Nr. 36/2005 vom 08.09.2005

Illusion und Zauberei

Sport ist besonders widersprüchlich, wenn es um Doping geht. Die SportlerInnen tricksen, Bürokraten und Medienleute spielen die Empörten - ohne zuzugeben, dass Betrug zum Sport gehört.

Von Walter Aeschimann

Steherrennen gehen so: Motorräder blochen mit fünfundsechzig Kilometer pro Stunde im Kreis herum. Sie stinken und lärmen jenseits der tolerierten Werte. Im Windschatten fahren Radrennfahrer. Motorrad und Rennfahrer sind ein Team. Es gibt pro Rennen fünf bis sieben Teams.

Es war im Sommer 1999, und ich schrieb eine Reportage über Steherrennen auf der offenen Rennbahn Zürich Oerlikon. Ich ging - gut informiert - auf den Motorradfahrer zu, der immer gewonnen hatte: «Stimmt es, dass die Rennen abgesprochen sind?» - «Jää dumms Züüg. Wer seit dänn so öppis?» - «Mmhh, Insider. Fachleute eben.» - «Das sind sicher immer di gliiche Fahrer. Die wo nüüt chönd!»

Es braucht Nähe, um Insiderwissen zu erhalten. Doch wer es ausplaudert, bricht die Spannung. Die Attraktivität des Sports geht verloren. Und bei heikleren Recherchen wird der Vorteil der Nähe zum Problem.

Zwei Jahre später. Reportage über das eben eröffnete Dopinglabor in Lausanne. Frage an den Laborleiter: «Gab es schon eine positive Probe?» - «Ja, natürlich.» - «Wie viele?» - «Etwa vierzig. Etliche davon sind Schweizer.» Ich rief beim höchsten Schweizer Sportgremium an, dem damaligen Schweizerischen Olympischen Komitee: «Ich weiss, es gibt positiv getestete Schweizer Sportler. Können Sie das bestätigen?» - «Ja.» - «Warum erfährt die Öffentlichkeit nichts davon?» - «Ja wissen Sie», sagte der Funktionär, «das geht so: Wenn uns ein positiver Befund gemeldet wird, dann benachrichtigen wir den Verband. Der Verband benachrichtigt den Verein. Der Verein setzt den Sportler auf die Verletztenliste, und drei Wochen später ist die Sache vergessen.» So schamlos hatte ich mir das doch nicht vorgestellt.

Der Text erschien in der inzwischen eingegangenen Zeitschrift «Sport». Er war inhaltlich korrekt. Die meisten «Sport»-KollegInnen hielten die Geschichte für überflüssig. Selbst die Chefredaktion ging unter dem Druck der Funktionäre nachträglich auf Distanz.

Ein Verhalten, das sich in anderen Redaktionen wiederholte. Sportredaktion SF DRS. Ein Bericht über die GC-Fussballsektion und deren Präsidenten Romano Spadaro. Es ging um Missmanagement und Schulden in zweistelliger Millionenhöhe beim ehemaligen GC-Geldgeber Werner H. Spross. Doch der Chef kritisierte die Recherche. Ein schäumender Spadaro hatte sich beklagt. Wochen später war Spadaro nicht mehr GC-Präsident.

Alle gegen Armstrong

Die jüngste Diskussion um den anscheinend gedopten Radrennfahrer Lance Armstrong zeigt die Widersprüchlichkeit des Sportsystems. Die französische Sportzeitung «L’Equipe» veröffentlichte vor gut zwei Wochen eine Untersuchung aus dem Dopinglabor von Châtenay-Malabry. Die Forscher hatten tiefgefrorenen Urin von Radrennfahrern aus dem Jahre 1999 analysiert. Es waren rein wissenschaftliche Studien und die Proben anonym. In zwölf Fällen sind im Urin Spuren des verbotenen Erytropoietin (Epo) gefunden worden. Epo fördert die Bildung roter Blutkörperchen und steigert dadurch die Leistung (rote Blutkörperchen sind für den Sauerstofftransport verantwortlich). Sechs positive Proben habe man Lance Armstrong zuordnen können, berichtete «L’Equipe».

Die Urinproben und die Codes zur Identifikation der Proben hätten nach gängigen Praktiken längst zerstört werden müssen. Das Labor hat diese Regel offenbar missachtet. Auch wenn die wissenschaftliche Untersuchung korrekt war - als Beweis für ein Dopingvergehen ist sie rechtlich unzulässig, denn eine B-Probe beispielsweise existiert nicht. Es kann also vermutet werden, dass Untersuchung und Veröffentlichung Armstrong gezielt diskreditieren sollten. Die hiesige Presse nahm dies dankbar auf: «Lance Armstrong gedopt», «menschliche wie sportliche Unverschämtheit», «Heuchler Armstrong», «ein Schatten über dem Mythos», «Armstrong als Lügner entlarvt». Eine Karriere lang war Armstrong von Mutmassungen über seine Dopingpraktiken begleitet worden. Doch schlüssige Beweise fehlten, und sie fehlen nach wie vor.

Andere Siegfahrer hingegen wurden medial immer gehätschelt. Als der unterdessen an Kokainkonsum verstorbene Marco Pantani 1998 die Tour de France dominierte, lobten die JournalistInnen seinen kämpferischen Stil. (Inzwischen ist bekannt, dass damals von siebzig im Fahrerfeld entnommenen Proben vierzig positiv waren). Beim Deutschen Jan Ullrich ein Jahr zuvor entzückte die Eleganz des Tritts. Als der Amerikaner Tyler Hamilton 2003 mit einem gebrochenen Schlüsselbein die Tour als Fünfter beendete, war er ein Held.

Dieses Jahr gab es offiziell keine einzige positive Probe. Die Redaktionen druckten diese Mitteilung ab. Kein Misstrauen gegenüber Ivan Basso, Jan Ullrich, Mickael Rasmussen, den anderen Stars der Tour. Aber Gehässigkeiten gegen Armstrong.

Unter Schutz - und verselbständigt

Lance Armstrong war 1996 an Hodenkrebs erkrankt. Die Ärzte prognostizierten, dass er sterben würde. Zwei Jahre später galt er als geheilt, und er schaffte es, wieder Radrennen zu bestreiten. Er hat seit 1999 sieben Mal in Folge die Tour de France gewonnen, die härteste und prestigeträchtigste Ausdauerprüfung im Profisport. Ende Juli 2005 hat er mit dem Spitzensport aufgehört. Armstrong hat den Sport revolutioniert mit seiner millimetergenauen Vorbereitung, mit der hohen, energetisch günstigeren Tretfrequenz, mit seinem taktischen Genie, mit seinem kompromisslosen Managementstil. Nur war er wohl zu dominant - und das provozierte. Die wundersame Auferstehung, der heroische Sieg über seine Krankheit hatten ihn zum «geschützten» Fahrer gemacht. Denn seine Geschichte liess sich gut vermarkten in einem Sport, der immer mehr versumpft. Doch dann entglitt die Marke Armstrong den Geschäftemachern im Hintergrund (den Funktionären, Organisatoren, Medien). Armstrong verselbständigte sich und nutzte den Schutz aus. Einen gedopten - noch aktiven - Armstrong, dies war längstens klar, hätte die Szene nicht verkraftet. Armstrongs Selbstherrlichkeit und Machtansprüche stiegen deshalb ins Unanständige.

Erst jetzt, nach seinem Rücktritt, können sich die Geprellten rächen. Dabei sind es die Geprellten, die dieses Sportsystem geschaffen haben und es auch nicht modernisieren wollen. Sie fordern nach wie vor die «Vorbildfunktion» des Sportlers für die Jugend und überlassen die ethische Verantwortung für «sauberen Sport» den AthletInnen. Offiziell wird weiterhin geheuchelt und gelogen, während am Biertisch längst die Meinung herrscht, dass alle dopen. Es ist tatsächlich anzunehmen, dass der Sport etwa so verludert ist, wie ein liberalisierter Markt es erlaubt.

Mit dem Image des sauberen Sports operieren auch etliche SportärztInnen, die sich im Spitzensportsystem eine eigene Subkultur erschaffen haben, vorgeblich zum Schutz der Gesundheit der AthletInnen. Der frühere Radprofi Pascal Richard behauptet sogar, dass es ohne Hilfe eines Sportarztes gefährlicher sei, die Tour de France zu fahren, als mit. Heute gibt es gute ÄrztInnen, die die medizinische Betreuung perfekt beherrschen - aber auch als Experimentierfeld betrachten. Daniel Blanc, Sportmediziner aus Crissier und zeitweise aus der Kaste (der Schweizerischen Gesellschaft für Sportmedizin) ausgeschlossen, weil er offensiver kommunizierte als branchenüblich, ist «fasziniert von den Möglichkeiten, mit der Medizin die Leistung eines Sportlers zu steuern». Er betreute unter anderen Franziska Rochat Moser, die 1997 den New-York-Marathon gewann.

Blut und Güselsack

Solange sich die Szene selber kontrolliert, ergibt es wenig Sinn, ernsthaft weiterzudiskutieren. Solange praktisch nur einstige SpitzensportlerInnen oder sonstige GeheimnisträgerInnen zu SportfunktionärInnen befördert werden, bleibt Dopingbekämpfung ein Lippenbekenntnis. Solange die vielen SportjournalistInnen sich als Teil der Szene definieren, haben ihre Beiträge zu häufig Gefälligkeitscharakter.

Bei Tylor Hamilton, letztes Jahr des Blutdopings überführt, bezweifelten Schweizer JournalistInnen tagelang die Tauglichkeit der Analyse. Ein derart sensibler Fahrer, argumentierten sie, der zugunsten der Opfer der multiplen Sklerose spende, der sagte, er würde niemals dopen, der sogar mehr und härtere Kontrollen forderte, könne unmöglich dopen. Hamilton war beim Schweizer Radsportteam Phonak angestellt.

Es gäbe genügend Bücher von Radsportinsidern, um bei heutigen Fällen einen einigermassen klaren Kopf zu behalten. Paul Kimmage war einer, ein irischer Radrennfahrer, der in den achtziger Jahren viele des Dopings bezichtigte (nur seine beiden Kumpels Stephen Roche und Sean Kelly nicht). Willi Voet war einer, langjähriger Pfleger des Festina-Radsportteams, das 1997 an der Tour de France im Mittelpunkt des wohl umfangreichsten Dopingfundes stand. In jüngster Zeit waren es etwa Jesus Manzano, der junge Kelme-Profi aus Spanien, oder Emma O’Reilly, die einstige Masseurin von Lance Armstrong. Sie haben detailliert ihr Wissen preisgegeben und kommen alle zum gleichen Schluss: Es wird gedopt, und zwar umfangreich. Es gibt kaum Gründe, daran zu zweifeln. Sie sind ausgestiegen oder vom System entlassen worden. Sie mussten nicht mehr schweigen. Ob die Plauderei in jedem Fall geschickt und legitim war, ist eine andere Frage.

Auch die «Güselsackaffäre» um den Schweizer Oscar Camenzind während der Tour de Suisse 2000 zeigt die übermässige gegenseitige Abhängigkeit von Medien und Spitzensport. Dem Schweizer Fernsehen war ein Abfallsack zugespielt worden - voll mit leeren Ampullen. Der Sack war mit dem Namen Camenzind angeschrieben. Vor laufender Kamera damit konfrontiert, flippte Camenzind aus und drohte, nie mehr ein Interview zu geben. Später wurden diese Bilder nicht mehr gesendet. Die wissenschaftliche Untersuchung der Ampullen, unbedarft und verzögert eingeleitet, ergab keinen wirklich belastenden Befund. Camenzind gab dem Fernsehen wieder Interviews.

Lasst sie lügen!

In George Roy Hills grandiosem Gaunerfilm «The Sting» von 1973 spielt eine Szene in der Eisenbahn. Eine Pokerpartie, ein Sieger, ein Verlierer. Der Verlierer: «Wie machen Sie das, dass Sie gewinnen?» Paul Newman als Sieger ungerührt: «Ich bescheisse.» Der Verlierer ist nicht überrascht. Er spielte auch mit gezinkten Karten. Er ärgert sich nur, weil er nicht bemerkte, wie der andere beschissen hat.

Noch weiter geht die Zauberkunst: Dort muss beschissen werden. Es wird niemand ernstlich glauben, dass ein Seil durchschnitten werden kann und nachher wieder ganz ist. Zwischen Schnitt und Präsentation bescheisst der Zauberkünstler sein Publikum. Alle wissen dies, aber niemand ist empört. Niemand würde ihn einen Betrüger schimpfen. Die Faszination besteht auch darin, dass wir nicht dahinterkommen, wie beschissen wird.

SpitzensportlerInnen sind letztlich Pokerspieler, Zauberer, Illusionisten vor grossem Publikum. Ihre Leistungsfähigkeit und Geschicklichkeit beruht auf verblüffenden Tricks. Mit dem Rennrad 1800 Höhenmeter pro Stunde zu bewältigen, hundert Meter in weniger als zehn Sekunden zu laufen oder in 2:25 Minuten das Lauberhorn hinunterzubrettern, ist eigentlich nicht möglich.

Zurück auf die offene Rennbahn in Zürich Oerlikon. Sind die Steherrennen dort also abgesprochen? Das sei nicht verraten, denn es ist gar nicht relevant. So gesehen ist es auch nicht relevant, ob Armstrong gedopt war oder nicht, ob das ganze Fahrerfeld dopt und ob Spitzensport ohne Doping letztlich überhaupt noch möglich ist. Es zählt einzig die Verblüffung ob dem Dargebotenen.

Und lassen Sie sich von einem sensiblen Sportler nicht mehr täuschen. Auch er bescheisst, und er wird nie verraten, wie er das macht. Vielleicht müsste der Sport nur lernen, etwas weniger schamlos zu lügen. ◊

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