen. Die Umstrukturierung der Städte nach einem postfordistischen Raummodell hat dazu geführt, dass im internationalen Wettbewerb um die kaufkräftigen Dienstleistungseliten und TouristInnen die Innenstädte zu Visitenkarten umgestaltet wurden und in der Folge immer stärker Kaufkraft und soziale Zugehörigkeit die Zugänglichkeit zu innerstädtischen Bereichen regulieren. Diese Verschiebung im Spannungsverhältnis zwischen Kommerzialisierungstendenzen und sozialen Nutzungsanforderungen ist aber nicht nur monokausal der Stadtimagepolitik und/oder neoliberalen Wirtschaftsstrategien anzulasten, sondern die Entwicklung vollzieht sich mit dem scheinbaren Einverständnis vieler BürgerInnen: Die Privatisierung von öffentlichen Räumen geht einher mit einem schwindenden Bedürfnis nach diesen Orten. Die generelle Erosion von Öffentlichkeit findet in der Ausdifferenzierung der Lebensstile ihre Entsprechung. Der urbane Raum dient weniger als Medium der Meinungsfindung und Ort der Begegnung heterogener Gruppen denn als Kulisse zur Inszenierung von Lebensentwürfen - er wird zur Bühne, auf der die BürgerInnen durchaus lustvoll StatistInnen in ihrer eigenen Stadt sind. Das Verschwinden der Idee von Stadt als Raum und Ort des politischen Gemeinwesens ist die eigentliche Krise des öffentlichen Raumes - er funktioniert nicht mehr als politisches Gebilde, sondern primär als Bild.

Der Bär in drei Dimensionen

Der Stadtforscher Walter Siebel weist in einem Essay über «Die Orte der Urbanität» darauf hin, dass die Trennung von öffentlichem und privatem Leben, von Arbeit und Freizeit, konstitutiv für die urbane Stadt war. Er macht die Polarisierung des städtischen Raumes in öffentliche und private Räume an drei Dimensionen fest: «Einmal juristisch: Der öffentliche Raum steht unter öffentlichem Recht, der private unter Eigentums- und privatem Hausrecht. Zum Zweiten funktional: Dem öffentlichen Raum der Stadt sind Markt, Freizeit, kulturelle und politische Funktionen zugeordnet; dagegen sind Produktion und Reproduktion den privaten Orten, Betrieb und Wohnung vorbehalten. Schliesslich ist drittens die Differenz zwischen öffentlichen und privaten Räumen sozial definiert. Der öffentliche Raum ist Ort ritualisierter Anonymität, eines stilisierten, distanzierten Verhaltens. Der private Raum dagegen ist der Ort der Intimität, Körperlichkeit und Emotionalität. Norbert Elias hat diesen Prozess der sozialen Definition von Räumen als Einhausung von körperlichen und intimen Vorgängen beschrieben. Dieser Prozess der Einhausung und damit der Privatisierung greift heute über den engen Bezirk der Wohnung hinaus und erfasst alle noch im öffentlichen Raum verbliebenen Funktionen.»

Wenn man diese drei Dimensionen Siebels auf die überdimensionalen Teddybären im städtischen Raum von Zürich bezieht, zeigt sich schnell, warum sie in mehrerer Hinsicht problematisch sind: Die Aktion wurde von der privaten City Vereinigung finanziert, die grösste Zahl der Figuren befindet sich aber im öffentlichen Raum. Es geht in diesem Zusammenhang natürlich nicht nur um den Platz, den sie einnehmen, sondern darum, dass sie quasi den gesamten Innenstadtbereich dominieren, ihn mit einer Überschrift, einem Image, versehen. Mit dem Einverständnis der öffentlichen Institutionen wurde der öffentliche Raum in das Bild eines gigantischen Kinderzimmers verwandelt. Die Konstruktion dieses Bildes wird offensichtlich als Chance zur Verkaufsförderung, Imageverbesserung und Tourismusförderung gesehen. In diesem Punkt treffen sich die Profitinteressen von City Vereinigung und städtischer Verwaltung. Und die Rechnung scheint aufzugehen: Tatsächlich sieht man viele TouristInnen und Familien mit Kindern, die sich vor den Teddybären fotografieren oder von Figur zu Figur pilgern. Der Teddy-Sommer ist auch nicht die erste Aktion dieser Art, sondern es gibt eine ganze Reihe vergleichbarer und ebenfalls erfolgreicher Vorläufer: In Berlin waren es auch Teddybären, in Hamburg hundert Kopien eines Wasser tragenden Stadtoriginals, und Zürich blickt bereits auf ein Rudel von Löwen, eine Herde Kühe und einige hundert Sitzbänke zurück, die über die Jahre abwechselnd den öffentlichen Raum verschönern sollten.

Die Wiederkehr des Verdrängten

Es stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, warum das öffentliche und private Stadtmarketing sich gerade diese infantilen Bilder zur Innen- und Aussendarstellung der Corporate Identity ihres öffentlichen Raumes gewählt haben und warum Zürich hier eine Vorreiterrolle einnimmt. Die bunten Figuren einfach nur hässlich oder ärgerlich zu finden, würde die Tatsache verkennen, dass der öffentliche Raum ein veränderbares Medium ist, das als Ort der Identitätsbildung und als alltäglicher Wahrnehmungsgegenstand nicht nur geprägt wird, sondern auch prägt. Die Produktion von Bildern und Bedeutungen erfolgt nicht nur durch die Anwesenheit von Symbolen und Personengruppen, sondern auch durch ihre Nichtanwesenheit und tragen so zur Identitätsbildung eines kollektiven Bewusstseins bei. Die weitgehende Abwesenheit wirklicher Urbanität in der Zürcher Innenstadt - funktionsgemischte Räume mit Möglichkeiten zum Verweilen als Ort für gemeinsame soziale Aktivitäten, zur Kommunikation und zum Austausch zwischen heterogenen Bevölkerungsgruppen - soll kaschiert werden durch eine Festivalisierung des öffentlichen Raumes. Die dabei zu Tage tretende Freude an kindlichen Figuren, Verkleidung und bunten Bemalungen lässt sich unter Rückgriff auf die Psychoanalyse als «Wiederkehr des Verdrängten» lesen. Unter dem Druck der hegemonialen, profitorientierten Ideologie werden nichtkonforme Bevölkerungsgruppen und abweichende Symbole aus der Sphäre der öffentlichen Kommunikation und des öffentlichen Raumes entfernt oder isoliert. Die Teddybären erscheinen vor diesem Hintergrund als Ausdruck einer symbolischen Reintegration des Ausgeschlossenen in die Sphäre der öffentlichen Kommunikation. Mit Sigmund Freud liessen sich die Figuren als «unheimlich» beschreiben. Das «Unheimliche», so Freud in seiner gleichnamigen Studie von 1919, ist das einst Vertraute (der infantile Wunsch, das naive, kindliche Weltbild), das verdrängt wurde und sich unbewusst verborgen hielt. Im unheimlichen Erlebnis kehrt das Verdrängte in entfremdeter Form wieder. Wenn man diese Diagnose weiterverfolgt, wäre es nahe liegend, den Verantwortlichen der City Vereinigung und der Stadtverwaltung zu raten, sich therapeutische Hilfe zu suchen. Da dies nicht besonders realistisch erscheint, gilt es, den Prozess der Selbstreflexion, der das Unbewusste ins Bewusstsein übersetzen soll, stellvertretend öffentlich zu vollziehen. Denn wie Boris Buden in seinem Text «Öffentlicher Raum als Übersetzungsprozess» schreibt, ist das, was der Prozess der Selbstreflexion schliesslich hervorbringt, «Transparenz: auf der einen Seite die Transparenz der eigenen Existenz und auf der anderen die der Gesellschaft als Ganzes. Die rationale Transparenz ist daher die conditio sine qua non des öffentlichen Raumes.»

Möglichkeit der Mitbestimmung

Die Frage, was öffentlichen und was privaten Raum ausmacht, wird letztlich gesellschaftlich geregelt, und öffentlicher Raum definiert sich zumindest in demokratischen Gesellschaften über die Möglichkeit der Mitbestimmung. Eine Auseinandersetzung um öffentliche Räume bedeutet immer auch eine Auseinandersetzung um Symbole und Bedeutungen, die sich oft über Bilder vermitteln. Eine nächtliche Aktion, bei der vor einigen Wochen rund 250 Teddybären in schwarze Riesenmüllsäcke gesteckt und mit Schildern versehen wurden, scheint geeignet, einen Prozess der Reflexion anzuschieben, der im besten Fall dann auch zu grösserer Transparenz über Entscheidungen zur Nutzung des öffentlichen Raumes führt. Auf den Müllsäcken wurden von den AktivistInnen jeweils zwei Schilder befestigt. Auf dem vorderen stand in Anlehnung an die Präventivkampagnen zu Ordnung und Sauberkeit der Stadt Zürich folgender Text: «Erlaubt ist, was nicht stört - Ihre Stattpolizei. Erlaubt ist, was nicht stört - Ihre Kulturstatt Zürich. Erlaubt ist, wer nicht stört - Ihre Stattpolizei. Erlaubt ist, wer nicht stört - Ihr Bevölkerungsamt. Ich bin auch ein Wegweisungsartikel - Ihre Müllabfuhr.» Und auf der Rückseite: «Wer entscheidet über den öffentlichen Raum? Wer besetzt öffentlichen Raum?» Das wären schon mal zwei der wesentlichen Fragen, über die es sich lohnen würde, öffentlich zu diskutieren.

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